Sonnabend eine Audienz beim Kardinalstaats- sekretär Jacobini gehabt, sondern soll auch ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers an den hl. Vater übergeben, lieber den Besuch bei dem Kardinalstaatssekretäc (vom Sonnabend) liegt der .Germania' auch bereits eine briefliche Nach- richt vor, mit der Zufügung: „Es verlaute, Herr v. Schlözer habe bestimmte Instruktionen seitens des Fürsten Bismarck in Betreff der Anzeige und der weiteren Revision der Kirchengesetze mitgebracht."
* Dem Bundesrathe ist eine Vorlage, betreffend die Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen (türkisch, orientalisch, persisch, indisch, chinesisch, japanisch) zugegangen. Das Institut ist als preußische Einrichtung unter Betheiligung des Reichs geplant.
• Der Hofprediger Stöcker ist voll von Kummer und Aerger. „Es muß traurig stimmen," sagte er in einer öffentlichen Versammlung, „daß die protestantische Kirche nicht die ihr gebührende Stellung einnimmt. Da ist die katholische Kirche besser daran. Manche Leute hassen sie; aber man zeigt doch einen gewissen Respekt vor ihr, alle Welt beschäftigt sich jetzt eben mit ihr, und wenn Bischof Kopp oder der Papst nur ein freundliches Wort sagen, so ist der Jubel und die Freude allenthalben groß. Um die protestantische Konfession kümmert sich Niemand ... Die Hauptfehler der protestantischen Konfession sind die unausgeglichenen Gegensätze im Innern und ihr Verhältniß zum Staate. Wenn es sich um katholische Dinge handelt, so ist das Centrum einig wie ein Mann; wenn es sich um protestantische Dinge handelt, dann ist mit den Gegnern auch der protestantische Fortschritt dagegen. Es ist ein Jammer und ein Scandal! .. . Ungläubige, Kirchenverächter gibt es überall, in der katholischen Kirche noch mehr (??) als in der protestantischen; aber daß bei uns solche Leute in den kirchlichen Behörden und Korporationen sitzen und die Konfession ruiniren, das ist das Elend' Ebenso daß Geistliche, die vielleicht zwei Drittel von dem, was sie predigen, selbst nicht glauben, dennoch Prediger der Konfession sein können, und die an- ; deren, welche glauben, was sie predigen, der : Heuchelei beschuldigen, das ist das Elend! . . . Wie soll," so fragt er, „die Konfession da zu einer Kraft kommen?" Stöcker kommt auf seine Affaire mit dem Prof. Baumgarten, der ihn jetzt ! der Lüge befchuldigt und ihn auffordert, ihn vcr's ; Gericht zu ziehen, und sagt: „Das ist schon der ■ zweite Professor, mit dem ich „in’s Gericht gehen" ! soll (der andere ist der hiesige Professor der Theologie Dr. Strack), es fällt mir aber gar nicht ein, ! ich klage nach den gemachten Erfahrungen nicht mehr. ... Ich will Prof. Baumgarten gern zu Willen sein, daß er zur Ruhe tarne, er möge mir aber sagen, wie sich's mit seiner Professur verhält, möge den Widerruf formutiren, damit es nicht wieder eine „Unwahrheit" werde. . . . Was ist viel Unterschied zwischen den Berliner Verhältnissen und denen in Kamerun? Daß dort vielleicht die Heiden leichter für das Christenthum gewonnen werden, als hier die Geister zurückzugewinnen sind.
abzuholen. Unter diesen Verhältnissen können Sie nicht hier bleiben, Sie würden sich aufreiben, würden zu Grunde gehen, das sehe ich ein. Wenn Graf Sternberg eintrifft, so ist es früh genug, unserer gnädigen Frau Ihre erlauchte Herkunft zu verrathen und ihr mitzutheilen, daß Ihr Herr Vetter Sie nach Böhmen entführe. Ueber die andere Geschichte braucht ja kein Wort geredet zu werden."
Die Komtesse nickte sinnend: „Sie haben Recht, Herr Amtmann, so ist es am besten; ich danke Ihnen von Herzen. Dies Alles hätte ich mir ersparen können, wenn ich vor zwei Jahren den Bitten und Vorstellungen meiner Verwandten gefolgt und nicht in verblendeter falscher Selbstüberhebung darauf bestanden hätte, mein Recht auf dem Schlosse meiner Vorfahren zu vertheidigen. Doch, vielleicht war es besser so; Gott hat mich durch Drangsale geprüft und zur richtigen Er- kenntniß geführt. Der Gedanke, daß dieses Elend bald ein Ende haben soll, wird mich aufrecht erhalten."
Roch an demselben Abend, als Erika äußerlich wieder ruhig und gefaßt im gräflichen Familienkreise weilte, flüsterte der Amtmann ihr zu, daß der verhängnißvolle Brief bereits auf dem Wege nach Böhmen sei.
Wenn gesagt wird, die protestantische Konfession wolle herrschen, so ist das Thorheit. Herrschen will nur die katholische Kirche (??), die protestantische ist tolerant, sie läßt Jedem seine Bibel, daß er darin forsche, und schließt selbst Ungläubige nicht aus. . . . Die intolerante (??) katholische Kirche muß bekämpft werden, aber nicht durch falsche Gesetze — im Kulturkampf sind viele Fehler gemacht worden — auch nicht dadurch, daß man den Papst zum Schiedsrichter in politischen Dingen macht, sondern durch den protestantischen Geist. Auch vor der Revolution wird die katholische Kirche nicht schützen (??), die protestantische kann es durch das ihr innewohnende lebendige Christenthum (??) . . . Der Protestantismus ist herabgekommen und versudelt, weil er nicht gepflegt worden ist. Berlin ist der Vorort des deutschen Protestantismus; ist es nicht entsetzlich, raß der Protestantismus gerade hier so herabgekommen ist gegen Katholizismus und Judenthum?" Daß Stöcker von einem protestantischen Deutschland spricht, muß man seiner Aufregung zu gute halten.
• Die katholische .Aachener Volkszeitung' schreibt, daß der sonderbare Ton, den das ebenfalls in Aachen erscheinende ,Echo der Gegenwart' dem hochw. Herrn Bischof Kopp gegenüber wie bezüglich der Erklärung des Freiherrn v. Solemacher- Antweiler angeschlagen, bei der Parteileitung Mißbilligung gefunden habe. Es hecht in dem betr. Artikel: Als der hochw. Herr Bischof Kopp an den kirchenpolitischen Verhandlungen theilnahm, welche zu der jetzt dem Abgeordnetenhause vorliegenden Novelle führten, folgte Hochderselbe einem ihm von höchster kirchlicher Seite ausgesprochenen Wunsche, und schon aus dem Grunde war die Sprache einzelner katholischer Organe über den Kirchenfürsten nicht am Platze, ganz abgesehen davon, daß die Presse es ängstlich vermeiden muß, sich auch nur den Schein zu geben, als wollte sie sich zum Richter über den Episkopat oder einen einzelnen Bischof aufwerfen. Aus verschiedenen Kreisen, welche über die Stimmung in der Centrumsfraktion und ihrer Leitung unterrichtet fein müssen, wird uns denn auch auf das bestimmteste versichert, daß derartige Auslassungen katholischer Organe dort entschiedene Mißbilligungen gefunden haben, insbesondere habe der ganze Ton des ,Echo der Gegenwart' über den hochw. Herrn Bischof Kopp im Centrum keinen guten Eindruck gemacht. Es folgte sodann das Telegramm dreier katholischer Herrenhaus- und zweier Reichstagsmitglieder nach Rom, über welches Herr Frhr. v. Solemacher-Antweiler in einer „Erklärung" das den Thatsachen Entsprechende, wie wir nochmals betonen, mitgetherlt hat. Zu den beiden Reichstagsabgeordneten zählt auch Herr Frhr. Ignaz v. Landsberg-Steinsurt, welcher ganz gewiß an dem Vorgehen nicht theilgenommen hätte, wenn ihm dasselbe irgendwie als unkorrekt erschienen wäre. Daher war es höchst deplaeirt, daß das ,Echo der Gegenwart' diese Herren als „politische Ignoranten und katholische Querulanten" bezeichnete und das Vorgehen selbst als „eine dem höhern Adelthnme eigene Vordringlichkeit und ab
geschmackte urqualisizirbare Ueberhebung" charak- terifirte. Die maßgebende Presse unterließ es auch nicht, auf das Ungeeignete eines solchen Tones Hinzumeisen. Diese Auffassung wurde in der Centrumsfraktion geteilt, wie wir bereits versichert haben und hier, weil dazu provozirt, nochmals wiederholen. Im Interesse der Partei und der katholischen Sache überhaupt ist dringend zu wünschen, daß die katholische Presse eine derartige Sprache vermeidet, die mit ihren scharfen Ausdrücken einerseits verletzt, andererseits, weil sie leicht zu Mißveutungen führt, den Gegnern Stoff zu Angriffen gibt. So und nicht anders wünscht es die Centrumsleitung und muß es wünschen, und man sollte glauben, daß es angesichts der Verhältnisse nicht einer besonderen Mahnung in diesem Sinne bedurft hätte.
* Straßburg, 25. April. Der ,Volksfreund' erhält von der bischöflichen Behörde nachstehende amtliche Berichtigung, die an der Spitze seines Blattes veröffentlicht:
An die Nachricht, daß, laut einer Note des Cardinals Jacobini, der h. Vater die ständige Anzeig e gewährt, wenn die preußische Negierung eine balvige, vollständige Revision der Maigesetze verspricht, knüpft der ,Volksfreund' in seiner letzten Nummer unter dem Titel „Wichtige Nachricht" geivisfe Aeußerungen nebst einem Auszuge aus der ,D. Rrichsztg.', in welchen die eventuelle Zusage der Anzeigkpflicht bedauert, wo nicht offen getadelt wird, weil „bann die katholische Kirche in Preußen schweren Prüfungen entgegengeht, als die je dagewesen sind". Es ist äußerst auffallend, daß ein für unser katholisches Volk bestimmtes Blatt sich erlaubt, den Papst, dessen hohe Weisheit und Klugheit von der ganzen Welt, sogar von den Feinden der Kirche anerkannt nnd bewundert wird, hinzustellen, als verstände er es nicht, die Interessen der Kirchs in Deutschland zu wahren, noch dem Drucke der Staatsgewalt aus allzu großer Friedensliebe genug zu widerstreben; vielmehr hätte Se. Heiligkeit selbst durch eine dem Erzbischof von Köln gemachte Aeußerung zu den Forderungen der preußischen Regierung Anlaß gegeben. Ich muß deshalb aus heiliger Amtspflicht öffentlich gegen derartige Deutungen mich aussprechen, dieselben als ungeziemend, für den hl. Vater verletzend und gegen die kirchliche Disziplin verstoßend bezeichnen und zugleich mein lebhaftes Bedauern kunddeben, daß dieselben den unserm hl. Vater so ehrfurchtsvoll ergebenen Gläubigen dieser Diözese beigebracht worden sind. Straßburg, 19. April 1886. f P. Paul, Bischof-Coadjutor.
Der .Volksfreunv' begleitet den Abdruck des bischöflichen Schreibens mit nachstehender Bemerkung :
Wir bedauern, daß wir aus Versehen in unser Blatt eine Correspondenz ausgenommen haben, welche eigene und aus dem katholischen Blatt .Deutsche Reichszeitung' entlehnte Aeußerungen enthielt, die wir mit unserm hoch- würdigsten Herrn Bischof höchst mißbilligen. Unserm hl. Vater Leo XIII. drücken wir hiermit unsre tiefste Ehrfurcht und Unterwürfigkeit aus. Die Erfolge seiner hohen Weisheit und Klugheit haben wir ja schon längst mit Bewunderung begrüßt. Das in der päpstlichen Note ausgesprochene Urtheil über das Friedenswerk ist für uns maßgebend. Der ,Volksfreund' stand immer im Dienste des hl. Vaters und der heiligen katholischen Kirche und hofft, mit Gottes Gnade diesem seinem erhabenen 'Ziele immer treu zu bleiben.
* München, 25. April. Die .Franks. Ztg.' meldet: Nach einer mir soeben von einem hervorragenden Landtagsmitglieoe zugehenden telegraphischen Mittheilung sucht das Ministerium that- sächlich Fühlung mit den Abgeordneten in der Kabinetskassenfrage zu gewinnen. Somit
16. Kapitel.
Jst's der Ritter, der so magisch Seine Fessel um sie schlingt? O der martervollen Lage, Die mich zur Verstellung zwingt.
Wolff.
Sowie der Frühling in das Land zag, trat auffallende Besserung im Gesundheitszustand des jungen Grafen ein. Die Wunde in der Brust heilte rasch und vollständig, und die Heilung des Annes war auch so weit vorgeschritten, daß der Arzt ohne Besargniß Waldeck wieder verlassen konnte. „Ich übergebe Sie jetzt der Fürsorge des vortrefflichen Meisters Pies, komme aber nach einigen Wochen zurück, um mich zu überzeugen, daß Sie wieder freien Gebrauch von Ihrem Arme machen können," hatte er beim Abschied gesagt. Eigenthümlich war es, wie mit der fortschreitenden Genesung sich auch das Benehmen des Grasen Antonius gegen Erika änderte. Wenn er früher sinster und schweigsam war und ihre Nähe vermied, so schien er sie jetzt zu suchen, ja, er bestrebte sich sichtlich, ihr mit Freundlichkeit zu begegnen. Erika dagegen bemühte sich, ihm auszu- weichen, blieb stets befangen und von großer Zurückhaltung. Sie litt namenlos unter dem fortgesetzten Verkehr mit ihm; dennoch rief auch wieder
der Gedanke, daß sie in kurzer Zeit nach Böhmen hinweggeführt werde, einen Schmerz hervor, welchen vor sich selbst einzugestehen sie sich schämte.
Es war ein sonniger Frühlingsmargen. Erika saß mit der gräflichen Familie zusammen in dem wohnlichen Gemache, das wir bereits kennen gelernt haben. Antonius war heute besonders heiter, und sein glänzendes Auge ruhte häufig mit dem Ausdruck warmer Theilnahme auf dem über eine Handarbeit gebeugten Mädchen. Eben trat er an's Fenster und schaute hinaus in die Lenzenspracht.
„Wie schön ist es doch hier, und wie wohlthuend ist die Frühlingsluft," sagte er mit einem tiefen Athemzuge. „Wir müssen erst krank werden und leiden, um diese köstlichen Geschenke Gottes ganz zu würdigen."
Da ertönte der Helle Klang eines Posthornes ganz in der Nähe des Schlosses. Erschreckt fuhr die Komtesse zusammen, das Hornsignal in dieser abgelegenen Gegend verkündete ihr, daß Gras Sternberg nahe, daß sie vielleicht heute schon von Walveck scheioen müsse, und wie ein Alpdruck legte es sich auf ihre Seele.
„Was ist das?" fragte Gräfin Boos aufhorchend. „Es scheint, wir bekommen Gäste."
(Fortsetzung folgt)