J\S 96.
Donnerstag, den 29. April
1886.
Fuldaer
Sb ,Fulda« Leitung" «scheint täglich, Bonn. und Febrtag» ausgenommen. Bi«tel,ährlich-r «bonnementspre,s ohne Br.ngerlohn und Bestellgeld. 1 Mk. oO P g., mit der SellLtstischen «ochenbeilage »Sterne und Blumen" in Fulda 1 M. <0 Psg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Inserate: Db einspaltige Zeile ob« d«en Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Die bedrohte Hausindustrie i« der Cigarrenfabrikatio«.
Fürst Bismarck al» preußischer Handel-Minister hat die Bezirksregierungen aufgefordert zur Be- antwortung der Frage, „ob für die Cigarrenfabrika« timt auf die gänzliche Beseitigung der hausindustriellen Betriebe Bedacht zu nehmen fei." Nach dem amtlichen Bericht der Reichs-EnquLte-Commission von 1878 vertheilt sich die Cigarrenfabrikation ziemlich gleichmäßig auf die drei Kategorien Groß-, Klein« und Hausindustrie. Es heißt in dem Enqustebericht alsdann weiter: „Die Bezeichnung „Hausindustrie" wird überhaupt in verschiedenem Sinne angewendet. Die Kommissionen in Darmstadt, Schwerin und Braunschweig wollen darunter nur die Verarbei- tung von Rohmaterial zu bestimmten Fabrikaten durch den Arbeiter und seine Familienangehörigen in seiner Wohnung für eigene Rechnung verstan- den wissen, die in Schwedt, Minden, Dresden und Erfurt nur die Verarbeitung für Rechnung des Fabrikanten, während die übrigen Kommissionen beides darunter zusammen fassen. In der Regel sind es Arbeiter aus der Tabakbranche, gelernte Cigarrenmacher, welche entweder neben ihrer Fabrikarbeit in den freien Stunden weiterarbeiten, oder aber lediglich in ihrer Wohnung mit ihren Familienangehörigen , sei es für eigene Rechnung, sei es für einen Fabrikanten beschäftigt sind. Dazu kommt noch die ärmere Landbevölkerung in den Gegenden, wo größere Fabriken existiren, oder Tabakbau in größerem Umfange betrieben wird. Eine besondere wirthschaftliche Bedeutung wird dieser Jndustrieart in den Commissionsbezirken, Berlin, Magdeburg, Minden, Kassel, Osnabrück, Ludwigshafen, Dresden, Mannheim, Oldenburg, Bremen und Hamburg beigemeffen." Es wird insbesondere Aufgabe der Handelskammern in den genannten Bezirken sein, zu dem Reskript des Fürsten Bismarck Stellung zu nehmen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. April.
* Die hiesigen Blätter sind überwiegend der Meinung, daß die letzten Schritte Griechenlands auf einem zwischen diesem und Frankreich abgekarteten Spiele beruhen. Die.Kreuzztg." schreibt,
— Dir letzte Sraßu oou Maudrrscheid. 52
Roman von Antonie Haupt.
„Ja wohl," erklärte Antonius, „ich bemerke eine Extrapost, welche in den Schloßhof einfährt." Er schaute aufmerksam hinab. „Ein stattlicher Herr steigt aus; sein Gesicht kann ich nicht sehen, es ist von der Hutkrempe verdeckt. Eigenthümlich, er kommt nicht zu uns, sondern fragt nach dem Herrn Amtmann."
Run war es sicher, jetzt nahte die Katastrophe! Erika’s Hände zitterten so, daß sie die Stickerei kaum halten konnte. Mit Angst und Bangen sah sie erwartungsvoll dem Augenblicke entgegen, in welchem die Thüre sich öffnen und Graf Sternberg eintreten werde. Sie nahm nicht den geringsten Antheil mehr an der Unterhaltung und gab auf Fragen entweder keine oder so zerstreute Antworten, daß ihr Benehmen auffallen mußte. Endlich kam ein Diener und überbrachte dem alten Grafen eine Karte.
„Der Herr wird mir willkommen fein," sagte Seine Exzellenz, und zu den Damen gewendet fügte er lächelnd hinzu: „Ein alter Bekannter meldet sich."
E» war wirklich eine stattliche Männererschei-
Griechenland werde sich in ganz bestimmter Form aussprechen müffen, ob es in acht Tagen zur Abrüstung schreiten wolle oder nicht. Die .Norddeutsche" meint, man werde sich fragen müffen, ob der plötzliche Rückfall des Athener Kabinets in seine alte Widerspenstigkeit das richtige Mittel sei, den Griechen Anwartschaft auf eine besonder- rücksichtsvolle Behandlung seitens der Mächte zu verleihen.
* Die Abendblätter bringen ein Frankfurter Telegramm, demzufolge zu dem diesjährigen Kaisermanöver in den Reichslanden keine fremdherrlichen Offiziere geladen werden sollen.
* Zwei neue Vorlagen sind gestern dem Reichstage zugegangen: ein Gesetzentwurf betr. die Begründung der Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten und eine „Systematische Ueber« sicht der im deutschen Reiche geltenden gesetzlichen und polizeilichen Bestimmungen über die Vornahme gewerblicher Arbeiten an Sonn- und Festtagen.""
* Einige katholische Blätter haben in der letzten Zeit in einem gewissen Uebereifer die zwischen Rom und Berlin getroffene vorläufige Abmachung über die Gewährung der Anzeigepflicht beargwöhnt und dabei die Grenzen der Kritik überschritten, welche die Ehrfurcht vor dem päpstlichen Stuhle ihnen gebieten mußte. Ein Artikel des Moniteur de Rome’ wendet sich gegen diese Franktireurs und sagt in wörtlicher Uebersetzung: „Die katholische Preffe Deutschlands bewahrt eine löbliche Reserve gegenüber- den Schreibereien der Blätter aller Schattirungen in Betreff der neuen Kirchenvorlage. Sie glaubt, daß die Ereigniffe eine außergewöhnliche Wendung nehmen werden und daß Deutschland sich von einem Moment zum andern am Vorabende einer großen Politik religiöser und sozialer Restauration finden kann. In« dessen gibt es einige kleinere rheinische Blätter, welche einen Mißton in diese Harmonie geworfen haben. Wir könnten zwei oder drei citiren, welche in falscher Auffassung der Tragweite der Anzeige- pflicht daran pesfimistische und ungerechtfertigte Reserven hinsichtlich der vatikanischen Note vom 4. April knüpften. Angesichts der korrekten Haltung der maßgebenden katholischen Preffe sind diese vereinzelten Verirrungen dieser Blätter um so bedauerlicher, weil sie des Geistes der Disziplin, der Achtung und des festen Vertrauens gegen den hl. Stuhl entbehren. Ist es die Mission dieser nung, welche gleich darauf die Schwelle überschritt und sich mit ritterlichem Anstand verneigte.
Mit lautem Freudenschrei: „Hans von Anethan!" flog Erika dem jungen Manne entgegen.
„Grüß Gott, meine verehrte Kousine," sagte dieser voll Innigkeit. Er nahm ihre beiden Hände in die seinen und schaute Ihr lange tief und forschend in die Augen.
Heißes Erröthen flog über Erika's Antlitz. Jetzt fühlte sie erst, wie auffallend sie sich benommen, da sie in der überwallenden Freude ihres Herzens, statt des Grafen Sternberg Hans van Anethan zu sehen, diesen viel stürmischer bewillkvmmt hatte als die Schicklichkeit es erlaubte. In ihrer Verschämtheit sah sie doppelt reizend aus, und die Blicke des jungen Mannes hingen förmlich entzückt an ihr.
Desto finsterer schaute Antonius drein; auch er war erröthet und hatte sich, wie im Zorn, unwillig abgewendet.
Die Gräfin schaute lächelnd auf die Scene und sagte schelmisch: „Ich sehe, Sie kommen sich von dem Wohle Ihres liebenswürdigen Koufinchen zu überzeugen."
Jetzt erinnerte sich Herr pon Anethan, daß er
Blätter, eine solche Politik zu machen, besonders da sie den Stand der Frage noch nicht kennen?"
* Die Berliner Ardeiterinnen-Bewegun g, welche s. Z. mit nicht ungünstigen Aussichten auf Erfolg in’« Leben trat, droht an der Klatsch« und Schwatzsucht der Führerinnen und an der Theilnahmlosigkeit der Arbeiterinnen zu scheitern zur nicht geringen Freude der Unternehmer, welche keine Gelegenheit versäumten, um das Auftreten der Arbeiterinnen zu diskreditiren. In der letzten Zeit sind die zahlreichen Versammlungen der Arbeiterinnen meist unter wüstem Lärm und gegenseitigen Beschimpfungen der „Führerinnen" verlaufen, so daß man sich nicht wundern kann, wenn ein Theil der Preffe die ganze Bewegung nicht mehr ernst nimmt, fonbern nur noch im Possenstil über dieselbe berichtet. Neuerdings haben sich einzelne „Führerinnen", resp. deren Ehrenmänner an Herrn Stöcker und dessen christlich-soziale Partei herangemacht, nicht etwa, um die Bewegung an Herrn Stöcker auszuliefern, sondern um denselben im „Jntereffe der guten Sache" anzupumpen. Herr Stöcker hat denn auch einige Banknoten aus- gehäudigt, aber damit nur erneuten Anlaß zu den widerlichsten Erörterungen in Arbeiterinnen - Versammlungen geliefert. Bereits ist die ganze Bewegung in verschiedene Sekten zersplittert, die sich unter einander befehden. Statt daß man über Lohn-Angelegenheiten und über die Mittel zur Aufbefferung der Sage der Arbeiterinnen beräth und beschließt, wird der größte Theil der Versammlungen mit müßigem Kiatsch, Ausfällen gegen den Anti-Semitismus und seichten, anti-religiösen Aufklärungsphrasen ausgefüllt, von denen die Arbeiterinnen niemals satt, wohl aber vollständig konfus werden.
* Das vorläufige Ergebniß der Volkszählung vom 1. Dezember 1885 im Deutschen Reich ist soeben vom kais. statistischen Amt im Februarhefte seiner Zeitschrift veröffentlicht worden. Die ortsanwesende Bevölkerung des deutschen Reiches stellt stch hiernach aus 46,840,587 Köpfe. Seit dem Jahre 1880 hat dieselbe eine Vermehrung von 1,606,526 Köpfen erfahren, das macht einen Zuwachs von durchschnittlich jährlich 0,70 pCt. der mittleren Bevölkerung der Periode. In den fünf Jahren 1. Dezember 1875/80 hatte Die Reichsbevölkerung sich überaus stark vermehrt, nämlich um 2,506,689 Köpfe ober durchschnittlich jährlich auch die gräfliche Familie zu begrüßen habe; er that dies mit der vollendeten Gewandtheit eines Weltmannes.
„Ich muß gestehen, gnädige Gräfin," versicherte er, als die Ceremonie vorüber war, baß bas Verlangen, meine verehrte Kousine wiedersehen, eine mächtige Triebfeder zu meiner Reise hierher bildete. Die eigentliche Veranlaffung jedoch ist eine andere: Ich kam, um von Herrn Amtmann Lamberti die Einwilligung zu der Heirath seines Sohnes Joseph mit meiner Schwester Klara zu erbitten."
„Wie? Jst’s möglich? So erzählen Sie doch!" klang es von allen Seiten.
Man ließ sich nieder und Herr von Anethan berichtete:
„Wie Ihnen bekannt, hat Joseph den Felddienst oerlaffen und kam nach Trier, um sich anstellen zu laffen. Durch Vermittlung meines Vater» gelang es ihm, sofort eine Advokatur zu erhalten. Kaum war er in Amt und Würde, als er noch mehr von meinem Vater verlangte: die Hand seiner Tochter. Was wollte dieser machen? Klär- chm behauptete, ohne Joseph nicht leben zu können, und so gab er seinen Segen zu der Verbindung. Ich wurde mit dem Auftrage betraut, die