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104. Sonnabend, dm 8. Mai 1886.

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Deutsches Reich.

Berlin, 7. Mai.

• Der griechisch-türkische Konflikt — so schreibt man der ,Frkf. Ztg.' aus Berlin, — ist hier an maßgebender Stelle von Anfang an nicht leicht genommen worden und man hat schon seit einiger Zeit ernstlich mit der Eventualität einer kriegerischen Zusammenstöße» gerechnet. Jetzt wird ein solcher, wie verlautet, als unvermeidlich und al» da» einzige Mittel zur Lösung der Frage an­gesehen. Man versichert nach wie vor, daß die Mächte durchaus einig seien und daß es dadurch gelingen werde, der kriegerischen Entwickelung Halt zu bieten, sobald die Griechen durch Schaden zur Vernunft gekommen sein werden.

• Das Abgeordnetenhau» hat heute in . zweiter Lesung die kirchenpolitische Vorlage un­verändert angenommen. Haus und Tribünen waren ziemlich gut besucht. Als Vertreter Der Regierung waren Kultusminister v. Goßler und Unterstaatssekretär Lucanus anwesend, später er­schien auch Minister v. Bötticher. Artikel 1, welcher das Kulturexamen abschafft, wurde fast einstimmig angenommen, nachdem der Abg. Gneist Namens der Nationalliberalen erklärt hatte, sie würden diesen Artikel annehmen; sie thaten das aber nicht durchweg, es blieben vielmehr einige Nationalliberale bei der Abstimmung fitzen. Bei Artikel 2 beantragte die polnische Fraktion die Streichung der Worte: „Die Wiedereröffnung der Seminare für die Erzdiözese Gnesen-Posen und die Diözese Kulm wird durch königliche Verordnung bestimmt." Der Abg. Dr. v. Stablewski be­gründete den Antrag, indem er der Liebe und Treue der Polen zum heiligen Stuhle Ausdruck gab. Der nächste Redner war der Abg. Dr. Windthorst. Derselbe wiederholte Namens des Centrums den Kernpunkt der Erklärung, die er in der Generaldebatte abgegeben hatte. In Konse­quenz derselben muß das Centrum an der Vorlage festhalten. Das Centrum würde die polnischen Anträge annehmen, denn sie sind voll und ganz begründet, wenn es die Gewißheit hätte, daß die- selben auch vom Hause und der Regierung ange­nommen würden. Das sei aber nicht der Fall, und so würde das Eintreten für die polnischen Anträge eine Demonstration gegen die Vorlage sein. Das Centrum vertraue der Weisheit und

O Ein Tag des Schreckens. 5 Humoristische Spitzbubengeschichte von K. N.-Str.

Ja, dieser Mann sprach tief, aber er hatte weder Backenbart noch Brille.

Inspektor und Wachtmeister schritten weiter und weiter.

Halt, da saß wieder ein Mann allein. Er las. „Donnerwetter, was ist los?" rief er.

Das war der Rechte! Tiefe Stimme, Backenbart goldene Brille.

Der kurze, dicke Wachtmeister warf sich ge­waltig in die Brust! „Aussteigen, Sie bleiben hier!"

„Sie Sind verrückt?"

„Da» geht Sie garnicht» an. Nur hübsch aus­steigen, das Uebrige wird sich finden."

„Beim Henker, Herr, was fällt Ihnen denn ein?"

„Machen Sie kein Aufsehen," sagte der Inspektor, „und steigen Sie au». Sie sprechen tief, Sie haben Backenbart und Brille, wir haben Depesche von Bor»dorf, Sie zu arretieren."

„Mch?"

„Jawohl!"

„Das muß ein Jrrthum fein. Ich heiße Franz

Liebe des hl. Stuhles, daß es ihm in nicht so ferner Zeit gelingen werde, bei Sr. Majestät dem König die Eröffnung der Seminare zu erwirken. Kultusminister v. Goßler erklärte, die Eröffnung der Seminare würde ohne Schwierigkeiten erfolgen, wenn die Polen den Hoffnungen und Erwartungen entsprächen, die die Regierung in den neuen Erz­bischof fetze. Der polnische Klerus habe es sich selbst und seiner polnischen Propaganda zuzu­schreiben, daß da» nicht schon durch da» Gesetz geschehe. Die Annahme der polnischen Anträge würde das Zustandekommen des Gesetzes sehr ge­fährden. Der Abg. Dr. v. Jazdzewski trat den Ausführungen de» Kultusministers entgegen; nach einer kurzen Erwiderung des Kultusminister« v. Goßler und nachdem sich Professor Gneist gegen den Artikel 2 erklärt hatte, wurde derselbe unverändert angenommen. Ohne wesentliche Dis­kussion wurden Artikel 3—13 angenommen. Bei jedem Artikel motivirte der Abg. Gneist die Ab­stimmung der Nationalliberalen, während der Abg. Graf Limburg-Stirum ihm stellenweise in kurzen Worten entgegentrat. Bei Artikel 14, welcher den Vorsitz im Kirchenvorstand wieder dem Pfarrer einräumt, beantragen die Polen die Worte: „In der Erzdiözese Gnesen-Posen und in der Diö­zese Kulm erfolgt die Regelung im Wege könig­licher Verordnung." zu streichen. Der Antrag wurde abgelehnt und Artikel 14 und 15 unver­ändert angenommen. 5 Minuten vor 1 Uhr war die ganze Vorlage erledigt. Die dritte Lesung findet, wie die ,Germ.' mittheilt, wahrscheinlich' Montag statt.

* Dem nächsten Landtage soll eine Vorlage, betreffend Theilung verschiedener Kreise in Posen und Westpreußen als letzte „Polen- Vorlage" zugehen.

* Der Bundesrath nahm gestern die Vor­lage, betreffend Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen in Berlin, an. Die Ausschüffe genehmigten die neue Zuckersteuer-Vor­lage.

* In dem in Naumburg gegen den Reichs­tagsabgeordneten Lerche verhandelten Diäten­prozeß beeidete Lerche, daß er weder von der Partei noch von anderer Seite Diäten als Abge­ordneter angenommen habe. Demgemäß wurde der Fiskus mit der Klage abgewiesen.

* Preußen gedenkt den Staats - Vertrag mit

Heinrichsdorf bin Weinreisender, komme von Ber­lin und will nach Dresden. Hier meine Paß­karte."

„Das ist ja alles möglich, aber so steigen Sie doch aus. Sie können zehnmal Heinrichsdorf heißen und Weinreisender sein — das wird sich alles finden. Ich darf von der Instruktion nicht abgehen."

„Alles wird sich finden," erwiderte der Wacht­meister.

Nun folgten noch mancherlei Reden herüber und hinüber, aber was halft? Der Zug mußte weiter und der Weinreisende den Platz verlaffen. Er tobte fürchterlich. Er werde Schadenersatz fordern und ein noch nie dagewesenes Exempel statuiren. Doch, wie gesagt, das half nichts. Heinrichs­dorf wurde Gelegenheit gegeben, sich» im Stüb­chen des Inspektors bequem zu machen und über den Wechsel alle» Irdischen nachzudenken.

Depesche nach Bornsdorf: Arretirt. Paß­karte lautet auf Heinrichsdorf, Weinreisender au« Berlin.

Depesche zurück: Der Bestohlene mit jSieben-Uhr- Zug. Arrestant soll Hertel heißen, Fabrikherr au» Bielefeld.

Der Inspektor stutzte.

Koburg und Meiningen betreffend Errichtung eines gemeinsamen Landgerichts in Meiningen zu kündigen. Die in Frage kommende preußische Enclave im Herzen Thüringens soll nach Erfurt gewiesen werden.

* Koblenz, 6. Mai. Vor einigen Tagen theilten verschiedene Blätter mit, dem Berliner Central - Denkmal - Comitee für das Hutten- Sickingen-Denkmal gehöre auch als einziger aus Koblenz Herr Justizrath Adams (bekanntlich Berichterstatter der Herrenhauskommiffion für die kirchenpolitische Vorlage) an. Dem gegenüber wird in der ,K. Vztg.' bestimmt versichert, daß Herr Adams dem Komitee nicht angehört und keinen Schritt gethan hat, der ihm zu dieser zwei­felhaften Ehre hätte verhelfen können. Er steht der ganzen Angelegenheit durchaus fern.

* Trier, 6. Mai. Die gegenwärtig hier weilenden hochwürdigsten Herren Bischöfe besich­tigten gestern Morgen die Schatzkammer im Dom. Am Mittag besuchten dieselben die Jesuitenkirche und die römischen Thermen, sodann erstatteten sie Besuche im Mutterhause Herrn Puricelli, und bei dem Herrn Regierungs - Präsidenten Raffe ab. Herr Bischof Kopp reiste bereits gestern Mittag wieder ab. Wie die ,Tr. Landesztg.' weiter ver­nimmt, werden die hochwürdigsten Herren Bischöfe heute Nachmittag die Rückreise antreten.

Ausland.

* Wien, 7. Mai. In einem deutschböhmischen Blatte, der .Leipaer Zeitung' findet man folgende zutreffende Schilderung über den Bruderzwist im Lager der liberalen Partei: „Noch als die Spaltung der Oppofition in zwei Heerlager un­vermeidlich war, trompeteten die scheinliberalen Blätter mit dem Aufgebote ihrer ganzen Lungen­kraft in die Welt hinaus, daß diese Spaltung nur eine formelle sei, daß den Deutschen Club keinerlei prinzipiellen Unterschiede vom deutsch­österreichischen trennen und daß die „Einigkeit" über allen Zweifel erhaben sei. Aber rasch genug mußte man fich bequemen, diese Lüge fallen zu laffen. Es kamen die Stürme der Adreßdebatte, die wüsten Szenen der Budgetdebatte, in denen die Männer der „schärferen Tonart" eine wahre Orgie der Rohheit und Brutalität feierten und welche jedem gebildeten Deutschen die Röthe der Scham in's Geficht trieben. Es kam ferner jene

Der Wachtmeister schrie: „Gestohlen hat er. Oho, das ist ja gräßlich; Paßkarte hin und Paß­karte her. Kann zehnmal Heinrichsdorf heißen und zehnmal Weinreisender sein und kann fich doch Hertel au» Bielefeld nennen und ein Erzgauner sein. Tiefe Stimme, Backenbart, goldene Brille — das stimmt prächtig. Abgemacht!"

Der Inspektor nickte.

Aus den einzelnen schweren Tropfen war ein Platzregen geworden. Der Himmel sah schwarz wie ein Bahrtuch aus. Ueber Bornsteins Ge« müthszustand und unbeschreibliche Langeweile wollen wir einen dichten Schleier werfen und unfern mit­leidsvollen Blick nach Poppens Kaffeehau». „Zur Gemüthlichkeit" richten.

Getreu dem Programme des Meisters waren Frau und Fräulein Bornstein vom Bahnhofe direkt zu Poppen geschritten. Der nicht große Gatten lag recht hübsch; man sah von einer Er­höhung, welche die Wurzener „Berg" nannten, über grüne Wiesen und fruchtbare Felder. In« mitten dieses Gattens war ein kleiner Teich von Schilf und Binfen bekränzt, und in der einen Ecke ein schmale» Häuschen, „Salon" genannt, in welchem die Gäste bei plötzlichem Regen Schutz fuchtm.