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1886

Sonnabend, den 17. April

Jfulharr

Zweites Blatt

und

Seine Excellenz hatte sich der Führung der Unterhaltung bemächtigt und riß bald durch zün­denden Witz zur Bewunderung hin, bald fesselte

er durch die tiefen Gedanken und die reichen Kennt- nisse, welche er entwickelte. Amtmann Lamberti sekundirte ihm hierin getreulich; er ging auf alle Ideen feines alten Freundes ein und gab den eigenen Gedanken eine so blühende poetische Form, daß es eine Freude war, den beiden Herren zu lauschen. Mit Wohlgefallen hörten die Damen dem Gespräche zu, und wenn die Gräfin von Boos sich häufig in ihrer Lebhaftigkeit daran be-

Nacht werden; dann aber wird der Tag für uns t . , , „ , „

glänzender emporsteigen, al» er unterging. Deutsch- verlaflen hatte, sank sie auf einen Sessel und be«

I«nd muß erst in französische Ketten geschmiedet | deckte ihr Gesicht mit den Händen. Der Gedanke werden, es muß das eiserne, zermalmende Joch ' ' ' 'e! cn-:x-

der Fremdherrschaft bi» zur Unerträglichkeit em«

nur beherrschte ihr ganzes Sein: Einen Reichs­grafen von Boos-Waldeck, den Sproß eines er-

Wäschen halten. Nachher zeige ich Ihnen das ganze Schloß, und wir machen einen Rundgang durch den Park, wobei ich hoffe, wieder Ihr liebes, munteres Lachen zu hören. Auf Wiedersehen."

Willenlos, fast mechanisch war Erika der gü­tigen Dame hierher gefolgt. Als diese sie jetzt

— Pik letzte Griißtl uw Mierscheid.

Roman von Antonie Haupt.

pfinden, dann wird der glühende Haß gegen französischen Uebermuth, der heiße Wunsch nach dem Abschütteln des vernichtenden Drucke» ein allgemeiner, begeisterungsfähiger werden. Die deutsche Nation wird sich selbst wiederfinden und, von einem Verlangen beseelt, sich erheben wie ein Mann und die verlorene Ehre wieder er­kämpfen."

„Aber, Ludwig," bemerkte seine Gemahlin, „wenn Deine Prophezeihung sich erfüllen soll, so erleben wir e» vielleicht nicht einmal, daß unser Land wieder deutsch wird."

XIV. Kapitel.

----Gleich einem Nachtgespenste geht Mit groß — weit — ausgeholten Räuberschritten Der Mord an fein entsetzliches Geschäft.

Schiller.

Längst schon war der Herbst in das Gebirge eingezogen. Die Forste prangten nicht einmal mehr in jenen vielfarbigen Schattirungen, welche den Waldlandschaften mehr wechselvolle Pracht ver­leiht, als alle Schönheit des Sommers. Fahl war das Laub geworden, und der Sturm hatte sich aufgemacht, um die welken Blätter von den Zweigen zu jagen. Graue Nebelmaffen bäumten sich, von Winden gepeischt, über die Schluchten empor.

(Fortsetzung folgt.)

gentlich?"

„Nach seinem letzten Briefe zu schließen, hat er unter dem kaiserlichen General Clairfayt seine Aufmerksamkeit den französischen Belagerungstrup­pen vor Mainz zugewandt. Ob sie dort viel aus­richten, möchte ich bezweifeln."

„Es ist gut," fiel die Gräfin ein, „daß Jo­seph und Antonius immer zusammen sind; wenn der Eine nicht schreibt, so thut er der Andere."

„Ja, ja," sagte Graf Boo» nachdenklich. „Ich möchte nur wissen, wie lange die Jungens noch an der Komödie Theil nehmen. Es ist ein nutz­lose» Blutvergießen, und es wäre jammerschade um ihr junges Leben, wenn er zwecklos dort hin­gemordet würde."

„Das möge Gott verhüten!" rief die Gräfin entsetzt.

„Wir wollen das Beste hoffen und uns keinen übertriebenen Sorgen hingeben," tröstete der Amt­mann.

„Es war recht ungeschickt von mir, daß ich das Gespräch auf diese Angelegenheit brachte," grollte Graf Boo« mit sich selber. „Die anfangs so fröhliche Tischgesellschaft sitzt jetzt mit Begräbniß- mienen da; selbst unser vordem immer heiteres Fräulein von Anethan sieht ein wenig bleich und alterirt aus. Verzeihen Sie liebes Fräulein. Ich wollte Sie nicht erschrecken; Sie dürfen meine griesgrämigen Gedanken und Vorhersagungen nicht allzu ernst nehmen. In Ihren Jahren ist die Zukunft immer glänzend, in Ihren Jahren fügt

I man sich leichter den Verhältnissen."

Aller Augen richteten sich auf Erika, deren Züge bleich wie aus Marmor schienen und den Ausdruck tiefster Erschöpfung zeigten.

„Ich glaube, Fräulein Eugenik ist müde und angegriffen von der langen Reise," sagte Gräfin Boo« in liebevollem Ton; „ein Stündchen der Ruhe wird ihr wohl thun." Mit einer freund­lichen Verneigung nach allen Seiten hob sie die Tafel auf und geleitete das junge Mädchen in ein reizender, höchst geschmackvoll ausgestattete» I Gemach.

„Dieses Zimmer und das daran grenzende Schlafkabinet sollen von nun an Ihr kleines Reich sein, liebe» Kind. Betrachten Sie sich bei un» wie zu Hause, und wenn Ihnen etwa» zu Ihrer Bequemlichkeit fehlt, so sprechen Sie es ungescheut au». Vor Allem müssen Sie ein kleines Erholungs-

„Wohl möglich, liebe Sophie," lautete die Ent­gegnung; „aber unsere Söhne werden es erleben ' i und alsdann nicht vergebens die Kraft ihre» Ar-

* mes dem Vaterlande weihen."

Die Gräfin seufzte. „Wo steht Antonius ei«

ihre mütterliche Fürsorge. Mit diesem festen Ent­schluß verließ sie rasch das Zimmer, um ihre liebenswürdige Freundin aufzusuchen und ihr lächelnd zu sagen, wie wohl die Stunden der Ruhe der Einsamkeit ihr gethan.

lauchten Geschlechts, hatte sie, als er ihr eine Ehre zugedacht, mit lächerlichem Dünkel zurückgewiesen, mit abschreckendem Hochmuth beleidigt! Einem Reichsgrafen von Boos-Waldeck hatte sie in thö- richter Selbstüberhebung Herz und Hand ange­boten und war von ihm verschmäht worden! — Es waren qualvolle Stunden der Reue und Be­schämung, welche das arme Mädchen jetzt durch­lebte. Warum hatte er ihr auch seinen hohen Stand verheimlicht? Die letzte und größte Albern­heit hätte sie alsdann wenigstens nicht begangen, wie sehr ihr Herz sie auch zu dem herrlichen Manne hingezogen hätte. Sie grübelte und sann und konnte das „Warum" nicht ergründen. Heiß strömte ihr plötzlich das Blut in die Wangen. Sie sprang auf. Wie konnte sie länger unter diesem Dache, unter dem Schutze seiner Eltern bleiben? Mußte er nicht, wenn er zufällig heim- kehrte, sie verachten als eine Zudringliche, als eine jedes weiblichen Zartgefühls Entkleidete? Mußte er nicht glauben, sie habe die Zuflucht in seinem Elternhause nur gesucht, um ihn wiederzufinden, um seine Liebe dennoch zu erkämpfen, zu erobern? — Sie wollte fort, fort noch in dieser Stunde! Doch wohin? — Sie trat zum Fenster und sandte einen Blick hinaus in die Majestät der Bergeinsam­keit; sie schaute hinab in die Tiefe der romanti­schen Schluchten, aus denen das Tosen des Berg­baches herauf drang, und hinüber zu den mäch­tigen Felsen des Waldgebirges, die im Purpur- schein des sinkenden Tagesgestirns erglühten. Wie war das Alles so friedlich, so heimathlich! Und sie sollte den kaum gewonnenen Zufluchtsort wieder verlassen, sie sollte wieder als losgelöstes Blatt ein Spiel der Stürme, haltlos, heimathlos treiben? Auf Waldeck hatte sie gefunden, was sie immer erwartet. Wie glücklich hatte sie vor wenigen Stunden sich hier gefühlt! Wie herzlich und lieb hatte die Gräfin zu ihr gesprochen: „Betrachten Sie sich wie zu Hause, liebes Kind." — Ja, Schloß Waldeck hätte ihr eine Heimath werden können. Und nun — nun mußte sie fliehen, mußte sie die gütige Dame, welche wie eine Mutter für sie besorgt war, heimlich verlassen. Sie heimlich verlassen? — Wer gab ihr das Recht dazu? Hatte sie nicht Verpflichtungen übernommen? Ja, tausendmal ja! Sie mußte bleiben, wenn sie nicht wortbrüchig werden wollte. Wie übereilt, wie thöricht war sie doch! Vielleicht kam Antonius gar nicht nach Waldeck, und wenn er kam, so konnte sie alsdann noch fliehen. Ja, ja, sie durfte, sie mußte bleiben. Sie wollte seiner theuern Mutter in Ehrfurcht und Liebe die fernen Kinder zu ersetzen suchen, sie wollte in steter Aufmerksamkeit ihr danken für

theiligte, fo klang aus ihren Worten ein so war­mes, inniges Gefühl, ein so reiner und edler Sinn hervor, daß Erika von immer größerer Verehrung für die Dame erfüllt wurde. Wahres Entzücken leuchtete aus den Augen der Komtesse; sie hatte lange nicht mehr so glückliche, ungetrübte Stunden verlebt, als heute im Kreise dieser liebenswürdigen, edlen Menschen. Die nächste Minute jedoch schon sollte ihr die ungestörte Em­pfindung des reinen Glückes trüben und das junge Mädchenherz wieder in schwere Konflikte bringen.

Nachdem Seine Excellenz zum Nachtisch die Krystallgläser mit funkelndem Rheinwein gefüllt, lehnte er sich behaglich zurück:

„Gelt, Alter," sagte er lächelnd zu seinem Freunde, „jetzt müßten unsere Jungens hier sein, wenigstens der Joseph und mein Antonius, auf daß sie uns von ihren Waffenthaten erzählen könnten. Man hört freilich wenig Erquickliches vom Kriegsschauplatz, aber wenn die Franzosen irgendwo eine tüchtige Schlappe gekriegt haben, so könnten wir versichert sein, daß unsere Buben daran schuld waren. Schade nur, daß sie unter dieser unglückseligen Führung ihre Tapferkeit so wenig zur Geltung bringen können. In Antonius steckt ein Feldherrntalent."

„Ohne Zweifel," entgegnete der Amtmann. „Er schwirren ganz urzeitlich-mythologische Gerüchte umher über seinen Heldenmuth bei der Ver- theidiguna Manderscheid«. Ich möchte seine dor« ttgen Erlebnisse von ihm selbst erzählen hören."

„Wa« nützt aller Heldenmuth einer kleinen Schaar unter der uneinigen verwünschten Kriegs­führung !" rief Seine Excellenz unmuthig. Für die Vortheile de» Augenblicks ist man blind. Auch damals hat man die günstigste Zeit zur Wieder­einnahme Trier'» verstreichen lassen. Die Armee läßt man fast ohne Widerstand hinschlachten und verbluten, und von unserm deutschen Lande läßt man gleichgültig ein Stück nach dem andern unter französisches Joch gerathen. Ich hätte Antoniu» vom Krieg»schauplatze abgerufen, wenn er einge­sehen hätte, daß unter den jetzigen zerrissenen Verhältnissen sein ehrliches Kämpfen erfolglos bleibe. Ich glaube jedoch, daß schon die nächste Zeil ihn von seiner Siegeszuversicht tunten und ihm die Nutzlosigkeit seiner Sisyphusarbeit vor Augen stellen wird. Sie schütteln mißbilligend den Kopf, lieber Freund, tadeln meinen Kleinmuth — nicht doch! Die Sonne ist für unser Vater­land am Untergehen, es muß noch vollständig

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