Mittwoch, den 19. Mai
1886.
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Das gegenwärtige Stadium der irischen Frage.
Alle Schuld rächt sich auf Erden! Das müssen jetzt die stolzen Engländer erfahren, welche aus dem sichern unangreifbaren Winkel ihres durch „den silbernen Streifen" des umgebenden Meeres vor fremder Invasion geschützten Landes heraus seit Jahrhunderten der Welt witthschaftliche Gesetze vorschrieben, welche sich stets als die geborenen Apostel des Evangeliums der kommunalen, sozialen und merkantilen Freiheit gerirten — aber vergaßen, konsequenter Weise solche Grundsätze zur rechten Leit auch im eigenen Hause überall praktisch werden zu lassen. Während in Preußen im Anfänge dieses Jahrhunderts in denkbar schwierigster Zeit die genialen Staatsmänner Stein und Hardenberg mit einem raschen und sichern Schnitt in faules Fleisch durch ihre wahrhaft freiheitliche Agrargesetzgebung die alten für die Landbevölkerung so drückenden Institutionen beseitigten, während die staatliche Grundablösung seit 1848 in Oesterreich, ja sogar seit einem Vierteljahrhundert bereits in Rußland vollkommen durchgeführt ist, thaten die englischen Regierungen nichts oder wenig, um der fortwährenden brutalen Ausbeutung der irischen Pächter und Bauern durch die mächtigen Landlords zu steuern. Namentlich seit der Hungersnoth der Jahre 1846 und 1847 ist das Pachtrecht von diesen großen Herren so maßlos ausgenutzt worden, baß die Zerrüttung alle, bäuerliche,! Verhältnisse auf der „grünen Insel Erin" nach der Schilderung von unparteiischen Augenzeugen eine schreckliche geworden ist. Die englischen Großgrundbesitzer, die das Hauptkontingent des Oberhauses ausmachen und auch im Unterhause zahlreiche Vertreter haben, waren und sind zum Theil heute noch in ihrem krassen Egoismus merkwürdig blind gegen die großen Gefahren, welche die bei den Iren Dank der fortschreitenden Kultur erwachte und erstarkte Erkenntniß ihrer Lage unv di: nolhwendiz daraus entstehende Unzufriedenheit in sich barg. Hätte man im vorigen Jahrzehnt wenigstens das geringe Maß der Gerechtsame, welches sich die aus England und Schottland eingewanderten protestantischen Ackerbauer der nördlichen irischen Provinz Ulster ertrotzten, auf ganz Irland ausgedehnt, so wären einerseits die Greuelscenen der letzten Jahre vermieden worden, andererseits würde der Agitation
Aue unrrwartetk Kassen-Uevifion,
„Mein bester Herr Rendant", sagte er einschmeichelnd, „es war nicht so böse gemeint, Sw werden begreifen, daß wir von unserem Kommissorium nicht gerade entzückt sind. Mein Unmuth richtete sich jedoch an eine falsche Adresse. Ich bitte deswegen um Verzeihung und versichere zugleich, daß wir Ihnen nicht beschwerlicher fallen wollen, als durchaus nöthig ist. Beginnen wir also, ohne weitere Präliminarien, um schnell zu Ende zu kommen!"
„Ich bedarf keiner Nachsicht", brummte der Rendant, „ich bin stets bereit, meinen Pflichten in vollem Umfange zu genügen!"
Der Regierungsrath, vielleicht beide Herren, waren ihm offenbar unsympathisch und er nahm keinen Anstand, seinen Empfindungen Ausdruck zu geben. Indessen kam er auch den Anforderungen des Ersteren nach und legte zunächst seine Bücher vor. Das Revifionsgeschäst nahm seinen Anfang.
Die Aufrechnung der Bücher nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Der Rechnungsrath schien ein überaus gewandter Mann in seinem Fach zu sein. Mit überraschender Schnelligkeit zog er überall
; für die jetzigen über die ursprünglichen Ansprüche : weit hinausgehenden Forderungen Parnells, des : rastlosen Führers der Landliga, der Boden ent- i zogen worden sein. Jetzt aber fordert derselbe unter kräftiger Zustimmung ganz Irlands — ausgenom- j men der Bewohner von Ulster — von Gladstone nicht nur die Grundablösung, für welche ein Kapital von 50 Millionen Pfund Sterling in Aussicht genommen ist, sondern pro poena noch dazu die nahezu vollständige Trennung der Verwaltung Irlands von derjenigen Englands, denn damit wäre ein irisches Parlament in Parnell's Sinne gleichbedeutend. Nun ist wohl kaum ein Zweifel, daß das Kabinet des „großen alten Mannes" (Gladstone) für eine Herrschaft nichts zu fürchten hätte, wenn die Landankaufsbill zuerst erledigt würde und es inzwischen Zeit gewänne, für die Verwaltungsbill noch weitere Propaganda unter den Mitgliedern der liberalen Partei zu machen. Aber das paßt nicht zu den Absichten Parnell's, dem sich der englische Premier mit gebundenen Händen überliefert sieht. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin. 18. Mai.
* Se. Maj. der Kaiser ließ sich heute drei aus dem Kamerungebiet bei der Kaiserlichen Marine eingestellte Eingeborene vorstellen.
* Es wird vielfach geglaubt, daß die jüngste Sitzung bcs- Skr«tAni.msteri2MS der Kirchen- Vorlage gegolten habe und dieselbe jetzt unmittelbar in der Gesetz-Sammlung erscheinen werde; wenn nicht, würde man wohl den Gründen der Verzögerung der Königlichen Sanktion etwas näher treten müssen.
* Der zum Staatssekretair ernannte Sohn des Reichskanzlers, Graf Herbert Bismarck, hat eine beispiellos schnelle Carriere gemacht. Als Vierundzwanzigjähriger trat er 1874 in den Staatsdienst ein und hat jetzt als Sechsunddreißigjähriger nur noch einen einzigen Vordermann — seinen Vater. Als Staatssekretair hat er die zweit höchst dotirte Stelle im Staatsund Reichsdienst; er bezieht 50,000 M. jährlich, der Reichskanzler 54,000 M., während das Gehalt der Staatsminister nur 36,000 M. beträgt. Mit der Beförderung des Grafen Bismarck erlischt übrigens dessen 'Reichstagsmandat für Lauenburg, dasselbe Fazit, wie vor ihm der Rendant. Das „Soll" des Kassenbestandes war daher schnell genug festgestellt.
Während die beiden anderen Herren emsig rechneten, hatte der Regierungsrath wie gelangweilt die Zimmereinrichtung, namentlich die Fenster gemustert.
Der Rendant nahm jetzt aus dem eisernen Tresor eine Kassette und schlug den Deckel zurück. Der innere Raum der Kassette war in eine Anzahl von Fächer getheilt, welche zum Theil kleine Packete, zum andern Theil Gold-, Silber- und Kupfermünzen enthielten.
„Papier — Kourant!" sagte er mit entsprechen- der Handbewegung und wendete sich dem eisernen Kasten zu.
„Geldrollen —!" fügte der Rendant noch hinzu. In demselben Momente ward jedoch die Thür geöffnet und der Kopf eines jungen Mädchens sichtbar.
„Papa! sagte das Mädchen, „es ist Jemand draußen, der Dich zu sprechen wünscht!"
„Habe jetzt nicht Zeit!" antwortete der Rendant ärgerlich, „muß wiederkommen!"
Das Mädchen verschwand, und der Rendant begann Raum zur Aufzählung des Geldes zu schaffen.
* Der Reichstagsabgeordnete Prinz Edmund Radziwill, bisher Vikar in Ostrowo, soll zum päpstlichen Hausprälaten ernannt sein und demnächst dauernd nach Rom übersiedeln. Prinz Edmund Radziwill war zum Erzbischof von Posen in Aussicht genommen und da die Curie erfuhr, daß Radziwill nie und nimmer Aussicht haben würde, von der preußischen Negierung zugelassen zu werden, so wird er durch eine Vertrauensstellung in der unmittelbaren Umgebung des Papstes entschädigt.
** Der Reichstag, dem der Bericht der Preußischen Regierung über den Erlaß vom 11. Mai zugegangen, überwies den Bericht der Reichsschuldenkommission der Rechnungskommission zur Vorprüfung. Es folgte erste Berathung der Zuckersteuervorlage. Abg. Dr. Witte (freis.) hielt dieselbe für ein Provisorium, das nur durch den Uebergang zur Fabrikatsteuer beseitigt werden könnte. Abg. Dr. Buhl (nat.lib.) war im Prinzip mit der Fabrikatsteuer einverstanden, glaubte aber, daß der Ueb.rgang durch eine Kombination von Material- und Fabrikatsteuer herbeigeführt werden müßte. Abg. Härle (Volksp.) bedauerte, daß die Regierung sich so w-nig entgegenkommend gegenüber den Beschlüssen des Reichstages zeigte und an der Materialbesteuerung festhalte. Abg. v. Helldorff (kons.) plaidirte für die Vorlage, die den Ertrag der Zuckersteuer auf lange Jahre hinaus feststelle. Bundeskommissar Heerwart erklärte, daß die Regierung den Beschlüssen des Reichstages nach Möglichkeit nachgekommen sei und weist den Vorwurf Härle's zurück. Abg. Bock-Gotha (Soz.) ist gegen jede Besteuerung des Zuckers. Die Vorlage" wird, da eine Kommissionsberathung nicht beliebt wurde, demnächst zur zweiten Lesung gelangen. Hierauf wurde die Vorlage betreffend die Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten in erster und zweiter Lesung angenommen, dagegen die Preßgesetznovelle von der Tagesordnung abgesetzt. Donnerstag 1 Uhr: Zuckersteuer (zweite Lesung) und Wahlprüfungen.
** Das Abgeordnetenhaus führte heute die Berathung der Kreisordnung für Westfalen zu Ende und nahm dieselbe mit einer Anzahl vom Abg. Dr. v. Bitter beantragten redaktionellen Abänderungen, materiell aber unverändert nach den Kommissionsanträgen an. Zu Debatte gaben insbesondere Anlaß die Bestimmungen über die Zu-
Das Mädchen erschien zum zweiten Male.
„Papa!" sagte dasselbe, jetzt wie es schien beunruhigt, „man will Dir eine wichtige Mittheilung machen."
„Habe Revision!" rief der Rendant heftig, „kann nicht adkommen!"
Das Mädchen zog sich wiederum zurück. Ter Rendant fing an das Geld zu sortiren.
Zum dritten Male ward die Thür geöffnet.
„Nachricht von Karl, lieber Papal" hauchte das Mädchen mit bebender Stimme und verschwand ohne Weisung dazu.
Der Rendant zuckte heftig zusammen; seine Hände schienen zu erlahmen und ängstlich flogen seine Blicke nach der Thür.
„Nun, so gehen Sie doch, wenn die Sache wichtig ist", sagte der Regierungsrath in freundlichem Tone, „uns werden Sie doch nicht mißtrauen. Wir rühren nichts an, bis Sie wiederkommen. Hoffentlich wird die Unterbrechung nicht lange dauern —!"
Der Rendant schien unschlüssig und warf einen verlegenen Blick auf die beiden Herren, die in vollkommener Ruhe vor ihm standen und durchaus keine Zeichen von Unmuth von sich gaben. Vielmehr lag auf dem Gesichte des Regierungs-