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Donnerstag, den 20. Mai
1886.
ii
— mit der
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Das gegenwärtige Stadium der irischen Frage.
(Schluß.)
Der schlaue „König" der Landliga ist nämlich durchaus nicht so selbstlos, sondern weiß recht gut, daß seine ehrgeizigen, auf eine künftige mächtige Stellung in der Verwaltung Irlands abzielenden Pläne keine thatkräfiige Unterstützung seitens der Irländer finden werden, wenn dieselben zuerst durch die Gewährung des Nothwendigen, der Gruntab- lösung, beschwichtigt werden. Darum stellte er die > Erledigung der Homerule-Fcage als die conditio • sine qua non für die fernere Unterstützung der Gladstone'schen Politik auf. Nun würde aber auch für die Parlamentsbill die liberale Mehrheit zu haben sein, wenn der Premierminister — d. h. immer wieder Parnell — sich dazu verstehen wollte, die irischen Abgeordneten dauernd im englischen Parlamente beizubehalten. An diesem Punkte wird aber voraussichtlich die ganze Vorlage schtitern.
Die Konstellation der Parteien ist nämlich folgende. Gegen Home Nule stimmen prinzipiell die Konservativen (Tories) und der rechtsstehende Flügel der Liberalen (Wighs) unter Führung des früheren Kollegen Gladstone's, des Lord Hartingtons; für eine gesonderte irische Verwaltung mit eigenem Parlamente, aber unter organischer Theil- nahme irischer Abgeordneten am Reichsparlament, tritt der unter Chamberlains Kommanoo stehende radikale Theil der Liberalen ein. Das Entgegenkommen Gladstone's in seinem kürzlich an seine Wähler in Midlothian eriasienen Manifeste, nach welchem er jetzt nur die allgemeine Zustimmung zur Verwaltungs- und Parlaments-Bill fordert, die Feststellung der Detailfragen aber späterer gesetz- sicher Regelung überlasten will, ferner das weitere Zugeständniß in der jüngsten Rede des Kriegsmini- sters Campdell-Bannermann, nach welchem jedes- mal, wenn irische Angelegenheiten im englischen Parlamente berathen werden, Irland Deputirte senden soll — vermochten nicht den Widerstand Chamberlain's zu brechen. So werden Voraussicht- lich die Konfi rvaliven, sowie die Hartington und Chamberlain folgenden Liberalen, welche zusammen über eine Mehrheit von etwa 40 Stimmen verfügen, gegen die zweite Lesung der Vorlage stimmen, wenn Gladstone sich nicht noch vor Thores- schluß bekehrt.
8i«e «nervarttte Kasstk-Rroifion.
„Ja thun wir das?" ruft der Rendat sich einigermaßen fastend und tritt an die Klingelschnur. Der RechnungSrath macht eine Bewegung nach der Thüre zu.
„Halt — nicht von der Stelle!" schreit der Rendant, invem er die Klingel in Bewegung setzt, „ich habe mir eine Nachlässigkeit zu Schulden kommen lasten, weil ich die Thüre während der Revision nicht verschlosten, ich habe gegen dre be- stehenden Verordnungen gehandelt, well ich mich während der Revision entfernte; doch damit soll meine Schuld beendet sein. Niemand von uns verläßt bis zu ausgemachter Sache das Zimmer!"
Der Mäochenkopf zeigt sich wiederum in der geöffneten Thür.
.„Julie!" ruft der Rendant, „eile sofort zum Herrn Polizei-Kommistarius Werner und bitte ihn schleunigst herzukommen; s sei eben in meinem Kastenlokal ein schweres Verbrechen verübt worden."
Julie stößt einen Schreckensruf aus, eilt jedoch ohne Aufenthalt davon.
Die beiden Revisoren blieben während dieser letzten Szene vollkommen ruhig, nur ein häm.sches
Die Folge davon würde entweder eine Auflösung des Parlamentes und eine neue Befragung des Wahlkörpers sein oder der Rücktritt Gladstone's, in welch' letzterm Falle wohl ein Kabinet Harting« ton-Ehamberlain oderChamberlain-H-rtington an's Ruder käme. Die irische Frage wäre damit aber keineswegs abgethan, sondern das neue Ministerium müßte die Sache da wieder aufnehmen, wo Gladstone sie liegen gelassen hat; dafür würden die sofort wieder Lärm schlagenden Parnelliten schon sorgen. Ob man aber unter solchen Umständen dem neuen Kabinet eine längere Lebensdauer phrophe- zeien dürfte, ist mehr als zweifelhaft, da — auch die Unterstützung der gesammten liberalen Partei vorausgesetzt — sowohl die Konservativen als die ausschlaggebenden 84 Parnelliten, wenn auch aus diametral entgegengesetzten Motiven, ein irisches Home Rule nach dem Herzen der neuen Regierung ablehnen würden. Bleibt aber, was am wahrscheinlichsten ist, Gladstone trotz des Durchfalls am Ruder und appellirt an die Wähler, so muß sich entscheiden, ob wirklich, wie die Parnelliten so zuversichtlich verkünden, die öffentliche Meinung sich so weit zu Gunsten des Projekts geändert hat, daß die erforderliche Mehrheit auch ohne den Beistand Chamberlain's gesichert ist. Allein obgleich Gladstone selber an einen solchen günstigen Umschwung der Stimmung im Lande zu glauben geneigt sein soll, so scheut er begreiflicherweise vor der Eventualität zurück, durch die Wahlen den Tories die Regierung überliefert zu sehen, und baut auf den erziehenden Einfluß der Z it, indem er durch circa 12 seiner Anhänger langathmig-e Reden halten lassen will und so die defi lltioe Abstimmung bis Mitte Juni hinauszuschieben hofft. Inzwischen wird der in der Bekehrungskunst wie kaum Einer hervorragende Mann die widerstrebenden Elemente zu bearbeiten suchen. Jndeß Chamberlain, welcher über eine hervorragende Redner- und Ueberzeugungs- gabe verfügt, und bissen Einfluß bei seinen An- hängern ein festbegründeter und noch stets wachsender sein soll, fühlte sich in einem letzthin abge- haltenen Meeting bereits schon so sicher als künftiger Premierminister, daß über den Erfolg solcher Bemühungen nichts prophezeit werden kann.
So sind augenblicklich vier Eventualitäten ge- geben: Entweder gelingt es Gladstone, Chamberlain zu sich hinüberzuziehen und die Vorlage schon jetzt durchzubringen, oder aber der Eintritt Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie den aufgeregten Rendanten betrachteten.
HI.
Der Kommifsarius Werner hatte mit schwerem Herzen die beiden Kaffen-Revisoren und das Hotel zum „rothen Adler" verlassen.
Er hielt die Beschuldigung des Rendanten Wöhlert für nichts als boshafte Verläumdung; aber er kannte auch die Verhältnisse desselben zu genau, um nicht gewisse Besorgnisse zu hegen.
Diese Besorgnisse gingen dahin, daß der Rendant durch häusliche Unfälle abgehalten sein konnte, seine Berechnungen in vorschriftsmäßiger Ordnung zu erhalten und ferner, daß er, um den flüchtig gewordenen Sohn zu unterstützen, der Kasse Geld entnommen haben könne, welches er von seinem Gehalte abzurechnen gedachte.
In den Augen des Kommissars war der Mann dadurch kein V-rbrecher. Aber er kannte die Strenge des Gesetzes in dieser Hinsicht, und diese war es, welche ihn einige Zeit mit sich zu Rache gehen lü ß, wie er seine Handlungsweise bei dieser Gelegenheit einzurichten habe.
E-.n dem Rendanten ertheilter schleumger Wmk über die Ankunft der Revisoren fitzte ihn vielleicht
in die zweite Lesung wird abgelehnt und eine Auflösung des Parlamentes und Neuwahlen folgen, welche eine sichere Mehrheit für den Gesetz- entwurf in vorliegender Gestalt liefern: in diesen ! beiden Fällen würde die Gladsione'sche Politik i einen glänzenden Triumph feiern, welcher alle seine i früheren Mißgriffe vergessen machen und seinen Namen einen Glanz verleihen würde, wie er ihn früher nie besessen.
Tritt der Fall der Ablehnung der Bill ein, so kann Gladstone entweder, wenn er sich von der Nutzlosigkeit eines Apells an den Wahlkörper über- zeugt, sofort demissioniren, oder aber erst nach wirklich erfolgter aber ungünstig auslaufender Berufung an den Volkswillen. Dann aber würde ihn die Geschichte den Männern zuzuzählen haben, welche, wie sein Gegner Lord Beaconsfield, für die Erhaltung ihres Ruhmes glicht früh genug von der Weltbühne abgetreten sind.
Deutsches Heid).
Berlin, 19. Mai
* Im Reichstage sind die Dispositicnen dahin getroffen, daß nächsten Montag die erste Lesung der Branntwein st euer-Vorlage beginnt un dann eine etwa achttägige Vertagung des Plenums erfolgt.
*Ueberdi- „Zukunft der Centrumspartei" sagt die .Köln. Vztq.' in einem längeren Artikel u. A. Folgendes: So lange die Centrumspartei ihren ruhmvollen Namen trägt, ist ihre Vernichtung der beständige Gegenstand d.r öffentlichen Diskussion und unablässiger Bemühungen gewesen. Ihre Gründung, obwohl ein Akt der Nothwehr gegenüber dem deutlich sich ankündenden „Kulturkampf", wurde in preußischen Regierungskreisen als eine Kriegserklärung, als ein Angriff auf das neue Deutsche Reich aufgesaßt und sogar ausdrücklich als Hauptgrund der kirchen-politischen Aktion — neben vielen andern Hauptgründen — dargestellt. In ihre ersten Jahre fällt der Ver- such des Fürsten Bismarck, ihren Bestand durch eine vom hl. Stuhle erwirkte Mißbilligung zu erschüttern; kein Angriff, keine Verhöhnung ist ihr erspart worden, keine Lockung blieb unversucht; Jahr für Jahr wurde ihre Spaltung als vorhanden oder bevorstehend erörtert, ihr baldiger Zerfall angekündigt, und wenn heute die hundert in den Stand, deren Kontrolle ungefährlich zu machen. Aber wie konnte der Wink ertheilt werden und wer sollte ihn ertheilen? Er selbst durfte es nicht wagen, und jemand anders damit zu vertrauen, war ebenfalls mißlich.
Herr Werner machte seinem gepreßten Herzen durch einen schweren Seufzer Luft.
Unter Erwägungen dieser Art, näherte sich der Kommissarius der Postexpedition und hatte diese auch bald erreicht. Er ließ sich von dem Post- expedienten alle Bewohner der Stadt nennen, welche im Lause der letzten Woche Summen über den Betrag von 50 hinaus, zur Post gegeben hätten; unter diesen befand sich auch der Rendant, welcher 500 Thaler an eine Privatperson in Hamburg abgeschickt hatte.
Der Kommissar hatte Mühe den Schreck, welchen er bei Nennung de« Namens Wöhlert und der gedachten Summe bekam, zu unterdrücken; indessen wich er geschickt den neugierigen Fragen t es Postbeamten nach der Veranlassung zu der angestellten Recherche aus und entfernte sich wieder.
Als Herr Werner aus dem Postlokal aus die Straße trat, en rang sich ein zw.itec schwerer Seufzer seiner Brust. Nach dec io.ten gemachten Erfahrung, durfte er es nicht mehr wagen, dem