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JM 98. Sonnabend, den 1. Mai 1886.

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Zweites Blatt.

* Am mißen Sonntag.

Jubelnd ist der Lenz erwacht, Freut euch seiner Blüthenpracht! Doch im heil'gen Gottesgarten, Wo die Osterlüfte roetj’n, Seh' ich schön're Blumen steh n, Deren treu die Engel warten.

Rosen wachsen ohne Dorn An der Gottesliebe Born In Gestalt von Kinder Herzen: Blüthen roth und Blüthen weiß. Heil'ge Andacht, Jubelpreis Flammet licht aus ihren Kerzen.

All' der Helle Blumenschein, Himmelsgärtner, er ist dein! Mit dem Blut, das du vergossen, Das dir aus dem Herzen quoll, Hast du zärtlich, liebevoll Diese junge Saat begoffen.

Wem von diesem Blüthenzelt Auf das Herz ein Blättchen fällt, Thränen müssen reich ihm fließen; Denn aus sel'ger Kinderzeit Unentweiht vom Sündenstreit Rauscht's um ihn wie Engelgrüßen.

Ach! zu bald von deinem Haupt Ward der lichte Kranz geraubt. Den du einst so fromm getragen. In des Lebens Wüste kam Der Versucher bald und nahm Dir, was nie ersetzt dein Klagen.

Kind, wohl bist du schwaches Rohr, Aber blick' zum Kreuz empor!

Klamm're dich mit Liebesarmen Um den Baum des Lebens fest! Wer im Sturm nicht von ihm läßt, Dessen Herz wird nicht verarmen.

* Stirn Kreuz au der Linde.

(Schluß.)

Das Geschäft wurde immer mehr vernach­lässigt, die nothwendigen Arbeiten wurden von den Gesellen, da keine Aufsicht da war, immer schlechter besorgt, und so kam es denn, daß nach und nach fast kein Mensch mehr bei dem die meiste Zeit trunkenen Meister arbeiten ließ. Noth und Elend stellten sich als grausiges Gefolge ein, und so weit kam's, daß eines Tages das Haus verstei­gert wurde, da die Forderungen der Eisenlieferan­ten und anderer Gläubiger nicht anders mehr ge- deckt werden konnten. O, wie härmte sich das arme Weib, und wie durchzuckte namenloses Weh ihr Herz, wenn ihr Blick auf die drei armen Kin­der fiel, die durch des eigenen Vaters Schuld so früh schon bittere Noth kennen lernen mußten. Das kleine, von der Tante ererbte Kapital war auch dahin, und so mußte Agnes darauf sinnen, wie sie mit ihren schwachen Kräften den Unterhalt der Familie bestreiten könne. Da sie eine ge­schickte und fleißige Hand zum Nähen hatte und bei Allen beliebt und herzlich bemitleidet war, so fehlte cs ihr bald nicht an Arbeit, und nun war sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend, ja oft bis in die Nacht hinein mit der Nadel thätig. Unterdessen besorgte die 14jährige Helena unter der Mutter Anleitung und Hülfe die Arbeiten des Haushaltes. Der 11jährige Ernst und die kleine, 7jährige Anna besuchten die Schule. Und der Vater? — Er arbeitete hin und wieder für einen andern Meister, aber nur, um immer Mittel zu haben, seiner elenden Trunksucht zu fröhnen. Weib und Kinder bekamen von seinem Verdienst selten etwas zu sehen. Lärmend, fluchend und tobend kam er meistens erst zu später Nachtstunde heim. Agnes war und blieb ihm die hingehendste liebevollste Gattin, die auch seinen kleinsten Be- dürfnisien sorgsam Rechnung trug, aber all' ihr freundliches Ermahnen, ihr herzliches Zureden war

umsonst. Sie schwieg fortan und betete nur um so inbrünstiger für ihn. Sollte der gütige Gott einer Gattin Seufzen und beharrliches Flehen um die Bekehrung des Gatten unerhört lassen? — Du weißt nun, liebe Leserin, um was das bleiche und abgehärmte Weib dort zur stillen Abendstunde vor dem Kreuz an der Linde fleht und bittet.

Der Vorabend vom weißen Sonntag war heran­gekommen, und morgen sollte die erste heilige Kommunion vieler Kinder der Stadt in der fest­lich geschmückten Pfarrkirche feierlich begangen werden. Auch Ernst, Agnesens einziger Sohn, ge­hörte zu den Glücklichen. Agnes hatte Monate lang gearbeitet und gespart, um ihrem Sohne eine der Hoheit des Tages gemäße Ausstattung zu geben und der Knabe hatte sich, Dank der trefflichen Erziehung der Mutter und Lehrer, so gut auf die erhabene Handlung vorbereitet, daß sein Seelsorger des Lobes über ihn voll war. O, welchen Trost gewährte das der Mutter, und wie ganz ^glücklich hätte sie sein können, lastete nicht auf ihrer Seele der eine schwere Druck. Sie zitterte bei dem bloßen Gedanken daran, daß auch morgen der Vater im schrecklichen Zustande der Trunkenheit tobend und fluchend nach Hause käme. Zwar glaubte sie bemerkt zu haben, daß er seit einiger Zcit etwas fleißiger arbeite, auch hin und wieder einen Tag das Wirthshaus meide, aber diesen Abend noch hatte er den Weg zur Schenke eingeschlagen und die leise im Herzm ge­hegte Hoffnung schwand wieder. Sie hatte mit Helenas Hülfe alles für den morgigen hohen Fest­tag vorbereitet, Ordnung und Sauberkeit herrschte in jedem Winkelchen der kleinen Wohnung. Die beiden Kinder schliefen und Agnes lenkte ihre Schritte zum nahen Missionskreuz, unterdessen die Tochter noch eine kleine Näharbeit besorgte. Der Weg führte sie an der Schenke vorbei. Sie blieb horchend am Fenster stehen, sich wundernd, daß sie nicht die Stimme ihres Mannes vernehme und ging dann weiter. Bald hatte sie das Z'el ihrer kleinen Wanderung erreicht und kniete auf dem Bänkchen vor dem Bilde des Gekreuzigten.

Es war ein milder, schöner Abend. Hell und lieblich funkelten die Sternlein am klaren Himmel, und gar freundlich schimmerte das Licht der ewigen Lampe aus der Kirche herüber durch die Zweige der Linde ihr entgegen als ein Liebesgruß von dem, der im Tabernak-l den Thron der Erbarmung aufgeschlagen und gesagt hat: Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Und Agnes betete, betete immer heißer und inbrünstiger und mit größerm Vertrauen für den Sohn, daß er nimmer, nimmer abweiche vom Pfade der Tugend, für den Gatten, daß er end­lich den Weg des Verderbens meide und sich be­kehre. Sie hatte lange gebetet, und stiller Friede und heilige Ruhe senkten sich in ihr gequältes Herz. Da plötzlich war es ihr, als höre sie leise ihren Namen nennen, und wie sie zur Seite blickt, steht ihr Mann neben ihr.

„Agnes, kannst du mir verzeihen, daß ich bis- heran dein Leben mit Schmerz und Kümmerniß erfüllte, und willst du mir helfen, ein besserer Mensch zu werden?" Mit diesen Worten redete er sie an. Wer könnte schildern, welches Wonne- ; gefühl in diesem Augenblicke das Herz der Viel- ' geprüften durchbebte! Ihr langjähriges heißes ; Gebet ist also erfüllt, der Gatte will zurückkehren ■ zum Wege der Pflicht. Er vergießt Thränen 1 aufrichtiger Reue und sie Thränen innigsten Dankes I gegen den Himmel. Hier beim Kreuz an der Linde ' erneuert er im Angesichte Gottes das Versprechen, das er ihr vor 18 Jahren am Altäre ^gegeben, ' in treuer Liebe und Sorge ihr ergeben zu sein.

Sie knieten beide nieder vor des Herrn Bild, und mild und erbarmend schaute des Gekreuzigten Auge auf sie herab. Drüben aber im Tabernakel erhob sich segnend eins Hand über den reuigen Gatten und sein edles tugendhaftes Weib.

Auf dem Heimwege erzählte er ihr, wie schon seit einiger Zeit mit ihm eine Veränderung vor­gegangen. Er habe an seinem wüsten Leben nach und nach Ekel bekommen, der Gedanke an Tod und Ewigkeit habe ihn manchmal plötzlich erfaßt, doch habe er es immer wieder nicht über sich ver­mocht, Versuchung und Gelegenheit zum Trunk zu überwinden und zu meiden. Heute Abend aber habe er keine Ruhe in der Schenke gefunden, und als dann gar der brave Nachbar zu ihm getreten und ihm ein Gebetbuch gezeigt, das er seinem Pathcnkinde Ernst für den morgigen hohen Fest­tag als Kommunionandenken gekauft, da sei es ihm plötzlich erschütternd klar geworden, wie nie früher, welch ein schlechter Gatte und pflichtver­gessener Vater er bisher gewesen. Er habe Scham und Abscheu vor sich selbst empfunden und sei dann hinausgeeilt feiner Wohnung zu. Da er dort die Mutter nicht gesehen, habe er sie beim Missions- kreuz gesucht und gefunden. Unterwegs kam ihnen Helena entgegen, die nach der Mutter sehen wollte, da deren langes Ausbleiben sie beunruhigte. O, wie freute sich die gute Tochter, da sie aus einigen Andeutungen der Mutter vernommen, was geschehen.

Bald umfing süßer Schlummer die nun so glücklichen Menschen. Am andern Morgen in aller Frühe aber fand sich der Vater in der Kirche ein, um vor Gottes Stellvertreter reumüthig das Bekenntniß seiner Schuld abzulegen und dann nachher mit der Gattin gemeinschaftlich zum heiligen Liebcsmahle hinzutreten. Als er darauf der ersten heiligen Kommunion seines Sohnes beiwohnte, weinte er Thränen heiliger Rührung und Freude und erbaute durch seine Andacht die ganze Ge­meinde, die sich seine plötzliche Aenderung nicht deuten konnte, da man ihn viele Jahre hindurch nicht mehr in der Kirche gesehen. Größeres Glück und größere Freude herrschte an diesem weißen Sonntage wohl in keinem Hause des Städtchens, als in der Familie unseres Handwerkers. Sein Versprechen hat er redlich gehalten mit Gottes Hülse und unterstützt durch das Gebet seines Weibes und seiner Kinder.

Ec arbeitete, so viel in seinen Kräften stand. Wohl hatte er manchen schweren Kampf in der Ver­suchung zur alten Leidenschaft zu bestehen, aber er mied geistiges Getränke gänzlich und beim Kreuz an der Linde fand er immer wieder Kraft und Stärke.

Agnes brauchte nun nicht mehr mit Aufgebot aller Kräfte um das tägliche Brod zu arbeiten; und es war auch hohe Zeit, denn langjährige schwere Sorgen und noch mehr Gram und tiefes Leid hatten zu sehr an ihr gezehrt.

Ernst erlernte die Schlosserei mit vielem Fleiß und Geschick und wurde in der Folge ein sehr gesuchter Arbeiter. Als nach einigen Jahren der Vater starb, fand die Mutter an ihm die treueste Stütze und den liebevollsten Ernährer.

Helena aber, deren ganzes Sinnen und Trachten nur auf den Himmel gerichtet war, trat mit Er- laubniß der Mutter in ein Kloster ein und wid­mete sich als des Herrn Braut dem Dienste der Armen und Kranken.

Anna, das jüngste Kind, folgte nach einigen Jahren dem Vater in die Ewigkeit und starb wie er eines erbaulichen Todes.

Bis in ihr hohes Alter hinein ging Agnes noch gern und oft zur Abendstunde zum Kreuz an der Linde, Gott dankend für alle Segnungen, die sie hier zu des Gekreuzigten Füßen so reichlich em­pfangen. (,Ess. Stgsbl.')