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1886.

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Deutsches Reich.

Berlin, 25. Mai.

* Der .Reichsanzeiger' pnblizitt das kirchen- politische Gesetz. Dasselbe trägt das Datum vom 21. Mai 1886.

♦ Der Reichstag, dem der Bericht der preu­ßischen Regierung über die Verhängung des klei­nen Belagerungszustandes über Spremberg zu­gegangen ist, setzte heute die erste Lesung der Branntweinsteuervorlage fort. Der Abg. Delbrück gab im Namen der Reichspartei die Erklärung ab, daß der Entwurf m der vorliegenden Fassung gänzlich unannehmbar sei. Werde er Gesetz, so bedeute das den Ruin der Brennereien. Es muffe eine vollständige Umänderung mit der Vorlage vorgenommen werden. Finanzminister v. Scholz bekämpfte in längerer Rede die Ausführungen des Vorredners. Die Amendements, die Herr Delbrück angedeutet habe, seien derart, daß wohl das Wohl des Brennereigewerbes, nicht aber das Wohl des Fiskus berücksichtigt werde. Und der Fiskus dürfe unter keinen Umständen zu kurz kommen. Nach der Rede des Finanzministers besteigt die Tribüne der Sozialdemokrat Bock (Gotha). Unter großer Unruhe des Hauses beginnt der Redner, doch ringt sich sein kräftiges Organ durch und es werden auf der Zuhörertribüne einzelne Worte: „Reichskanz­ler", „ArbeitendesVolk", „Champagner", „Bier", „Liebe zum Volke", „politische Heuchelei", verständ­lich. Der letztere Ausdruck veranlaßt den Herrn Präsidenten, dem Redner einen Ordnungsruf zu ertheilen. Abgeordneter Zorn v. Bulach (Elsässer) erklärte sich im Prinzip für die Vorlage. Elsaß- Lothringen nehme recht gern Geld vom Reiche zur Befriedigung seiner Bedürfnisse. Abg. Rickert ffrf.) empfahl, den Präsidenten zu ermächtigen, die ein­zelnen Abtheilungen zur Ergänzung der Kommis­sion aufzufordern. Er bekämpfte die Vorlage, mit der die Grundsätze alter preußischer Finanzpolitik die Gerechtigkeit gegen die meist Belasteten übte, verlassen würden. Von einer kommunalen Steuer­reform in Preußen kann erst nach Erlaß einer Landgemeindeordnung die Rede sein. Abg. Dr. Buhl (nat.-lib.) verwahrte die Nationalliberalen dem Vorredner gegenüber gegen den Vorwurf, eine

Die gelbe Kravatte.*)

Novelle von 21 u g u ft Butscher.

Der kleine Held unserer kleinen Geschichte war ein zierlich gebautes Männchen mit dünnen, eleganten Beinen und langen, stets nach ausgesuchten Wohl­gerüchen dufte neu Flachshaaren,^ denen sich ein fpitzes Kinnbärtchen zugesellte. Seine Augen waren von sanftem Blau, wie die Farbe der Herbst­zeitlose, und blickten schwärmerisch durch eine feine Stahlbrille in die schlechte Welt hinaus, in der er nach jedem Stückchen Poesie suchte das etwa wie Goldgeäder im Felsgestein sich irgendwo entdecken und loslösen ließ. Das merkwürdige Männchen, das in einer Apotheke als Provisor fungirte, führte den tönenden Namen Winfried Rabenhorst und war nicht wenig stolz darauf; denn ein Name thut ja in der Welt oft große Wirkung.

Uebrigens hätte man unserem kleinen Helden keinen Namen mitzugeben gebraucht, denn er war fest entschlossen, sich einen zu machen um jeden Preis. So sagte er sich. Im Apotheker-Fache ging das nicht leicht, daß sagte ihm sein Verstand, — und er hatte wirklich solchen — denn erstlich fehlte es ihm an Geld, um später eine „Gifthütte" zu kaufen, und zweitens war diese Laufbahn in

*) Nachdruck verboten.

andere Steuerpolitik zu verfolgen, als unter Ben- nigsen's Führung. Schließlich wurde die Vorlage an eine 28gliedrige Kommission verwie­sen und der Präsident ermächtigt, nach Erledigung der Kommission den Zeitpunkt der nächsten Sitzung zu bestimmen.

* Die Kommission für die Vorberathung der Branntweinsteuer-Vorlage hat sich heute bereits konstituirt. Vorsitzender ist Graf Hompesch (Centrum), sein Stellvertreter der konservative Freiherr v. Mirbach. Außerdem gehören der Kommission solgende Abgeordnete an: Vom Cen­trum Graf Chamarv, Sieben, v. Kehler, Dr. Mosler, Roß, Spahn und Graf Strachwitz; von den Frei finnigen Dr. Barth, Brömel, Dr. Meyer (Halle), Rickert und Dr. Witte; von den Konservativen Dr. Frege, Graf von Kleist (Schmenzin), Standy, Uhden und v. Wedell- Malchow; von den Nationalliberalen Dr. Buhl, Oechelhäuser, Scipio und Struckmann; von der Reich spartet Dr. Delbrück und Gamp; von den Sozialdemokraten Heine und Kayser, endlich der Pole Dr. v. MycielSki.

** Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Berathung der Kanalvorlage fort. Vom Abg. Dr. Windthorst lag ein Antrag vor, wonach die Richtung in welcher der Rhein-Emskanal später fortgeführt werden soll, in dem Gesetz nicht ange­geben, sondern nur zugesagt werden soll, daß die Verbindung in einer den Interessen der mittleren und unteren Weser und Elbe ic. entsprechenden Weise zu erfolgen habe. Ferner beantragte Abg. Letocha die Aufnahme der Verbesserung der Schifffahrt der oberen Oder in das Gesetz. Für die Vorlage d. i. für die Ausführung des Rhein- Emskanals und des Oder-Spreekanals sprachen Abgg. Stötzel (Centr.), v. Bender (n.-l.), Dr. Meyer-Breslau (frf.), Kämpe (n.-l.) und von Minnigerode (cons.). Dagegen wurde die Her­stellung eines RheiN'Emskanals von den Abg. Olzem (n.-l.) Jmwalle (Centr.) und Wüsten (cons.) bekämpft, da dieser Kanal das Saargebiet schädigen würde. Minister v. Bötticher bestritt dies und er­innerte an das Dichterwort. „Wenn mit zugeknöpf- ten Taschen, dir thut Keiner was zu lieb, Hand wird nur von Hand gewaschen, wenn du nehmen

jedem Falle viel zu langsam für den Flug seiner Phantasie, die mächtige Fittige hatte und schnell wie ein Rabe — sein Name war wohl Schuld daran — dahinsegelte über die Weiten der Welt mit ihrer Alltagsarbeit, ihren stillen und lauten Lastern und ihrem prosaischen Dufte.

Der geneigte Leser hat vielleicht schon heraus­gewittert, daß unser keiner genialer Held sich auf die Poesie geworfen, und damit hat er das Rechte getroffen; ob aber Wmfried Rabenhorst auch das Rechte damit getroffen, das ist eine andere Frage, die übrigens von unserer kleinen Geschichte zwangs­los beantwortet wird. Die Lyra hatte offenbar schon in seiner Wiege gelegen, denn seine Mutter behauptete stets, daß sein Geschrei viel eher einem süßen Gesang als dem Geschrei eines Raben ge­glichen, zu dem er eigentlich hätte prädestinirt sein sollen. Auf dieses mütterliche Diktum bildet sich unser kleiner Held nicht wenig ein, und bei jeder Gelegenheit zitirte er dasselbe, obwohl er damit leider nicht im Stande war, so gern er es gewollt hätte, seiner Leibeslänge eine Elle zuzusetzen.

Schon als Schulknabe auf seinem stillen Dorfe — er war zu seinem Leidwesen vom Lande — hatte er Verse gemacht, die nach seiner Ansicht gar nicht schlecht waren. Seine Bücher und Hefte wiesen in reicher Fülle die Embryonen der Un­sterblichkeit, aber sein alter Lehrer, der in dieser Hinsicht sehr sterblich war, hatte in unbegreiflicher

willst, so gieb." Schließlich wurde die Vorlage mit dem oben erwähnten Amendements mit über­aus großer Mehrheit angenommen. — Morgen: Petitionen.

• Das Herrenhaus wird die nächste Sitzung am 7. (Montag vor Pfingsten) abhalten. Danach wird es möglich fein, die Landtags-Session noch Ende Juni zu schließen.

* Das Relckten-Gesetz für die deutschen Reichs­beamten soll noch in dieser Periode, und zwar in allernächster Zeit, im Reichstage zur Vorlage gelangen.

* Der Kultusminister hat in einem Spezialfalle entschieden, daß bei Abiturienten „altkatho­lischen" Bekenntnisses von einer Prüfung in der Religion abzusehen, aber in jedem einzelnen Falle dem Abiturienten-Zeugniß ein von dem Religionslehrer über die Religionskenntnisse des betr. Abiturienten ausgestelltes Zeugniß beizufügen und auf dasselbe im Abgangszeugniß unter der Rubrik „Religion" hinzuweisen sei. Befindet sich am Ort keine Gelegenheit zur Unterweisung in der altkatholischen Religionslehre, so ist hieraus kein Anlaß zu nehmen, den altkatholischen Abiturien­ten von der weitern Zulassung zur Reife-Prüfung auszuschließen, sondern es ist in dem event. Reife- Zeugniß unter der Rubrik „Religionslehre" zu vermerken, weshalb in dieser Hinsicht ein Urtheil über den betr. Abiturienten nicht abgegeben werden kann. Wenn es übrigens der Wunsch eines alt- katholischen Schülers (bzw. seiner Eltern) ist, an dem lehrplanmäßig ertheilten katholischen Religions­unterricht theilzunehmen, und der betr. Religions­lehrer kein Bedenken trägt, ihn als Hospitanten zuzulassen, so ist einer derartigen Theünahme an dem Religionsunterricht der Anstalt keinesfalls ein Hinderniß zu setzen.

* München, 25. Mai. Die Vorstellung des bayerischen Ministeriums an König Ludwig in Sachen der Kabinetskasse soll nach dem ,Münch. Fremdenbl.' nochmals erneuert werden und wenn dieselbe bann wieder unbeantwortet bliebe, würde das Ministerium demissioniren.

* Mainz, 22. Mai. Die,Franks. Ztg.' will wissen, die Verzögerung in der offiziellen Bestäti­gung des Herrn Domkapitulars Haffner hänge Verblendung mit der Haselnuß-Gerte betrübende Versuche gemacht, diesen Teufel, wie et’s nannte, auszutreiben. Jndeß es gelang ihm nicht.

Gern hätte der alte Lehrer unseren jugendlichen Dorfklassiker vor der Zeit als „unverbesserlich" entlassen, aber das ging nicht an; denn Verse zu machen ist ja kein Staatsverbrechen; sonst säßen noch viele Tausende mehr hinter Schloß und Riegel, der Schreiber dieser Zeilen wahrscheinlich auch.

Da kam des Lehrers Namenstag wieder einmal heran, und der kleine Dichter, der leider nicht im Stande war, eine fette Gans ober dergleichen bei­zubringen, überreichte ein selbstverfaßtes Gedicht, das ungemein zierlich mit seinem Namenszuge unterfertigt war. Es war ein Akrostichon auf den Namen „Isidor", den der Lehrer führte, und hat sich zum guten Glücke der Nachwelt erhalten. Es prangt sogar unter Glas und Rahmen, und wir veröffentlichen es hiermit ohne Erlaubniß des Verfassers; bei seinem Bestreben, sich einen Namen zu machen, ist das ja wohl kein allzugroßes Wagniß. Das Poem aber lautet also:

In unserem Dorf erschien ein Meteor, Sein Nam' ist tönend und heißt Isidor. In meinem Herzen, doch noch mehr im Ohr, Dem Donner gleich tönt's: Isidor!

C hab mich lieb, mit feurigem Humor

Nus' ich dann stets: Hoch lebe Isidor! —

Der alte Lehrer meinte fast vor Freude und