1886.
Dienstag, den 11. Mai
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Die Lage der kgl. Kabinetskasse in Bayern.
(Aus der .Pfälzer Zeitung'.)
Die Lage der kgl. Kavinetskaffe in Bayern bildet eben das allgemeine Gespräch nicht nur in Bayern, Indern allenthalben im deutschen Reiche und weit darüber hinaus, überall wo Zeitungen gelesen werden. Besser wäre es, wenn dem nicht so wäre, allein nachdem die Dinge einmal soweit gediehen sind, nachdem dar große Defizit, da« bisher doch zumeist nur öffentliches Geheimniß war, offenkundige Thatsache und aller Welt bekannt geworden ist, darf auch die bayerische Presse sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen. Ja sie erfüllt damit geradezu eine Pflicht gegen Land und Krone, nachdem die Regierung selbst eine Anzahl Mitglieder des Landtages, wenn auch einstweilen gegen das Versprechen der Verschwiegenheit, in die Angelegenheit eingeweiht und damit bei Vielen die Ansicht erweckt hat, man wolle zur Deckung des Defizit« der kgl. Kabinetskasse Gelder de» Landes und der Steuerzahler in Anspruch nehmen.
Unter den Abgeordneten beider Fraktionen herricht einige Mißstimmung darüber, daß man zu der bekannten Geheimkonferenz nur die Fraktionsführer beigezogen, aber man konnte doch nicht die ganze Kammer beiziehen, denn sonst wäre das Geheim- uiß noch schlechter gewahrt worden, al« e« so der Fall ist. Em AuSplaudern ist da« Verhalten der liberalen Presse, die liberalen Genossen jener Konferenz als zu jedem Entgegenkommen geneigt, die „ultramontanen" dagegen al« einem entgegen« kommen abgeneigt hinzustellen. Man will so gewissermaßen den Liberalismu« neuerdings hoffähig machen unv die Patrioten al« illoyal verdächtigen. Besonders aber will man auf diese Weise einem Sturze des (liberalen) Ministeriums Vorbeugen, obgleich es gar nicht wahrscheinlich ist, daß das Ministerium dem Defizit in der Kabinetskasse zum Opfer fällt. Die Wetterzeichen aus den maßgebenden Regionen deuten durchaus nicht darauf hin, daß das Mmisterium wanke, ganz abgesehen davon, daß die Partei der Kam- mer- und Lander-Mehrheit weder Lust noch Veranlassung haben dürfte, eine solche Erbschaft anzutreten. Die Angst aber vor einem gut kon- servativen Ministerium in einem zu Zweidritteln katholischen Staate ist ein Zeichen, daß der Libe-
o Ein Tag des Schreckens. 7
Humoristische Spitzbubengeschichte von K. N.-Str.
(Schluß.)
„Emma, wir sind zu unglücklich! Könnten wir doch zu ihm!"
„Der Dresdener Abendzug ist vor neun Uhr nicht hier."
„Ich ertrage es nicht, so lange zu warten. Der gute Herr Freiherr — hast Du Dich bedankt?"
„Er war ganz plötzlich verschwunden."
„O, bis neun Uhr warten zu müssen! Jetzt ist die Uhr —"
Ja, die Uhr war gewesen, das heißt bei Maoame Bornstein gewesen. Sie und Tochter stießen einen lauten Schrei aus.
„Unbegreiflich!"
„Gewiß im Garten verloren?"
„August, schnell suchen!"
Abermals wollen wir einen Schleier nehmen und ihn über Augusts natürlich vergebliche« Suchen, über Frau Lottchen« Zorn und Schmerz werfen. Ein andere« Bild: Borsdorf — Meister Bornstein — der endlich, endlich um 7 Uhr 15 Minuten von Leipzig angekommene Zug.
ralismus sich feiner Schwäche bewußt ist und der eigenen Lebensfähigkeit nur wenig vertraut. Man begreift da», denn was wäre die liberale Partei in Bayern, wenn sie nicht vielfach künülich von oben gefördert würde? Gar manchen, wenn nicht den meisten liberalen Abgeordneten ist es aber sehr unangenehm, daß ihre Presse die Roth der Kabinetskasse in solcher Weise ausgebeutet hat, denn die liberalen Abgeordneten kommen dadurch in den Ruf, als wollten sie blindweg au« den Mitteln des Lande« durch eine Steuererhöhung oder eine Anleihe, was ja auf da« Gleiche, auf da« Zahlen hinauskommt, jenes Defizit decken. Mit Bezug auf diese Befürchtung über das Verhalten der Liberalen haben wir soeben in einem Blatte gelesen, derjenige Abgeordnete, welcher für Bezahlung jenes Defizits aus den Landes« Mitteln stimme, würde jede Aussicht auf Wieder- wähl verlieren. Und im nächsten Sommer ist bereit« die Neuwahl! Jedenfalls kann man als sicher annehmen, daß die Grundstimmung des Landes ohne Unterschied der Partei dahingeht: da« Land sei weder verpflichtet, noch irgendwie veranlaßt, aus eigenen Mitteln jene» Defizit ganz oder theilweise zu decken. Soweit sich au» den Andeutunzen der Presse über die geheime Berathung der Minister mit den Abgeordneten schließen läßt, ist diese Grundstimmung de« Lande«, über welche im Volke fast Einmüthigkut herrscht, auch in jener Konferenz zum Ausdrucke gekommen. Die Nachricht, daß die Konferenz resultatlos verlaufen sei, drückt wohl diese Stimmung aus. .
Ueber bte Ursachen "der jetzigen Nothlage der Kabinetskasse gibt der .Fränkische Kurier' eine Zusammenstellung, die wir hier wiedergeben, ohne sie uns anzueignen und ohne damit zu sagen, daß diese Ursachen korrekt oder erschöpfend dargelegt seien. Der ,Fr. Kur.' sagt nämlich: „ES sind drei Quellen, auf welche da« Unheil zum großen Theil zurückzuführen ist, welches nun hereinbricht. Richard Wagner und Alles, was mit diesem Künstler zu- sammenhing, hat außerordentliche Summen verschlungen. Von den Hofsekretären, welche die Geldgeschäfte des Königs zu besorgen, Zahlungen zu machen und persönliche Wünsche finanzieller Natur zu erfüllen haben, besaßen mehrere, mindestens zwei, weder die erforderlichen theoretischen Kenntnisse noch jene« Maß von Vorsicht, Umsicht und Geschäftsgewandtheit, ohne welche« die ersprießliche
Der Meister sprang hinein und fort ging's. „Warte Du Erzschuft! Auf der nächsten Station wirst Du in aller G schwindigkeit Die Dose abliefern und ein furchtbares Donnerwetter anzuhören bekommen. Dann nach Leipzig transvortirt und später in« Zuchthaus. Wirte!"
Em Psiff — nächste Station.
Der Inspektor mit der rothen Mütze und der kurze dicke Wachtmeister standen auf dem Perron.
„Herr Inspektor, ich bin —"
„Nur schnell, Arrestant in meiner Stube. Er ist sehr aufgebracht, er leugnet."
„Oho, das kennen wir I" schrie der Wachtmeister, und fort ging'» nach dem improvisirten Gefängnisse.
Al» nun Bornstein des Gefangenen ansichtig wurde, fiel ihm, wie man zu sagen pflegt, die Butter vom Brote. Er schüttelte den Kopf und sagte sehr kleinlaut: Ne, ne, der ist'» nicht."
„Der ist's doch!" rief der Wachtmeister. „Tiefe Stimme, Backenbart, goldene Brille, das stimmt."
„Ei Gott bewahre! Der ist,« aber doch nicht." „So bin ich'» wirklich nicht? rief bet Wein- reisende. „Ei, seht doch, wie gütig 1 Ich bin beleidigt, grausam beleidigt! Aber Sie werden von mir hören, Sie sollen an mich denken I Ich werde Schadenersatz forbern und ein Exempel statuieren,
Verwaltung eines so schwierigen Amte« nicht,denk bar ist. Ueberspannte maßlose Forderungen wurden unbedenklich ohne Abstrich honorirt. Zu Vorstellungen in Bezug auf Beschränkung der Ausgaben scheint es an Muth gefehlt zu haben. Viele, den verschiedensten Ständen angehörig, haben sich bereichert, während sich die Civilliste langsam verblutete. Die Rechnungen für einzelne Arbeiten und Leistungen übersteigen, was Unverschämtheit im Anfordern betrifft, fast alle» Dagewesene. Die nicht verantwortliche, den unmittelbaren Verkehr zwischen dem Monarchen und seinen Ministern ganz und gar zerstörende Äabinetaregierung hat endlich und dritten« dazu geholfen, den Träger der Krone mehr und mehr zu isoliren uno jeden unmittelbaren Einfluß der Minister auf seine Entschließungen zu verbannen."________(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Mai.
♦ Da« Abgeordnetenhaus erledigte heute in dritter Lesung die k i r ch e n p o l i t i s ch e Vorlage. Haus und Tribünen sind sehr gut besetzt. Prof. Gneist erklärt, daß die nationalliberale Partei an der Diskussion der Einzelparagraphen sich nicht betheiligen werde, um nicht den Gang der Geschäfte aufzuhalten. Redner sucht die Schuld am Kulturkampf von seiner Partei abzuwälzen auf die römisch katholische Kirche, der gegenüber Preußen sich in der Defensive befinde und der gegenüber die Gleichberechtigung der Protestanten und die schiedsrichterliche Stellung der Monarchie gewahrt Werden müssen. Die M-rigesetze waren deshalb nicht dazu bestimmt, den Krieg anzufachen, fonbern ihn zu verhüten. Das fei Die Ueberzeuzung der Nationalliberalen, hierauf beruhe ihr ablehnender Standpunkt. Zu einer Revision der Maigesetze sei die nationalliberale Partei bereit, aber nicht zur Niederreißung der Schutzwehren. Soweit in Der Hauptsache Gneist. Centrum und Deutsch« freisinnige hörten ruhig und geduldig die gewundenen, langweiligen Erklärungen des Redner« an, während die Deutschkonseroatioen sich der un- gezwungendsten, halblauten Privatunterhaltung Hingaben, worüber wir uns aber in keiner Weife etwa wundern. Nach Gneist fprach der Abg. Dr. Brüel, evangelischer CentrumshospLant: Derselbe hebt gegenüber Gneist mit Recht hervor, daß, wer den Frieden wirklich will, diese Vorlage
wie es in Deutschland noch nicht dagewesen ist. Donnerwetter!" Und damit raffte er sich auf und eilte zum Zuge.
„Und er ist's doch! ließ sich der Wachtmeister vernehmen.
„Aber, Mensch, das muß ich doch besser wissen!" rief der wuthentbraunte Meister. „Ein Falscher ist festgenommen — meine Dose ist weg — die ganze Bahnhofspolizei taugt nichts, die ganze Bahnhofspolizei ist belämmert!"
„Herr —!" brauste der Inspektor auf.
„O," brüllte Der Wachtmeister, „er hat die Obrigkeit beleidigt!" Das muß vor» Kriminal, vors Kriminal!"
„Herr, Sie haben uns beleidigt!" donnerte der Inspektor.
„Da» wollen wir doch sehen, wer Recht bekommt! Ist das eine Polizei? Meine Dose ist weg — ich will meine Dose!"
Der Wachtmeister raffelte mit seinem Säbel. „Hölle und Teufel! Sie gehören in« Zuchthaus, UND Sie sollen auch hinein, so wahr ich Wachtmeister bin I"
Er war die allerhöchste Zeit zum Einsteigen. E» wurde geläutet. Der Meister schrie: „Wir werden un» sprechen. Ich bin Bürger von Leipzig