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Donnerstag, den 6. Mai
1886
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Deutsches Reich.
Berlin, 5. Mai.
* Das Abgeordnetenhaus setzte heute die erste Berathung der kirchenpolitischen Vorlage fort. Abg. Rickert (frs.) erklärte Namens eines Theils seiner Freunde, daß sie gegen die Vorlage stimmen würden, da diese nicht die wünschenswerthe rasche und definitive Beseitigung des Kulturkampfes im Gefolge haben könne und auf unklaren Versprechungen beruhe. Der Reichskanzler habe den Kulturkampf erst hervorgerufen und jetzt kritisire er die Maigesetze in unerhörter Weise. Der Abg. Stöcker legt dar, daß in gewisien Kreisen der Protestanten Mißstimmung und Bedenken gegen die neueste Wendung der Kirchenpolitik herrschen: wenn die Deutschfreifinnigen es sagen, so müsse er e» bestätigen. Aber gerade deshalb habe er sich zum Wort gemeldet. Er habe Bedenken gegen die Vorlage und gegen die diplomatische Behandlung derselben. Aber es handle fich um einen Akt der Versöhnung, man habe auf beiden Seiten gefehlt und komme sich auf beiden Seiten entgegen, um in dem Kampfe zwischen Wittenberg und Rom einen Waffenstillstand zu schließen, der jetzt nöthig sei. Rom sei unzweifelhaft entgegen gekommen, es habe den Rückzug angetreten. Er sehe die Vorlage nur als ein Stück des Systemwechsels an, der 1879 eingeführt wurde, es fei nur zu bedauern, daß nicht gleich der Kulturkampf beseitigt worden sei. Ob man mit der Vorlage Rom gegenüber etwas ausrichten werde, könne man allerdings nicht voraussagen. Der nationalliberale Abgeordnete v. Eynern verthei- digt zunächst seine Partei gegen die Aufstellung des Abgeordneten Richter, daß 1880 die Nationalliberalen selbst Bresche in die Maigesetze gelegt hätten. Herr v. Eynern strengte seinen ganzen „Intellekt" an, «m die Nationalliberalen weißzuwaschen und sie als die reinen Lämmer hinzustellen, die keinen Kulturkampf, sondern den Frieden wollen. Und deshalb möchten sie Einzelbestimmmungen annehmen, aber ste müßten doch gegen die Vorlage stimmen. Im Weiteren sucht er unter dem Beifall des Centrums nachzuweisen, daß das Centrum nicht auseinanderfallen werde und könne nach Lage der Dinge. Wenn'» der Reichskanzler glaube, so sei er im Jrrthum, er führe dem Centrum nur neue Offiziere zu. Redner appellirt an das Ministerium und an die Krone. Kultusminister v. Goßler
O Ein Tag des Schreckens. 3
Humoristische Spitzbubengeschichte von K. N.-Str.
„Sin Zeichen, daß fie zu wenig mit Damen verkehrt haben."
„Mein Fehler wird sein, daß ich zu sehr nur Geschäftsmann bin."
„Reißen Sie sich einmal heraus. Heute zum Beispiel ist Sonntag und das Wetter herrlich. Kennen Sie Leipzigs Umgegend? In Plagwitz, Stötteritz, auf dem Kuhturm finden Sie feine Gesellschaft."
„Mir noch alles unbekannt. Aber ich bin allein, da habe ich keinen Genuß. Wenn Sie nicht bereit» engagirt wären, so würde ich mir die Frage erlauben, ob wir nicht gemeinsam —"
„Das bedaure ich herzlich, ich werde erwartet. — Doch halt! kommen Sie mit. Ja, Herr Hertel kommen Sie mit. Wurzen ist ein ganz netter Städtchen, und Sie kennen es ja noch nicht. Wie gesagt, 2 Uhr 30 Minuten fahren wir und sind punkt 10 Uhr wieder hier."
„Verehrter Freund, Sie find wirklich zu liebenswürdig. Aber ich nehme noch Anstand, ich kann ja nicht wiffeu, ob Ihre Frau Gemahlin und Ihre Fräulein Tochter —"
giebt den ganzen historischen Gang der kirchen- poliiischen Entwickelung der letzen Jahre. In dem Ziele, dem Frieden, sei man allerseits einig, nur die Wege seien verschieden. Der Weg, welchen die preußische Regierung eingeschlagen, nämlich der Verhandlung mit Rom, sei von den verschiedensten Parteien als gangbar bezeichnet worden. Eine Kommiffionsberathung sei zu vermeiden, w-il dann die Ansichten auseinandsrqehen. Im Uebrigen giebt der Minister einen Rückblick auf die Umstände, unter denen die Vorlage zu Stande gekommen. Herr v. Goßler apostrophirt zum Schluß di; Parteien, sie möchten nicht kirchenpolitische Konfl kte für eine dauernde Institution des Staates halten, sondern den Frieden herbeiführen, damit das Vaterland nicht gehindert werde, seine Aufgaben zu erfüllen. Frhr. v. Hammerstein ergreift das Wort zu einer scharfen Polemik gegen die Nationalliberalen. Herr v. Eynern erklärte, diejenigen laden eine schwere Verantwortung auf sich, die keine Kommiffionsberathung wollen. Das wendet sich direkt gegen den Reichskanzler, der gegen die Kommiffionsberathung ist. Der Reichskanzler hält die einmalige Anzeige der vakanten Pfarreien für ein großes Entgegenkommen der Kurie, Herr von Eynern halte diese Anzeige für „Spott und Hohn". Und trotzdem glauben die Nationalliberalen, mit der Regierung und den Konservativen zusammenwirken zu können, fie, die überall versagen, wo eine große Aktion ins Werk gesetzt werden soll? „Trotzen Sie nicht auf ihre Zukunft", ruft Frhr. v. Hammerstein den National- liberalen zu. Er bestreitet ihnen, da» protestantische Bewußtsein zu vertreten, sie kämpften nur für das protestantenvereinliche Bewußtsein. Die Nationalliberalen versagten stets, wo es sich um eine wahrhaft nationale Politik handle. — Hierauf wurde die 1. Lesung geschlossen, Kommission»- berathung abgelehnt und die Vorlage zur 2. Berathung im Plenum gestellt. Morgen: Anträge, Petitionen. — (Die Rede des Kultusministers werden wir morgen ausführlicher mittheilen. D. R.)
Im Nachtrage zu unserem kurzen Bericht über die gestrige Sitzung de» Abgeordnetenhauses lassen wir noch die Reden Windthorst's und des Abg. Dr. v. JagdzewSki wörtlich folgen. Der Centrumsführer sagte:
Mein« verehrten Herren! Die Rede des Herrn Abgeordneten Dr. Gneist, welche wir soeben gehört haben,
„Die werden sich freuen. Auf mein Wort!"
„Dann bin ich so frei. — Ihr weither Name, wenn ich bitten darf?"
„Schlossermeister Bornstein."
»Ihre Hand, mein lieber Herr Bornstein. Schon im voraus tausend Dank."
Die zweite Portion Schnitzel mit Griesklöschen war vom Teller verschwunden. Der Meister lehnte sich hintenüber, holte dreimal tief Athem und zog die Uhr.
„Allerdings noch ein bischen früh zum Bahnhof, aber bei der Wärme ist es gut, wenn wir recht langsam gehen. Sind Sie einverstanden?"
„Durchaus", entgegnete Hertel und drückte gegen seinen Bart, als hätte fich dieser plötzlich ablösen können.
Arm in Arm schritten die Männer aus dem Bierhause und die Straße hinab.
Mit einemmal blieb Hertel stehen, sah Bornstein scharf an, so daß dieser ordentlich erschrack, und rief: „Jetzt geht mir ein Licht auf. Richtig, vor einigen Tagen saßen wir im Theater in einer Loge — Sie kamen mir sofort bekannt vor."
„Nein, mein Bester, da irren Sie gewaltig. Ich gehe nie in» Theater und meine Frauen»-
fordert sehr stark zur Erwiderung auf. Sie erinnert lebhaft an alle die Vorträge, welche roifoon dem verehrten Herren im Laufe der kirchenpolitischen Streitigkeiten gehört haben, und sie würde sich, glaube ich, sehr viel besser ausgenommen haben, wenn sie im Jahre 1873 gehalten worden wäre. (Sehr wahr! im Centrum.) Inzwischen widerstehe ich dieser Versuchung; es giebt eine Zeit zu reden, und es giebt eine andere Zeit zu schweigen, und was mich betrifft, so glaube ich, daß die Zeit des Schweigens gekommen ist. Das war eine Bemerkung, die habe ich für mich gemacht, und dafür ist kein anderer verantwortlich. Jetzt erlaube ich- mir, im Auftrage meiner Fraktionsgenoffen und zwar aller derselben, die in aller Einmüthigkeit zusammenstehen und zusammenbleiben werden, (Hört! Hört! bei den Nationalliberalen.) (Bravo! im Centrum.) zu erklären, daß wir die Vorlage, wie sie aus dem Herrenhause an uns gekommen ist und hier zur Berathung steht, einfach accep- tiren. Wir haben allerdings in Betreff derselben unsere Bedenken, aber wir lassen für jetzt die Sache auf sich beruhen (Heiterkeit bei den Nationalliberalen) und nehme an, was in den bisherigen Verhandlungen geschaffen worden ist nicht in Uebereilung; nicht in Ueberstürzung, sondern, wie ich meine, nach sorgfältiger Ueberlegung seitens der Regierung und vor Allem auch seitens des Herrenhauses. Wir werden deshalb unsererseits auch keinerlei Amendements stellen. Sollten von anderer Seite welche gestellt werden, so wird es sich finden, wie wir dazu Stellung zu nehmen buben werden. Wir werden uns auch nicht genöthigt finden, in die Diskuffion weiter einzutreten, und das ist auch der Grund, weshalb ich dem Herrn Kollegen Dr. Gneist nicht antworte. Wir werden uns der Diskuffion enthalten, wenn wir nicht ganz besonders prooozirt werden. Es könnte vielleicht, wenn auch nicht hier im Hause, so doch anderswo geglaubt werden, daß die Rede des verehrten Herrn bereits solche Provokationen enthielte. Es ist das in der That auch nach meiner Empfindung der Fall. Dazu kommt, daß seine Rede ein solches Maß von Unrichtigkeiten enthält (Sehr wahr! im Sottrum), daß-es in der That lohnend wäre, sie hier vor der ganzen Welt nochmal» klar zu stellen. (Lachen bei den Nationalliberalen.) Aber ich schweige in Folge des Beschluffes meiner Freunde und tröste mich damit, daß alles Das, was der geehrte Herr heute hier vorgetragen hat, bereits im Laufe der früheren Verhandlungen vollständig gewürdigt worden ist. Ich wiederhole aber, sollten Provokationen anderer Art und stärkerer Natur noch kommen, so werden wir Mannes genug sein, dieselben zu beantworten. Unser Schweigen wird sich ferner auch über etwaige Darlegungen über den Sinn der einzelnen Bestimmungen, die aus dem Hause oder auch von der Ministerbank gemacht werden sollten, erstrecken und wir werden auch darauf nicht antworten. Dieses Schweigen soll nicht bedeuten, daß wir diese etwaigen Interpretationen billigen, aber auch ebensowenig, daß wir sie nicht billigen (Heiterkeit), wir werden uns eben einfach darüber aus- schweigen, weil wir unsererseits die Bestimmungen der Vorlage deutlich genug finden und da jedem in den Verhandlungen Material genug geboten ist, das Nöthige und Richtige heraus zu finden. Endlich werden wir auch schweigen, wenn etwa der Versuch gemacht werden sollte, über den Sinn der uns mitgetheilten Noten des Karvinal-Staats- sekretärs Jacobini irgend etwas zu sagen, um dieselben
leute höchst feiten. Was rouroe denn für ein Stück gegeben, als Sie drin waren?"
„Die Braut von Messina."
„Da haben Sie den Beweis. Meine Frau und Tochter besuchen nur das Theater, wenn« was zu lachen gibt."
„Ah so", machte Herr Hertel und sie schritten weiter.
Herr Hertel mußte über etwas Nachdenken; er trug den Kopf gesenkt. Plötzlich sagte er so ganz leichthin: „Die Damen, mit denen ich in einer Loge saß, waren jedenfalls Mutter und Tochter. Die Mutter eine ehrwürdige Erscheinung, die Tochter lieblich, wie ein Frühlingstag. Die Mutter trug ein graue«, die Tochter ein blaues Kleid und auf dem reizenden Köpfchen ein Barett von —"
„Na, da beruhigen Sie sich", lachte Bornstein, „meine Frauensleute sino's nicht gewesen. Wenn die ins Theater gehen, sind fie justement wie heute angezogen. Meine Alte braune» Kleid, AtlaS- mantille, Uhr mit Kette; meine Emma weiße» Tüllkleid und ungarischer Hut."
„Eine wahre Hitze!" ächzte der Fabrikherr au» Bielefeld.
Der Meister nickte und gähnte, ihm fehlte da» Nachmittagsfchläschen.