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1886.

Sonnabend, den 24. April

vte Fuldaer Stttuna' erscheint täglich, «a-.n- und Feiertage ruSgensminen. Bierteljährlicher Aüonnem-ntspreis ohne Br-iigerlohn und Brstellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, mit der ° 5 8 U£wfAm »ochenbeilage ,Sterne und Blume»' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Psg.

Inserat«: Dl« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sag. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

Erlöst.

Eine Ostergeschichte von Carlos Armand.

(Schluß.)

Mitternacht! —

Wie ein silbernes Feenschifflein schwimmt der Mond im blauen Aether und gießt sein mildes, weiße« Licht verklärend hinab auf die schlummernde, srühlingsduftige Erde. Wie ein müdes Kind ruht die Welt in der Hut der ewigen Sterne, die ganze Natur athmet Schönheit, Frieden und Ruhe.

Aber unter brr täuschenden Ruhe dieser won­nigen, blüthenschimmerndrn Oberfläche pulfirt das Leben weiter mit rastlosem Schlage, das Leben mit seinem Elend, seinen Leidenschaften — seiner Schuld!

Sie wissen nichts von deinem Frieden, heilige Osternacht, die wilderregten Männer dort unten in der von Branntweindunst erfüllten Schenke, welche, die Augen glühend von Alkohol und Lei­denschaft, beim Spiele sitzen und mit zitternden Fingern die Würfel kreisen lassen.

Es ist gekommen, wie es kommen mußte.

Ulrich Hartmuth ist der Versuchung erlegen, die er sich vermaß, beherrschen zu können. Im Anfang hat er gewonnen, das hat ihn kühn gemacht, und al« dann das treulose Glück sich wieder von ihm gewandt, da vermochte er sich erst recht nicht los- zureißen, er mußte ja das Verlorene zurückgewin- nen um jeden Preis. Aber das Glück läßt sich nicht zwingen, immer und immer mißlang der Wurf; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, verzweiflungsvoll mußte er ein Geldstück nach dem andern zu den Genossen hinüberwandern sehen.

Die Zeiger an der Wanduhr rückten vor in gleichmäßigem Takt. Die erste Stunde war schon nicht mehr fern, uni) immer noch nahm das Spiel seinen Fortgang.

Jetzt hielt Ulrich Hartmuth das letzte Silberstück zwischen den zitternden Fingern, das letzte lieber« bleibsel von dem mit der Mühe und dem Schweiß einer ganzen Woche errungenen Verdienst! Klir- renb rollte auch dieses letzte jetzt auf den Tisch. Sein Nachbar hatte ihm eben die Würfel hinge- schoben; mit wildem Herzklopfen nahm er sie zur Hand — verzehrend folgten seine Augen den rol­lenden Steinen — sie hatten wieder gegen ihn entschieden!

Da ergriff es ihn wie ein Taumel. Er mußte weiterspielen, koste es, was es wolle! Leben und Seligkeit würde er in diesem Augenblick dem Spielteufel zum Opfer gebracht haben. Hatte er denn nichts — gar nichts mehr, was er zu einem neuen Wurf einsetzen konnte? Da glitzerte ja etwas Blinkendes, sein gierig suchender Blick war auf den Ring an seiner Hand gefallen — seinen Trau­ring, den er vor dem Altar aus Rose's vor Glück und Rührung zitternden Händen empfangen zum unauflöslichen Bunde.

Doch was war dem Spieler heilig in dieser Stunde? Hastig riß er den Reif, das Pfand der Treue — vom Finger und warf ihn auf den Tisch.

In demselben Augenblick schlug die Uhr Eins. Wie ein Schauer lief es plötzlich durch Ulrichs Gebein: ihm war, als habe eine leise, geisterhafte Stimme seinen Namm gerufen, der wie ein letzter weher Todesseufzer an seinem Ohre hinstrich. Es wurde ihm seltsam zu Muth. Eine dumpfe Angst war über ihn gekommen. Wie von einer unsicht­baren Macht getrieben, wollte er den Ring wieder an sich reißen, aber e» war schon zu spät: schon

rollten die Würfel und ........ verloren! and) dieses letzte Kleinod verloren! — —

Entsetzt blickten die Spielenden auf Ulrich: war dieses entsetzliche, schaurige Lachen wirklich von seinen Lippen gekommen? Er wußte es selbst wohl kaum, aber die Töne der eigenen Stimme hatten ihn erweckt aus dem Lcidenschaftsrausche der letzten Stunden. Wie aus einem Traume erwachend schaute er mit großen, ernüchterten Blicken umher in dem dunstigen, qaalmerfüllten Raum — zwischen den widerlich verzerrten Gesichtern seiner Kameraden, prüfend aufmerksam, als ob er das Alles zum erstenmal erblickte.

Es trieb ihn hinweg aus dieser Luft, die ihn plötzlich zu ersticken drohte. E.n ungeheurer Eckel vor den Genossen — vor sich selbst, war über ihn gekommen: hastig fuhr er empor und ohne Gruß von jenen, die ihm kopfschüttelnd nachsahen, hinwegeilend, stürmte er hinaus in dir Mondnacht, )ie ihn mit magischem Zauber umfing.

Eilenden Fußes strebte er vorwärts durch Straßen und Gassen, einzig beherrscht von dem glühenden Verlangen, zu den Füßen seiner Rose zuMeen, ihr seine Schuld zu bekennen und abzubitten, und ,hr das Versprechen zu geben, das er amMorgen der Flehenden so grausam verweigert, und das ihm nun auf den Lippen brannte, als könne jede verrinnende Minute ihm das Aussprechen desselben unmöglich machen.

Athemlos stand er eitdlich vor dem niedrigen Häuschen, das er am verflossenen Morgen im Zorn verlassen. Eine Ewigkeit schien ihm vergangen seitdem.

Langsam drückte er dieThüre auf; es war ihm plötzlich, als habe er Blei in den Gliedern, in zögernder Scham trat er über die Schwelle.

Es brannte keine Lampe in dem Zimmer; nur das Mondlicht floß in in breitem, weißem Strom durch das Fenster herein — legte sich wie ein glänzender Teppich auf den Estrich und küßte mit scheuem, zitterndem Strahl da« weiße Antlitz, das friedlich in die Kissen des Lagers dort in die Ecke gebettet war.

Die suchenden Augen des Mannes an der Thür folgten dem silbernen Wegweiser.

„Rose —" rief er laut und ungestüm. „Rose —" wiederholte er verwirrt, geängstigt, als die stille Gestalt auf dem Lager regungslos verharrte — dann endlich noch einmal — begreifend — mit schrillem Jammerlaut: „Rose!--"

Er lag 'auf den Knieen, vor dem Lager einer Tobten, mit bett Händen in grimmem Schmerz das schwarze Haar zerraufend, die Augen starr und brennend auf das traurige Bild vor ihm gerichtet.

Da lag sie vor ihm, die Hände gefaltet wie zum Gebet, in dem bleichen Antlitz ein sanftes, friedvolles Lächeln, eine gebroch'ne sturmentblätterte Rose — gebrochen durch ihn, der doch geschworen, sie pflegend zu behüten, als er sie hinwegnohm aus des Vaters stillem Blumengarten.

Nein, es konnte — es durfte nicht sein! Wieder und wieder rief er unter glühenden Küssen flehend ihren Namen: „Rose, hör mich — nur noch ein einziges Mal" .... zu spät! die bleichen Lippen lächelten weiter ihr stilles, freundliches Lächeln: sie würden sich zu keinem Wort der Bitte mehr öffnen, würden kein Wort der Verzweiflung mehr sprechen. —

Wie betäubt ließ er endlich den Kopf an den Rand des Bettes sinken. Da berührte eine leichte Hand sachte seine Schulter. Er fuhr empor: vor ihm stand eine hohe Frauengestalt in der Tracht der barmherzigen Schwestern. Dieselbe beugte sich herab, und aus einem verhüllten Korbe zur Seite

ein winziges Etwas nehmend, das sie behutsam in seine Arme legte, sprach sie in sanftem Tone:

„Seht her, armer Mann, das hat Eure Rose für Euch zurückgelassen als sie von Euch scheiven mußte: ein kleines, herziges Töchterlein! Behütet es wohl, es ist ein kostbarer Schatz: Euer Weib hat fein Dasein mit ihrem Leben erkaufen müssen."

„O, Rose, meine arme Rose! schrie da der unglückliche Vater in wildem Schmerz, „ich habe Dich gemordet, ich Elender, ich bin die Ursache Deines Todes! Da, nehmt das Kind zurück — nehmt! ich bin seines unschuldigen Anblickes nicht werth."

Erschüttert hörte die Nonne die verzweifelte Selbstanklage. Sie konnte ihm ja nicht verbergen, daß seine im Zorn vollbrachte That allerbing« das traurige Ereigniß herbeigeführt. Nachdem er ge­gangen, hatte eine Nachbarin Rose in bewußtlosem Zustand am Boden liegend gefunden. Der Schmerz und die Aufregung waren zu viel für die Arme gewesen — so mußte denn das Lager, auf das die Nachbarsfrau sie mitleidig gebettet, ihr Sterbe­lager werden.

„Sie hat mir geflucht als ihren Mörder, nicht wahr?" fragte Ulrich dumpf, „sagt mir die Wahr­heit, gute Schwester, ich beschwöre Euch."

„Nein, sie hat Euch vergeben aus vollem, ganzen Herzen — ihr letzter Athemzug war ein Gebet für Euch und das Kind. Sie hatte so sehr nach Euch verlangt den ganzen Abend hindurch; gegen Mitternacht indeß rouroe sie ruhiger, es schien, als ob sie betete.

„„Jetzt ist mir wohl, Schwester,"" sagte sie nach einer Weile zu mir. „„Ich habe gebetet für meinen Ulrich, demüthig habe ich Gott mein Herz mit seiner beim Anblick meines Kindes neuerwachten Lebenslust zum Opfer gebracht, wenn er durch meinen Tod Ulrich zurückführen will von den Abwegen, die er wandelt. — Ich glaube, der Himmel hat mein Gebet erhört,"" schloß sie mit leiser werdender Stimme, „„ich weiß es an dem Frieden, der plötzlich mein Herz erfüllt. Sagt Ihr ihm Schwester, wenn er kommt und ich nicht mehr bin, daß ich ihn segne und ihm vergebe, und daß er das Kind, das ich ihm als Vermächtniß zurück- laffe, doppelt lieben unv ihm immer ein guter Vater sein soll.--""

„Dabei lächelte sie — ein heiteres, friedvolles Lächeln, und mit diesem Lächeln ist sie hinüber« gegangen als die Thurmuhr eben die erste Stunde schlug."

„Als die Thurmuhr die erste Stunde schlug," wiederholte Ulrich, während ein Schauer seinen Körper schüttelte. „Die erste Stunde! — so hat Gott Dein Gebet erhört! so war es Dein Todes­seufzer, den ich vernahm und der mein Gewissen aufrüttelte, als ich frevelnd Deinen Ring......

O, nun verstehe ich Alles — ich erkenne Gotte- Fügung : Du hattest ihn so oft mit gläubigem Vertrauen gebeten, einen Engel zu senden, der mich befreite von dem Dämon meiner Leidenschaft. — Er wußte in feiner unerforschlichen Weisheit, daß nur Dein Todesengel mächtig genug sei, um sol. es zu vermögen, und so mußtest Du sterben, um mich zu erlösen! — Rose, meine Rose, Du sollst nicht vergebens gestorben sein!"

Der starke Mann zitterte wie ein vom Sturm geschüttelter Ast, über das Sager der Todten hin- geroorfen, schluchzte er wie ein Kind, und diese Thränen der Reue, die in heißer Fluth seinen Augen entströmten, sie wurden von seinem Engel gesammelt und vor Gottes Auge getragen, und s dort wogen sie schwerer, als die Schale seiner : Schuld: denn es steht geschrieben, daß mehr Freude ! sein wird im Himmel über einen Sünder, der