J\£ 122
Sonnabmd, dm 29. Mai
1886.
Fuldm
Erstes Blatt.
sehr unwirsch dreinsah.
Bah, was man sich da nicht einbildet!" sagte
Meinen Sie, er haben alle
visor plötzlich weit über Menschenmaß gewachsen !" und er fragte etwas malitiöS: ,,Sie scheinen schon
Die gelbe Kravatte
Novelle von August Butsch er.
„Wie? was?" knurrte der Alte.
„Nun, die „gelbe Kravatte"!" war die Antwort.
gab, und unser Freund Dichter hinaufkonnte in die Werkstätte seines Genius. Dort saß er die halbe Nacht und las und las, zehnmal und zwanzigmal, das Feuilleton und die Beilage, — er las sich selbst; er las seine „gelbe Kravatte" und malte sich in glühenden Farben all' die Wirkungen aus, die nun daraus entstehen mußten: das Erstaunen der Bekannten, das Halloh der Freunde, das Gewisper der Mädchen und die Abhandlungen der alten Jungfern, Rosinens süßes Erschrecken und ihrer Eltern freudenthränende Augen. Es war fast zu viel, und erst gegen Morgen sank er, die inhaltsvollen Blätter auf dem Herzen, in einen kurzen Schlummer.
Das ganze Sammelwerk erhält einen ersten allgemeinen Band, dieser wird ein künstlerisch verziertes Titelblatt, eine lateinische Glückwunschadresse und ein lateinisches Verzeichr.iß der sich betheiligen- den Vereine enthalten.
Wir glauben durch die Mittheilung dieser Details einen Dienst erweisen zu können, da bislang vielfach Unklarheit über die Anlage des Vereins- AlbumS geherrscht hat und, wie schon erwähnt, viele Vereine deshalb mit ihren Entschließungen zurückgehalten haben. Jetzt dürfte Allen klar sein, daß das Konnte eine enorme Aufgabe übernommen hat, die nur durch das eifrige Mitwirken aller Vereine und besonders durch das möglich frühzeitige gelöst werden kann.
Es ist in gar vielen Vereinen Sitte oder Unsitte, außergewöhnliche Dinge auf die lange Bank zu schieben. Hier ist das durchaus unzulässig; denn es könnte nur dazu führen, daß solche langsame Vereine schließlich nicht mehr eingereiht werden könnten, da das Komit« sowohl hinsichtlich der Einlegeblätter, welche, aus Pergament, von ihm bezogen werden müsien, als auch der Anfertigung des ersten Bandes doch einen Schlußtermin setzen muß und es nicht angeht, daß den Registern Nachträge eingeflickt und den abgeschlosienen Bänden verspätet eingetroffene lose Blätter beigefügt werden.
Alle Vereine werden gewiß gerne in diesem Album vertreten sein; denn es existirt keiner, der einem anderen an Liebe und Hingebung zum heil. I Stuhle nachstände. Die Sache hat aber noch eine I andere Seite. Durch die Sammlung der Einlegeblätter ist das werthvollste Material für eine Statistik des katholischen Vereinslebens gegeben, ja diese Statistik wird von selbst festgestellt. Wir möchten hierdurch dem Komite für das Vereins- Album den Gedanken nahe legen, die Gelegenheit wahrzunehmen, um aus dem eingehenden Material ein Handbuch des katholischen Vereinswefens herauszugeben.
Im Hausflur begegnete er seinem Prinzipal, der das Intelligenz-Blatt in der Hand hielt und
Reklame". Fast beklommen setzte er den Fuß auf die Treppe. Es war doch gar zu sonderbar für ihn, jetzt auf einmal wie Lord Byron als berühm-
Zum Glücke hörte unser kleiner Held diese Expektorationen nicht, es hätte sonst gewiß ein Unglück abgesetzt. Am Sonnabend erscholl der Ruf der Zeitungsfrau: „Jntelligenzblatt!" und sie warf wie gewöhnlich das „Wurstblatt" auf die Thür- staffel. Das war eine Herabwürdigung erster Größe, und Winfried hätte die unverständige Frau erwürgen können, wenn sie ihm nicht gar zu gemein gewesen wäre. Aber das war gleich wieder vergessen. Mit zitternder Hand schlug er das voluminöse Blatt, das mit Anzeigen heute förmlich gemästet war und von Blut- und Leberwürsten strotzte, auseinander, und sein Herz blieb fast stille stehen vor Erregung und Freude: — da stand wirklich in Lettern, die so fett waren wie die angekündigten Metzelsuppen: „Die gelbe Kravatte, Originalnovelle von Winfried von Rabenhorst".
Das war berauschend, und wirklich schienen all die Phiolen und Schachteln um ihn her zu tanzen, und auf jeder Ettquette in bunten Farben eine neue, aber einträchtige Inschrift aufzuerstehen: „Originalnovelle von Winfried von Rabenhorst."
Es war gut, daß es heute nichts mehr zu thun
Er träumte von einem Felsenhorste, darin ein Rabe saß, fast so groß wie ein Adler. Um den Hals trug er ein blinkendes Kreuz und im Schnabel ein Zeitungsblatt und seine Kameraden verneigten sich vor ihm und krächzten: Krab, Krab, der große Krab hat ein Kreuzlein bekommen an einem gelben Band. Er hat eine neue gelbe Kravatte der Krab Winfried und wird vielleicht noch geadelt, Krab, Krab!" Das waren gar tröstliche Dinge. Nur schade, daß die alten Auguren, die aus dem Fluge der Vögel die Zukunft phrophezeiten, nicht mehr lebten! Aber unser Winfried kam mit der Auslegung ebenfalls zurecht. , wua
Als er erwachte, hatte er sich in den Papier- ' brüsk der Alte.
J. C. Katholisches Vereins - Album für de« hl. Vater.
Der von dem Komite angenommene Gedanke, daß die katholischen Vereine Deutschlands dem hl. Vater eine besondere Huldigung darbringen sollen, hat warmen Anklang gefunden, nachdem das für die Ausführung desielben bestellte Subkomitv sich in einem Aufrufe an die Vereine gewandt hat. Bei der unendlichen Zahl der Vereine und der Vielfältigkeit ihrer Art ist die vom Komite übernommene Aufgabe gewiß keine leichte. Manche Vereine haben sich bis jetzt nicht schlüssig gemacht, theils weil die Vorstände denken, es sei noch reichlich Z<it hierfür, theils weil ihnen die Detail« des ganzen Planes nicht bekannt sind.
Wenn nun auch noch bi» zum Jublläum und zur Uebergabe des Album« an den hl. Vater gar lange hin ist, so ist es doch sehr an der Zeit, daß die Vereine, welche sich betheiligen wollen, schon jetzt sich schlüssig machen. Denn die Arbeit der Zusammenstellung des Albums ist eine ganz über» wältigend große.
Zunächst ist es durchaus nothwendig, daß das Komite alsbald eine genaue Uebersicht über die Art und Zahl der Vereine, die sich beteiligen — und das sollten doch wohl alle existirenden sein — gewinnen könne, um den definitiven Plan festzu- stellen. Denn bei größeren und allgemein verbreiteten Vereinen, wie e« die Gesellenvereine, Vincenz- vereine, Paramentenvereine, kaufmännische Vereine sind, soll eine gruppenweise Betheiligung entweder nach Diözese oder Verbänden, je nachdem es in der Natur der Vereine liegt, stattfinden, in der Art, daß die Gruppen sich auf einem Blatte des Albums vereinigen.
Die Blätter selbst werden vom Komite ben Vereinen und Verbänden zugestellt. Hierfür und für die Einbände zahlt jeder Verein 10 Mark. Die Ausfüllung der Blätter, die in würdiger künstlerischer Ausstattung geschehen soll, wird von den Vereinen resp. Verbänden selbst besorgt.
Sämmtliche Blätter werden in Bänden georb- ttet, und zwar nach dem Zweck der verschiedenen Vereine: religiös, charitatio, sozial, wissenschaftlich, künstlerisch, musikalisch, gesellig, kirchlich politisch rc.
„der möchte zerplatzen vor Aerger, daß sein Pra
ter Mann die Straße zu betreten. Aber es mußte sein.
„Aha", dachte unser Held,
enthält. Zu Stipendien für Studirende deutscher Herkunft zum Zweck späterer Verwendung derselben in den Provinzen Westpreußen und Posen sowie im Regierungsbezirk Oppeln werden 100,000 Mk., zu Stipendien für Schüler deutscher Herkunft auf höheren Lehranstalten in den genannten Landes- theilen 50,000 Mk. gefordert. Es entspann sich hierüber eine längere Debatte, in welcher die Polen Neubauer und Motty sowie die Centrumsabgeord« neten Dr. Porsch, Dr. Windthorst und v. Schor- ferner die Vorlage bekämpften als eine Maßregel, welche die Polen nicht gewinnen könne, sondern nur entfremden müsse, indem sie dieselben zu Preußen zweiter Klasse mache. Für die Vorlage traten ein die Abgg. v. Tiedemann-Labischin (freit.) und v. Rauchhaupt (kons.) sowie Kultusminister v. Goßler, welche die Behauptung der Versassungs- Widrigkeit der Vorlage zu entkräften suchten. Die oben erwähnten Forderungen wurden schließlich gegen die Stimmen des Centrums, der Polen und die Mehrheit der Freisinnigen angenommen. Annahme fanden ferner die weiteren Positionen des Nachtragsetats, besonders der für Schulbauten in Westpreußen, Posen und in dem Regierungsbezirk Oppeln eingestellte Fonds von 2 Millionen. Ein Antrag des Abg. Dirichlet auf Ausdehnung dieses Fonds auf Ostpreußen wurde abgelehnt. Morgen: Offiziersteuer, Antrag Kropatscheck.
* Nunmehr geht die Polizei auch gegen die hiesige Arbeiterinnen-Bewegung vor. Bei verfchiedenen Vorstandsmitgliedern des Arbeiterin- nen-Vereins und mehreren Arbeiterinnen fanden gestern Haussuchungen statt. Ihre Versammlungen werden nicht mehr gestattet. Dafür hält Herr Stöcker feine Zeit für gekommen und beruft Ar« beiterinneN'Versainmlungen ein.
* Der Redakteur Jeflem der Zeitung ,Flen«- borg Avis' wurde wegen Beleidigung des Reichskanzlers zu 4 Monaten, und der Redakteur Tabron der Zeitung Moodersmaalet' zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt.
* Mit Leopold v on Rancke, der am Sonntag in Berlin starb, ist unstreitig einer der bedeutendsten Historiker dahin gegangen. Rancke gehörte zur spezifisch preußischen Schule, jedoch ohne Parteimann im gewöhnlichen Sinne des Worte« gewesen zu sein. Man mag seine Darstellungen
gelesen zu haben?"
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Mai.
** Das Abgeordnetenhaus berieth heute den Nachtragsetat, der hauptsächlich Forderungen für Schulzwecke in den polnischen Landestheilen
kneuel verbissen und die Vorhangschnur um den Hals. Wie das zugegangen, vermochte er nicht zu sagen; daß aber hier ein symbolische Erfüllung des Traumbildes vorlag, konnte nur ein Blinder in Abrede stellen; Winfried jedoch war keineswegs blind für eine so glänzende Zukunft.
Ec kleidete sich mit dem ausgefuchtesten Geschmack und hätte beinahe seine gelbe Kravatte umgethan. „Aber nein!" sagte er sich. „Das wäre für heute doch zu auffallend und eine Herausforderung zu kleinlicher Art für einen Schriftsteller, schier eine
kitmig.
* ,$Ulba" ‘ «‘•Ben°mmen. Vierteljährlicher «bonnementspreis ohne «ringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., - mit der
8‘o'^ter?e l”1 in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg
gnfetete; Die einspaltige ZeU« od« deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.