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M 90.

Dienstag, dm 20. April

1886.

Dir ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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Das Heraufschrauben der Gesellschaft.

Ein krankhafter Zug geht durch unsere ganze Zeit, das allgemeine künstliche Hinaufschrauben der niederen Klaffen und Bildungsstufen zu der An­maßung und dem Schein vornehmen Wesens, die förmliche Wuth zu präsentiren und den Glauben zu wecken, daß man mehr, reicher, vornehmer, gebildeter sei, als wie in nackter Wahrheit und Wirklichkeit es der Fall. Man will mehr scheinen, als man ist. So kommt Einem, der mit unge­trübten Augen die gegenwärtige Welt und Gesell­schaft betrachtet, dieselbe oft vor, wie eine Maskerade. Wer es nicht dahin bringen kann, mehr zu werden, als er ist, der will wenigstens den Schein haben, daß er mehr sei und da das Sprichwort: „Kleider machen Leute" immer noch seine alte Geltung behält, so verkleidet er sich zunächst als das, was er gern sein möchte. Dazu kommt die zweite Schwäche unserer Nation, die Titelsucht. Schon Kant warf es seinem Volke vor, daß es sich durch diese renommistische Eigenschaft herabwürdige. Aber es ist trotz der vielen beredten Stimmen, die auch nach ihm dagegen laut geworden sind, noch nicht gelungen, diefin Zopf abzuschneiden und da er immer noch von maßgebender Seite ge­duldet, ja begünstigt wird, so ist auch kaum Hoff­nung vorhanden, daß er von selbst abfällt. So nagt denn dieser Wurm der Großmannssucht nach wie vor im Volke und untergräbt das Glück vieler Familien, die, wenn sie'sich in ihren natürlichen Lebensstellungen hielten, eines sorgenlosen, ge­diegenen Wohlstandes sich zeitlebens erfreuen könnten. Sehr treff.nd und wahr schrieb schon vor zehn Jahren über diese Krankheit Wolfgang Menzel in seiner „Kritik des modernen Zeitbewußt' seins":

Einiges, bemerkt er, gereicht diesen Eitelkeiten zur Entschuldigung. Früher hatte jeder Stand seine Ehre, war bis auf wenige Ausnahmen be­waffnet und nahm als Stand Theil am städtischen Regiment. Kein Handwerker durste sich schämen, öffentlich in der kleidsamen Tracht seines Standes zu erscheinen. Sie ehrte ihn. Jetzt ist diese Ehre dahin. Wer nicht Uniform oder einen Orden trägt, kann nur durch die Eleganz seiner Modekleidung beurkunden, wie hoch er über der Menge steht. Das beleidigt die niedere Klaffe. Sie sucht daher wenigstens des Sonntags so elegant als möglich

— Dir letzte Sriifiu von Mau-rrscheid. 47

Roman von Antonie Haupt.

„Excellenz dürfen uns heute nicht zurückhalten," bat Erika. „Das Bischen Nebel wird uns nicht schaden, und die arme Marie Kathrein wartet mit Schmerzen auf uns."

„Das will ich glauben, Fräulein Eugenie; aber ich bin egoistisch genug, dennoch Ihr Hierbleiben zu verlangen. Ich fürchte, daß herumstreifende Franzosen Sie uns entführen."

Erika stutzte. „Franzosen in hiesiger Gegend? Ah, das kann nicht Ihr E.nst sein."

„Mein voller Ernst, liebes Kind. Die geschlagenen Franzosen haben sich auf den Hunsrücken geflüchtet, wie leicht könnten einige bis hierher gedrungen sein."

„Auf diese Gefahr hin wollen wir es dennoch wagen. Lassen Sie uns heute noch, wo uns Nie­mand hindert, die Hütten der Armen und Kranken aufsuchen und die Noth der Unglücklichen lindern. O, Herr Graf, wenn Sie wüßten, welche Freude das Mittheilen an Bedüiftige gewährt, mit wel­cher Genugthuung und Beseligung cs uns er­füllt, Sie würden uns keine Minute länger zu­rückhalten."

gekleidet zu sein. Es kommt dem Lehrburschen, der Sonntags in einem schwarzen Frack mit glatt gebürstetem Hute und einem lackirten Stöckchen, die Cigarre im Munde, spazieren geht und in einem öffentlichen Garten Wein oder Bier trinkt, weniger auf den Genuß, als auf die Befriedigung seines Stolzes an. Ebenso der Magd, die mit Hut, Shawl und Sonnenschirm einhergeht wie eine Dame. — Das soll Jeder mit sich aus­machen, wie er gekleidet sein will, wirft man uns ein. Aber ist das Leben eines Volkes gesund, wenn die Ueppigkeit und der Putz den besten Theil des erworbenen Lohnes verschlingt und der Schwindel der Großmannssucht die Leute verleitet, sich ihres Standes zu schämen?

Zu diesem Hinaufschwindeln gehört auch der Luxus in den Wirthshäusern, der in den letzten Jahrzehnten fabelhaft zugenommen hat. Die meisten Reisenden möchten am liebsten auf der Reise ein­fach wie zu Hause leben. Früher fand man überall Gasthöfe zweiten und dritten Ranges, wo man mit Hausmannskost einfach, aber gut und wohlfeil bewirthet wurde und in der Regel einen guten Trank fand. Diese Gattung von bürgerlichen Gast­höfen hat zum Erschrecken abgenommen. Ueberall sind daraus große Hotels geworden oder auch nur kleine, aber mit den Ansprüchen der großen. Statt eine einfache, gute Hausmannskost zu finden, muß man an einer Table d’hdte sitzen und eine Menge nur dem Namen nach ausgezeichneter Speisen zu sich ilchnrtzii über an sich vorbei­gehen lassen und einen sauren oder gefälschten Wein trinken, und dafür tüchtig zahlen. In den Zimmern findet man auch mehr unnützen Luxus, den man bezahlen muß, als Bequemlichkeit, die einem zu gut käme. So ist die minder bemittelte Klaffe, wenn sie nicht wie der Handwerksbursche auf der Streu schlafen will, gezwungen, den Weg der Neichen zu wandeln und einen Aufwand zu bezahlen, der fie mehr genirt. Denn bunte Glas­fenster über der Hausthür, weiche Teppiche auf den Treppen, Parquetböden, Fauteuils, Sopha's von Sammt, Spiegel in Goldrahmen, mehrfache Stearinkerzen und — eine kolossale Rechnung mit obligaten Trinkgeldern gehören gewiß nicht zu den Dingen, die der minder bemittelte Beamte, Land­pfarrer, Schulmann, der mittlere Gewerbemann aufsuchen würde, wenn er sie vermeiden könnte.

Die schlimmste Ausartung dieses modernen Luxus

Der Graf sah wohlgefällig lächelnd auf die ideale Erscheinung Erika'S: ihre bittenden Worte hatten feinen Widerstand besiegt: „Wenn Ihnen die Ausübung der Wohlthätigkeit so große Freude macht, Fräulein Eugenie, so will ich Ihnen nicht mehr entgegen treten. Aber," er hob warnend den Finger, „seien Sie vorsichtig."

Wenige Minuten später verließen die beiden Mädchen, in Mantel und Capotte gehüllt, mit einem mächtigen Korbe das Schluß. Phylax, ihr steter treuer Begleiter, sprang fröhlich bellend in den Nebel voraus; er wußte, daß es bergauf­wärts nach Dorweiler ging, woselbst die jungen Damen schon seit längerer Zttl Krankenbesuche machten. Sie wandten sich einem Fußpfade zu, welcher von der Höhe, auf deren äußerstem Vor­sprung Waldeck lag, weiter hinauf in das Ge­birge führte. Der Sturm fuhr zwar nicht niehr heulend und zischend durch die Bäume, doch hatte seine Macht überall Spuren hinterlassen; häufig genug wurde der Weg durch abgeriffene Aeste, ja durch umgestürzte Stämme versperrt, aber unbe­irrt eilten die geschmeidigen Gestalten weiter. Eine halbe Stunde lang mochten sie auf diese Weise durch den Nebel, immer nur die nächsten Gegen­stände vor Augen, weitergegangen sein, als Phylax

ist die Waarenverfälschung. Das echte Gold, die echten Edelsteine, welche vornehme Damen an sich tragen, die echten Fremdweine, die echten Havanna- Cigarren, ohne welche reiche Herren nicht mehr leben können, sind zu theuer, als daß die ärmere Klasse sie kaufen könnte. Nun sucht sich aber die Eitelkeit der Letzteren zu befriedigen durch Surro­gate, durch vergoldete Maaren, durch falsche Edel­steine und Perlen, durch gefälschte Weine und schlechte Cigarren unter dem Namen der echten. Sind auch diese Surrogate bedeutend wohlfeiler als die echte Waare, so bleibt ihr Werth doch immer tief unter dem Preise und die Eitelkeit und Renommage wird dadurch betrogen.

Gewiß das sind innere Widersprüche, welche das Glück und die Wohlfahrt ganzer Volksmaffen naturgemäß vernichten müffen; indem man eine Vornehmheit, einen Reichthum zur Schau trägt, die nur erlogen sind, drückt man aristokratische Verachtung aus gegen den Beruf, dem man wirk­lich angehört. Das ist aber nichts mehr und nichts weniger, als eine Lüge. Diese Lüge aber straft sich, wie jede andere von selbst. Sie ruinirt ihren Mann und bringt nichts zu Wege, als daß sie eine zeitlang seine Eitelkeit befriedigt.

Von wo aber hat die Heilung auszugehen? von Oben. Von Oben her, von den höheren Ständen muß das gute Beispiel gegeben werden. (,D. Rztg.')

Deutsches Aeich.

Berlin, 18. April.

* Die politische Feiertagsstille kündigt sich bereit» dadurch an, daß die Mitglieder des Bundesraths zahlreich Berlin verlassen. Der Tag der Abreise des Fürsten Bismarck nach Friedrichs» ruh steht noch nicht fest. Minister v. Goßler ist nach Ostpreußen, Dr. Lucius nach Ballhausen abgereist.

* Die offiziöse Wiener ,Politische Korrespon­denz' bringt über die Stimmung, welche in Deutschland Frankreich gegenüber herrscht, einen Berliner Bericht, der Aufmerksamkeit erregt. Es wird darin konstatirt, daß die Stimmung in Deutschland Frankreich gegenüber augenblicklich eine unfreundliche sei, war seinen Grund darin habe, daß angesichts der chauvinistischen Kundgebungen, die in jüngster Zeit immer häufiger und heftiger geworden, allmählich die Ansicht zum Durchbruch

plötzlich in die Luft schnupperte und eilig zur Seite lief. Gleich darauf hörten die Mädchen ihn in nächster Nähe ein eigenthümliches Geheul ausstoßen. Erschreckt blieben sie stehen. „Was das Thier nur hat? Phylax! Phylax!"

Auf wiederholtes Rufen kam der Hund zwar, er geberdete sich jedoch sonderbar, winselte und lief wieder zurück.

„Wir müssen ihm folgen," sagte Erika und brach sich Bahn durch die Zweige.

„Liegt dort nicht ein Mensch am Boden?" flüsterte Sophie angstvoll.

„Wahrhaftig, ein französischer Chasseur Ossizier."

Erika eilte, um ihm ins Angesicht zu sehen. — Großer Gott, das war ja Oberst Martell, bleich, blutend — tobt! Neben dem Grausen überkam sie im ersten Augenblick ein Gefühl der Freude, im nächsten Augenblick jedoch durchzuckte sie der Gedanke: Wie, wenn er noch nicht tobt wäre? Müßte ich nicht versuchen, ihn zu retten, wäre es nicht meine Pflicht, wenigstens das Meine zu thun, um seine Seele vor dem ewigen Untergänge zu retten? Die Vermuthung, daß er in seinen Sünden dahingeschieden sei, bewegte fie auf das Schmerzlichste. Tief erschüttert wandte sie sich an ihre jugendliche Begleiterin: