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JV 91

Mittwoch, den 21. April

1886.

Fuldaer W

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Deutsches Reich.

Berlin, 20. April.

* Se. Majestät der Kaiser ertheilte heute dem deutschen Botschafter in Paris, Grafen Münster, eine Audienz und hatte eine längere Konferenz mit dem Unterstaatssekretär Grafen Herbert Bismarck. — Graf Münster hatte bald nach seiner Ankunft Hierselbst auch eine längere Unterredung mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck.

— Die Fortschritte im Befinden des Kron­prinzen dauern an.

♦ In Berlin wird eine ständige persische Gesandtschaft errichtet. Zum Gesandten wurde ernannt Mukthar Riza Khan, der sich bereits auf dem Wege nach Berlin befindet.

•• In Betreff der gegenwärtigen kirchen­politischen Constellationen und Eventualitäten tobt der Kampf trotz der Parlamentsferien und der stillen Charwoche in einem großen Theile der Presse fort. Wir wollen uns jedoch mit diesen meist erkünstelten und unnützen Auseinander­setzungen nicht ohne Roth befaffen und auf Mit­theilung etwa vorkommender thalsächlicher Momente beschränken. Es mag nur noch constatirt sein, daß es der katholische Leser nicht ohne Lächeln und innere Genugthuung mitansehen kann, wie die Cultur- kampfblätter von ehedem jetzt, wo mit der Cultur- kämpferei kein Effekt mehr hei vorzubringen ist, sich untereinander den Standpunkt klar machen.

* lieber die in der gegenwärtigen SeffioN des Landtages bereits erledigten sowie die nach Ostern voraussichtlich noch zu erledigenden Auf­gaben enthalten die offiziösen ,Berl. Pol. Nachr? folgende übersichtliche Zusammenstellung: Obwohl das Abgeordnetenhaus in der Zeit vor Ostern nicht weniger als 64 Plenarsitzungen abgehalten hat, verbleibt für die Zeit nach der Osterpause noch der größere Theil der legislatorischen Auf­gaben. Außer dem Etat ist von größer» Vorlagen nur die erste Serie der Entwürfe zum Schutz des Deutschtums in den Ostprovinzen und die Sekundär- bahn-Vorlage erledigt. Im Uebrigen haben nur erste Lesungen stattgefunden; die krrchen-politische Vorlage indeß ist überhaupt noch nicht berathen. Außer der letzter» steht daher noch die Einzel- berathung ganzer Reihen von Vorlagen vorzugs­weise aus dem Gebiete des Schutzes gegen den „Polonismus", der innern Verwaltung und der För-

= Die letzte Srä-v non Manderscheid. 47

Roman von Antonie Haupt.

Was war das? Vor dem Schloßportale hielt der Reisewagen. Graf Boos und seine Gemahlin bleich, mit ernsten Mienen, schienen im Begriffe, einzusteigen, um sie her stand weinend und ver­stört die ganze Dienerschaft. Kaum hatte der Graf Erika erblickt, als er, ohne von ihrer eigenthümlichen Begleitung Notiz zu nehmen, auf sie zukam und die inhaltschweren Worte sprach:

„Antonius liegt im Sterben. Wir eilen nach Mainz, um ihn noch lebend anzutreffen. — Doch was bringt man hier?" Er deutete nach dem ver- deckten Tragkorb hin.

Erika war über das eben Vernommene wie er­starrt, mit Mühe nur gelang es ihr, sich aufrecht zu halten, und kaum brachte sie tonlos die Ant­wort hervor: „Einen schwerverwundeten Fran­zosen."

„Verpflegen sie ihn gut, liebes Kind, und — beten Sre für meinem Sohn." Er reichte ihr die Hand und wandte sich dann schnell, um die Thrä- nen zu verbergen.

Weinend umarmte die Gräfin das junge Mäd-

derung des Verkehrs. Zu der ersteren Gruppe gehören das Lehreranstellungsgesetz für die zwei­sprachigen Landestheile, über welches der Kom- miffionsbericht unmittelbar nach dem Wiederzu- sammentritt des Landtages festgestellt werden wird, der Entwurf betr. die Anstellung von Jmpsärzten, welcher auf Erledigung schwerlich zu rechnen hat, und das Gros der etatsmäßigen Nachforderungen, welche eben in die Budget-Kommiffion verwiesen wurden. Die Kreis- und Provinzial-Ordnung für Westfalen ist bis zur Berichterstattung gediehen. Bezüglich der Städte-Ordnung für Heffen-Naffau ist keineswegs sicher, daß sie noch zur Plenar- berathung gelangt. Das Gesetz betr. die Kommunal- besteuerung der Offiziere wird dagegen sicher zum Abschluß geführt werden. Die Kanalvorlage ist von der Kommiffion in allen ihren Theile» mit geringer Mehrheit, aber mit sehr erschwerenden Zusätzen angenommen; der Bericht wird gleichfalls bald nach Ostern fertig gestellt. Ihr Schicksal ist zweifelhaft. Die kommissarische Berathung der Nordostsee-Kanal-Vorlage wird sich wesentlich auf nebensächliche Details erstrecken; in der Sache selbst wird die Bewilligung des Präcipualbeitrages von 50 Millionen schwerlich auf Schwierigkeiten stoßen. Dasselbe gilt von der Förderung für die Verbesserung der Häfen von Altona und Geeste­münde im Betrage von lU/z und etwas über 1 Million M. Der Bericht oec besondern Kom­mission, welche zur Berathung der Verhandlungen des Landeseisenbahnrathes eingesetzt war, ist er­stattet; er wird umfassende Erörterungen auf dem Gebiete der Tarifpolitik nach sich ziehen, welche gewissermaßen eine Ergänzung der Verhandlungen über die Interpellation v. Minnigerode-Graf Kanitz bilden werden. Von Jnitiativ-Anträgen aus dem Hause ist der Gesetz-Entwurf Kropatfchek betr. die Gleichstellung der Lehrer an den nicht staatlichen höhern Lehranstalten mit den staatlich angestellten in der Kommission durchberathen; der Bericht wird demnächst vertheilt. Das Ergebniß der Plenar- berathung läßt sich noch mit Sicherheit nicht be- urtheilen; dagegen wird wohl der Antrag Bachem auf Aenderung der Städte Ordnung, sofern er überhaupt wieder vorkommt, abgelehnt werden. Der Antrag Knebel betr. die bessere Sicherung für den kleinen Realkredit harrt endlich noch der Er­örterung im Plenum. Voraussichtlich ist damit aber das gesetzgeberische Pensum der Session noch chen. „Ich hätte Sie so gerne mitgenommen, Eugenie. Doch ich sehe, daß Ihre Gegenwart hier vielleicht noch nöthiger ist. Leben Sie wohl! Wir bringen meinen Sohn lebend oder tobt."

Das gräfliche Paar stieg ein, und fort rasselte die schwere Kalesche in den N bel hinaus. Bleich, mit dem Ausdruck tiefster Seelenqual, lehnte Erika an dem Portal. Antonius, ihr Held, ihr Alles — Antonius am Sterben! Das war nicht zu er­tragen! Ihr Denken stockte und verdunkelte sich, ihr Haupt sank mit geschlossenen Augen auf den Marmorsockel des Portals. Sie sah es nicht, wie der Zug mit dem Verwundeten an ihr vorbei ins Schloß schritt, sie hörte nicht, wie die ver- störte Dienerschaft an ihr vorüber eilte, sie fühlte nur, wie innig, wie über Alles in dieser Welt sie noch immer ihren edlen, heldenmütigen Antonius liebe. Sie hätte sterben mögen, um sein theures Leben zu retten. Mit einem verzweifelten Auf­schrei preßte sie die Hände vor's Gesicht und lag dann stumm und bewegungslos. Die laute Stimme des Arztes, welcher von dem Schwer­verletzten kam, weckte sie endlich aus ihrem dumpfen Schmerz.

An dem Franzosen, mein gnädiges Fräuleln," rief er ihr zu, „ist nicht viel zu heilen, die Lunge

nicht erschöpft. Abgesehen von einer etwaigen größern Vorlage auf dem Gebiete des Volksschulwesens, über welche die abschließende Beschlußfassung der Staatsregierung noch aussteht, werden wahrschein- lich von verfchiedenen R-ssorts noch kleinere Vor­lagen eingehen. Auch aus der Mitte des Hauses scheinen sich noch Initiativ Vorschläge vorzubereiten. Man spricht von einem Pensionsgesetz für die Mittelschullehrer und einer Abänderung der Vor­schriften über den Verkehr auf Kunststraßen. Sa viel scheint daher sich r, daß die Zeit bis zu dem durch die erwähnte Verfassungsabänderung bedingt etwa auf Ende Juni zu berechnenden Schluß der Session durch das vorhandene gesetzgeberische Material reichlich ausgefüllt werden wird.

* Die Konsekration des neuen Erzbischofs von Posen-Gnesen Dinder findet am 16. Mai statt. Der Amtsantritt erfolgt Ende Mai, spätestens Anfang Juni.

* Karlsruhe, 19. April. Der altkatholische Herr Professor Michelis in Freiburg hat sich mit dem feine bekannte Pcivatklage ge.,en den Re­dakteur des ,Bad. Beob.' zurückweisenden Bescheid des Amtsgerichts in Freiburg nicht zufrieden ge­geben, er klagt unter dem 15. April auf's Neue und versucht diesmal vor einem anderen Forum, dem Amtsgericht in Karlsruhe, sein Ziel zu er­reichen. Wahrscheinlich im Vorgefühl einer wieder­holten Niederlage hat der Herr Profiffor es var- gezogen, die Anwaltskosten zu sparen und mit eigener Namensunterschrift die Klage einzureichen. Der Inhalt der Klage deckt sich mit der srühere» Klageschrift, die päpstliche Encyklika, durch die der Herr Professor sich beleidigt glaubt, wird wieder eine angebliche genannt, und zum Schluß sucht er „als katholischer Priester, dem es Ernst ist, seinen Glauben und seine priesterliche Ehre zu bewahren, und als deutscher Bürger den Schutz der Gerichte nach." Armer Michelis! Wie sehr verkennst du die Zeichen der Zeit! Während der deutsche Reichskanzler dem Papste Lob spendet und ihn einen aufrichtigere» Freund des deutsche» Reiches nennt, als selbst die Mehrheit des deutschen Reichstages, steht Herr Prof. Michelis wehklagend auf der gebrochenen Säule des Altkatholizismus und ruft den Schutz der deutschen Gerichte an gegen den „angeblichen" Papst und gegen das Blatt, welches den „angeblichen" päpstlichen Hir­tenbrief abgedruckt hat. _____________________

ist durchbohrt, er hat höchstens noch einige ©tun« den zu leben. Ich habe das Meimge gethan und ihn jetzt dem Herrn Pastor überlassen, der nach meinem Dafürhalten auch nichts bei ihm ausrichten wird."

„Wie ein Schwert drang ber harte Urtheils« spruch in Ercka's Herz. Es war ihr, als ob sie selber Schulb baran trage, wen» bieje Menschen­ft ele auf ewig zu Grunde gehe. Sie wollte den Unglücklichen retten um jeden Preis. Mit heißer Inbrunst flehte sie zu Gott, daß er ihr Kraft verleihen möge, die schwere Aufgabe zu vollbringeu; dann eilte sie zu dem Gemach, wohin man den Sterbenden gebettet halte. Enfetzt jedoch zögerte sie, die Schwelle zu Überschreiten, mit schauerlichem Klang tönte die heisere Stimme Martell's durch den Saal:

„Hinaus mit dem Priester! Ich will noch nicht sterben! Ich will leben, leben und genieße»! Mit Ihne» habe ich nichts zu schaffen. Hinaus sage ich! Wenn ich die Kraft hätte, würde ich Sie zu­dringlichen Burschen fortpeitschen!"

In demselben Augenblick, als Erika die Thur öffnete, schleuderte Martell wuthverzerrt das Trink- glas »ach dem Geistlichen, daß es klirrend auf dem Parquet zersplitterte.