JV 126.
Freitag, den 4. Juni
1886.
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juni.
* Der Kaiser ertheilte heute Nachmittag dem aus Breslau hier eingetroffenen Erzbischof von Posen-Gnesen Dinder eine längere Audienz.
* Die feierliche Enthüllung des Denkmals des Königs Friedrich Wilhelm IV. findet aufBe- fehl des Kaisers am Donnerstag den 10. Juni statt.
* Der Großherzog vonSachsen-Weimar ist heute Mittag zum Besuch am hiesigen Hofe eingetroffen und begrüßte bald nach seiner An- kunft S. M. den Kaiser.
* Die Nachricht der .Kieler Zeitung' wonach der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, bereits in Friedrichsruhe eingetroffen sei, hat sich als falsch erwiesen. Herr v. Giers hat seine Abreise um einige Wochen verschoben.
* Die Branntweinsteuer-Kommission des Reichstages hat gestern die erste Berathung der Vorlage beendet und vollständig tabula rasa gewacht, d. h. Alles abgelehnt. Die Berathung, die am Freitag erfolgen soll, dürfte hiernach nur von formeller Bedeutung sein. Jedenfalls schließt der Gang der heutigen Verhandlung die ursprünglich gehegte Hoffnung, daß in dieser Session wenigstens etwas zu Stande kommen werde, aus.
** Das Abgeordnetenhaus berieth heute Petitionen. Eine längere Debatte riefen Peti- tionen aus Rheinland und Westfalen um ein Verbot der Verwendung von Surrogaten bei der Bierbereitung. Die Petenten berufen sich darauf, daß das Publikum die bayerischen Biere bevorzuge, weil das bayerische Gesetz gewissermaßen die Reinheit derselben garantiere. Die Kommiffion beantragte, die Petition der Regierung zur Erwägung zu überweisen. Abg. Scheben, der Hauptpetent, und Schmidt-Hohenzollern (Centr.), der Hirschwirth von Pamerdingen, sprachen für deren Berücksich- tigung. Abg. Cremer stellte einen dahin gehenden Antrag, der von den Abgg. v. Rauchhaupt (fonf.) und Pleß (Centr.) befürwortet wurde. Einen diametral entgegengesetzten Standpunkt vertrat Abg. Dirichlet (freis.), der sich gegen jede gesetzliche Einschränkung der Verwendung von Surrogaten erklärte, vorausgesetzt, daß dieselben nicht gesundheitsschädlich sind. Eine solche Einschränkung verhindere den Fortschritt auf technischem Gebiete.
Die gelbe Kravatte.
Novelle von August Butscher.
Das war wenigstens eine höfliche Sprache; viel, leicht wollte auch der alte Herr, den er sofort im Stillen in die Reihen der Mäcenaten versetzte, auf Umwegen seine Komplimente und schließlich noch seine Gönnerschaft anbringen; denn nicht ohne Selbstgefälligkeit setzte er voraus, daß er dem würdigen Herrn nicht ganz unbekannt sei: erinnerte er sich doch, denselben schon öfter gesehen zu haben.
„Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?" fragte auch wirklich der Behäbige, indein er die Karten mischte.
„Winfried Rabenhorst," erwiederte erröthend der kleine Held. Er hätte gerne beigesetzt: „Schrift- steiler I" aber diesem greifen Haupte gegenüber schien ihm eine solche Reklame unnobel.
„Sehr schön!" meinte der alte Herr. „Heben Sie fteundlich ab. Mein Name ist Pfifferling. Kommissionär Pfifferling. Wenn Sie meiner Dienste emmal bedürfen sollten, wenden Sie sich in jeder Angelegenheit vertrauensvoll an mich."
„Sehr verbunden!" sagte Winfried höflich und blinzelte dabei nach der Zeitung, die sein Partner wit dem Ellbogen aus die Seite geschoben hatte.
Rübenzucker sei auch ein Surrogat von Rohrzucker; wo wäre unsere Zuckerproduktion, wenn man der Entzuckerung der Rübe Verbote entgegengesetzt hätte. Abg. Dr. Goldschmidt (freis.) befürwortete reichsgesetzliche Regelung und er wünschte, daß Maltose und dergleichen Biere auch als solches, nicht aber einfach als Bier zum Verkauf gebracht werde. Schließlich fand der Antrag auf Berück- sichtigung Annahme. Der Antrag Hammerstein betr. größere Freiheit für die evangelische Kirche kam nicht mehr zur Berathung. Abg. v. Hammer- stein beantragte, daß derselbe übermorgen als erster Gegenstand auf die Tagesordnung gesetzt werde. Abg. Dr. Windthorst sprach sich dafür aus, das Haus erklärte sich aber in seiner Mehrheit dagegen. Dagegen stimmten Freisinnige, Nationalliberale, Freikonservative und ein großer Theil der Confer- vativen. Uebermorgen: Nassauische Gesindeordnung, rheinische Cantonalgefängnisse, Antrag Seer, Wahlprüfungen, Antrag Hammerstein.
* Bischof Roos von Limburg ist zum Erzbischof von Freiburg i. B. gewählt worden. Der hochwürdigste Herr wurde bekanntlich am 15. Februar des vorigen Jahres zum Bischof von Limburg gewählt. Er war dort durch seinen leutseligen Charakter, durch fein freundliches We en eine in der Stadt und besonders beim Klerus sehr beliebte Persönlichkeit. Neben seinen persönlichen Eigenschaften empfiehlt ihn hauptsächlich der Umstand, daß er während feiner priesterlichen Tätigkeit wie kaum ein anderer Geistlicher die verschiedensten geistlichen Stellen bekleidete. Geboren zu Camp a. Rhein am 28. April 1828, wurde er am 22. August 1853 zum Priester geweiht. Er war alsdann Kaplan zu Sachsenhausen, Ransel und Oberlahnstein; vom 1. Juni 1856 bis 1. Juni 1860 Pfarrverwalter zu Hochheim; dann Kaplan und Sekretär des hochseligen Bischoss Dr. Peter Joseph Blum von Limburg; vom 1. August 1862 Secretär und Registrator beim bischöflichen Ordinariat bis zum 1. Oktober 1864; von da an Subregens, Professor und Regens des Limburger Klerical-Seminars. Am 1. Oktober 1869 endlich wurde er zum Domkapitular und Geistlichen Rath ernannt und war als solcher zugleich Stadtpfarrer von Limburg. Der hochwürdigste Herr zählt gegenwärtig 58 Jahre und ist von kräftiger Gesundheit. Die Nachricht von seiner Wahl zum Erzbischof
Das war offenbar ein ganz wissenschaftlich gebildeter Mann, sagte er sich, nur der Titel Kommissionär und der miserabele Name Pfifferling störten ihn ein wenig.
Das Spiel entwickelte sich in aller Lebhaftigkeit, und unser kleiner Dichter hatte, entweder aus Ungeschicklichkeit ober übergroßer Höflichkeit, in einer Stunde seine ganze Baarschaft, die verwaisten Ueberbleibsel seines Honorars, an den liebenswürdigen Herrn verloren. Er entschuldigte sich mit Kopfweh, das er gewöhnlich um diese Zeit bekomme, und sein glücklicher Partner ließ mit seinem Takte sofort den Entschuldigungsgrund gelten und beendete das Spiel.
Kaum vermochte Winfried, der heute so vielfach heimgesucht worden, seine Mißstimmung zu verbergen, und sein Gegenüber musterte ihn unbemerkt mit einem etwas malitiösen Zug um die Lippen. Der alte Herr spielte mit der Zeitung, nahm das Beiblatt und begann aus den gewonnenen Zehnpfennigstücken eine Rolle zu fabriziren, was Winfried wie eine Entheiligung empfand. Aber er sollte bald wunderbar getröstet werden; denn mit einem raschen Aufblicke sagte plötzlich Herr Pfifferling : „Ihre gelbe Kravatte ist aber «irüich originell!"
Wie ein elektrischer Funke durchbebte diese kurze Bemerkung den Heinen jungen Mann. Seine Ge-
wurde, wie man der ,Köl. Vztg.' meldet, in Freiburg mit allseitiger Freude und Genugthuung ausgenommen.
* München, 1. Juni. Das bayerische.Vaterland' und nunmehr auch der Korrespondent der .Deutschen Reichsztg.' machen die Fraktion der Rechten und in specie den Abg. Stadtpfarrer Dr. Pfähler aus Deggendorf dafür verantwortlich, daß der Abg. Freiherr v. Hafenbrädl wieder irrsinnig geworden ist. Die Angriffe des .Donauboten', des Organs des Dr. Pfähler, sollen ihn zu einem Prozesse genöthigt haben, der ihm zwar im Gerichtssaale und in der Oeffentlichkeit Satisfaktion verschaffte, allein ihn durch die Erschütterung des Nervensystems und durch die Aufregung in das Irrenhaus brachte. Dieser Anschuldigung gegenüber muß Folgendes festgestellt werden: Es ist nicht das erste Mal, daß Herr v. Hafenbrädl geisteskrank geworden ist. Dieses Unglück traf ihn zum ersten Mal vor vier Jahren, und damals ging seiner geistigen Störung allerdings der übrigens von ihm in allen Instanzen gewonnene Prozeß des ,Donauboten', aber auch eine bedeutende Erbschaft voraus, die ihm in Folge Ablebens seines Bruders zufiel. Es ist nun aber eine nachweisbare Thatsache, daß Herr v. Hafenbrädl selbst wiederholt zu Freunden und Bekannten äußerte, nicht der Prozeß, sondern der Tod seines Bruders und die dadurch so plötzlich in seinen Verhältnissen eingetretene Aenderung habe seine geistige Erregung verursacht. Uebrigens darf man auch nicht verschweigen, daß Herr Baron Hafenbrädl, wie ältere Kammermitglieder versichern, schon Mitte der fünfziger Jahre an zeitweiliger Geistesgestörtheit litt und daß ein Onkel desselben vor 10 Jahren in der Kreisirrenanstalt Karthaus Prüll gestorben ist. Auch ist zu erwähnen, daß er seit Jahren sich mit der gewiß krankhaften Idee trug, er und nicht Frhr. v. Ow sollte erster Präsident der Kammer der Abgeordneten fein, und daß er sich über die ihm in dieser Beziehung zugefügte „Kränkung" wiederholt in einer Weise aussprach, die — sehr auffallend war. In den letzten Jahren wurde thm von Niemanden — auch nicht von Dr. Pfähler — das Geringste in den Weg gelegt, Jedermann nahm die schonendste Rücksicht auf seinen Zustand. Es war von ihm zweifellos ein Fehler, daß er sich nach seiner erstmaligen stalt wuchs, sein Auge blitzte. „Ah, Sie finden?" stammelte er.
„Wirklich originell!" bekräftigte der Kommissio« nair; „ich wiederhole es, ein solches Ding ist mir noch nie unter die Augen gekommen; auffallend in jeder Beziehung."
„Ich danke Ihnen! Es gibt also doch noch Leute, die das Talent zu würdigen wissen. Sehen Sie, das thut wohl; denn das innere Genügen kann eben ohne äußere Anerkennung sein Leben nicht lange fristen."
Der alte Herr sah ihn etwas erstaunt an und bemerkte bann, inbent er bie Geldrolle zwischen den Fingern drehte, gutmütig lächelnd: „Das nenne ich eine Begeisterung! Uebrigens — nun, es giebt eben allerlei Liebhabereien."
„D, das ist wahr", plaidirte eifrig unser kleiner Held; „es ist gleichsam das Heraustreten der Seele in die sichtbare Form, die freilich nicht Jeder zu würdigen versteht. Und wahrhaftig, es st ein großer Kampf und ein ernstes Ringen da- >ei. Denken Sie nur, was es braucht, bis man erst ben richtigen Stoff gefunben!"
„Nun, ba» wirb so schwer doch nicht fein, den nimmt man eben, wo man ihn findet", erwiderte >er alte Herr und murmelte für sich noch: „©ne Äraoattenfeele — merkwürdig!"