JV 85.
Mittwoch, den 14 April
1886.
Dir ,Fuldaer Zeitung' rrschemt täglich, Sonn« und Friertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Plg. Inserate: Di« einspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pfg., sch. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Aus dem Herrenhause.
Die bereits in der gestrigen Nummer auszugsweise mitgetheilte Rede, welche unser hochwürdigster Herr Bischof in der vorgestrigen Sitzung des Herrenhauses hielt, hat folgenden Wortlaut:
Gestatten Sie mir, die einleitenden Gedanken des Vorredners ein wenig weiter auszuführen. Es ist ein giftiger Mehlthau, welcher auf unserem ganzen Staatsleben ruht und alle polittschen und kirchlichen Verhältniffe verwüstet. Wir können selbst der großartigen politischen Entwickelung, die unser Vaterland genommen, nicht recht froh werden. Argwohn und Mißtrauen entzweit die einzelnen Glieder des gemeinsamen Vaterlandes, Unruhe und Unzufriedenheit ergreift in weiten Kreisen selbst Solche, welche sich der Förderung staatlicher Jntereffen nicht entziehen können, ohne alle ihre Grundsätze zu verleugnen and selbst die Verhandlungen über die öffentlichen Interessen leiden unter Einflüssen, welche an sich der Sache ganz fremd sind. Dazu kommt, daß in diesem Kampfe die besten Kräfte des Staates verbraucht und in Anspruch genommen und von den wichtigsten Angelegenheiten des Landes mehr und mehr abgezogen werden. Das ist mit wenigen Worten unsere Lage und sie bauert nun schon l1/« Jahrzehnt. Mr sind in diese Lage eingetreten mit dem unseligen Beginnen, die Verhältnisse der Kirche einseitig zu regeln, ohne Rücksicht auf die Verfassung der Kirche, auf ihre unveräußerlichen Rechte und Freiheiten. Und jeder Tag bringt neue Schäden, und beweist uns, daß jene Maitage des Jahres 1873 wahre Unglückstage für das Vaterland gewesen sind. Es ist nicht meine Absicht, die Schulvfrage zu erörtern, denn wir sind nicht hier zusammengekommen, um uns durch kränkende Vorwürfe in eine gegenseitige Erbitterung hineinzureden, sondern um einen versöhnlichen und friedlichen Weg zu suchen, welcher uns aus diesem Labyrinth von Irrungen und Mißgriffen herausführt. Seit sechs Jahren hat nun bereits die Staatsregicrung sich bemüht, einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden, und das erkenne ich mit dem Vorredner noch ein ..tat dankbar an. Aber wie weit wir noch von dem Ausgange entfernt sind, das beweist uns ja jeder neue Tag und wenn ich mich frage, worin hatte dies feinen Grund, daß soviel guter Wille und soviel redliches Streben nicht zum gewünschten Ziele führte, so finde ich die Ursache in zwei Umständen: der eine Umstand ist der, daß nach meiner Ansicht die Staatsregierung die unberechtigte Furcht harte, zu rasch zum Ziele zu kommen, und diese Furcht hielt sie leider zurück, mit wirklich großen Schritten dem Ziele zuzustreben. Der andere Umstand aber liegt darin, daß man an dem irrigen Grundsätze festgehalten hat, kirchliche Angelegenheiten einseitig zu regeln, ohne sich mit der Kirche selbst in's Einvernehmen zu setzen. Kirchliche Angelegenheiten können nur im Einvernehmen mit der Kirche selbst geregelt werden; wenn das nicht der Fall ist, bann bleiben sie ohne allen Effekt, wie bie gefammte Vergangenheit gezeigt hat. Nun erkenne ich roieberum an, daß bie Staatsregierung diesen falschen Weg auch auf gegeben und sich mit der Kirche wenigstens in Verbindung gesetzt hat, sei es auch nur, um die Ansichten derselben über ihre gesetzgeberischen Vorlagen kennen zu lernen. Das ist der richtige
= Die letzte Gräfin m Manderscheid. 42
Roman von Antonie Haupt.
Erika's Blicke flogen sehnsuchtsvoll über die waldigen Höhen hinüber zu den stillen Eifelbergen, wo das Schloß ihrer Ahnen stehen mochte, aus welchen sie die mörderischen Rotten der Feinde, die Nichtswürdigkeit menschlicher Leidenschaft für immer vertrieben hatten. Gerade als ob der alte Herr ihre Gedanken errathe, fuhr er fort:
„Wir wollen uns diesen schönen Morgen nicht trüben durch Erinnerungen an die traurige Vergangenheit. Ich hoffe zuversichtlich, daß der politische Himmel über unserem Vaterlande wieder ebenso hell und klar wird, wie das sonnenbeglänzte Firmament über dieser reizenden Mosel- landschaft. Unser Vaterland wird verjüngt aus seinen Trümmern erstehen, diese Ueberzeugung lebt unwandelbar in meinem Herzen."
Die Peitsche des Roffelenkers knallte, sein Hom ertönte in fröhlichen Weisen, und rasch fuhr der Wagen dahin. Es schien Erika, als ob die Gegend immer anmuthiger werde. Die Berge wurden höher, es wechselte Wald und Rebenpflanzung, ein lieblicher Duft entströmte den blühmden Trau-
Weg zum Frieben, welcher allein benselben herbeiführen kann. Befürchten Sie nicht, meine Herren, baß bie Rechte bet Landesgesetzgebung dadurch irgendwie prüjubicirt. werben. (Fürst Bismarck tritt in ben Saal. Fast bas gefammte Haus erhebt sich. Anhaltende Unruhe.) Schon in bet Kommission habe ich bies anerkannt, baß bie Freiheit Ihrer Entschließung bamit nicht aufgehoben wird. Denn Sie können sich frei entschließen, ob Sie bie Mittel, welche bie Staasregierunz im Einvernehmen mit ber Kirche gefunben hat, auch wirklich für geeignet zum kirchlichen Frieben halten. Es ist also biefer Schritt ber Staatsregierung ein Fortschritt zum Bessern unb das erkenne ich wiederum dankbar an; aber es ist nur ein formeller Fortschritt, in materieller Beziehung kann ich diese Anerkennung nicht aussprechen, denn, meine Herren, welches ist denn unser Ziel und was wollen wir mit der Arbeit, die uns heute vereinigt, eigentlich erreichen? Alle Parteien sind des Haders müde (Sehr richtig!), alle suchen den Frieden, welcher den unseligen Verhältnissen ein Ende macht, alle wollen die Schäden beseitigen, die unser Staatsleben unter diesem Kampfe alle Tage erleidet. Nun meine ich, wir müßten an der Hand dieses Grundes die Gesetzesvorlage, welche die Regierung uns gegeben hat, genau prüfen, und berücksichtigen die Stimmung des Landes, die ich vorhin gekennzeichnet habe, die Stimmung in allen Parteien, ja auch die Stimmen derjenigen außerhalb des Landes. Blicken Sie doch auf die wachsende Bewegung der Umsturzpartei und Sie werden anerkennen müssen, daß die Kräftigung des Staatswesens unbedingt geboten ist. Nun betrachten Sie sich aber die Regierungsvorlage und beantworten Sie sich dann die Frage, ob man mit derselben zu dem erwünschten Ziele gelangen kann. Ich muß diese Frage verneinen. Wenn nur die Regierungsvorlage Gesetzeskraft erlangen würde, dann würden wir von dem Ziele noch weit entfernt fein. Ich bitte, mich darüber nur mit wenigen Worten zu hören. Die Regierungsvorlage beseitigt zunächst das Staatsexamen, allein sie beseitigt bamit eigentlich nur eine ganz unhaltbare Ruine, welche schon burch bas Gesetz vom 31. Mai 1882 geschaffen worben ist; alle anberen Anstellungsbedingungen bleiben unberührt bestehen. Dann will die Regierungsvorlage in Art. 2 rc. die Vorbildung des Klerus auf eine neue Basis stellen. Nun, was die Gymnasialkonvikte angeht, so waren auch diese schon vorher erlaubt und die Bedingungen, unter welchen diese gestattet werden sollen, sind doch derartige, daß sie uns etwas bedenklich machen. Die Fassung der allgemeinen Staatsaufsicht hat für uns große Sorge, da man doch zugeben muß, daß diese allgemeine Staatsaufsicht ohne bestimmte Grenzen ist, und in dieser Allgemeinheit die Gefahr neuer Konflikte vorhanden ist. Dann beseitigt S 6 zwar den Gerichtshof; allein wenn die folgenden Artikel etwas anderes in Aussicht nehmen, was an die Stelle desselben gesetzt werden soll, so bleibt die Sache ganz Einerlei und wie sie jft. Aber darauf beschränkt sich eigentlich das ganze Revisionswerk, welches die Regierungsvorlage enthält. Sehen Sie nun die ganze Gruppe der Maigesetze an, so erblicken sie in denselben noch soviel Punkte, welche die Bischöfe jeden Tag hemmenund hindern, ihre pflichtmäßige Sorge für Kirche und Staat auszuüben und welche jeden Tag neue Konflikte und Differenzen herbeiführen können. Und alle diese Punkte sollen unberührt
ben, und erfrischend wehte ein leichter Windhauch vom Moselufer herüber. Nichts ist heilender in trauriger Gemüthserregung, in tiefem Leid, als Veränderung der Gegend, der Menschen, der Luft. Neuen Eindrücken vermag das Herz sich nie ganz zu verschließen, und allgemach ebnet sich wieder das stürmisch bewegte Innere. Mit vollen Zügen athmete die Komteffe die frische, reine Lust; sie hatte so lange kein Stück freier Natur mehr gesehen, daß sie mit wahrem Entzücken die wechselreichen Bilder in sich aufnahm. Es war ihr, als ob das letzte Jahr ihres vergangenen Lebens wie trüber Nebel hinter ihr zurücksänke, während sie den lichten Höhen einer beglückenden Zukunft entgegenfahre. Sie fühlte es, die ihr gegenübersitzende, feine, liebenswürdige Dame werde ihr eine mütterliche Freundin und Rathgeberin, aber niemals Herrin sein, und der hocharistokratische, imponirende Graf jederzeit ein mächtiger Beschützer. Mit dankbarem Ausdruck hob sie schüchtern den Blick zu ihm empor und faßte seine stattliche Erscheinung zum ersten Mal eingehend ins Auge. Himmel, wie wurde ihr denn? Das war ja Zug um Zug Antonius' edles Angesicht! Nur hatte das Atter mit ehernem Griffel die Linien tiefer gezogen und das Feuer des Auges gedämpft.
unb bestehen bleiben. Ich frage Sie, wird es möglich sein, mit solchen Bestimmungen zum Frieden zu gelangen? Ich muß diese Frage absolut verneinen. Sie lassen noch zu viel Stacheln im katholischen Volke zurück, als daß dieses irgend ein Friedensgefühl empfinden könnte. Das hat auch Ihre Kommission erkannt, und darum hat sie ihre Arbeiten über den Rahmen des Regierungsentwurfs hinaus erstreckt. Ich blicke auf die Arbeiten der Kommission mit der größten Anerkennung; ich kann nicht vergessen das Wohlwollen, welches sie bei dieser Arbeit ben Bedürfnissen bes katholischen Volkes unb ber Kirche entgegengebracht hat; ich kann nicht vergessen bie Fürsorge, bie man bort machte, um ben kirchlichen Anschauungen bie Fassung ber einzelnen Artikel anzubequemen. Allein, trotzbem hat auch die Kommisstonsarbeit nicht erreichen können einen vollständigen, friedlichen Abschluß, unb ich finbe ben Grund darin, daß auch die Kommission sich nicht über die Verkennung der kirchlichen Rechte und unveräußerlichen Freiheiten ber Kirche hat erheben können. Unb darum muß ich mich nun jetzt an Sie wenden und Ihre Instanz anrufen, dasjenige zu geben, was absolut nothwendig ist, wenn wir das angedeutete Ziel erreichen wollen, unb ich bitte, mir vorab bie Bemerkung zu gestatten: je mehr Sie im Sinne wahrer Freiheit mich unterstützen, befto segensreicher wirb bas Werk sein, bas wir ausführen wollen unb befto näher roerben wir bem vollen Frieden sein. Ich komme damit auf das, was der Vorredner schon angeregt hat, nämlich auf bie Frage, ob dasjenige, was der Kommissionsbericht mit meinen Amendements beabsichtigt, wirklich ben vollen Frieden herbeiführen könnte. Um Mißverständnisse zu vermeiden, muß ich erst Folgendes vorausschicken: Ein vollständiges Revisionswerk sind allerdings die Kommisstons- beschlüffe mit meinen Amendements noch nicht. Darüber h iben wir uns in der Kommission keiner Täuschung überlassen. Es bleiben immerhin noch bedenkliche Bestimmungen bestehen, welche aber, wie ich hoffe, im friedlichen Verlauf sich sehr leicht ordnen lassen. Aber auf der andern Seite kann ich der Hoffnung nicht entsagen, daß wir mit dieser Arbeit wirklich zu friedlichen Verhältnissen gelangen werden, unb ich gründe diese Hoffnung zunächst auf ein loyales Einvernehmen zwischen Staat und Kirche. Wenn wir dieses nicht voraussetzen, bann ist alle Arbeit umsonst. (Sehr richtig! rechts.) Aber ich glaube, baß nicht allein ber Staat, sondern ebenso, wenn nicht noch viel mehr, die Kirche das Bedürfniß hat, ein friedliches Verhältnis! mit bem Staate zu unterhalten (Bravo), unb darin liegt meiner Meinung nach eine Garantie der Hoffnung für eine bessere Zukunft. Ich bitte also, befolgen Sie die Stimmung unb Gesinnung, welche bie Kommission kundgegeben hat, aber mit etwas weiterem Blick unb größeren Zielpunkten. Lassen Sie sich nicht irre machen, daß man Ihnen vielleicht vorhält, ja in diesem Augenblicke werben so große Konzessionen vom Staate verlangt. Gestatten Sie mir, baß ich Ihnen bafür nun auch bie Anschauungen sage, welche man kirchlicherseits hat. Die Kirche unb ihre Diener sehen die Sache so an, daß die Gesetze, deren Aenderung wir jetzt vornehmen wollen, ber Kirche unveräußerliche Rechte mit Unrecht genommen haben, unb daß die Arbeiten, an denen wir jetzt sind, nicht Konzessionen, sondern Restitutionen zum Ziele haben. Es soll Alles das an die Kirche zurückgegeben werden, was ihr mit Unrecht entzogen
Sollte es denn wirklich möglich sein, daß Graf Boos — aber nein, es war undenkbar! Sie verwarf die plötzlich aufsteigende Vermuthung sofort wieder, der Gleichklang der Namen hatte sie wahrscheinlich Aehnlichkeit der äußern Erscheinung ent- decken lasten, welche in Wirklichkeit gar nicht bestand oder doch nur eine zufällige war. Seine Ercellenz war bestrebt, die Damen stets auf anregende Weise zu unterhalten, er erklärte ihnen die Gegend und knüpfte geistreiche Bemerkungen daran. Erika fand, daß der Graf ein ebenso gelehrter Mann, wie liebenswürdiger Gesellschafter sei.
Man fuhr meist dem Moselufer entlang oder entfernte sich wenigstens nicht weit davon. Den kürzeren Weg auf der bequemen Straße durch's Gebirge wagte man nicht einzuschlaaen aus Furcht vor den Räuberbanden, welche ben“ Hundsrücken, sowie einen Theil der Eifel unsicher machten. Auch das war eine natürliche Folge des Krieges, der nun schon drei Jahre lang das Land mtt Mord und Plünderung heimsuchte. Die Räuber hatten es sich hauptsächlich zur Aufgabe gemacht, den Franzosen die Pferde zu entführen, und hiel- ten dies für eine verdienstvolle That. Allgemach sahen sie es auch nicht für Unrecht an, reiche