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JM 122. Sonnabend, den 29. Mai 1886.

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* Die neuen Kardinale.

Bekanntlich werden im bevorstehenden Konsi­storium aus dem französischen Episkopat drei her­vorragende Mitglieder, aus Amerika, wo die Kirche in den letzten fünfzig Jahren so ganz außerordent­liche Fortschritte ge,nacht, zwei Bffchöfe und aus der ewigen Stadt ein hochverdienter Prälat und treuer Freuno des Papstes zur Kardinalsivürde gelangen. Einige kurze Notizen über das Leben und die bisherige Wirksamkeit der zukünftigen Mit­glieder des h. Kollegiums werden willkommen sein.

Karl Philipp Plaee, Erzbischof von Rennes, wurde geboren in Paris am 14. Februar 1814. Er widmete sich anfänglich dem Studium der Rechte, und ward in die Liste der Advokaten ausgenommen. Im Jahre 1849 war er Sekretär beim Grasen Courcelles, dem damaligen be­vollmächtigten Geschäftsträger der französischen Republik bei Pius IX. in Gaöta. Nach Frankreich zurückgekehlt, | empfing er die hl. Weihen, wurde Superior des Knaben­seminars in Orleans und später Generalvikar des Bischofs Dupanloup. 1861 wurde er Direktor des Kleinen Seminars in Paris. Im Jahre 1863'sandte ihn Napoleon UL nach Rom, um die bis dahin von Msgr. Lavigerie verwaltete j Stelle eines Uditore der Rota zu übernehmen. Am 22. Juni 1866 präconisirte ihn Pius IX. zum Erzbischof von Marseille. Der Papst erwies ihm zum Beweise, wie sehr : er ihn Hochschätze, die Ehre, ihn selbst zu consecriren. Leo XIII. erhob ihn am 15. Juli 1878 auf den »bischöf­lichen Stuhl zu Rennes.

Benedikt Maria Langenieux, Erzbischof von Rheims, erblickte das Licht der Welt in Villefranche an der Rhone, einer kleinen Stadt der Diözese Lyon. Er war I ein Schüler Dupanloup's im Kolleg Saint Nicola in Paris. 1850 empfing er die Priesterweihe und begann

seine seelsorgerische Thätigkeit in Saint Roche. 1859 be­rief ihn Kardinal Morlot, Erzbischof von Paris, zu sich an die erzbischöfliche Kurie. 1863 wurde er Pfarrer an der Kirche des h. Ambrosius, 1867 wurde er in gleicher Eigen­schaft an die Pfarrei St. Augustin versetzt. Nach der Herrschaft der Kommune erhob ihn Kardinal Guibert zum Erzdiacon von Notre-Dame, und wählte ihn zu seinem Generaloikar. Marschall Mac Mahon schlug ihn 1873 dem h. Stuhle für den Bischofsitz in Tarbes vor, und Pius IX. präconisirte ihn im Konsistorium vom 25. Juli desselben Jahres. 1876 beförderte ihn derselbe Papst zum Erzbischof von Rheims.

Victor Philipp Bernadou, Erzbischof von Sens, wurde in Castres, in der Erzdiözese Alby am 25. Juni 1816 geboren. Er war Pfarrer und Erzpriester der Kathe­drale von Algier. Pius IX. präconisirte ihn im Konsi­storium des 7. April 1862 zum Bischof von Gap, und erhob ihn am 12. Juli 1867 auf den Erzbischofstuhl von Sens.

Jacob Gibbons, Erzbischof von Baltimore, wurde in derselben Stadt am 13. Juli 1834 geboren. Nachdem er sich durch Frömmigkeit, Seeleneifer und Gelehrsamkeit in verschiedenen geistlichen Aemtern ausgezeichnet, ernannte ihn Pius IX. durch Breve vom 3. März 1868 zum Titularbischof von Ildramiti (j. Edramit) und zum apo­stolischen Vikar von Nord-Karolina; am 30. Juli 1872 versetzte er ihn auf den Bischofstuhl von Richmond; 1877 wurde er Coadjutor des Erzbischof von Baltimore mit dem Rechte der Nachfolge, zugleich Titularbischof von Jonopoli in Paphlagonien. Am 3. Oktober desselben Jahres folgte er dem Erzbischof Roosevelt Bailay auf den Metropolitanstuhl zu Baltimore. 1884 nahm er Theil an den Berathungen der amerikanischen Erzbischöfe zu Rom, und führte sodann den Vorsitz auf dem Ende desselben Jahres begonnenen Plenarconcil zu Baltimore. Die kürz­lich in einem stattlichen Bande veröffentlichten Akten dieses Concils sind zu einem großen Theile ein ruhmreiches Denkmal des apostolischen Eifers des zukünftigen Kardinals.

Alexander Tacherhau wurde am 24. Dezember 1870 zum Erzbischof von Quebeck erwählt. Seine Diözese besitzt ein für Canada überaus wichtiges Priesterseminar; eine Kontroverse, den Besuch der Lokal-Universität be­treffend, wurde durch den Bischof und den apostolischen Delegirten P. Swenders aus dem Cistercienser - Orden glücklich gelöst, und der h. Stuhl hatte damals Gelegen­heit, die Ergebenheit und die Umsicht Msgr. Tacherhau's kennen zu lernen.

August Theodoli ist der bisherige Majordomus Sr. Heiligkeit. Aus vornehmer Familie stammend, wurde er am 18. September 1819 geboren. Unter Pius IX. und

Die gelbe Kravatte.

Novelle von August Butschet.

„Nun ja, Frau Laubthaler", sagte unser Held, indem sein Auge das „Jntelligenzblatt" nicht ver­ließ, „Um zwanzig Pfennige gleich, weil Sie eine so liebenswürdige Frau sind! Aber was feffelt Sie denn schon in der sonnigen Frühe im „In- telligenzblatt"? Sie scheinen eine große Freundin der Literatur zu sein".

„Was Sie schmeicheln können, junger Herr!" sagte die Hökerin und machte einen Knix. „Ich hab' da eben gelesen, daß es in der Wirtschaft zum „klugen Hausvater" heute Metzelsuppe gibt, und da ist mir denn der Gedanke gekommen, ich könnte meinem Alten heute Abend Blut- und Leberwürste mitbringen, er ißt sie fürs Leben gern!"

„So, so!" stotterte der aus allen Himmeln ge­fallene Novellist; „ich glaubte, Sie lesen da unten den unterhaltenden Theil, der für Frauen sonst so viele Anziehungskraft besitzt!"

„I bewahre!" verwahrte sich Frau Laubthaler. „Das Zeug lese ich erst am Abend. Die Augen fallen einem dann ganz von selber zu, mein Alter nickt auch allemal darüber ein. Wollen Sie schon . . . recht guten Morgen, Herr Rabenhorst, ein andermal die Ehre!"

„Einfältige alte Hexe!" flüsterten fitzt die Lip­pen, die vorhin so honigsüß geschmeichelt. „Welch bodenlose Gewöhnlichkeit herrscht doch unter diesen Volksklaflen! Jetzt verstehe ich das Wort der Schrift, daß man die Perlen nicht vor die Schweine

werfe". Der Himmel schien ihm nicht mehr so strahlend und die Menschen so fade, so fade.

Er begegnete dem Bürgermeister, vor dem er den Hut ziehen mußte, der Gräfin von Bocksbart, der er als guter Kundin eine tiefe Verbeugung zu machen hatte, und das Nicken der stolzen Häupter war um keinen Grad weniger steif als sonst. Nun, die Herrschaften hatten wohl seine „gelbe Kravatte" noch nicht gelesen, heute Abend würde es unbedingt anders sein.

Die Glocken läuteten von den Thürmen der Stadt, und von allen Seiten eilten Männlein und Weiblein zur Kirche. Einige Mädchen hatten schel­mische Blicke für den kleinen jungen Herrn mit der feinen Brille und dem zierlichen Stöckchen; sie hatten offenbar seine „gelbe Kravatte" schon gelesen und avanzirten damit zu Nebenbuhlerinnen Rosinens. Einige Männer, deren Züge einen etwas pietistischen Anstrich hatten, warfen finstere Blicke auf den Spaziergänger; entweder versetzten sie ihn in die Klaffe der v rabscheuungswürdigen Sonntagsbummler, oder sie waren — wenn sie seine „gelbe Kravatte" gelesen hatten — besorgt über die zerstörende oder auch erobernde Wirkung derselben.

So kalkulirte wenigstens unser kleiner Held, der wieder etwas wuchs, bei diesen Kombinationen.

Er schwankte schon, ob er nicht hinter die Kirche gehen solle, doch er besann sich noch zur rechten Zeit; er wohnte freilich nur zerstreut dem Gottes­dienste bei. Dagegen war er keinen Augenblick unschlüssig, als er nachher am „klugen Hausvater" vorüberging und einige bierheisere Stimmen aus den Fenstern ihm zuriefen: „Heda, herein, altes fideles Haus!"

Leo XIII. hat er sich in den verschiedensten Aemtern alSij äußerst gewissenhafter und treuer Diener des h. Stuhles ff bewährt. 1856 ernannte ihn Pius IX. zum Ponente Bei H der Konsulta, im Januar 1866 trat er als Uditore in dies Segnatura ein, 1868 wurde er Oekonom der Kirchenfabrik von St. Peter, Leo XIII. übertrug ihm 1882 die Präfekturff über die apostolischen Paläste und machte ihn zu feinem ] Majordomus.

Vermischtes.

* „Sie rauchen doch wohl?" redete der Kronprinz >s den Stationsvorsteher Herrn Sossenheimer bei der Abreise!!! von Homburg v. d. H. am Bahnhof an. Auf die Antwort fff „Jawohl, Kaiserl. Hoheit!" Überreichte der hohe Herr demK Vorsteher lächelnd ein längliches Etuis mit den Worten ! „Hier haben Sie was zum Rauchen!" Nach Abstattunv' des Dankes verabschiedete sich der hohe Herr, indem er sagte: „Aus baldiges Wiedersehen, wenn nicht in diesem, so doch im nächsten Jahre!" Nach der Abreise der hoher 1 Herrschaften war der Stationsvorsteher sehr überrascht! als er in dem Etuis nicht die verrnnthete Cigarrenspitze! ] sondern eine prachtvolle goldene Busennadel vorfand. Dic ff Nadel trägt den preußischen Adler, in der Mitte ein. 1 syrische Granate mit drei Brillanten. Die Ueberreichumiff dieses schönen Erinnerungszeichens dürfte der beste Beweis' I dafür sein, daß der also Bedachte seinem inühevolleir Amts I in bester Weise zur Zufriedenheit des Kronprinzen Vorstand! I

* Ein neues Mittel gegen die „Klavierseuche! 1 wird aus Paris mitgetheilt. In einem sonst ruhigen Haus: I des Boulevard Sebastopol, welches zumeist von Maler« I und jungen Schauspielern bewohnt ist, war eine jung J Konservatoristin einquartiert, die täglich von 8 Uhr Mol 1 gens bis 10 Uhr Abends in kläglicher Weise Chopin spielt» 1 Sämmtliche Bittgesuche der Nachbarschaft um'-Berminberun ' J des Tongenusses wurden höchst ungnädig au'genommet j und so that sich denn di: murrende Versammlung zu eint; | eklatanten Rache zusammen. Als um 8 Uhr Morgens bi" I erste Nocturne ertönte, begann plötzlich in der Wohnun I zur linken Hand ein Säugling bitterlich zu weinen, bal I darauf fiel im rechtsseitigen Flügel des Hauses ein ftimnftl gewaltiger Kollege ein, aus den Parterrewohnungen, de 1 Zimmern des zweiten, dritten und vierten Stockwerke 1 ertönte tagsüber klägliches Geschrei. Am dritten Ta,' I hatte die Pianistin den Kampf aufgegeben und zog m I ihrem Flügel aus. Kurz darauf " verließen auch ;e! I Bettelweiber mit ihren Kindern, die man zum Preise vor I je 4 Francs per Tag engagirt hatte, das Haus. i

(Was wird in Arne rika aus alten Schuhenr I Es ist bekannt, daß eine vollkomniene Industrie ui I

Es waren einige gute Freunde, die gewil! waren, unserem Herrgott einen seiner schönst» Tage abzustehlen. Unserem Winfried aber klang» diese Stimmen wie Musik. Die Freunde wandelt» sich in seinem Geiste augenblicklich zu Verehreri! die ihm eine Ovation darbringen wollten.

„So ist's recht, stilles Wasser!" rief Eine: „der Bock ist ausgezeichnet und die Würste magr fique! Laß Dir eingießen, Bruderherz!" Und o hatten offenbar eine große Freude über den „au gethauten Duckmäuser", der sich sonst so übercj zurückzog.

Ec erwiderte die stürmische Begrüßung mit ein gewiffen Würde, die ihn nach seiner Meinm nicht übel kleidete und äugte dabei nach dem „Jz telligenzblatt", das er wirklich in einer Bierlac auf dem Tische entdeckte. Langsam sog er < seinem Glase, aber das Ansinnen, Blut- u. Lebe würste zu effen, wies er mit Entrüstung zurü denn das war für einen Dichter doch gar zu pr saisch. Daß die Freunde, die urfidel waren, g keine Anspielung machten, war ihm sonderba sollten sie wirklich so viel Zartgefühl haben, es ni» zu wagen?

Langsam brachte er das Blatt in seinen Bei und begann, sich in sein Werk, das ihn aufs Ne feffelte, zu vertiefen.

„Er psalmodirt ja wie ein Mönch !" rief endl einer und schlug ihm auf die Schulter, daß fast vom Stuhle siel. „Was liest Du denn? Ein Heirathsantrag?" Der Sprecher sah in das Bl< und rief dann lachend: „Aha, unser Kleiner k eine Geschichte verbrochen, oder eigentlich genä' mit dem närrischen Titel: „Die gelbe Kravatte

(Fortsetzung folgt.)