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JM 105.

Montag, den 10. Mai

1886.

„Grundgütiger Himmel! Junge, ich könnte Dich prügeln. Esel, geh' aus meinen Augen!"

„Es ist schrecklich!" ließ sich Emma vernehmen, und sie meinte.

Da saßen sie also bei Poppen, und so recht in der Sonne. Ja, die ganze Laube war jetzt eine Sonne. Deshalb nach Wurzen zu fahren! Das hätte man in Leipzig doch billiger haben können. O, die Damen Bornstein schnitten grau­same Gesichter! Beide glühten wie Backöfen, kamen aber überein, lieber im Höllenbrande aus­zuhalten, als in den dumpsigen Salon zu treten; denn die Sonne könne ja plötzlich verschwinden und die Laube eben so plötzlich von neuen Gästen besetzt werden.

Der Kaffee wurde ganz kalt, das Gebäck trocken. Den Damen Bornstein war aller Appetit ver- gangen.

Die boshafte Sonne rückte nicht von der Stelle. Frau Lottchen sah nach ihrer Uhr, welche nach damaliger Mode an einem Haken hing, der im Gürtel steckte.

vir .Fuldaer ßeitur.g- .-scheint täglich. Sonn- und Fet«tage ”

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hat ein Fragezeichen, dem gegenüber eine Befürchtung unsererseits doch erklärlich sein ntuf>, da die Befürwortung und die Regelung dieser Frage in der Hand derjenigen Regierung liegt, die bis jetzt mit den uns feindlichen Par­teien nur in dem Bestreben wetteifert, unsere Rechte zu verkürzen oder gar zu vernichten. (Sehr wahr! bei den Polen.) Würde' der Herr Kultusminister heute oder auch bei dritter Berathung durch eine Erklärung oder Zusage unser Mißtrauen als in diesem Falle ungerechtfertigt be- eitigen, so würde diese Borlage wenigstens auch etn Wort des Trostes auch den so schwer Betrübten bringen. Es könnte dies der Regierung um so leichter fallen, als in der ursprünglichen Regierungsvorlage diese Aus- 'chließung nicht beabsichtigt wurde. Wem wir die Ur­heberschaft dieser Ausschließung zu verdanken haben, ist qleichgiltig. Man wollte vielleicht damit auf dre eine oder die andere Eventualität hin Verschiedenes bezwecken. Der Täuschung wird man sich aber kaum hingegeben haben, daß bei der anderen Eventualität die Theo­logen polnischer Rationalität durch ihr Studium auf einer deutschen Universität ihre polnische Nationalität einbüßen würden. Nein, meine Herren, die Entfernung von der Heimath, oft selbst durch das ganze Leven hindurch ist nicht im Stande, in besseren Herzen die Liebe zu derselben zu verlöschen. Oft steigert die Entfernung diese Liebe noch. Nun erst die paar Jahre des Studiums der Theologie. Ob aber die jungen Priester dort in streng kirchlichem Sinne und Geiste erzogen werden, das ist eine Frage, welche die Oberhirten mit aller Bangigkeit erfüllen muß. Andere Vermuthungen über den Zweck dieser Aus- chließungen werde ich hier nicht berühren, da der Herr Cultusminister uns wohl darüber vielleicht posttwen Ans­chluß wird geben können. Möchte nur dieser Aufschluß -es Herrn Cultusminister nicht den Schmerz derjenigen brennenden Wunde vergrößern, welche die Regierung schon dadurch uns geschlagen hat, daß auf Grund der vorliegen­den kirchenpolitischen Nooelle, bis ja em Vorbot des all­gemeinen kirchlichen Friedensschlusses fern soll, den Katho­liken unserer Diözese die wichtigsten Rechte verweigert werden sollen. Diese Ausnahmestellung hat das Volk auf das empfindlichste berührt. Das Volk '.riro aber wohl wissen, wem es einzig und allein diesen Schlag zu ver­danken hat. Sollte aber Jemand darauf gerechnet haben, daß das Volk darüber im Zweifel bleiben könnte, und daß das feste Band der Liebe und des Vertrauens des ganzen polnischen Volkes zum hl. Stuhl gelockert werden könnte, so irrt man sich gewaltig. (Bravo im Centrum.) Wir sind eben Katholiken, und unser Volk hat in schwereren als diesen Kämpfen neun Jahrhunderte hindurch, diese Liebe und Treue bewährt; und, meine Herren, wir werden dieselben auch unverbrüchlich und ohne Schwanken bewahren. (Sehr richtig! bei den Polen. Bravo im Centrum). Als Katholiken wissen wir wohl, daß der Vater der katholischen Christenheit alle seine Söhne mit der gleichen Liebe um­faßt, und daß fein väterliches Herz weinte, indem er für uns vorläufig nicht das hat erringen können, was er wollte und warum er sich bemühte. Wir haben auch die feste Ueberzeugung und Hoffnung, daß seine Bemühungen das erwirken werden, was wir heute durch unsere Anträge wohl vergeblich anstreben." (Lebhaftes Bravo bei den Polen und im Centrum.)

Wolke, und mit einmal war der Himmel ein Grau in Grau. ,

Da kam August gestürzt, und hinter ihm drem ein orkanähnlicher Stoßwind, der in einem einzigen Moment hundert Gegenstände entführte und bannt im Garten umherjagte. Im Nu war alles auf den Beinen. Hände schlagen — verzweifelte An- strengnngen zur Wiedererlangung des Geraubten — zerbrochene Taffen — hin- und herwogende Kleider — auf dem Boden fließender Kaffee — Geschrei — Gelächter — Aneinanderrennen —

Herrsch, meine Mütze!" rief August. „Fräu- lein Emma, halten Sie Ihren Hut fest — da fliegt Ihr Sonnenfchirm hin!"

„Es wird regnen!"

„Es regnet fchon!"

„Nein, es gießt!" schrie August feiner erstarrten Madame zu.

„Nach dem Salon! Nach dem Salon!'

Und e» goß mit einemmale, als ob sich stimmt- siche Regenwolken Über „Zur Gemüthlichkeit" allein entladen wollten. Im Umdrehen stand alles unter Waffer. Der Boden ward weich, so daß einige ausglüten und die nähere Bekanntschaft des Schmutzes machten. Und dazu kam noch, daß der Sturm unaufhaltsam durch die Bäume fuhr und

Kränkung in diesen Rechten oft schmerzlicher empfunden wird. Die Borenthaltung dieses den beiden Bischöfen als solchen angeborenen Rechtes erscheint um so härter und peinlicher, als dies in dem Augenblicke geschieht, da es allen anderen zurückerstattet wird. Die preußische Regie­rung hat durch diese Vorlage endlich prinzipiell das Recht der Bischöfe auf die Erziehung ihres Klerus aner­kannt, sie hat anerkannt, daß die Maigesetze unberech­tigte Hindernisse in Betreff der Seminare den Bischosen in den Weg gelegt haben. Die Anerkennung dieses Rechtes war aber auch eine notwendige Folge der Aneikennung des Rechts der Existenz und der freien Entwickelung der katholischen Kirche. Nur unseren Diözesen wird dieses Recht, das ein Cocrelat dieser freien Entwickelung der katholischen Kirche ist, verweigert. Der Herr Reichskanzler hat am Dienstag den Fehler des rein juristischen Stand­punktes bei den Maigesetzen beklagt. Hier haben wir den Fehler des bureaukratischen Standpunktes zu beklagen. (Sehr richtig!) Die Gemüther und Herzen der ganzen Bevölkerung werden in dieser empfindlichsten, weil in der religiösen Frage, mit einer neuen Erbitterung erfüllt in dem Augenblicke, wo der Leidenskelch derselben doch schon bitter genug ist. Aber abgesehen von den Gefühlen der damit betroffenen Bevölkerung hätte die Regierung, die auch ihren Blick auf die Zukunft hätte richten sollen, sich vergegenwärtigen müffen, daß eine Vorenthaltung unb Verzögerung bet Wiedereröffnung der Seminare das Leben und die Entwickelung nicht bloß der katholischen Kirche, sondern auch die Förderung des religiösen Lebens bet uns auf eine hoppelte Weise gefährdet unb stört. Sie erschwert unb hindert erstens einen den Bedürfnissen entsprechenden Zuwachs der Theologen. Sie gefährdet auch bei benjentgen biejenige Erziehung, welche ber Kirche bie größere Bürg­schaft einer Erziehung in ihrem Sinne gewahrt. M. H.l Währenb vor bem Ausbruche bes Kulturkampfes bas Posener Seminar jährlich über 100 Kl-riker zählte, stu- biren jetzt auf ben Universitäten bloß etliche zwanzig Theologen für eine Million von Katholiken. (Hört! Hort!) Fast basselbe Verhältnis; ist in ber Kulmer Diözese, wo jetzt ebenfalls nur 27 ftubiten, während bas Pelpliner Seminar im Jahre 1871 über 80 Theologen zahlte. Nun frage ich, wirb zum Stubium ber Theologie unsere Jugend die nun offenkundige Thatsache ermuntern, daß dre Hand des Staates nur bei uns selbst so schwer aus der Kirche lasten bleibt, daß die Regierung mitten m einer fo un­aussprechlich harten politischen Gesetzgebung selbst auf kirchlichem Gebiete sich nicht hat entschließen können, diese Fesseln zu lösen? Wir werden bald einen Priestermangel haben, ber eine religiöse Verwahrlosung bes Volkes in ausgedehntem Maße und in bejammernswerther Weise zur Folge haben wird. Ich kann nicht annehmen, daß d,e kö­nigliche Regierung dies bezwecken könnte, schon aus dem einzigen Grunde, weil dort, wo die Lehre Christi ver­stummt, die Lehre des Umsturzes überall ihren Einzug hält. Je länger man aber mit Wiedereröffnung der Se­minare zögert, desto schwieriger wird im Pr,esterstande, in ber Seelsorge Ersatz zu schaffen fern, besto schwieriger, ba noch dazu bei allen Theologen bte Ungewißheit ber Subsistenzmittel für ihre theologischen Studien hier be­sonders hemmend hinzutritt. Man stellt uns eine könig­liche Verordnung in Aussicht, aber das Wann und Wie

„Der Vater könnte jetzt hier fein!" r

„Ich denke das auch. Der Zug wird sich ver­späten."

Dann wieder Stille und Fortsetzung stummer Wuth. O diese boshafte Sonne! Da stand sie am Himmel, als wäre sie festgebunden.

Und abermals erschien der arge Sünder. Der arme Junge hatte einen furchtbaren Durst, er schielte so sehnsüchtig nach der bewußten halben Portion; aber diesem „Dummkopf" gegenüber war das Herz der Madame Bornstein wie ein Eisblock. r .

„Hören Sie, machen Sie, daß Sie ins Haus kommen. Da hinten ist es mit dem Himine nicht richtig." u

Was? Bei dieser Sonne sollte — könnte — ,Na, na", machte August und entfernte sich wieder, nachdem sein letzter Blick auf der halben Portion geruht. „

Ich begreife nicht, wo der Vater bleibt.

"Er wird doch den Zug nicht verpaßt haben?" "Dein Vater, der pünktlichste Mann unter der

Sonne? Kind, wie Du nur so reden kannst!"

Hatte die Sonne das verstanden? War sie anderer Ansicht? Plötzlich war sie weg, wie weg- geblasen. Wo sie gestanden, stand jefit eine finstere

-iedcdesAbgeordneten Dr. v. Stablewski aus der Sitzung des preußischen Abgeordneten­

hauses vom 7. ds. Mts.

M. H.! In ber vorliegenben kirchenpolitischen Novelle wirb zweien Bischöfen zweier großen Diözesen bas ihnen als Bischöfen angeborene Recht ber Erziehung ber geist­lichen Jugenb in theologischen Anstalten nach kanonischen Vorschriften beanftanbet. Als Katholiken, beten Bischöfen durch biefe kirchenpolitische Novelle dieses Recht bis auf unbestimmte Zeit verweigert wirb, haben wir hier bie Pflicht, dieses Recht für dieselben zurückzufordern, bie Noth- wenbizkeit desselben zu erörtern unb auf bie Folgen ber Verweigerung ober Verzögerung bieses Rechtes hinzuweisen. Der hl. Vater hat in seinem Rundschreiben vom 6. Jan.: Jam pridem nobis“, bas er an bie preußischen Bischöfe gerichtet hat, bie Nothwenbigkeit ber Erziehung in biefen Anstalten, das Recht ber Bischöfe auf biefe Erziehung ihres Klerus in fo ernsten, fo tiefen Worten erörtert, baß biefe Frage an bie Herzen ber Katholiken nur um fo fester unb inniger gewachsen ist. Aber auch für unbefangene Nicht­katholiken muß bie Nothwenbigkeit bieses Rechtes ber Bi­schöfe, ber Erziehung ber Bischöfe ihres Klerus, einleuchten. Ich werbe mich beshalb nur mit ein paar Worten auf bie »egrünbung beffetben beschränken. Die Bischöfe finb vor Gott verantwortlich, nicht bloß für bie Reinheit ber Lehre, die burch bie Priester bem Volke verkündet werben soll, sondern auch bafür, daß sie dieselbe bem Volke auf die ihm engemeffenbfte Weise unb Methode unb bie ihrer Ansicht nach am meisten taugliche unb würdige Lehre verkünden laffen. In dieser ihrer Pflichterfüllung bleiben die Bischöfe von Posen und Kulm behindert. Während ihren Mit­brüdern diese Feffeln gelost werden, bleiben sie m dieser Frage noch in vinoulis. Unb biefe Feffeln werden die bei­den Oberhirten noch um so schmerzlicher drücken, als ihnen durch dieselben gleichzeitig nicht blos die Einwirkung auf ben Unterricht in der kirchlichen Lehre, sondern auch auf bie Bilbung bes inneren Menschen, auf bie sittliche Ver- vollkommnung der künftigen Priester vorenthalten wlro. Da der Bischof die geistige Vaterschaft der jungen Priester in feiner Diözese übernimmt, wirb dadurch gewissermaßen bem Vater bas Recht ber Erziehung seiner geistigen Kinber vorenthalten. (Sehr wahr!) Anbere sollen btefelbe über­nehmen, unb wenn anbere Bischöfe unb Lehrer auch noch so liebevoll sich berfelben annehmen, so ist bas nie ber Einfluß bes eigenen Bischofs, ber sich ben heranzubilden­den Priestern als lebendiges Bild ber Frömmigkeit, ber Pflichterfüllung, ber Aufopferung zeigen soll, von bem sie diese Tugenben lernen sollen, ben sie während der Vorbe­reitung zum Hirtenamte kennen und lieben gelernt haben, und der auch sie alle liebgewinnen und die würdig­sten unb tauglichsten zu erkennen unb paffend zu verwen­den gelernt hat. Wie peinlich dies den mit ber Ausschlie­ßung von ihrem Rechte betroffenen Oberhirten sein wird, mag man an bem Gedanken ermessen, daß jemandem als Vater im vollen und gerechten Bewußtsein seiner Würde plötzlich das Recht ber Erziehung seiner Kinder vorenthal- ten wird. Sie wissen wohl, baß bte geistigen Bande, bie Banbe ber höheren inneren Pflicht oft viel zarter unb viel feiner sinb, als bie gewöhnlichen menschlichen unb baß eine

O Em Tag des Schreckens. 6

Humoristische Spitzbubengeschichte von K. R.-Str.