Deutsches Reich.
Berlin. 15. April.
* Die Masern-Krankheit, von welcher, wie schon erwähnt, auch der Kronprinz befallen wurde, herrscht seit Monaten in den hohen Kreisen und hat schon einige Opfer gefordert, u. A. den Gere« monienmeister Grafen Oeynhausen. Zweifellos haben die häufigen Gesellschaften und Feste der letzten Zeit zur Verbreitung der Krankheit viel beigetragen. Wie die ,Nat.-Ztg.' berichtet, fand sich der Kronprinz, der am Sonntag Abend noch in bester Laune der Vorstellung im Deutschen Theater bei« gewohnt hatte, schon am Montag unbehaglich, so daß sein verändertes Wesen seiner Umgebung auffiel. Am Dienstag steigerte sich das Mißbehagen des hohen Herrn so, daß er nicht mehr am Diner theilnahm. Der Kronprinz zog sich zeitig zurück und hat seitdem das Bett nicht verlaffen. Er befindet sich in Behandlung der sich abwechselnden Aerzte Dc. Schrader und Dr. Wegner. — Nach dem neuesten Bulletin hat der hohe Kranke gut geschlafen. Die Masern haben sich über den ganzen Körper regelmäßig verbreitet. Der Katarrh ist mäßig, die Flebererregung gering.
** DaSHerrenhaus beriech die sogen. Polenvorlagen, und zwar zunächst den Gesetzentwurf, betreff, die Beförverung deutscher Ansiedelungen in den Provinzen Westpreußen und Posen. Oberbürgermeister Dc. Miquel trat als Referent der Kommission der Vorlage bei, die kein Kampfgesetz sei, sondern nur die Sicherheit des Staates garan- tiren solle, v. Kofcelski bekämpfte die Vorlage, mit der die Regierung nur beweise, daß sie keine Verständigung mit ihren polnischen Untertanen wünsche. Ministerpräsident Fürst Bismarck konsta- tirte, daß die Vorlage keineswegs die Ausrottung des Polenthums, sondern einzig und allein den Schutz des Deutschthums gegenüber der stetig vorschreitenden Polonisirung bezwecke. Graf von Frankenberg befürwortete die Vorlage, die hierauf gegen die Stimmen der Polen angenommen wurde. Die Schulversäumniß-Vorlage fand ohne erhebliche Debatte Annahme. Bei der B.rathung über die Fortbildungsschul-Vorlage sprach Fürst Radziwill Namens der polnischen Mitglieder gegen die Vorlage. Die Herren v. Kleist-Retzow, Graf v. Pfüel und Graf v. Ziethen-Schwerin verwendeten sich für die Freilasiung der Fortbildungs-Schulunterrichte an den Sonntagen. Unterstaatssekretär v. Möller, Dr. Miquel und Herr v. Pfüel bekämpften bezügliche Anträge. Schließlich wurden diese Anträge abgelehnt und die ganze Vorlage unverändert angenommen. — Nächste Sitzung unbestimmt.
** Das Abgeordnetenhaus berieth heute den Nachtragsetat für 1886/87. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Förderung des Schulwesens in Westpreußen und Posen, sowie im Regierungsbezirk Oppeln, wofür 900,000 Mark im Ordinarium und 2 Millionen Mark im Extra- ordinarium eingestellt find. Abgg. v. Wierzbinski und Kantak (Polen) bekämpften die Vorlage, die nicht pädagogische, sondern GermanisierungSzwecke verfolge; ebenso Dr. Windthorst, der die Politik
„Nun, so ganz auf sich allein angewiesen, wie Herr von Anethan mir klar machte, wäre auch ohne mich das gräfliche Paar nicht gewesen," dachte Ercka und hatte den väterlichen Freund stark in Verdacht, mit seinem damaligen Bericht nicht ganz bei der Wahrheit geblieben zu sein. Jedenfalls war es gut so, denn ihr Zartgefühl hätte sie vielleicht zögern lasien, die Stelle anzu- | nehmen, wenn sie nicht geglaubt, daß man ihrer bedürfe. Daß sie von edlen Menschen ausgenommen sei, bewies ihr aus's Neue die ungeheuchelte Freude, mit welcher die Dienerschaft sich herbeidrängte, um die Herrschaft zu begrüßen und ihr Entzücken darüber auszudrücken, daß die gräfliche Familie nun wieder in ihrer Mitte weilen werde.
„Ich bin wahrhaft gerührt, Kinder," sagte Seine Excellenz, nachdem die Versammlung ein kräftiges Lebehoch auf ihn und seine Gemahlin ausgebracht hatte. „Woher wußtet Ihr nur die Stunde unserer Ankunft?"
Der Amtmannu lachte vergnügt: „Ein struppiger, schwarzer Kerl, welcher heute in der Frühe ein Almosen auf dem Schlöffe begehrte, der mir aber Respeckt eingeflößt, wenn ich ihm allein im Walde begegnet wäre, setzte uns von Hochdero Ankunft in Kennlniß."
Erika hätte Aufklärung geben können, welche
der Vermehrung der Staatsgewalt auf Kosten der Gemeinden und der Familien auf dem Gebiete der Schule als eine radikale bezeichnete, mit der man die Bevölkerung der Schule entfremde. Abgg. v. Minnigerode und Gerlich (kons.), sowie Dr. Wehr (freit) traten für die Vorlage ein, für welche ein dringendes Bedürfniß bestehe, da die Schulverhältniffe in den betreffenden Landestheilen im Argen lägen und die Gemeinden zu arm feien, den Wandel zu schaffen. Kultusminister v. Goßler theilt mit, daß mit den eingestellten Mitteln 300 neue Lehrerstellen geschaffen, 100 neue Schulen erbaut und 200 bestehende Schulen erweitert werden können. Es handle sich nicht um eine Vergewaltigung des Polenthums, sondern um den Schutz des Deutschthum», welches seit der Mitte des Jahrhunderts in einer Reihe von Städten vollständig zurück^edrängt worden. Abg. Peters (Centr.) wandte sich speziell gegen die in Aussicht genommenen Stipendien. Abgg. Dr. Meyer-BreSlau (srs.) und Dc. Sattler (national!.) befürworteten die Vorlage, die keine feindselige Tendenz enthalte. Die Vorlage wird an die Budgetkommiffion verwiesen. — Nächste Sitzung 4. Mai: Kirchen- politische Vorlage.
* Dem Bundesrath ging eine Denkschrift zu wegen Einrichtung einer physikalisch - technischen Reichsanstalt für exakte Naturforschung mit dem Anträge, dafür im nächsten Etat einen entsprechenden Betrag einzustellen.
* Königsberg, 14.April. Im Diäten-Prozeß Fiskus gegen Dirichlet verurtheilte das Ober« landesgericht den Beklagten zur Zahlung von 500 Mk. nebst Zinsen an den Fiskus und erlegte Dirichlet den Uederzeugungseid darüber auf, wie viel er aus der Kaffe der Fortschrittspartei er« halten habe. Leistet Beklagter den Eid nicht, so hat derselbe fernerweit 1500 Mark nebst Zinsen zu bezahlen.
* München, 14. April. Die nationailiberale .Süddeutsche Presse' geht, wie die .Post' hört, in kurzer Zeit ein.
— Wie man dem,P. Ll.' schreibt, ist von der Gas- und Wasser «Jnstallationssirma Wachter u. Mörstadt gegen die königl. Kabinetskasse die Klage auf Zahlung von mehr als Mk. 120,000 beim Landgericht München I angestrengt worden, da bei dem trostlosen Zustand der Kaffe eine Zahlung auf gütlichem Wege nicht zu erlangen war.
* Karlsruhe, 15. April. Der Großherzog hat den Landtag heute mit einer Thronrede geschlossen, in welcher derselbe den Abgeordneten für ihr ersprießliches Zusammenwirken dankt und ferner sein tiefes Bedauern ausspricht über das Hinscheiden des Erzbischofes Ordin: es sei zu hoffen, daß der erzbischöfliche Stuhl durch eine Persönlichkeit besetzt weiden würde, welche das Werk des friedlichen Ausgleichs und der gemeinsamen Arbeit weiterführen werde. Nach einer Aufzählung der von dem Landtag zu Ende geführten Arbeiten heißt es sodann: „Die besten Wünsche begleiten Sie bei Ihrer Rückkehr in die Heimath; seien Sie auch dort die Träger des in unserem öffent«
Bewandniß es mit dem struppigen, schwarzen Kerl gehabt, sie zog aber vor, zu schweigen. Auch das Abenteuer in der Nacht hatte sie nicht erzählt, um ihren wahren Namen nicht verrathen zu müffen; ihr Inkognito wurde jedenfalls sicherer gewahrt, wenn selbst die Freunde sie nur als Eugenie von Anethan kannten.
„Der Waldgeist hat sich durch seine Nachricht jedenfalls ein anständiges Trinkgeld zu verschaffen geglaubt, und uns hat er einen guten Dienst geleistet," lächelte der Graf. „Wir verspüren gefunden Appetit und finden wahrscheinlich schon den Tisch gedeckt."
„Im großen Saale habe ich alles zum Diner vor bereiten taffen," verbeugte sich der Amtmann.
„So wollen wir nicht mehr länger zögern, hinaufzugehen. Bitte, Ihren Arm, Frau Amtmann! Ich erlaube mir, Sie zu Tisch zu führen. Nein, alter Freund, ich dulde heute durchaus keine Einwendungen, wir müffen mit einander speisen und das Kind, das Sophiechen, muß auch mit bei der Tafel sein."
Als man daraus gemeinschaftlich das Innere des Schlosses betrat, reichte Gräfin von Boos Erika die Hand und sagte in herzgewinnendem Ton: „Möge Gott Ihren Eingang in das Haus unserer Ahnen segnen, liebes Kind."
In tiefer Bewegung neigte sich das junge
lichen Leben längst bewährten Geistes echter Vaterlandsliebe, gerechter Freisinnigkeit und treuer Hingebung für die so nöthiqe Erhaltung und Befestigung der Ordnung in Staat und Kirche." Zum Schluß spricht der Großherzog seine dankbare Anerkennung aus für die Theilnahme des Landes bei der Erkrankung des Erbgroßherzogs und gibt der Hoffnung auf eine baldige Wendung zu anhaltender Besserung Ausdruck.
Ausland.
• Wien, 15. April. In diplomatischen Kreisen verlautet, Prinz Alexander von Hessen sei bemüht, den Kaiser von Oesterreich zu bewegen, eine Vermittelung zur Aussöhnung des Zaren mit dem Fürsten von Bulgarien zu übernehmen. Daß Prinz Alexander für die Interessen seines Sohnes, des Fürsten Alexander, hier thätig ist und daß seine Reise nach Wien nur diesen Zweck verfolgt, gilt allgemein als feststehend. (Fr. Z.)
• Rom, 15. April. In Brindisi sind gestern vier Fälle sporadischer Cholera vorgekommen. Die früher festgestellten Fälle betragen im Ganzen 64, darunter 64 Todesfälle.
* Konstantinopel, 13. April. Durch 93er» fügung der obersten Preßbehörde sind sämmtliche in Griechenland erscheinende Zeitungen in der Türkei verboten worden.
* London, 15. April. Dem gestrigen Prote stmeeting in „Her Majesty's Theatre" gegen die irische Verwaltungsbill Gladstones wohnten sehr viele Mitglieder des Oberhauses und Unterhauses bei. Lord Hartington erklärte, seine Anwesenheit bedürfe keine Rechtfertigung, die gegenwärtige Krisis mache ein Zusammenwirken Aller nothwendig, um sich der Trennung Englands von Irland zu widersetzen. Hartington kritisirte einzelne Vorschläge Gladstone's und beantragte eine Resolution, worin hervorgehoben wird, jeder Versuch, die Union zu entkräften, würde für die Interessen Englands und Irlands verhängnißvoll fein. Die Resolution wurde von Rylands unterstützt und unter großem Beifall angenommen. Hierauf erklärte Lord Salisbury, es sei keine Entschuldigung nothwendig, wenn Männer aller Parteien ihre Meinungsverschiedenheiten vergessen und sich vereinigen, um das Reich im Augenblick der Gefahr zu vertheidigen. Die ministerielle Bill fei eine schimpfliche Uebergabe und würde, wenn angenommen, das ganze Reich schwächen und England in ein Unglück stürzen, wie es in seiner Geschichte bisher nicht dagewesen sei. Die Feinde Englands betrachteten die Vorschläge Gladstone's mit Frohlocken, die Freunde mit Scham und Verzweiflung. Die tributären Provinzen der Türkei, denen Autonomie bewilligt worden sei, sollten England eine Lehre geben: sie sind heute unabhängige Länder. Das Meeting verlief sehr enthusiastisch und die Reden des Lords Hartington und Salisbury wurden mit lebhaftem Beifalle begrüßt.
• New-Aork, 15. April. In Saintcloud (Minnesota) nebst Umgegend wurden durch einen Typhon (Sturm- oder Gluthwind) 67 Personen getöötet und viele verletzt.
Mädchen herab und küßte die bargebotene Hand. Sie fühlte sich so heimathlich angeweht, als sie jetzt von der Gräfin durch das hochgewölbte Vestibül in eine Reihe von Sälen und Gemächern geführt wurde, in denen sie ohne große Phantasie auf Manderscheid zu sein hätte glauben können. Neben reich und glänzend int modernen Geschmack ausgestatteten Stuben und lauschigen Kabinetten fand man hier auch mächtige Säle mit hohen Spitzbogen, deren Wände mit Ahnenbildern und Waffentrophäen geschmückt waren. Der mit kunstvollem Schnitz werk versehene Salon, in welchem die glänzende Tafel servirt war, wies eine Gemäldegalerie auf, wie Erika sie niemals gesehen hatte. Graf Boos war in seiner Jugend leidenschaftlicher Sammler, und seine Galerie vereinigte Werke der großen Meister aller Zeiten und aller Länder. Lange hatte er sich nicht mehr an dem Anblick seiner Schätze laben können, und es war nicht ohne kluge Ueberlegung, daß der Amtmann gerade hier die Einrichtung zum Diner hatte treffen lassen, er wußte, Graf Boos liebte es, während des Mahles sich an den Meisterwerken zu erfreuen.
In der heitersten Stimmung vereinte die kleine Gesellschaft sich zum Diner; man plauderte und scherzte, und hell glänzend sprühten die Geistesfunken umher. (Forts, folgt)