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J\£ 79.

Mittwoch, den 7. April

1886.

Ito»

— mit der

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8 Zur Sozial- «nd Handwerksreform.

(Schluß.)

Ju der Sozialresorm, soweit^ sie die m a t e' rielle Lage des Arbeiters betrifft, ist eine Stag' Nation eingetreten, deren Dauer sich noch nicht absehen läßt. Es erscheint aber charakteristisch für unsere Zeitrichtung, daß sich die staatliche Für­sorge bisher nur aus die materiellen und leiblichen Jntereffen der arbeitenden Klasse richtete, ohne die sittliche und religiöse Seite der Sozialresorm be­sonders zu berücksichtigen. Und doch liegt hier gerade in Folge des Kulturkampfs Vieles im Argen. Als das Centrum seine Arbeiterschutz­gesetze einbrachte, mußte es die derbe Zurück­weisung des Reichskanzlers, den Hohn der „brauen" Liberalen erfahren; das Centrum aber ließ sich nicht irre machen, noch abschrecken, immer wieder dir Nothmendigkeit der sittlichen und religiösen Hebung des Arbeiterstandes zu betonen, und es hat bis heute wenigstens soviel erreicht, daß Re­gierung und „liberale" Volksvertretung interessirt wurden für die Pläne des Centrums, und auch mit der geistigen und humanen, — der idealen Seite der Sozialresorm — zu beschäftigen sich genöthigt sahen. Was zu Stande kommen wird, muß die nächste Zeit lehren. Wir wollen zunächst das Beste hoffen. Dem Centrum gebührt der Ruhm, nicht nur für das materielle, sondern auch für das geistige Wohl des Arbeiters mit aller Kraft eingetreten zu fein. Auch die Sozialdemokraten haben sich nach dem Centrum auf dem sozialen Gebiete versucht; aber ihre Pläne zielen durchweg über das thatsächlich erreichbare Ziel hinaus dann aber sind ihre Reformen nicht lediglich vom Geiste der Humanität, des Christenthums durch­weht, sondern von den rein sozialdemokratischen Grundprinzipien getragen, die unsere heutige gesell­schaftliche Ordnung perhorresciren.

Während so die Sozialreform zur Zeit auf der einen Seite vor anderen Dingen zurücktritt, auf der andern Seite selbst bei der Regierung auf Widerstreben stößt und wenig Wohlwollen bei unseren Gegnern findet, schreitet die H a n d w er ks- r eform langsam zwar, aber stetig fort. Auch die

— Die letzte Sräß« m MMerscheid. 36

Roman von Antonie Haupt.

Wieder und wieder glitten ihre Finger über den schimmernden Seidenstoff. „Wirklich, schon allein wegen einer solchen Toitette würde ich hun­dert mir unbequeme Feste mitmachen," rief sie be­geistert. „Und nun gar das morgige!" Mit un­nachahmlicher Grazie küßte sie die Fingerspitzen ihrer Hand, um das Entzücken au-, zudrücken. „Wenn Sie nach den Feierlichkeiten das Diner und den darauffolgenden Ball mitmachen, so werden Sie finden, daß er sich mit unsern Befreiern sehr angenehm verkehren läßt. Ich sage Ihnen, die Liebenswürdigkeit des feinsten deutschen Hoftavaliers ist gegen die Galanterie eines französischen Offiziers die reine Tölpelei!"

„Ich habe die Galanterie uriserer Herren Be­freier bereits zur Genüge kennen gelernt," bemerkte Erika in einem Ton, deffen Ironie Fräulein Theo­dore jedoch entging.

„Nun ja, so werden Sie wißen, daß Sie sich morgen Abend göttlich amüsiren. Während das Volk um den Friedensbaum auf dem Kornmarkt tanzt, werden wir auf dem Rathhaussaale den Reigen schwingen. Dar wird von nun an eine lustige Zeit!"

Sie trällerte ein munteres Lied und begann sich auf den Fußspitzen zu drehen. Bald aber unter­brach ste da» improvisirte Ballet, um ihre Zuschauer

Regierung wendet der Handmerkerfrage unaus­gesetzt ihre Beachtung zu, und sie erblickt eine Hauptaufgabe darin, das Jnnungswesen immer mehr zu vervollkommnen und für das Handwerk ersprießlich zu machen. So bezweckt der neueste Gesetzentwurf, den Jnnungsverbänden, nicht nur den Innungen, die Rechte juristischer Personen zu verleihen; viele neue Paragraphen werden in die Gewerbeordnung eingeschoben. Die Motive führen als Ausgabe der Jnnungsverbände hauptsächlich die Gründung von Fachschulen und Hülfs- kassen für den Handwerkerstand an.

Indem so die Regierung sich in anerkennens- werther Weise sich des gedrückten Handwerker- standes annimmt, läßt es auch diese selbst nicht daran fehlen, die gebotenen Vortheile nach allen Seiten hin auszubeuten und alle Mittel und Wege zu versuchen, um sich von langem Siechthum zu neuer Lebensfähigkeit emporzuschwingen. Es ist erfreulich zu sehen, wie in Stadt und Land in allen Zweigen der Gewerbe das Jnnungswesen sich entwickelt und fortschreitet, wie die Organisation der Handwerkerbewegung sich befestigt und ver­dichtet. Auch die Lehrlingsfrage tritt ihrer praktischen Lösung allmählig näher, nachdem viel­fach nur Innungs-Meistern das Recht eingeräumt wird, Lehrlinge zu halten und auizubilden. Man glaubt sich wieder in den Geist des mittelalter­lichen Zunftwesens zurückversetzt, wenn man liest, wie kürzlich in Köln Lehrlinge und Gesellen des Metzgerhandwerks ihr Gesellen-, resp. Meister- stück^emacht, und nach einer theoretischen und praktischen Prüfung von einer Kommiffion feier­lich losgesprochcn und zu Gesellen und Meistern befördert wurden.

Das Jnnungswesen und die Handwerksreform macht also Fortschritte, wenigstens in der äußern Form; ob das Handwerk aber auch in seiner inner« Entwicklung und Besserung gleichen Schritt hält, das möchten wir billig bezweifeln. Das Handwerk steht ja in engem Konnex mit In­dustrie, Handel und Verkehr, und so lange diese überall stocken und mit den ungünstigsten Ver- hältniffen zu kämpfen hoben, wenn noch am fernsten Horizonte fein Hoffnungsstrahl einer bessern Zeit

mit der jedenfalls erst kürzlich erlernten Phrase in Staunen zu setzen: „Das Weib ist der Schlußstein der lebenden Wesen, es ist das vollkommenste Ge­schöpf und hat deshalb die Befähigung, am höchsten zu stehen. Ich finde es daher wirklich eine aller­liebste Idee von den Franzosen, daß sie als den Inbegriff des Vernünftigen ein schönes Weib aus den Altar heben und mit dem Kultus der Ver­ehrung umgeben."

„Wobei nur zu fürchten ist, daß die Repräsen­tantin in der Vernunft vollständig den Verstand verlieren wird," neckte Klärchen.

„Das spricht der reine Reid ans Dir. Als ob ich keine Huldigungen gewohnt wäre!" lachte Theodore. „So ein Bischen Kultus im Palast- garten wird mir den Verstand nicht rauben. Et­was Anderes wäre es freilich schon, wenn die republikanische Feier in der Dreifaltigkeitskirche stattfände. Man beabsichtigt nämlich, diese Kirche zu einem Dekaden-Tempel umzustempeln."

„Theodore," rief Klärchen entsetzt, „an einer solchen Entweihung des Heiligsten wirst Du hof­fentlich keinen Anchril nehmen!"

„Ich sehe nicht ein, weshalb eine republikanische Feier die Kirche entheiligen solle," versetzte die junge Dame leichthin. „Doch tröste Dich, liebes Kind, vorläufig denken wir noch nicht daran, und später wird vielleicht eine Statue, nach mir mo- dellirt, meine Stelle ersetzen."

Klärchen schüttelte den Kopf und sah ihre;

emporleuchtet, so blüht auch dem Handwerk noch keine goldene Zukunft. Alles greift ja im volks- wirthschaftlichen Leben, wie ein Uhrwerk in einan­der — fehlt ein Zahn an einem Rädchen, so macht sich die Störung am ganzen Werke bemerk- lick. Dazu kommt der Kampf mit der Alles über­flügelnden Maschine, welche die Handarbeit zurückdrängt, und diese Faktoren sind nicht geeignet, das Handwerk, d. h. das Werk der Hände zu entwickeln und neu zu beleben. So sehr wir auch die Bestrebungen des deutschen Handwerks und die wohlwollende Fürsorge der Staatsgewalt be­grüßen, so befürchten wir doch, daß die Erfolge den Erwartungen nicht entsprechen, weil die Vor­aussetzungen nicht hinreichend zutreffen, und so mag vielleicht das Wort der Schwarzseher nicht ganz unwahr sein, daß es in der Welt immer schlechter werde. Es sollte uns von Herzen freuen, wenn unser Pessimismus durch Zeit und Erfahrung Lügen gestraft würde.

Deutsches Reich.

Berlin. 6. April.

• Nach einem der ,Germania' zugehenden rö­mischen Privattelegramm meldet der .Moniteur de Nome', Fürst Isenburg, bekanntlich katho­lisches Mitglied des preußischen Herrenhauses und der kirchenpolitifchen Herrenhaus-Kommission, sei „am Sonnabend in Rom angekommen und am Montag vom Papste empfangen worden." Fürst Isenburg „solle gekommen sein,, den-Papst zu überreden, die Anzeigepflicht zuzugestehen — zu spät, weil der Papst schon früher die Ent­scheidung getroffen habe und dieselbe der preu­ßischen Regierung mitgetheilt worden sei." — Was den Fürsten Jfenburg-Birstein angeht, fügt genanntes Blatt bei, so war deffen jüngste Abreise nach Rom bekannt, und auch ihre Be­ziehung zur kirchenpolitischen Lage. Den speziellen Zweck erfährt man nun vom .Moniteur', der übrigens nur bestätigt, was man in Berlin annahm.

* Die jetzt im Wortlaut vorliegende gestrige Erklärung des Kultusministers in der Herren- leichtsinnige Freundin mißbilligend an. Diese aber wußte geschickt ein anderes Thema zur Sprache zu bringen.

„Ah, daß ich es nicht vergesse, Kleine, sage Deinem Bruder, er möge etwas mehr Werth auf feine Beförderung legen."

„Wie meinst Du dies?"

„Nun, ich begegnete ihm gestern und habe die Bemerkung gemacht, daß er noch immer den Dreispitz, kurze Hosen und Schuhe trägt, ohne ein einziges republikanisches Zeichen, als die aufge­zwungene Kokarde."

„Du wirst hoffentlich keine moderne Karrikatur aus Johannes machen wollen?"

„Warum nicht gar, eine Karrikatur! Was Mode ist, dünkt uns schön. Ein strebsamer junger Mann „du supreme bon ton“ ist sorgfältig be­müht, seine Umriffe zu verhüllen. Er trägt weite Beinkleider, welche hinab in die schnabelförmigen Stiefel und herauf bis unter die Achseln gehen. Weste und Jabot hat er gänzlich verabschiedet, dagegen nimmt man auf dem schön gefalteten Hemd rosafarbene Hosenträger wahr, die, auf der Brust gekreuzt, in der Mitte von einer goldenen oder brillantirten Schmucknadel gehalten werden. Um diesen Elegant herum hängt ein weiter Frack mit Wulstkragen und bis an die Fingerspitzen reichenden Aermeln. Von der Brust bis zum Mund und Ohren hinan schwillt eine dickgepol­sterte, unermeßliche Halsbinde von weißem Muffe-