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J\g 124. Dienstag, den 1. Juni 1886.

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** Rußland und die Türkei.

Daß man in Rußland die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dereinst Konstantinopel unter die Fittiche des russischen Aars zu nehmen, dafür fehlt es nicht an Anz-ichen. Zeitweise mag ja diese Hoffnung hinter anderen Sorgen zurücklreten, aber sie bricht immer wieder durch und behält die Herr­schaft in den Herzen der Ruffen. Neulich iDieCer hat dieselbe anläßlich der Anwesenheit des Czaren in Moskau den unzweideutigsten Ausdruck gefunden. Die Ansprachen, welche das Stadthaupt von Mos- kau und der Metropolit Johannikius an den Czaren richteten, brachten mehr oder minder direkt den Wunsch zum Ausdruck, es möchte die Zeit gekom­men sein, die traditionellen Hoffnungen der Ruffen zu erfüllen. Es wird zwar jetzt versucht, jene Aeußerungen abzuschwächen, sie als wenig bedeu- tungsvoll hinzustellen, aber, wenn es auch richtig sein mag, daß sie nicht auf eine unmittelbar drohende Gefahr für den Frieden deuten, so sind sie doch geeignet, die Aussichten für die Zukunft einiger­maßen zu trüben. ES wird gesagt, die Anrede des Stadthauptes von Moskau sei als ein Aus­wuchs des Panslavismus aufzusaffen, welcher in den letzten Jahren so oft hervorgetreten sei, und keine Beachtung verdiene. Keine Beachtung, weil er in den letzten Jahren so oft heroorgetreten? Dann würde der französische Chauvinismus, der sich unausgesetzt wiederholt, auch keine Beachtung ver­dienen. Diese Logik lassen wir Frankreich gegen­über nicht gelten und wir thun wohl daran. Wir wissen, was wir von unfern westlichen Nach­barn zu erwarten hätten, wenn wir uns schwach zeigten. Sie sorgen angelegentlichst dafür, daß wir es nicht vergessen. Anders steht die Sache in Bezug auf Rußland auch nicht. Bietet sich für Rußland eine günstige Gelegenheit, seine alten Hoffnungen und Wünsche zu verwirklichen, das Kreuz auf der heiligen Sofia auszupflanzen, so wird es diese Gelegenheit benützen. Wenn jetzt von russischer Seite versucht wird, den Eindruck abzuschwächen, den die Moskauer Vorgänge ge­macht haben, so geschieht es, weil man den Zeit­punkt noch nicht für gekommen erachtet und vor­zeitiges Beunruhigen verhindern möchte. Aber deshalb brauchen wir uns doch nicht die Schlas- mütze über die Ohren zu ziehen und zu thun, als ob wir nichts gehört hätten. Es wird daraus

Die gelbe Kravatte.

Novelle von August Butscher.

Blutroth vor Beschämung und Zorn, sah Win­fried ihm zu; aber er erstaunte doch, als der Riese das „Jntelligenzblatt" verlangte und sich allsogleich in dasselbe, sogar in die Beilage, ver­tiefte. Sollte dieser „biedere Landmann", so sagte sich der Verfasser der „gelben Kravatte" am Ende doch noch mehr Sinn für Literatur besitzen als die Larven ringsum, unter denen er bis jetzt die einzige fühlende Brust schien.

Er hörte den Leser ziemlich laut bemerken, in­dem er die Faust ballte: „Ist das die Möglich­keit ? Der reinste Schwindel!"

„Aha!" dachte unser Held; er begreift die ver­wickelte Situation in der „gelben Kravatte" nicht — und mit sanfter Stimme erlaubte er sich zu bemerken: „Entschuldigen Sie, die Sache ist durch­aus logisch und erklärt sich aus der etwas kom- plizirten Schürzung des Knotens."

Der Mann sah ihn starr an, zuckte dann ver­ächtlich die Achsel und sagte brüsk: „Das versteht Ihr nicht, junger Mensch, ich aber sage, wenn die Wagenschmiere in acht Tagen um zwanzig

hingewiesen, daß der Czar die panslavistischen Aeußerungen des Stadthauptetz mit Stillschweigen überging, ein Umstand, mit dem die behauptete Bedeutungslosigkeit der fraglichen Aeußerungen dar- gethan werden soll. Dieses Stillschweigen könnte aber doch eher das Gegentheil beweisen; hätten die Aeußerungen des Stadthauptes von Moskau mit den persönlichen Gefühlen und Empfindungen des Czaren nicht im Einklänge gestanden, so würde es an einer Zurückweisung schwerlich gefehlt haben. Dazu kommt aber noch ein anderer Umstand, nämlich der, daß, wie behauptet wird, die An­sprache ebensowie alle derartigen Reden vorher die Censur passtren mußte. Diese Angabe hat alle Wahrscheinlichkeit für sich. Nach alledem erscheint es nicht angebracht die Moskauer Vorgänge als durchaus harmlos zu betrachten, man müßte denn der Meinung sein, daß es für Europa gleichgültig sein könne, ob sich Rußland am Bosporus festsetzt oder nicht.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Mai.

* Die Centrumssraktion ist zu dem Ent­schlüsse gelangt, ihrem langjährigen und hochver­dienten Mitgliede im Reichstage und im preußi­schen Abgeordnetenhause, dem früheren Abgeordn. Dr. August Reiche ns perger in Köln, in einer von sämmtlichen Fraktionsmitgliedern unterzeichne­ten Adresse den Dank für seine dem Dienste der Partei gewidmete Thätigkeit auszusprechen. Be­kanntlich hatte Herr Reichensperger schon früher aus jede Mandatannahme für den Reichstag ver­zichtet, dagegen noch bis zum Beginn der gegen­wärtigen Session den vielumstrittenen Kreis Cre- feld im Abgeordnetenhause vertreten, dann aber der parlamentarischen Thätigkeit überhaupt Valet gesagt. Herr Reichensperger gehörte mit seinem Bruder Peter, der noch jetzt als ein hervorragen­des Mitglied des Centrums als Vertreter des Olper Kreises einen Sitz im Reichstage und im Abgeord­netenhause einnimmt, zu den ältesten Mitgliedern des Parlaments, denn er wurde schon im Jahre 1848 in das Frankfurter Parlament und in die zweite Kammer gewählt; später war er Mitglied des Parlaments zu Erfurt, 1855 war er auch unter dem Präsidium des Grafen Schwerin erster Vizepräsident und seit 1873 Mitglied der von dem

Pfennig aufschlägt, so heiß ich das einen Schwindel und damit basta!" Dann las er weiter.

Winfried Rabenhorst aber murmelte nur das eine Wort: „Wagenschmiere!" langte sein Hüt­lein herab, das gerade über dem „Nebelspalter" des Bauern hing und schwankte in's Freie.

„Und weiter geht er die Straße entlang

Eine Thräne hängt ihm an bleicher Wang'"

*

In seinem stillen Käminerlein, dem Laboratori­um seiner etwas ungezügelten Phantasie, finden wir unseren kleinen, jetzt sehr verzagten Helden wieder. Er steht am Fenster und starrt verstäub- nißlos in den lichten Sommertag hinaus, zuweilen auch hinauf zum glühenden sonntäglichen Himmel, der die Sonne, wie zum Hohne auf Winfried, wie eine riesige gelbe Kravatte vorgesteckt hatte.

Winfried fühlte eine seltsame Schwere in den Gliedern. Er wollte zu Bette gehen und versuchen zu schlafen und — zu vergessen. Da siel ihm die Schachtel in die Augen in welcher er die Kravatten verwahrte, die bundgemischte Gesellschaft, die eine förmliche Geschichte des Kravattenthums darstellte. Mechanisch öffnete er die Schachtel '

preußischen Unterrichtsminister berufenen Kommis, sion für das höhere Schulwesen.

* Die »Köln. Volksztg.' macht darauf aufmerk- fam, daß die Veröffentlichung des letzten kirchen­politischen Gesetzes, welches am 21. ds. die königliche Sanktion erhielt, auf einen merkwürdigen Gedächtnißtag fällt: auf denselben 25. Mai, an welchem, 801 Jahre vorher, Papst Gre­gor VII., der große Kämpfer für die Befreiung der Kirche von staatlicher Gewalt, in der Verban­nung zu Salerno die Augen schloß.

* In Breslau fand gestern Vormittag in der Kathedrale die Konsekration des Erzbischofs Sin» der durch den Fürstbischof Herzog, unter Assistenz der Weihbischöfe Gleich (Breslau) und Cybichowski (Gnesen) statt. Der Feier wohnten zahlreiche Ver­treter des Adels jund cer Geistlichkeit von Schle­sien und Posen, sowie Deputationen der Erzdiözesen bei. Nachmittags fand bei dem Fürstbischof ein Diner statt, an welchem die Spitzen der königlichen und städtischen Behörden theilnahmen. Den ersten Toast brachte der Erzbischof Dinder auf Papst und Kaiser aus. Der Fürstbischof toastete auf das Wohl des Erzbifchofs Dinder.

* Aus Gießen wird dem ,Naff. B.' geschrie­ben: Schon seit Jahren machte sich in hiesiger Stadt der Mangel an krankenpflegenden Schwestern fühlbar, weshalb einige Männer aus der katholi­schen Gemeinde den Plan faßten, diesem Mißstande durch Einführung barmherziger Schwestern in Gießen abzuhelfen. Ermuntert durch die Beiträge, die sowohl Katholiken, wie auch Mitglieder anderer Konfessionen aus 5 Jahre zu spenden sich verpflich­teten, konnte eine Summe angesammelt werden, die zunächst die Existenz der Schwestern sicherte. Allenthalben nahm die Sache ungestört einen recht günstigen Fortgang, bis plötzlich von einer gewissen Seite im protestantischen Lager in den hiesigen Blättern ein Lärm geschlagen wurde, als ob der Stadt schweres Unheil drohe und Jeder in seinem Gewissen vergewaltigt würde. Aber nicht nur von dieser Seite wurde in die Kriegslrompete geblasen, sondern sogar vom fernen Neckar her ließ der .Altkatholische Sote' feine warnende Stimme gegen diese „römische Aggression" ertönen und besudelte nicht nur den hochwürdigen Herrn Pfarrer Rody, der in seinen Augen nur als ein „gewöhnlicher Jesuit" erscheint, sondern auch die Mitglieder der katholischen Gemeinde, die aus „Subjekten und

und ließ die niedlichen Dinger wie vergilbte Blät­ter durch die Finger gleiten. An der gelben blieb sein Blick uno seine Hand haften, und gleich darauf — es geschah fast unbewußt — saß sie wie ein glänzender Falter an seinem Halse. Und es war, als ob ihn ihre leichten Schwingen trügen: plötzlich kehrte neuer Muth in sein ge­preßtes Herz ein.

Urplötzlich stieg, wohl von der merkwürdigen Kravatte, eine neue Idee in seinen erfinderischen kleinen Kovf und begann dort wie ein Falter zu kreisen. „Wie wäre es", so kaikulirte er, „wenn ich mit ihr unter die Menschheit ginge? Die Leute sind so bockbeinig hier, daß man sie heben und tragen, daß man ihnen die Nase in den Brei stoßen muß. Wenn man mich mit der bezeichne­ten Kravatte sieht, muß es nothwendigerweise zu einer gewissen Jdeenverbindüng kommen. Wer sie sieht, muß — wenn er mein Werk gelesen — sich unwillkürlich an dasselbe erinnern; sie wird also zu einer Art origineller Reklame für meinen Rus als Schriftsteller. Die größten Geister scheuen sich nicht vor der Reklame, und die kleinen be­treiben sie mit einer virtuosen Unverschämtheit. Dürfen diese aber unverschämt sein, dann darf ich wahrhaftig auch etwas wagen."