1886.
12. Mai
Mittwoch, den
N 107.
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Die Lage der kgl. Kabinetskasse in Bayern.
(Schluß.)
Die Höhe des Defizits wird mit ziemlicher Wahr- scheinl'chkeit zu 13 Millionen angegeben. Ungewiß ist, ob habet auch jene 8 Millionen inbegriffen sind, welche vor etwa drei Jahren die Bayerische Hypotheken, und Wechselbank in Form eines Annuitätendarlehens vorstreckte, zu dessen Tilgung jährlich aus der Cioilliste unseres Wissens 800,000 Mk. weggenommen werden müssen und wobei sich, soviel erinnerlich, sogar noch die königlichen Prinzen gewissermaßen mitverbürgen mußten. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß diese ,8 Millionen in jenen 13 nicht inbegriffen sind, denn sonst hätten doch schwerlich so gewaltige Summen genannt werden können, wie man sie in den jüngsten Tagen, besonders in der nichtbayer- ischen Presse gelesen hat. Da sprach man sogar von 60 Millionen! Nachdem aber jene 8 Millionen aus der Kabinetskasse regelmäßig in privat- rechtlicher Form gedeckt werden, kämen für die jetzige Frage nur jene 13 Millionen in's Spiel.
Nun ist es klar, unbestritten und bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung, daß das Land nicht die geringste Verpflichtung hat, zur Regelung der Angelegenheit mitzuwirken. Die Cioilliste (durch Gesetz vom 1. Juli 1834 unveränderlich auf 2,350,580 fl. festgestellt) wird verfassungsmäßig ausbezahlt und in ihre Verwendung hat dec Landtag selbstverständlich nicht sich einznmischen. Damst fehlt ihm auch die rechtliche Verpflichtung, ein allensallsiges Defizit der Kabinetskasse zu decken ober decken zu helfen. Das Ganze ist sozusagen „Privatsache" Sr. Majestät. Auch darüber herrscht kein Zweifel, daß die ungeheure Mehrheit des Volkes nicht gesonnen ist, zur Regelung der An- gelegenheü etwas aus eigener Tasche beizutragen. Die'Ursachen dieser Abneigung liegen auf verschiedenen Gebieten, genug: sie besteht. Sollen doch selbst liberale Abgeordnete in jener Konferenz im Landtagsgebäude erklärt haben: sie seien zur Mitwirkung bereit, ober nicht auf Kosten des Landes. Man scheint dabei an Staatsanlehen gedacht zu haben, das aus der Cioilliste verzinst und getilgt würde, so daß zwischen Krone und Land ein rein privatrechtliches Verhältniß geschaffen würde, wie zwischen Gläubiger und Schuld-
ä Air gemeinschaftliche Tante.
Humoreske von Hildegard Froelich geb. Gräfin v. Bocholtz.
„Sie ist eine Ruben'sche Schönheit!" behaupteten die Einen; „Sie ist ja fuchsig," meinten die Anderen. Es kommt eben darauf an, wie man etwas sagt, es kann eine Schmeichelei aber auch eine Grobheit fein. Die Wahrheit lag in der Mitte; sie hatte nichts von jenen wunderbar schönen Gestalten die der mächtige Pmsel des großen Künstlers einst hervor zu zaubern verstand, aber sie erschien auch keineswegs als das was man tout court fuchsig nennt. Editha von Bar- nau war ein hübsches Mädchen aber keine Schönheit ersten Ranges. Ihre Paßkarte würde gelautet haben: mittelgroße Figur, zarte Tatlle, blaue Augen, Rase unregelmäßig, hübscher Mund und sehr guter Teint, der weder durch Sommerflecken verunschönt noch durch Kupfer verunstaltet werden konnte. An ersterem Nebel leiden die Menschen mit dem Rubenschen Haar sehr leicht, bann sagen sie sich zum Trost: „ber beste Temt hält am schlechtesten!" Das ist eine sonderbare Logik; denn wa» gut ist, hält auch gut, aber es
*) Nachdr. verb.
ner, und wie es bereits zwischen der Kabinetskaffe und der Hypothekenbank besteht.
Auch wir, sagt die ,Pf. Zig/, neigen uns sehr einer solchen Regelung der Sache zu, denn wenn auch das Land feine rechtliche Verpflichtung hat, die Schulden der Civilliste zu bezahlen, so drängt das moralische Band, welches in einem monarchischen Staate an sich schon und gar in einem Lande wie Bayern zwischen Volk und König besteht, von selbst dazu, daß wir nicht gleichgültig an dieser Angelegenh-it vorbeigehen können. In höherem, nicht in dem gewöhnlichen materiellen Sinne sind des Königs und der königlichen Familie Angelegenheiten und Sorgen auch Angelegenheiten und Sorgen des bayerischen Volkes. Wir halten daher für angezeigt, daß der Landtag feine Mitwirkung nicht versage, wenn man ihn darum angeht. Die richtige Form scheint uns, rote bemerkt, die einer Staatsanleihe ober eines Vorschusses aus der Staatskasse, was beides dann von der Kabinetskasse sowohl verzinst als zurückbezahlt werden müßte. Dafür ließe sich gewiß die pissende Form mit bindender Kraft finden. Die Eine Bedingung aber müßte der Landtag und das Land badet stellen: daß nämlich durch ihre Mitwirkung das Nebel dauernd und wirklich geheilt wird. Die Gefahr müßte ausgeschlossen werden, daß man nach einigen Jahren neuerdings vor demselben Nebel stünde. In welcher Weise die unentbehrliche Bürgschaft dafür zu schaffen wäre, das haben wir hier nicht zu erörtern. — Ei^ so(K? Bürgschaft aber scheint uns die unumgängliche Conditio sine qua non für die Mitwirkung des Landes.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Mai.
* Zu der Meldung der ,Doss. Ztg/ über event. Errichtung einer päpstlichen Nuntiatur in Berlin sagt heute die ,Germ/ u. a.: „Das Blatt will eine Verantwortung für jme private Meldung nicht übernehmen. Das war aber nicht nothwen- dig denn diese neue Nachricht stammt offenbar aus italienischen Blättern und ber ,Dffen). Gatt/ tritt bereits den Nuntiusgerüchten entgegen. Das letztere Blatt hat mit dem Vatikan allerdings ab- solut nichts zu thun, vermag ein Dementi in solcher Angelegenheit nicht zu geben, sondern es be- ist fast sprichwörtlich. Mst der Liebe ist es gerade umgekehrt, da wird mit Recht die dauerhafteste für die beste gehalten, die etwas Sturm vertragen kann, z. B. Launen, Rücksichtslosigkeiten des geliebten Gegenstandes oder Kampf um denselben. Die wahre Liebe muß Alles ertragen, Sturm, Sonnenschein und Regen. Mit dem besten Teint ist es meiner Ansicht nach gerade so, er muß sowohl den R gen wie den Sonnenschein vertragen können. Was nun ihren Teint anbe« langt, so konnte Editha mit demselben stets zufrieden fein; nicht so mit ihrer Siebe, die hatte manchmal häßliche Flecken, wir werden ja sehen.
Wenn Überhaupt die Liebe nicht ihren Schutzgott hätte, ich meine Amor, den sich die alten Römer dazu angestellt hatten, und der auch noch bi« auf den heutigen Tag Unheil stiftet und Gutes thut in gleichem Maße. Der für alle Welt sich mühende kleine Amor hatte auch schon Eoithas Herz vergeben und zwar an einen wunderhübschen Ulanen-Sieutenant Hermann von der Malten; er tarnte wie ein Gott uud ritt so schön, wie nur ein Ulan reiten kann — meinte Editha - und das machte sich bei der Fensterparade besonders hübsch. Dann stand Editha am Fenster und lugte zwischen I den Gardinen hinaus; und die Tante zog sie am
weist nur, wie die „Informationen" Berliner antifatholischer Blätter entstehen."
* Die .Germania' weist, gestützt auf den Moniteur be Rome', erneut darauf hin. daß der Modus und die Form der Anzeige ausschließlich Verhandlungen zwischen der Kurie und der preußischen Regierung vorbehalten bleibe und betont gegenüber den offiziösen Versuchen, das gestern angenommene Gesetz als einen definitiven Friedensschluß hinzustellen, daß dasselbe nur einen Schritt zu diesem Ziele bedeute.
» Der Abg. v. Schorlemer-Alst hat, unterstützt vomCmtrum, zu dm westfälischen Verwaltungsgesetzen Abänderungsanträge eingebracht, die im Wesentliche eine ständische Zusammensetzung des Provinziallandtags (Vertreter für Den Gcoß- grundoesitz, die Stähle und die Aemter) bezwecken.
* Das Abgeordnetenhaus h-tte gestern die zweite Lesung des anti polnischen Lehrer-Anstel- lungsgesetzes nach der Reve des Abg. Dc. Porsch, der als Generalredner der Centrumspartei sprach, abgebrochen. Heute eröffnete den Reizen der Abg. Hobrecht. Der Führer Der Nationalliberalen hat unstreitig einige Serupel über die Verfassungsmäßigkeit der Vorlage, findet es aber gar nicht bedenklich, so nebenher die Sache abzumachen, damit die unangenehme Geschichte ein Ende hat. Der Abg. Dc. Windthorst gab nach dem nationalliberalen Redner zunächst dem Bedauern Ausdruck, daß, nachdem gestern ein so eminentes Fciedenswerk zum Abschluß gebracht sei, das Haus sich unmittelbar daraus mit einer solchen Vorlage zu befäffen habe. Sodann setzte der Centrums, sührec auseinander, daß die Vorlage Bedenken nach zwei Hauptlichtungen hin habe: einmal, weil dieselbe beabsichtigt, gewaltsam zu germanisiren, sodann weil sie einbricht in die ganze Grundlage unserer verfassungsmäßigen Bestimmungen über das Schulwesen, und damit ein Präjudiz schafft, das die bedenklichsten Folgen haben würde. Das Gesetz ist ein Ausnahme- und Kampfgesetz der allerschlimmsten Art, und das hat man auch gefühlt. Denn sonst wäre man nicht von allen Seiten herbeigeeilt, um die Wirkungen des Gesetzes möglichst zu beschränken. Die Vorlage, die nach der Regierungsfassung für die Provinzen Westpreußen, Posen und den Regierungsbezirk Oppeln bestimmt war, soll nach der Kommission nur noch in Posen und in Marienwerder gelten; die Herren wollten
Schlafittchen zurück und sagte jedes Mal zut- müthig: „dummes Kind, das paßt sich nicht."
„Aber Tante, es ist ja nur der Vetter Hermann." , .
Aber die Tante, war ein wenig kurzsichtig und glaubte es nicht. Kam des Abends bann der Hermann, um der gnädige» Tante die Hand zu küssen, bann fragte ste wohl mal:
„Lieber Hermann bist Du benn heute sechs Mal an unserem Haus vorbeigeritten?"
„Bewahre Tante, wie sollte ich wohl."
Und er schlug seine wunderschönen, himmelblauen Augen so unschuldig verwundert auf, als wisse er nicht was Fensterparade fei, und als gäbe es gar keine hübsche Editha auf der Welt. Das ärgerte Editha außerordentlich, denn ihr sollte offen gehuldigt werden, so mußte es sein, und so verlangte ste es; und wenn sie erst mal einen Heirathsantrag bekam, so sollte dieser ihr auf den Knieen dargebracht werden.
Vetter und Koustne waren Hermann und Editha nicht, sie besaßen nur eine gemeinschaftliche Tante, eben die, welche Editha so hübsch vom Fenster zurückziehen konnte. Hermann war der Sohn vom Bruder ihre« Manne« und Editha ihrer Schwester Tochter. Editha war zum Besuch be-