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Sonnabend, den 4. Juni

1886.

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Zweites Blatt.

Die gelbe Kravatte. 8

Novelle von 9t uguft Butsch er.

Das war dem alten Herrn denn doch zu viel, und er erwiederte ärgerlich! „Mäßigen Sie sich etwas, junger Mann, Sie haben, scheint's zu tief in's Glas geguckt!"

Da wurde unser Held selbst zu einem „vulkani­schen Gebilde". Wie eine Rakete fuhr er auf, die in folgende Worte zerplatzte: . „Für was halten Sie mich denn, daß Sie so zu mir zu reden die — die — Unverschämtheit haben?"

„Das will ich Ihnen gleich sagen," schrie er­grimmt Herr Pfifferling, „für einen verrückten Menschen halte ich Sie, und das sind Sie auch, denn ein anderer Mensch würde sich schämen, mit einer gelben Kravatte am Halse wie der Mops einer alten Jungfer herumzulaufen!"

Förmlich vernichtet und einer Ohnmacht riahe sank Winfried auf einen Seffel und konnte nur noch stammeln: „Als» das ist's, von diesem el:n» den Stück Zeug redet der Mann, und nicht von meiner Novelle!"

Er schwankte wieder einpor und tappte unsicher wie ein Trunkener nach seinem Hute. Aber wie der Geier auf die schwache Taube, stürzte jetzt der Kellner, den er nicht „Oberkellner.", titulirt hatte, auf ihn los und näselte: „Entschuldigen, mein Herr, Sie haben noch nicht bezahlt."

Winfried sah ihn wie verständnißlos an und murmelte dann: „Habe ich denn wirklich etwas genoffen?"

Der Ganyined lachte ihm in's Gesicht nnd näselte dann weiter: „4 Glas Bier macht 60, 2 Cigar­ren 10, Kartengeld 10, saure Nieren mit Kartof­feln 70, macht zusammen 1 Mk. 50 Pf." Und er macht eine hohle Hand dazu.

Der Schuldner durchsuchte alle Taschen, aber er war so ausgesogen, daß er sich wie ausgezogen vorkam. „Entschuldigen Sie, Herr Oberkellner," stammelte er — er fand j tzt den gebührenden Titel — „ich muß Geld verloren haben, ich bin in der Apotheke des Herrn Mais beschäftigt und werde den Betrag softrt herschicken."

„Bedauere," war die eisige Antwort. „Ich kenne Sie nicht und muß schon um eine Sicherung bitten."

Jetzt stritten Zorn und Scham in unserm Hel­den, und der Boden brannte ihm unter den Füßen. Mit zitternden Fingern nestelte er Uhr und Kerle von der Weste, warf sie auf das Büffet und stürmte ohne Gruß von dannen, während der Kell­ner lachte und Pfifferling lächelte.

Der arme Rabenhorst kam sich verlassen und ausgestoßen vor wie Kain, und wie dieser suchte er die Wilvniß auf, nämlich — er lebte in der neuesten Zeit — den einsamen Stadtpark.

Dort warf er sich endlich, müde und wie ge­brochen, im tiefsten Schatten auf eine Bank, die barmherziger war, als die Menschen: denn sie ließ ihn doch ruhen. Der arme junge Mann fühlte sein Herz, das am Morgen noch so froh und frisch und hoffnungsfreudig geschlagen, wie zernagt, und in seine Augen stiegen Thränen des Zornes, der Enttäuschung und der Selbstqual. Seine Träume waren in Nichts zerronnen, und die Selbstmarter war um so größer, weil er noch so jung war und mit dem Vertrauen 2eS ersten kühnen Fluges in die kalte Welt gesehen: statt Ruhm und Ehren und Anerkennung aber grinsten ihn Spott und Ent­täuschung an. „Ich habe Niemand aus der ganzen, großen, weiten Erde Niemand," zitirte er mit bebenden Lippen, „der mich versteht, der mich wür­digt : ist es denn eine Sünde, einen Flug zu ver­

suchen in -den Aether, den die Weltkinder kaum beachten, weil ihr Auge nur an der Erde hastet und ihre Hand nur nach dem täglichen Brod hastet? Wär' ich ein Eremit und weltferne," wünschte er weiter, „dann hätte mein Herz Ruhe und meine Phantasie könnte unbehelligt ihre Schwingen regen. Aber wo ist unter diesem Menschenvolke Ruhe zu finden? Das Schönste wird mißachtet, das Hei­ligste verfolgt!"

Er verfiel in tiefes Sinnen, aus dem ihn plötz­lich eine schnarrende Stimme emporriß. „Entschul­digen Sie, wenn ich störe! Mit dieser stereotypen Redensart fühlte sich unser gebrochener Held, der Eremit im Stadtparke, wieder hineingezerrt in die ihm auf einmal so verhaßte Welt.

Der Sprecher war eine lange, dürre Gestalt in ausgesucht modischer Toilette und fuhr fort: „Ich bin Ihnen gefolgt, verehrter Herr, da ich mir er­lauben möchte, eine bescheidene Anfrage an Sie zu richten.

„Reden Sie!" sagte unser Held dumm und stumpf.

„Ich habe von Ihren Freunden in Erfahrung gebracht," schnarrte der dürre Elegant weiter, „daß Sie süc Ihre „gelbe Kravatte" ein Honorar von 30 Thalern erlöst- haben. Das däucht mir so außerordentlich, daß ich — die Richtigkeit voraus­gesetzt — daraus auf merkwürdige Umwälzungen schließen möchte und mich erdreiste, Ihnen einen Vorschlag zu machen."

Unser Rabenhorst blickte zurrst wie verständniß­los, dann etwas mißtrauisch den Fremden an, der ihn und sein Schmerzenskind bis in die tiefste Ein­samkeit verfolgte. Weil ihm aber bei jedem An­laß irgend eine Dichterstelle einfiel, rezitirte er im Stillen mit grimmiger Selbstironie:

„Und mit seinen Götterhänden Schützt er das gequälte Thier; Mußt du Tod und Jammer senden, Knabe, bis herauf zu mir?"

Doch plötzlich fühlte er sich, all' seine Gedanken zusammenraffend, in die Wirklichkeit zurückversetzt und konnte wieder ein wenig kalkuliren und kom- biniren. „Allem Anschein nach," sagte er sich, „ist dieser Herr ein Kritiker oder Schriftsteller, und es wird gut sein, ihn höflich zu behandeln, aber auch bei der Wahrheit zu bleiben." Er sagte deswegen mit höflicher Fassung: „Sie sind nicht ganz genau berichtet, mein Herr, ich habe nur 20 Mark da­für erhalten und bin recht wohl zufrieden damit für den Anfang."

„Hab' mir's doch gedacht," meinte der Dürre; „immerhin ist auch das noch respektabel, und meine Meinung, daß Sie die Mode zu beherrschen begin­nen, ist dadurch nicht beirrt. Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, sich mit mir zu asioziiren. Wir könnten dann rasch den hiesigen Markt be­herrschen und allen Konkurrenten den Rang ablaufen."

„So sind Sie also Schriftsteller?" fragte unser Helv mit stockendem Athem.

Der Lange sah ihn verwundert an und schnarrte dann; „Nun, das gerade nicht, aber Kravatten- i schneider, und so meinte ich denn —"

Das war ein Zauberwort. Wie elektrisirt sprang i Winfried in die Höhe und stürzte sich mit einem i gellenden, hysterischen Lachen in die Büsche. Ec i rannte schweißbedeckt fort und fort, bis er in der । beginnenden Dämmerung vor Rosinens Hausthüre j sich wiederfand. Er lehnte sich zitternd und halb- : ohnmächtig an die Wand und starrte vor sich ; nieder. Der Vielgetäuschte glich einem gestrandeten ■ Schiffe, das von der erregten Brandung ans Land ! geworfen wird. Er kam sich wirklich wie zerschellt i vor, wenigstens war sein Verstand völlig aus den ; Fugen. Da stand er nun, oder lehnte vielmehr, j der am Morgen ausgezogen war wie ein Sieger, selbst den Minnedienst ignorirend über seinem auf­

geblasenen Egoismus. Das Erste, was ihm einfiel, als er wieder ein wenig zu sich gekommen, war ein Zitat, dar ihm wie ein Motto auf seinen der­artigen Zustand erschien:

„In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, KM, mit gerettetem Kahn treibt in den Hafen der Greis."

Ja, das war's. Er erschien sich wie ein Greis, und der gerettete lecke Kahn war sein armer, vom Fieber geschüttelter Körper. Von den tausend Masten, die seine Phantasie aufgepflanzt, war ihm nichts geblieben, als ein armer Wimpel — seine gelbe Kravatte.

Aber — er konnte sich schon wieder folgern — war er nicht geradezu in einen Hafen ver­schlagen worden? Hier, bei seiner süßen, aber vernachlässigten Rosine, mußte ihm Trost werden und Würdigung.

„Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Dort in der fremden Welt stehst du allein, Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt." So sagte er sich und überschritt die theure Schwelle; aus dem schwanken Rohr war eine zähe Gerte geworden.

Vor einiger Zeit hatte er die vielbedeutende Vergünstigung erhalten, der Heldin seines Lebens­romans in Gegenwart der Eltern Besuche abstatten zu dürfen; aber von diesem früher so sehr er­sehnten Rechte hatte er in den letzten Wochen fast gar keinen Gebrauch gemacht; seine „gelbe Kravatte" halte ihn zu sehr in Anspruch genommen, und in den letzten Tagen war ihm der Kamm so sehr geschwollen, daß er Rosine zu seinen Füßen zu sehen wünschte. Dies wurmte ihn doch ein wenig, als er die Treppe emporstieg; aber sofort sagte er sich wieder tröstend, daß das holde Mädchen dem gedruckten — allerdings auch gedrückten — Dichter Alles vergeben werde.

Es war gerade die rechte Stunde zum Besuchs; denn um diese Zeit war sein „Schwiegervater" immer im „rasenden Bock" beim Bier und Skat. Ec scheute sich ein wenig vor diesem verknöcherten Philister, der so wenig wissen wollte von Kunst und Literatur und Wissenschaft."

Schüchtern klopfte er an; aber nicht wenig er» schrack er, als wider Erwarten des „Verknöcherten" Bierstimme „Herein! rief. Doch sofort tröstete er sich wieder: vielleicht erwartete ihn Hr. Schwapper, um ihm ein Kompliment zu sagen.

Winfried trat ein. Aber der erste Blick belehrte ihn, daß hier etwas oorgegangen sein müsse, das mit einer freudigen Erregung durchaus keine Aehn- lichkeit habe.

Herr Schwapper saß am Tische und blies aus seiner Maserpfeife gewaltige Rauchwolken gegen die Decke. Das Feuer dazu schien ihm das „Jntelligenzblatt" zu liefern, in das er immer wieder seine Augen bohrte. Seine Frau hatte eben die Lampe angezündet und sah recht verhärmt aus, während Rosine auf dem Sopha lehnte und dessen Kissen mit bitteren Thränen benetzte. Nnd noch eine Person war da: Rabenhorst's Prinzipal, der dem Hausherrn gegenüber saß und allerlei in i seinen Fuchsbart murmelte.

Unser Held kam sich vor, als sei er durch eine geheimnißoolle Macht vor ein Vehmgericht zitirt. Und es schien fast so: denn allsogleich erhob sich der Stuhlherr Schwapper und sagte in hohlem Tone: „Da kommt er wahrlich selbst noch, der ! Missethäter! Ec hat wirklich die Stirne, nach \ solchen Vorgängen noch unser ehrliches Haus zu ' betreten!"

i i Winfried's Blut erstarrte. „Welche Vorgänge?" stammelte er und sah hülfesuchend nach Rosinen, ! die ihn keines Blickes würdigte, sondern noch i demonstrativer zu schluchzen begann.

! !(F»rtsetzung folgt.)