JV 108
Donnerstag, den 13. Mai
1886
Fuldaer
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Die preußische Kirchenvorlage.
Zwei Faktoren der preußischen Legislative, Herrenhaus und Abgeordnetenhaus, haben nunmehr ihr Placet zu der kirchenpolitischen Vorlage ertheilt, und es ist schon jetzt sicher, daß diesem Zusammenwirken auch der edle Dreiklang nicht fehlen, daß vielmehr der Gesetzentwurf alsbald durch die Sanktion der Krone zum Gesetz werden wird. Das Abgeordnetenhaus hat in dritter Lesung in namentlicher Abstimmung mit 260 gegen 108 Stimmen den unveränderten Herrenhaus-Entwurf angenommen. Die Anträge der Polen, welche die Beseitigung der für die Diözesen Posen-Gnesen und Culm bleibenden Vorbehalte anstrebten, konnten leider keine Berücksichtigung finden, und haben sich in Folge dessen die Mitglieder der polnischen Fraktion der Schluß-Abstimmung über das Gesetz enthalten. Wir wollen uns über das Verhalten der Polen kein Urtheil erlauben. Ein Jeder wird zugeben müssen, daß es eine schwere Zumuthung war, die Polen sollten die über ihre Nationalität verhängte Ausnahme-Maßregel auch noch selbst dekretiren helfen. Andererseits ist es immerhin ein Zeichen von treuem katholischen Gemeinsinn, daß die Polen nicht aus eigennützigen Motiven durch Ablehnung der Vorlage den übrigen preußischen Katholiken die Wohlthaten des Gesetzes vorzuenthalten versucht haben. Dem Centrum ist es wahrlich nicht leicht geworden, die treuen Kampfgenossen schwerer Zeiten diesmal im Stich zu lassen, indessen waren nicht nur taktische Erwägungen für die Haltung des Centrums maßgeb-nd, sondern auch der von Papst Leo selbst in der bestimmtesten Form ausgesprochene Rath, der Vorlage trotz ihrer unverkennbaren Mängel unbedenklich zuzustimmen und höchstens die nöthigen „Reserven" gellend zu machen. Windthorst hat gleich zu Anfang der ersten Berathung bestimmt erklärt, daß die Cen- trumrfraktion sich eines jeden Eingreifens in die Diskussion enthalten und die Vorlage einfach ac- ceptiren werde. Rur für den Fall, daß seine Partei geradezu prooozirt werde, behalte sie sich alle Rechte vor. Solcher Provokationen hätte man nun eine ganze Menge in den Reden Bismarck'» «nd Goßler's, wie in denen der nationalliberalen und konservativen Wortführer und zwar bei allen drei Lesungen finden können, jedoch hat das Cen- trum gut daran gethan, nicht allzu empfindlich zu
s Alt gemeinschaftliche Tante.
Humoreske von Hildegard Froelich geb. Gräfin v. Bocholtz.
Hermann hatte immer hübsch langsam geritten und seinen Goldfuchs vor Editha's Fenster in tanzendem Schritt gehen lassen, das war auch etwa» anderes, er wollte das Mädchen sehen, wo- möglich einen Guten-Morgen Gruß winken, und der junge interessante Graf wünschte sich nur selbst zu zeigen. Aber schön war er gewiß, wenn er so dahin flog, und wer weiß, vielleicht wäre Editha's Herz ebenso schnell hinter her geflogen, hätte Amor es nicht schon vergeben gehabt.
Wenn diese wilde Jagd unter dem Fenster vorbei sauste, sagte die Tante stets:
„Kind, schau' einmal, ich glaube, da geht ein Pferd durch." Denn sie war etwas kurzsichtig.
„Ach, Tantchen, es ist ja schon wieder der göttliche Paul!" sagte dann Editha seufzend; so hieß nämlich der schöne schwarze Graf, nicht aus Spott, sondern im Ernst, denn er war wirklich wunderschön.
Aber Editha zürnte jetzt ihrem Hermann doppelt, daß er nicht vorbei ritt. In den Augen
erscheinen und mancherlei ungerügt passiren zu lassen. Die Geschäfte des Centrums wurden ja auch theils vom Regierungstische, theils von konservativer oder gar freisinniger Seite bestens besorgt, und was die Redeschlacht für und wider die Vorlage nicht leistete, das gewährte die Vorlage selbst, welche von allen einsichtigen und ehrlichen Leuten als ein großer Sieg und Triumph der Centrumsbestrebungen anerkannt wird. Die preußische Regierung hat in dieser Vorlage und in den Verhandlungen mit Rom ihre ernstliche Geneigtheit zu einer Beilegung des Kirchenkonflikts bekundet und wenn der heilige Vater, mit dem die geheimen Unterhandlungen bis zur Stunde gepflogen werden, den preußischen Katholiken versichern zu dürfen glaubt, der Regierung sei es Ernst mit der Herstellung des Friedens, dann ist e« katholische Pflicht, nun auch Alles zu vermeiden, was — da völlige Einigkeit der Meinungen doch einmal nicht zu erreichen ist — verbittern oder verstimmen könnte. Das Centrum und sein genialer Führer haben bei dieser Gelegenheit den Beweis dafür geliefert, daß sie sowohl die Zeit zu reden, als auch die Ait zu schweigen richtig zu erfassen wissen. Redend und streitend haben sie die Rechte der Kirche vertheidigt und gegen jede Vergewaltigung Widerstand geleistet, redend haben sie den Boden für die heutige Verständigung vorbereitet, die kirchenfeindliche Gesetzgebung in ihrer Haltlosigkeit entlarvt und immer neue Gegner derselben angezogen, schweigend ernteten sie fltzt die ersten kostbaren Früchte einer langen, mühsamen Kampfes- zeit. Diesem parlamentarischen Schweigen, dieser reservirten Haltung wird auch die Stellung von Partei und Presse nach dem baldigst zu erwartenden Inkrafttreten des Gesetzes in etwa zu entsprechen haben. Die preußischen Katholiken haben allen Grund, sich von Herzen zu freuen, nicht nur über den Triumph des Centrums, sondern unendlich mehr über den Sieg der guten Sache und den Triumph der Kirche, deren Glanz und Autorität jetzt wieder heller strahlt, als seit langer Zeit. Man erwarte aber nicht etwa, daß die Katholiken dieser ihrer Freude in lautem Festesjubel, in lärmenden Kundgebungen Ausdruck geben werden. Sie werden sich vielmehr baldmöglichst in die neuen Verhältnisse einzuleben, sie zum Besten der kirchlichen Seelsorge zu verwerthen suchen, sie werden das wiedergewonnene Terrain benützen, um den
des Ulanen-Lieutenants sah sie den Himmel mit all' seinen Lieberseligkeiten, sie wollte ihn nicht eintauschen diesen Himmel mit der dunklen, unergründlichen Nacht von Pauls schwarzen Augensternen. Vielleicht hatte sie weniger Sinn für das Interessante oder eine besondere Vorliebe für die blaue Farbe. Dcch nein, das Alles war es nicht. Amor hatte ja ihr Herz vergeben, sie mußte eben Hermann lieben und keinen Anderen. Es konnte vielleicht einmal die Zeit kommen, wo sie dieses Herz unbarmherzig zurück forderte, denn das Herz eines so jungen Mädchens ist oft nur ein lhöcicht flatterhaftes Ding, was seinem ersten Besitzer — dem ersten Verehrer also — nur als Lehn gegeben ist, nicht als freies Eigenthum, womit er schalten und walten kann nach Belieben. Direkt aus der Kinderstube geht e» auf den Ball, da soll nun ein so junges Kind vernünftig wählen, wie ist das wohl möglich, sie kennt die Welt noch nicht, ja nicht einmal sich selbst. Wer ihr zuerst huldigt, den liebt sie. Hier war es etwas and. rs, die echte wahre Liebe hatte wirklich ein paar ihrer schönsten Blüthen auf die Häupter unseres Pärchens gestaunt, und doch waren sie so verblendet, sich zu zürnen, oder vielleicht gerade deshalb.
friedlichen Kampf für die Sache Gottes mit verdoppelter Kraft sortzusetzen, sie werden des Ausspruches des hl. Vaters eingedenk bleiben, daß das neue Gesetz noch nicht den vollen Frieden, fonbem nur einen wichtigen und erfreulichen Schritt zu diesem Frieden bedeutet.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Mai.
** Das Abgeordnetenhaus führte heute die 2. Berathung des Volksschullehreranstellungs- gesetzes für Westpreußen und Posen zu Ende. Eine längere Debatte rief § 3 der Regierungsvorlage hervor, wonach der Staat die Verpflichtung der Gutsherrschaften, in Bezug auf die Schulbedürfnisse subsidiär für ihre ehemaligen „Untertanen" einzutreten, übernehmen soll, nachdem durch das vorliegende Gesetz die Anstellung der Lehrer für die beiden Provinzen vom Staate übernommen wird. Die Kommission (Res. Abg. Wessel) beantragte Streichung des § 3, weil derselbe zu einer großen Rechtsungleichheit führen würde, indem die fragliche Verpflichtung nur für die Gutsherrschaften im Geltungsbereich des neuen Gesetzes Wegfällen würde. Diesen Standpunkt vertrat in der Debatte Abg. v. Zedlitz Neukirch (frcf ), welcher sich bereit erklärte, an einer allgemeinen Regelung des Gegenstände« mitzuhelfen und eine bezügliche Vorlage von der Regierung erwartete. Abg. v. Rauchhaupt (kons.) beantragte Wiederherstellung des § 3 sowie eine Erweiterung desselben. Für die Wiederherstellung des § 3 sprachen Abgg. v. Laugwitz, von Gerlach> Gardelegen und Kennemann, sowie Minister von Goßler. Der Paragraph wurde indeß gestrichen und der Rest der Vorlage dekattelos angenommen. Hierauf begründete Abg. Knebel (nl.) seinen Antrag: die Regierung zu ersuchen, Maßregeln in Erwägung zu nehmen, um der Ausbeutung und Uebervor- theilung entgegenzuwirken, welcher die wirthschaft- lich schwächeren Bevölkerungsklassen, namentlich auf dem Lande bei Geld- und Kreditgeschäften, sowie bei dem Handel mit Grundstücken und mit Vieh verfallen. Antragsteller schlägt zu dem Zweck eine Reorganisation der Kreissparkassen vor. Minister des Innern von Putttamer
8s war Ball; Hermann hätte so gern feiner Editha ein schönes Bouquett geschickt, aber er bezwang fick, kaufte deren sechs für das Ballet und warf sie Tags vorher zu Edithas Aerger auf die Bühne.
„Wie räche ich mich wohl?" fragte sich die kleine Editha, und bann tanzte sie am anberen Tage ben Kotillon mit bem schönen, schwarzen Grafen unb Hermann engagierte auch ein Mädchen, bas ihm langweilig war. Sie tanzten überhaupt ben Abenb gar nicht zusammen. Gott bewahre, warum auch.
„Noch einen Tanz für mich?" hatte er gleichgültig gefragt.
„Nein," sagte sie kurz unb drehte ihm den Rücken.
Bei der Francaise beim „Changer les dames" waren sie doch einmal zusammen gekommen, er machte ein gleichgültiges Gesicht und dann als ob er ein Gähnen unterdrücke. Sie sprach sehr animiert mit dem schwarzen Grasen, der in ihrer Nähe war.
Hermanns Blick siel auf eine Nipp-Etagere, dort stand ein Amor von Porzellan, der hatte vor sich zwei kleine Herzen liegen und begoß sie mit