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94. Dienstag, den 27. April 1886.

Di» ,Fulda« Zeitung' «scheint tSglich. Sann- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne UNS vlumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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) Mk. 1.— (ohne Bestellgeld) jederzeit ange­

nommen.

Deutsches Reich.

: Berlin, 26. April.

* Am letzten Mittwoch wurden acht deutsche Rom pilger (die vier Centrums - Abgeordneten Amtsgerichtsrath Brandenburg, Amtsrichter Fritzen, Landrichter Jmwalle und Bürgermeister Mooren, ! ferner zwei Geistliche der Diözese Münster und

- zwei junge Kölner Juristen) vom h. Vater in

besonderer Audienz empfangen, bei welcher Leo XIII. Veranlassung nahm, sich in eingehender und s sehr bemerkenswerther Weise über die kirchen-

' politische Lage zu äußern. Der Güte eines

der Herren Teilnehmer verdankt die ,Kölnische Volkszeitung' eine längere briefliche Mittheilung, ) welcher wir, indem wir uns das Weitere für

morgen Vorbehalten, vorläufig in Kürze entnehmen, daß der hl. Vater den neuen kirchenpolitischen Gesetzentwurf einen Schritt zum Frieden nannte und die Hoffnung aussprach, daß wir mit der Zeit einen dauerhaften Frieden haben werden. „Ich glaube, heißt es da u. A., daß Sie jetzt mit Vertrauen in die Zukunft blicken dürfen. Setzen Sie Vertrauen auf die Fürsorge des hl. Stuhles. Auch Se. Majestät der Kaiser hat mich seiner wohlwollenden Gesinnungen und seiner Entschließung versichern lassen, den Wünschen der Katholiken entgegenzukommen. . . . Nehmen Sie

1 die neue Vorlage mit Wohlwollen auf, wenn

. sie auch nicht Alles gewährt, was der Kirche noth ihm." Die Audienz dauerte eine halbe Stunde.

* Für Herrn v. Schlözer war nach der ! .Kreuzztg.' ein Kourier in Rom bereit gehalten, ' i der sofort abgefertigt werden sollte, nachdem der

‘, \ Gesandte den Papst und Kardinalsstaatssekretär

gesehen.

* Der Unterstaatsfikretär des Handelsministe­riums, Möller, ist nach kurzem Krankenlager ge- storben.

— Die letzte Sröjiu vou Marrderscheid. * * * * * * * * * * * * * * * * 50

Roman von Antonie Haupt.

Eine nie gefühlte Beklommenheit bemächtigte sich Erika's, als jetzt der Augenblick des Wiedersehens vor ihr stand. Mit klopfendem Herzen und wirr durch einander ringenden Gefühlen harrte sie am Portal gleich den übrigen Schloßbewohnern dem fest verschloffenen Reisewagen entgegen. Nachdem dieser langfam angefahren war, stieg erst die Gräfin aus; theilnehmend und glückwünschend umringte man sie. Dann sah Erika, wie der • Arzt und Graf Boos den Verwundeten aus dem Wagen, woselbst er auf bequemem Polsterlager geruht hatte, in einen Tragseffel hoben und in das Schloß trugen. Vorficht war noch immer nöthig, sein rechter Arm hing ja zerschmettert in । der Binde, und seine Brust war von einem Ba- (jonetstich durchbohrt. Das junge Mädchen stand tief ergriffen zur Seite. Welche Wandlung war mit dem kraftvollen, jugendschönen Manne vorge­gangen? Seine einst so selbstbewußte Haltung war müde und abgespannt, und fein ehemals so feu­riges Auge blickte halb verschleiert, matt und gleichgiltig.

Die Gräfin von Boos faßte Erika bei der

— Die neue, dem Bundesrath zugegangene Zuckersteuervorlage nimmt die Besteuerung der Rüben mit 1^/ig Mark per Doppelzentner, @xport« bonifikation vom 1. Oktober 1886 bis 30. Sep­tember 1887 mit 18, dann mit IT1/^ Mark in Aussicht.

* Ein Strike der Berliner Zimmerleute steht bevor. Dieselben verlangen den neunstündigen Arbeitstag und einen Stundenlohn von 50 Pfg.

* Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat unterm 7. d. M. die königl. Eisenbahn-Direktionen angewiesen, die zeitige Lage der Preis- u. Arbeits­verhältnisse dazu zu benutzen, die Ausführung namentlich der durch besondere Kreditgesetze ge­nehmigten Neubauten unv Umbauten von Eisenbahnen kräftigst zu betreiben. Soweit die zu diesen Bauten erforderlichen Vorbereitungen abgeschloffen seien und dementsprechend die Aus- führung bereits in Angriff genommen werden bezw. eingeleitet werden könne, fti für die energische Förderung der Arbeiten alsbald noch besondere Anordnung zu treffen und die Befolgung derselben sorgfältig zu überwachen. Rücksichtlich derjenigen Bauten, bereit Inangriffnahme durch die Seitens der Jntereffenten zu erfüllenden Vorbedingungen bezw. durch die von den Landes-Polizeibehörden gestellten Anforderungen bisher noch zurückgehalten werde, fei, sobald und soweit diese Umstände solches irgend zulässig erscheinen (affen, mit den speziellen Vorarbeiten vorzugehen und die Fertigung der letzteren nach Möglichkeit zu beschleunigen, während im Uebrigen mit Nachdruck auf die Erledigung der der Inangriffnahme des Baues entgegenstehen­den Hindernisse hingewirkl werden müsse. Den Ober-Präfidenten und den königlichen Regierungen hat der Minister Abschrift dieser Verfügung zu­gehen (affen, um auch ihrerseits den in Betracht stehenden Verhandlungen und Prüfungen jede thunliche Förderung angedeihen zu [affen.

• Das Jahr 1886 verspricht für Deutschland in wirthschaftlicher Beziehung ein günsti­geres zu werden als das Jahr 1885. Der Export aus Norddeutschland nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika war im ersten Quartal d. I. um mehr als IOV2 Millionen Mark höher als im ersten Quartal 1885. Eine entsprechende Zunahme hat auch der amerikanische Export Westdeutschlands und Süddeutschlands aufzuweisen.

* Professor Dr. Schweninger begiebt sich Hand und führte sie in das Gemach, wohin man Antonius gebracht. Als die Damen eintraten, hob er den Blick, und ein Ausduck namenloser Ueberraschung belebte seine Züge. Heller Freu­denschein zuckte verklärend darüber hin, ja es schien, als ob er seine Hand zum Gruß entgegen­strecken wollte.

„Hier bringe ich Dir unser Fräulein Eugenie von Anethan, von deren Liebenswürdigkeit ich Dir so viel erzählt habe," stellte seine Mutter das junge Mädchen vor.

Der Freudenschein auf Antonius' Antlitz war erloschen; mit einem matten, aber verbindlichen Lächeln neigte er leicht das Haupt und begrüßte die junge Dame mit einigen höflich kühlen Worten, welche Erika in Zweifel setzten, ob er sie wieder- erkannt habe.

Erröthend und stockend sprach sie ihr Bedauern über die Heimkehr des Grafen unter solch trau­rigen Umständen und ihre herzlichen Wünsche für seine baldige Genesung aus.

Sein Vater, welcher Erika freundlichst bewill- kommt hatte, bemerkte hierzu: „Wir wollen hoffen, daß in der ruhigen Zurückgezogenheit die Heilung schnell voranschreiten werde. Das Gute ist beim Nebel: Antonius wird nun dem rauhen Kriegs-

Ende Mai nach St. Petersburg, um den Zaren zu behandeln.

। * Baden-Baden, 24. April. Hier einge»

। troffensn Nachrichten zufolge wird die deutsche [ Kaiserin «m Mittwoch den 5. Mai in unserer | Stadt eintreffen uhd wie jedes Jahr ihre Woh- , nung für die Dauer des Aufenthalts im Meßmer'- schen Hause nehmen.

Ausland.

* In Westgalizien scheint eine Bewegung unter den Bauern an Umfang zu gewinnen. Wie die polnischen Blätter erfahren, hat das Militär- Kommando in Krakau auf Veranlassung der politischen Behörde einzelne Kavallerie-Abtheilungen auch denjenigen westgalizischen Ortschaften birigirt, in denen sich diese Gährung bemerkbar macht. Aus Bircza wird berichtet, in der dortigen Gegend mache sich unter dem Landvolke ebenfalls eine Aufregung geltend, da das Gerücht kursirt, die Schlachzigen hätten die Absicht, während Der Öfter» feiertage die Bauern zu überfallen. In Ulucz bildete sich eine Bauernwache, die einen bewaffneten Widerstand organifirt. Der Bezirkshauptmanu in Dobromil hat angesichts dieser Panique Maß­nahmen getroffen, um die Gemüther zu befänftigcn. Die sonderbarsten Gerüchte verbreiten sich in den Dörfern wie ein Lauffeuer. Eine Infanterie- Kompagnie ist unter Kommando des Hauptmannes Fröhlich nach Bobowa abgegangen; das übrige Militär in den Bezirksstädten ist marschbereit.

* Graz, 24.April. Es war im Jahre 1869, als in der damaligen Aera des lib. Bürger- ministeriums der Vertreter des Deutschkatholicismus, der sattsam bekannte Johannes Ronge nach Graz kam, um dort von den hochgehenden Wogen des Liberalismus für seinen Deutschkatho­licismus zu profitiren. Bei seiner ersten Rede hatte die Neugierde viele Besucher in den damals bestandenen Meerscheingarten geführt; als es aber an die Bildung einer Sektengemeind; kam, da wurden die Reihen sehr spärlich und sind kaum ein paar Dutzend Personen derselben beigetreten. Der Altkatholicismus oegetrte ein paar Jahre hindurch und wurde ftin Ansehen durch die aus Deutschland verschriebenen Pastoren von sehr zweifelhafter Qualität nicht gehoben. Ja, als man zu dem Zugmittel griff, jedem Sektenmitgliede einen Antheil an dem etwaigen Treffer eines —

Handwerk entsagen und auf unseren Gütern in

friedlicher Weise seinen Nebenmenschen nach Kräf­

ten nützen.

„Ob ich will, mein Vater, werde ich nicht ge­

fragt," sprach der junge Mann finster; „es er­

gibt sich schon von selbst, daß der Krüppel keine

Heldenthaten zur Befreiung des Vaterlandes ver­

richten wird."

„Sie sehen zu schwarz, verehrter Herr Graf,"

tröstete der Arzt; „nach menschlicher Berechnung

werden Sie in einigen Jahren wieder ebenso

kraftvoll die Waffe führen und ebenso wirksam

Ihre Schaar befehligen können, wie Sie dies im

Herbst vor Mainz gethan haben."

Antonius blieb traurig und schweigsam. Sein

Trübsein theilte sich auch den Uebrigen mit, und

so zog die Unterhaltung sich ziemlich einsilbig hin. Eine Fluth von Zweifeln wogte in Erika's Brust. Ob er mich wirklich nicht wiederkennt? Will er mir durch sein Benehmen zeigen, daß meine Ge­genwart ihm unangenehm sei, daß er mich ver­achte? Oder ist es allein sein körperliches Leiden, der Gedanke an feine Unfähigkeit zum Dienste des Vaterlandes, was ihn so verstimmt? Sie athmete ordentlich erleichtert auf, als der Arzt erklärte, daß der Herr Graf jetzt einige Stunden vollständiger