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J\S 78.

Dienstag, den 6. April

1886.

Fuldaer

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K Zur Sozial- und Handwerksreform.*)

Der Schwerpunkt politischer oder sozialer Fra­gen verschiebt sich sehr oft, und die öffentlichen Interessen vaniren, wie der Stand des Barometers. Vor nicht gar langer Zeit noch bildete das Wort „Sozialresorm" das Stichwort, woran ffch die wahren und angeblichen Wohlthäter des Arbei­terstandes erkannten. Die Sozialreform war der Brennpunkt aller Interessen, das ständige Thema der Presse; sie galt als Prüfstein, der für die Haltung der Arbeiter bei den Wahlen allein in Betracht gezogen wurde. Es wurde damals im Anfluge liner alle Kreise beherrschenden wohlwol­lenden Gesinnung gegen den „armen" Arbeiter ein guterAnfang in der Sozialreform gemacht, um die sich besonders das Centrum hervorragende Verdienste erwarb; bald aber traten andere Dinge, wie Tabaksmonopol, dann Kolonialpolitik mehr in den Vordergrund dec großen politischen Weltbühne, und die Sozialreform zog sich, froh ihrer gemach­ten Errungenschaft, beschnden wieder hinter die Kouliffen zurück.

Es ist nicht zu leugnen, und Jeder wird es be­stätigen, der mit der arbeitenden Klasse im Verkehr steht, daß mit dem Krankenkassen- und Ün­sal l g e s e tz dem Arbeiterstande eine ganz unschätz­bare Wohlthar erwiesen worden ist. Das Scan» kenkassengesetz ist jetzt ein Jahr in Kraft, und Ar­beiter wie Arbeitgeber haben sich in die neuen Verhältnisse hineingearbeitet Der erkrankte Arbei­ter sieht sich durch das Krankenkaffengesetz dreizehn Wachen vor drückenden Lyrgey^Aeschützt. er^bezieht '[ außer freier Kur und — wenn nölhig' — Hospi- talpflege die Hälfte seines Lohnes bis zum Maxi- ; malsatzs von 2 Mk. pro Tag als Krankenunter- Nützung, dazu einen kleinen Zuschuß in gewissen Fällen für seine Angehörigen. Laffen sich damit auch nur die dringendsten der bei Krankheitsfällen noch gesteigerten Bedürfnisse bestreiten, so sind die jetzigen Verhältnisse doch den früheren im Jntereffe des Arbeiters bei weitem vorzuziehen, da derselbe oft der willkürlichsten Behandlung bei Erkran­kungen fast schutzlos preisgegeben war. Das hat > aufgehört; der Arbeiter weiß, was ec in Krank­heitsfällen zu fordern hat, und Niemand ist berech- tiht, ihm seine Ansprüche zu verkümmern.

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’) Nachdruck nicht gestattet.

— Air letzte Graß» m Maiterstheid. 35

Roman von Antonie Haupt.

Erika von Manderscheid, oder wie jetzt gesagt werden muß, Eugenie von Anethan — so ward sie seit ihrer Aufnahme in das Anethan'fche Haus von Jedermann genannt — neigte beistimmend das Haupt. „Es ist dies gewiß sehr zu beklagen," sprach sie; „aber, liebes Klärchen," setzte sie tröstend hinzu, „ich glaube, wenn die Glocken beseelte, em­pfindende Wesen wären, so würden sie nicht ungern ihre Stimmen erklingen lassen, um das morgige Fest zu verkünden, welches die Verheißung einer deffern Zukunft in sich schließt. Alle Willkür, alle Bedrückung und Drangsal sollen ja, wie uns ge­sagt wird, mit Einsetzung der neuen Obrigkeit aushören. Wir wollen Gott danken, daß die Central­verwaltung zu Aachen in richtiger Würdigung unserer Lage einheimische Männer zu neuen Be­hörden erwählt hat, und vor Allem wollen wir uns freuen, daß Dein edler Vater die Stellung eines Verwaltungsmitgliede» nicht abgelehnt hat."

„Der arme Vater'" sagte Klärchen. „Es ist ihm schwer genug geworden, eine Ehrenstelle im Dienste der Franzosen anzunehmen. Er glaubte seiner Vaterstadt da» Opfer bringen zu muffen, da er ihr al» Mitglied der Behörde nützlicher sei»

Das Unfa llgesetz ist seit dem 1. Oktober in Kraft, aber diese Materie ist ungleich schwieriger, der ganze Apparat schwerfälliger, als bei dem Krankenkaffengesetz, und es wird noch einige Zeit beanspruchen, bis alle dabei thätigen Faktoren sich mit allen Punkten vertraut gemacht, und der Ap­parat leichter funktionirt. Heute treten noch viel­fach die verschiedensten Ansichten über die Hand­habung und Auslegung des Gesetzes zu Tage, und in den Bestimmungen macht sich noch eine gewisse Unsicherheit geltend. Aber das berührt den vor­trefflichen Kern des Ganzen nicht. Das Gesetz bietet dem Arbeiter in Unglücksfällen eine Sicherheit und einen Trost, den er bisher mcht gekannt hat. Wäh­rend früher ein Unglücksfall in der Regel mit lang­wierigen Prozessen begleitet war, regelt heute ein Schiedsgericht die Streitfrage, und dabei neigt die Sympathie stets auf die Seite des Arbeiters.

Diese Fortschritte in dec Sozialreform erkennen wir ganz und voll an; sie erheischen andererseits aber auch Opfer, welche sich gerade die Sozial­demokraten, die im Arbeitgeber stets den „Feind" und „Bedrücker" betrachten, besonders zu Herzen nehmen sollten. Wer trägt die größten Lasten zur Durchführung dieser arbeitersreundlichen Gesetze ? Wer muß die hohen Beiträge für Kranken- und Unfallversicherung leisten? Ter Arbeitgeber, der Bcodherr. Die Industrie hat diese neuen Lasten ohne Murren übernommen; sie wird auch noch weitere Opser zur Wohlfahrt der arbeitenden Klaffe auf sich nehmen; aber bei der äußerst gedrück­ten Sage aller Industriezweige machen sich diesel­ben recht fühlbar, und es ist ungerecht, diese Lei­stungen der Arbeitgeber als selbstverständlich be­trachten oder einfad) ignoriren zu wollen, wie es die Sozialdemokraten belieben.

Mit Krankenkaffengesetz und Unsallversicherung aber ist die Sozialreform nicht erschöpft. Hundert Fäden, die durch das Volksleben laufen, knüpfen sich zu tinetn Knoten zusammen zur sozialen Frage, zu deren Lösung erst die Grundstriche gethan sind. Vieles bleibt noch übrig, wo der Staat seine sorgende Hand anlegen kann und muß — so in erster Linie die Altersversorgung, die Für­sorge für die Invaliden, der Schutz des Arbei­ters auf moralischem, geistigem und religiösem Gebiet.

(Schluß folgt.)

kann, als wenn er die Eqre von sich gewiesen hätte. Ick bin glücklich, daß er zur Justiz- und nicht zur Bezirksverwaltung gezogen wurde, denn letzterer liegt auch die Vertheilung der Zwangs- anlehen und die Resteintreibung der Borbotte'schen Brandschatzung ob. Nie werde ich es vergessen, wie erschüttert der Vater im Herbst vom Stadt­hause kam, wo er mit den anderen Rathsherren genöthigt war, die Kontribution von den Bürgern in Empfang zu nehmen. Es war das erste Mal, daß ich ihn meinen sah. Er schilderte ergreifende Szenen und erzählte, daß mancher Bürger das letzte ihm theuere Kleinod, einen Ring ober eine Medaille gebracht habe."

Erika seufzte: „Obgleich der Feind überall bis zum Rheine vorgedrungen ist, so kann er noch nicht auf bleibenden Besitz unferes Landes rechnen, und ich fürchte, daß er fein Ausraubungssystem beibehalten wird, bis wir mit Frankreich vereinigt werden, wenngleich am morgigen Tage der Keim zu einer regelmäßigen Organisation gelegt wird."

„Ich bewundere Dich, Eugenie, mit welcher Ruhe und Gottergebenheit Du den Verlust Deiner herrlichen Güter erträgst," rief Klärchen. „Deine sämmtlichen Befitzthümet find doch in Händen der Franzosen, und kaum ist Hoffnung, sie jemals wiederzuerlangen."

Deutsches Reich.

Berlin, 5 April.

** Der Bundesrath ectheilte heute dem So­zialistengesetz in der vom Reichstage be­schlossenen Fassung (zweijährige Verlängecuilg) seine Zustimmung.

Die nationalliverale und konservative Presse sucht sich, ebenso wie die demokratische — natür­lich aus ganz entgegengesetzten Motiven — an dem Centrum wegen feiner Haltung zum S o- zialistengefetz zu reiben. Man bezeichnet diese ganze Stellungnahme als eine „Komödie", läßt dabei aber völlig außer Acht, daß Die WinDchorst'« schen Amendements für die Gegner des Gesetzes die conditio sine qua non waren, unter Der sie ein letztes Mal für Das wesentlich a »geschwächte Gesetz stimmen wollten, um einen Uedergang zum gemeinen Recht herbeizuführen. Nach Ablehnung dieser Vorschläge trat ganz einfach Die ursprüng­liche Stellung in R aft, und stimmte der größere Theil des Centrums gegen, der kleinere für das unveränderte Gesetz. Von einer „Komödie" hätte man höchstens sprechen können, wenn die prinzipiellen Gegner des Gesetzes unter Winbthorst'- scher Führung nach Ablehnung der Amendements für das nicht amenbirte Gesetz gestimmt hätten. Das haben sie in richtiger Konsequenz nicht ge­than.

* Der Staatsrath hat sich heute mit dem neuen Gesetzesprojekt beschäftigt, Den Organen der Selbstverwaltung einen Theil der Befugnisse auf dem Gebiete des Volksschulwesens zu über­tragen, welche gegenwärtig Der Regierung allein zustehen. Die Kreisausschüffe, Bezirksausschüsse und Pcovinzialräthe sollen fernerhin bei Bemessung der Schullasten namentlich dec Besoldungen der Volksschullehrer und ähnlicher den Gemeinden zur Last fallenden Anordnungen in Wirksamkeit treten, während bisher die Beaufsichiigung und Verwal­tung des gesammten Eiementarschulwesens — dis zum Erlaß des in der Verfassung verheißenen Unterrichtsgesetzes — der selbststänDigen Verfügung der Regierung unterlag.

** Der Reichstag nahm heute in dritter Be- rathung den Gesetzentwurf, betreff, die Ergänzung des § 809 der Civilpcozeßordnung, unverändert an. Der Entwurf bezweckt Beseitigung Der Hin-

„Zum Ersatz dafür habe ich Freunde gefunden, welche mir mehr wecth sind, a.6 alle Reichthümer der Well," sagte Erika innig. „Ich will gar nicht daran denken, was ohne Euere werkthätige Liebe aus mir geworden wäre."

Klärchen umarmte Die Freundin. „Versprich mir, mein Liebling," bat sie zärtlich, „daß Du uns nie verlassen, daß Du stets meine treue Schwester und Freundin sein willst."

„Gewiß werde ich bei Euch bleiben," versicherte Ecika; „ich bin glücklich, wenn Ihr mich hur be­halten wollt."

Klärchen schien noch etwas auf dem Herzen zu haben sie nahm eine so komische bittende Stelle an, baß Erika lachend ausrief: „Was hast Du nur wieder, kleiner Kobold? Ich febe es ja, daß Du ein An­liegen vorbringen willst, nur heraus Damit!"

„Du weißt recht gut, was ich habe," entgegnete Klärchen in allerliebst schmollender Weise. „Muß ich meine Bitte nochmals wiederholen?

„Ach so, wegen meiner Theilnahme am morgigen Feste?" Eine leichte Wolke flog über Erikas Stirn. „Ich dachte, das Thema wäre abgethan."

„Aber nicht zu meiner Zufriedenheit! Es ist mir hart genug, daß ich gezwungen werbe, eine hervorragende Rolle bei diesem republikanischen Feste zu spielen' Meine Mutter kann mich wegen