1886.
Mittwoch, den 5. Mai
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Fuldaer
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Die Besetzung des Mainzer Bischofsstuhles.
* In der Osterwoche wurde nicht allein den Mainzer, sondern auch allen deutschen Katholiken die überraschende Nachricht zu Theil, daß eine Verständigung zwischen dem hl. Stuhl und der großherzoglich hessischen Regierung erzielt sei und die Ernenming des Domkapitulars Dr. Haffner zum Bischof von Mainz bevorstehe. Die Nachricht kam aus guter Quelle und ist bis jetzt noch nicht widerrufen worden. Wenn auch die offizielle Bestätigung ^seitens der großherzogl. hessischen Regierung noch nicht erfolgt ist, so ist dieselbe aber zuverlässtgen neuesten Nachrichten zufolge stündlich zu erwarten. Der hessischen Regierung nahestehende Persönlichkeiten haben dem Erwählten bereits privatim davon Kenntniß gegeben und ihn beglückwünscht.
Paul Haffner ist ein Schwabe, geboren am 21. Januar 1829 zu Horb in Württemberg als Sohn des königlichen Ober-Amtsarztes Dr. Haffner, welcher im hohen Alter von 89 Jahren in Mainz sein Leben beschloß, ist also jetzt 57 Jahre alt. Am 10. August 1852 empfing er die Priesterweihe, wirkte kurze Zeit als Vicar in Biberach und als Repetent am katholischen Wilhelmsstist zu Tübingen, wurde bereits im Herbst 1855 als Professor der Philosophie an das Mainzer Seminar berufen und am 20. Mai 1866 zum Domkapitular ernannt. Seit mehr als 30 Jahren ist er jetzt mit den Verhältnissen der Stadt und Diözese Mainz verwachsen.
Jeder deutsche Katholik weiß, wie unter der Verwaltung des Bischofs Wilhelm Emanuel Mainz ein Mittelpunkt kirchlichen Geisteslebens wurde^Jabrzehnte hindurch wirkten hier gleichzeitig drei der hervorragendsten deutschen Priester und Gelehrten: Johann Baptist Heinrich als Dogmatiker, Christoph Moufang als Regens und Moralist, Paul Haffner als Philosoph, miteinander und mit ihrem Bischöfe durch engste Freundschaft und gleiches Streben verbunden. Weit über die Grenzen der Mainzer Diözese hinaus haben sie gewirkt; ein Strom geistiger Erfrischung hat sich aus den Hallen des Mainzer Seminars über die deutsche Kirche ergoffen, Tausende von Priestern verehren diese Männer als ihre Lehrer und Leiter.
Das Leben Hasfner's verlies in rastloser Arbeit. Neben seinem Lehrberuf entfaltete er eine bedeutende schriftstellerische Thätigkeit. In der ersten Hälfte der sechziger Jahre fallen seine Schriften: „Der moderne Materialismus", „Die deutsche Aufklärung", „Der Materialismus in der Kulturgeschichte", später erschienen die Studien über Lessing und die Gräfin Ida Hahn-Hahn, 1881—83 die „Grundlinien der Philophie"; dazu kommt eine lange Reihe von Aufsätzen und Broschüren verschiedenen Inhalts. Alles, was er schrieb, trägt den Stempel eines tiefgläubigen, begeisterten Gemüthes und eines feingebildeten Geistes, der die Sprache mit vollendeter Meisterschaft handhabt. Vielleicht noch mehr hat er gethan durch das zündende
O Ein Tag des Schreckens. 2
Humoristische Spitzbubengeschichte von K. N.-Str.
„Da bin ich doch neugierig!" rief die Meisterin.
Der Gemahl breitete den Fahrplan über den Tisch aus, setzte die Brille auf die Nase und bemerkte nach eifrigem Studium: „Schnellzug 9 Uhr; mit dem fährt August. Punkt 10 Uhr ist er da. Er wird die beste und schattigste Laube aussuchen und nicht vom Platze gehen. Er kann überhaupt bis zum Abend bei uns bleiben, der Junge ist gut, er soll auch einen vergnügten Tag haben. Erster Personenzug 12 Uhr; mit dem fahrt Ihr beide. Auf diese Art braucht Ihr Euch nicht zu übereilen und löst August ab, der kein Sitzfleisch hat. Ich würde gleich mit Euch fahren, wenn ich nicht zwischen 11 und 12 eine nothwendige Besprechung mit dem Tischler Brune- mann in Weinerts Bierhaus hätte; das läßt sich nicht mehr aufschieben. Zweiter Personenzug 2 Uhr 30 Minuten; mit dem komme ich. Der Spaß wird etwas kosten, aber eine Ausnahme kann man schon einmal machen."
Bornstein schritt zur Thür und rief hinan»: „August! Schnell!"
lebendige Wort, als Lehrer, Prediger und Redner, als Sprecher auf den Generalversammlungen der katholischen Vereine Deutschlands, als Vorstandsmitglied der Görres- Gesellschaft, in welcher er der philosophischen Sektion präsidirt, in Volksversammlungen, Predigten und wissenschaftlichen Borträgen.
Wenn die Vereinbarung der hesstschen Regierung mit dem hl. Stuhle über die Besetzung des bischöflichen Stuhles nur den ersten Schritt aus dem Wege zum Frieden bezeichnet, so hätte die Wahl nicht leicht auf eine geeignetere Persönlichkeit fallen können. Bei allem priesterlichen und wissenschaftlichen Ernst, bei aller Strenge gegen sich selbst ist Haffner ein Mann von den seinsten Formen und wirklich seltener persönlicher Liebenswürdigkeit, bei Hoch und Nieder beliebt; zahllos sind seine Freunde, einen Feind dürfte er kaum haben, und speziell in Mainz ist er eine entschieden volksthümliche Persönlichkeit. An ihm würde die Schuld nicht liegen, wenn die so oft schon getäuschte Hoffnung auf Beilegung der kirchenpolitischen Wirren in Hessen wiederum nicht in Erfüllung gehen sollte. Vorläufig hoffen wir gern, daß die Kunde, welche die Osterwoche uns gebracht, für die Mainzer Diözese der Vorbote einer bessern Zeit nach einem Jahrzehnt voll von Kampf und Trauer sein wird.
Dem Mainzer Journal' zufolge ist, wie schon erwähnt, aus Rom bei dem bischöflichen Ordinariate zu Mainz die offizielle Anzeige eingetroffen.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Mai.
* Das Abgeordnetenhaus nahm heute seine Verhandlungen nach Ablauf der Osterpause wieder auf und trat bei dicht besetzten Tribünen in die erste Berathung der kirchenpolitischen Vorlage ein. Abg. Dr. Gneist (nat.-lJ wandte sich in längerer Ausführung gegen die Vorlage, welche den gewünschten Frieden nicht bringen könne, und beantragte schließlich Verweisung der Vorlage an eine 21gliedrige Kommission. Gegen den Schluß der Rede Gneist's, 10 Minuten nach Uhr, erscheint Fürst Bismarck. Es wird die Rednerliste verlesen. Gegen die Vorlage sind eingeschrieben u. A. die Freikonservativen Dr. Wehr, Frhr. v. Zedlitz, sowre die Deutschfreisinnigen Virchow und Rickert; für die Vorlage stehen eine Menge Namen auf der Rednerliste, darunter auch, wie wir hervorheben, der Abgeordnete Richter, der Führer der
Sofort trat August, der Bursche, vor seinen Herrn und Meister.
„Jetzt ist die Uhr acht. In einer Stunde fährst Du mit dem Dresdener Zug nach Wurzen. Hier ist em Gulden. In Wurzen fragst Du nach Poppens Kaffeehaus „Zur Gemüthlichkeit", und dort suchst Du die beste und schattigste Laube aus; wenn wir da sind, darf uns kein Sonnenstrahl plagen. Hast Du ganz genau verstanden? — Emma, drei Butterbrode mit Schinken für den Jungen."
August machte einen Freudensprung. „Meister, Sie sollen eine Laube haben, die sich gewaschen hat. Dafür werde ich sorgen. Na guten Morgen !"
Und um neun Uhr rollte der Bursche gen Wurzen.
Gleich nach dem zweiten Frühstück ließ sich Bornstein so aus: „Kinder, wir wollen den Wur- gener zeigen, daß Meister Bornstein etwas vor sich gebracht hat. Ich werde im Frack bei Poppens erscheinen. Du, Lottchen, ziehst das braune Mouffelinkleid an, nimmst die Atlasmantille und vergissest nicht, die goldene Erbsenkette anzulegen. Du, Emma, wirfst Dich in da« weiße Tüllkleid mit den grünen Pidcktchm und setzest den unga-
Deutschsreisinnigen. Erster Redner für die Vorlage ist Abg. Dr. Windthorst: Die Rede Gneist's fordere sehr stark zur Erwiderung auf. Jndeffen es gebe eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum Schweigen. Namens des Cent rums erklärt Redner, daß es bte Vorlage, wie sie aus dem Herrenhaus gekommen, einfach acceptiren wird. Das Centrum wird keine Amenvements stellen, auch nicht in die Diskussion eintreten; das Centrum wird nicht diskutiren, wenn es nicht besonders provocirt wird. Das Centrum wird auch auf etwaige Interpretationen der Einzelbestim- mungen nicht eingehen, auch wenn sie van der Ministerbank Herkommen. Das Centrum sage damit nicht, daß es die Interpretationen billige, aber auch nicht, daß es dieselben nicht billige. Auch auf die Interpretation der Noten Jacobini'S wird das Centcum nicht eingehen. Das Centrum ist erfreut über die Lage, in der wir uns befinden. Es ist, das sage er mit besonderer Befriedigung, der Regierung und dem leitenden Staatsmanne ernst, die Sache zu beendigen. Das Centrum hat deshalb gar keine Veranlassung, eine Kommissionsberathung zu beantragen, da die Zeit drängt, wichtige Aufgaben im Abgeordnetenhaus und im Reichstag zu erledigen. Namens der Polen erklärt der Abgeordnete Dr. v. Jazdzewski sich kurz für die Vorlage, aber Amendements werden die Polen stellen, um.die Ausnahmestellung der polnischen Katholiken zu befestigen. Namens der Deutschkanservativen gibt der Abgeordnete v. Rauch Haupt die Erklärung ab, daß seine Partei geschloffen für die Vorlage stimmen werde, wie dieselbe aus dem Herrenhaus gekommen ist; sie werde gegen Kommissionsberathung öotiren. Herr v. Rauchhaupt interpretirt dann die Vorlage und die Anzeigepflicht, wobei er das Entgegenkommen der Kurie und die Haltung des Episkopats besonders hervorhebt. Er erklärt sich voll- bereit, der Regierung in der Revision der Maigesetze zu folgen: Die Konservativen wollen den Rechten des Staates nichts vergeben, sie wollen nur den Katholiken den Frieden geben, den diese schon so lange ersehnen. Namens der National- liberalen erklärt bann der Abg. v. Cuny, daß sie geschloffen gegen die Vorlage stimmen werden. Wir Nationalliberale, sagt er, haben Mißtrauen gegen die Kurie. Er spricht es noch ein paar Mal aus, und als er schließlich ausgelacht wird, stellt er
rischen Hut mit der braunen Feder auf. Kinder, wir werden uns machen!"
Diesen Vorschriften wurde genau Folge geleistet.
Punkt halb zwölf gingen Madame Bornstein und Fräulein Emma nach dem Dresdener Bahnhof, und das Familienhaupt begab sich in Weinerts Bierhaus in der Peterstraße.
Das Bier, welches Herr Weinert kredenzt, war und ist berühmt. Deshalb war in dem geräumigen Lokal auch jeder Tisch besetzt. Unser Bornstein mußte also an einem Tische Platz nehmen, an welchem bereits ein Gast saß.
Dieser Gast war ein etwa dreißigjähriger Herr mit Backenbart, goldener Brille und wahrer Baßstimme. Seine Kleidung war modern aber durchaus einfach.
„Ist erlaubt?" fragte der Meister, auf den leeren Stuhl deutend.
„Mit Vergnügen," entgegnete der Herr.
Der Meister zog seine Sonntagsdose vor und nahm eine Prise.
„Ein prachtvolle Dose," bemerkte der Herr.
„Ein Prischen gefällig?"
Danke; ich schnupfe nicht."
„Ein Erbstück, lieber Herr, vielleicht schon hun-