J\£ 95. Mittwoch, den 28. April 1886.
Jiilbarr
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* Eine Audienz beim hl. Bater.
Am letzten Mittwoch wurden acht deutsche R o m p i l g e r (die vier Centrums - Abgeordneten Amtsgerichtsrath Brandenburg, Amtsrichter Fritzen, Landrichter Jmwalle und Bürgermeister Mooren, ferner zwei Geistliche der Diözese Münster und zwei junge Kölner Juristen) vom h. Vater in besonderer Audienz empfangen, bei welcher Leo XIII. Veranlassung nahm, sich in eingehender und sehr bemerkenswerther Weise über die kirchenpolitische Lage zu äußern. Der Güte eines der Herren Theilnehmer verdankt die .Kölnische Volkszeitung' eine längere briefliche Mittheilung, welcher wir gestern in Kürze die wichtigsten Punkte entnahmen und die wir nun heute wörtlich folgen lassen.
Da der Empfang durchaus privater Natur und eine eigentliche Berichterstattung ausgeschloffen war, so kann nachstehender Bericht selbstverständlich weder auf Vollständigkeit noch auf wörtliche Genauigkeit Anspruch erheben.
Kurz vor 12 Uhr wurden die erwähnten Herren durch den Majordomus Msgr. Macchi eingeführt. Der hl. Vater ergriff sofort das Wort und führte in französtscher Sprache etwa Folgendes aus.
„Eine Erkältung, an welcher Ich in der vorigen Woche litt, hat Mich verhindert, Sie bereits früher zu empfangen. Ich freue Mich, Sie bei Mir zu sehen. Mehrere von Ihnen werden demnächst das neue kirchen-politische Gesetz zu berathen haben. Es ist ein Schritt zum Frieden. Man hat Mir die, wie Ich glaube, aufrichtigen Gefühle der Regierung ausgedrückt, und Ich hoffe, daß wir mit der Zeit einen guten und dauerhaften Frieden haben werden. Für besonders wichtig halte Ich die Wiedereröffnung der Seminare, weil sie die Pflanzschulen für die Erziehung der Geistlichkeit und die Predigt des Glaubens sind. Man hat eine Verständigung über die Personen der Seminar- Profefforen mit der Regierung verlangt; aber es
— Die letzte Gräfin vou Manderscheid. 51
Roman von Antonie Haupt.
Draußen stand sie und preßte die Hand auf ihr wild schlagendes Herz. Sie fühlte sich unbeschreiblich glücklich, daß er endlich ein freundliches, anerkennendes Wort, einen warmen Blick für sie gehabt.
Der nächste Tag sollte ihr eine herbe Enttäuschung zu Theil werden laffen. Als sie, dem Ruf der Gräfin folgend, das Vorzimmer betrat, um die angefangene Lektüre zu vollenden, vernahm sie, wie Antonius sagte:
„Mutter, ich wünsche ferner nicht, daß Du mir die junge Dame zum Vorlesen schickst. Es ist mir lieber, wenn Du diese Aufgabe wieder übernimmst, die Stimme der — Fremden zu hören, ist mir auf die Dauer unmöglich; wenn Du noch heiser bist, so kann ich ja warten."
„Aber ich begreife Dich nicht, Antonius," entgegnete die Gräfin vorwurfsvoll; „eine beffere Vorleserin wie Eugenie könntest Du auf der Welt nicht finden, und gestern schienst Du auch ganz damit einverstanden."
„Ich bin recht wetterwendisch, liebe Mutter."
Da» junge Mädchen hatte genug gehört. Tief
ist nöthig, daß die Bischöfe die völlig freie Wahl der Profissoren haben. Die Wiederbesetzung der Seelsorgestellen wird einen Damm gegen die Fortschritte der Irreligiosität und der sozialistischen Bestrebungen bilden.
„Ich glaube, heißt es da u. A., daß Sie jetzt mit Vertrauen in die Zukunft blicken dürfen. Setzen Sie Vertrauen auf die Fürsorge des hl. Stuhles. Auch Se. Majestät der Kaiser hat mich seiner wohlwollenden Gesinnungen und seiner Entschließung versichern lassen, den Wünschen de» Katholiken entgegenzukommen.
„Vom ersten Tage meines Pontifikates an habe ich jeden Tag an Deutschland gedacht und täglich zu Gott gebetet, daß Er Deutschland den kirchlichen Frieden zurückgebe. Jetzt scheint eine Besserung der Zustände einzutreten. Ich habe die Entwickelung der Dinge in Ihrem Vaterlande genau verfolgt und alles für dasselbe gethan, was in Meinen Kräften stand. Alles auf ein Mal ist nicht zu erreichen; die langsame, allmälige Besserung liegt in der Natur der menschlichen Dinge, zumal in Ihrem Vaterlande, wo keine Einheit des Glaubens herrscht und man bei der in seinem Wesen begründeten Gegnerschaft des Protestantismus gegen den Katholizismus darauf hingewiesen ist, sich zu vertragen.
„Es liegt durchaus im Jntereffe des Staates, daß die Seelsorgestellen wieder besetzt werden, und der Einfluß des Katholizismus wieder in Kraft tritt; gerade den Katholiken bewahren seine festen Grundsätze davor, dem Sozialismus nachzugeben, und die Befriedigung der religiösen Bedürfniffe der Katholiken wird auch dem Staate zu gute kommen. Dieselben wiffen, daß sie Pflichten haben gegen die Kirche, den Staat und die kaiserliche Familie.
„Ich liebe Deutschland sehr und bete täglich für sein Wohl. Ich freue mich über die gute Haltung der dortigen Katholiken, welche im Parlament eine so tr-ffliche und um die katholischen Interessen hoch verdiente, ausdauernde und aufopfernde Vertretung gefunden haben, deren Anstrengungen es mit zu verdanken ist, daß der Kirche wieder größ re Freiheit gewährt wird. Sollten neue Kämpfe entstehen, Sie würden gewiß wiederum mit Muth und Beharrlichkeit in di. selben eintreten; aber diese Noth Wendigkeit befürchte ich nicht, und mit Dank gegen Gott müssen wir die
gedemüthigt eilte sie in ihr Zimmer; es war ihr, als habe sie einen vernichtenden moralischen Schlag erhalten. Jetzt kannte sie seine wahren Gesinnungen: Wenn es nicht anders sein konnte, so ertrug er ihre Gegenwart als unvermeidliches liebel, im tiefsten Herzen jedoch verabscheute er sie. Wie bereute sie in dieser Stunde, daß sie ihrer Schwäche nachgegeben und seine Ankunft auf Waldeck erwartet hatte! Am liebsten wäre sie sogleich in die weite Welt geflohen; von ihrem ehemaligen Hauptfeinde hatte sie ja nicht» mehr zu fürchten. Doch womit konnte sie solch «ne plötzliche Abreise vor der Gräfin rechtfertigen? Eher wäre sie gestorben, als daß sie diese mit ihren Lebensschicksalen, mit ' chren Seelenqualen bekannt gemacht hätte. Für's Erste, wenigstens so lange, bis ein Ausweg gefunden war, mußte sie auf Waldeck in seiner Nähe ausharren mit dem Bewußtsein, von ihm als Aufdringliche verachtet zu werden. Da» war ein Abgrund der Demüthigung, und die Qual war so grenzenlos, wie sie bisher noch keine kennen gelernt hatte.
Amtmann Lamberti, welcher Erika aufsuchte, um ihr freudig mitzutheilen, daß sie drunten im Thale den ersten Baum in der Blüthe sehen könne, fand sie bitterlich weinend in die Sophaecke ge-
Besserungen annehmen, welche jetzt kommen werden. Sie werden bald über die neue Vorlage zu beschließen haben. Gewisse Reserven werden den Umständen gemäß erforderlich fiin — aber darüber will ich hier nicht Richter sein! Sie wissen selbst, wessen die Kirche bedarf, und der Rath weiser Führer steht Ihnen zur Seite. Nehmen Sie die Vorlage mit Befriedigung und Wohlwollen auf, wenn dieselbe auch nicht alles gewährt, was der Kirche noth thut."
Hierauf hielt Herr Bürgermeister Mooren eine kurze Ansprache, in welcher er seine uno der Centrums-Fraktion Ergebenheit und Begeisterung für den hl. Stuhl zum Ausdruck brachte und für sich und seine anwesenden Freunde, für die Wähler derselben und für ihr Vaterland den Segen des hl. Vaters erbat. Sodann überreichte Herr Rektor Strumann mit einer lateinischen Anrede den Peters- pfennig der Diözese Münster und erbat für dieselbe ebenfalls den päpstlichen Segen. In seiner Antwort dankte der hl. Vater für diese Gabe, sprach nochmals seine Anerkennung für die Verdienste des Centrums und die Anhänglichkeit des katholischen Volkes aus, welches ihn in seiner schwierigen Lage treu unterstütze, und theilte mit, daß er die Anwesenden aus Oster-Sonntag zu seiner hl. Messe in der sixtinischen Kapelle zugelassen habe uno ihnen die hl. Kommunion reichen werde. Nachdem die einzelnen Herren noch besondere Anliegen vor- getragen hatten, wurde die Audienz nach stark halbstündiger Dauer mit Ertyeilunz des päpstlichen Segens geschlossen.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. April.
* Der Kronprinz ist zwar fast vollständig wieder hergestellt, muß sich aber noch einige Schonung auferlegen und war deßhalb auch während der Feiertage noch an das Zimmer gefesselt. — Unterstaatssekretär Graf Herbert v. Bismarck ist an einer Lungenentzündung erkrankt; seit gestern ist indeß eine leichte Besserung eingetreten.
* Der preußische Gesandte beim Vatikan, Herr v. Schlözer, hatte der.Nationalzeitung' zufolge dem Papste zum Osterfeste als Geschenk des Kaisers ein ebenso kunstvoll gearbeitetes wie kostbare» Kreuz zu überbringen. Herr v. Schlözer hat nach telegraphischen Nachrichten nicht nur bereits am
schmiegt. „Sie meinen, liebes Fräulein?" fragte er betroffen.
Da war es vorbei mit aller Zurückhaltung. Zu dem lieben, ehrwürdigen Herrn hatte die Kom- reffe schon vom ersten Augenblicke an ein besonderes Vertrauen gefaßt, und während ihres Zusammenseins hatte sich dieses nur noch befestigt.
„Haben Sie eine Stunde Zeit für mich, Herr Amtmann?" fragte sie. „Ich möchte mir Ihren Rath und Ihre Hülfe erbitten."
„Ich wäre glücklich, Fräulein Eugenie, wenn ich Ihnen einen Dienst leisten könnte," lautete die herzliche Entgegnung.
„So laffen Sie mich Ihnen bekennen." Erika entwarf nun dem alten Herrn rückhaltlos ein Bild ihres ganzen Lebens, sie schilderte ihm ihre Liebe, ihre Zweifel und Seelen quälen. .
Mit maßlosem Staunen, aber auch mit innigem Mitleid hörte der Amtmann aufmerksam ihre Erzählung an. Als sie geendet, sagte er voll warmer Theilnahme: „Hier, meine gnädige Gräfin, weiß ich keinen bessern Rath, al» daß ich heimlich an Ihren Vetter, Herrn Gräfin von Sternberg, nach Böhmen schreib«, ihm mittheile, daß Ste auf Waldeck seien und ihn bitte, daß baldigst er selbst oder ein zuverlässiger Bote hierherkomme, um Sie