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JV 77.

Montag, den 5. April

1886.

Fuldaer

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Deutsches Reich.

Berlin, 4. April.

• Die Mitglieder der kirchenpolitischen Kommission des Herrenhauses sind auf Montag zu einer Sitzung zuiammenberusen worden. Demnach scheint eine befriedigende Vereinbarung erzielt zu sein. Nach der .Kölnischen Volkszeitung' wird diese plötzliche Berufung aus dreierlei Weise gedeutet: entweder soll ein Druck auf die Kurie geübt werden, oder es erfolgte eine Verständigung betreffs der Anzeige- pflicht, oder endlich es soll eine umfassende Revision der Maigesetze als Bedingung einer weitergehenden Konzeffion der Anzeigefrage in Angriff genommen werden. Letztere Annahme gilt a!s die wahr­scheinlichste.

* * DaS Abgeordnetenhaus berieth gestern zunächst die Vorlage betr. die Errichtung und Unterhaltung der Fortbildungsschulen in West- vreußen und Posen. Abg. v. Rozanski (Pole) bekämpfte die Vorlage von polnischem Standpunkte. Abg. Rickert (frs.) hielt das Gesetz für überflüssig, nachdem die 200,000 Mk. für die Fortbildungs­schulen etatmäßig bewilligt seien. Unterstaats- sekretär v. Möller: Durch das Gesetz werde aus­gesprochen, daß es sich nicht nur um eine einmalige Etatsbewilligung handeln soll. Abg. Spahn (Centr.) will keine staatliche Fortbildungsschule: die Forj- bilvungsschule müsse aus lokalen Bedürfnissen her- vorgehen. Abg. Scheffer (kons.) begrüßte die Vor­lage als einen dankenswertsten Schlitt auf dem Gebiete des Schulwesens. Abg. Mottp (Pole) ist nicht gegen Fortbildungsschulen an sich, die Vor­lage fei aber unannehmbar. Abg. v. Zedlitz-Neu- kirch befürwortete die Vorlage namentlich gegenüber den Ausführungen Rickerts. § 1 wurde schließlich gegen die Stimmen des Centrums, der Polen und der Freisinnigen angenommen. Bei § 2 bekämpft Abg. Schröder (Pole) den obligatorischen Charakter der Schule. Abg. Dr. Windthorst beantragte, daß Sonntags hin Fortbildungsschulunterricht ertheilt werden dürfe. Abg. Pfaff (nationall.), v. Zedlitz- Neukirch (freifonf.), Graf Limburg-Stirum (kons.) und Rickert (frs.) sowie UnterflaatSsekretäc von Möller sprachen sich gegen den Antrag aus, während sich die Abgg. Dr. Windthorst und Spahn (Centr.)

= Vie letzte SM« vvv Msu-erschkid. 34

Roman von Antonie Haupt.

Kaum hatten die Thürme der Stadt die elfte Stunde verkündet, so begehrte am St. Simeons- rhore ein schmucker Bursche mit einem mächtigen Schreiben in der Hand stürmisch Einlaß. Der Bürger Jaqueminot, an welchen der Brief gerichtet, war jedem Franzosen bekannt; an dem Paß des Burschen schien nichts auszusetzen, wenigstens stiminte die Unterschrift, und so ließ man ihn ohne Be­denken ein.

Ueberglücküch eilte die Komteffe durch die, trotz der vorgerückten Zeit, noch immer von lärmenden Soldaten belebten Straßen nach dem Reulandifchen Hofe, entledigte sich hier ihres Schreibens, gab darauf im S'chiffleutshaufe Phllipps Paß ab und wandte sich dann über den Mark: nach dem Kessel« städtischen Palaste. Bei dem Grafen Karl hoffte sie mit Bestimmtheit ein sicheres Unterkommen zu sinden.

Ihre Zuversicht sank jedoch bedeutend, als sie das Palais noch mehr als den Reulandifchen Hof von zechenden, labenden Soldaten angefüllt fand. Auf ihre schüchterne Frage nach dem Grafen lachte man sie aus un) stellte die Frage entgegen, ob

für denselben verwandten. Schließlich wurde der Antrag Windthorst mit 194 gegen 89 Stimmen abgelehnt. Dafür stimmten Centrum, Polen und einzelne Konservative. Die Vorlage war damit in zweiter Berathung angenommen. Es folgte zweite Berathung des Gesetzentwurfs betr. die Bestrafung der Schulversäumniffe in der Provinz Preußen, in den Städten und dem platten Lande von Schlesien und der Grafschaft Glatz. Abg. Spahn (Centr.) beantragte, die Provinz Preußen aus dem Gesetz auszufchließen und für Schlesien mildere Bestim­mungen zu treffen. Abg. Schröder (Pole) hielt die Vorlage für verfassungswidrig. Abg. v. Min- nigerooe (kons.) befürwortete, Abg. v. Puttkamer- Plauth (kons.) bekämpfte die Vorlage, durch welche man die deutsche Bevölkerung nur erbittere. Nach­dem noch Kultusminister v. Goßler und Abg. Wessel (freikonf.) die Vorlage vertheidigt, wurde die Weiterberathung aus Dienstag vertagt.

* ♦ Der Reichst« g , dem eine Vorlage, betreff, die Festsetzung des Anspruchs des Statthalters von Elsaß-Lothringen auf Pension und Wartegeld zu­gegangen, berietst gestern die Zuckersteuervorlage in dritter Lesung. In zweiter Lesung waren be­kanntlich § 1 und 2 sowohl in der Kommissions- faffung als in der Fassung der Regierungsvorlage abgelehnt worden. Zur heutigen Berathung lagen zwei Kompromißanträge vor. Der eine des Abg. Bormann uud Gen. näherte sich insofern der ur­sprünglichen Regierungsvorlage, als er eine Er­höhung der Steuer um 10 Pfg. in Vorschlag brachte. Der zweite Antrag, der des Abg. Grafen Stollberg und Gen., ging dahin, die Rübensteuer in der bisherigen Höhe zu belassen, aber die Aus­fuhrvergütung entsprechend ^herabzusetzen. Abgg. Barth (freis.) und Racke (Centr.) befürworteten den Uebergang zur Fabrikatsteuer als den einzig richtigen Steuermodus. Abg. Robbe (Reichsp.) und Buhl (nat.-lib.) traten dagegen für Beibehal­tung der Materialsteuer ein, mit welcher unsere Zuckerindustri.' groß geworden. Ersterer befürwor­tete den Antrag Stolberg, Letzterer den Antrag Bormann. Staatssekretär v. Burchard konnte nicht die Zustimmung der Regierung zu einem der An­träge in Aussicht stellen, gab aber dem Bormann- scheu Anträge den Vorzug. Der Antrag Stolberg (Beibehaltung der jetzigen Steuer, Herabsetzung der Exportvergütung mit einem einjährigen lieber»

sie vom Mono heruntergesallen sei, da sie nicht einmal wisse, daß die Grafen von Kesselstadt längst das Hasenpanier ergriffen hätten.

Das war ein unerwarteter Schlag, welcher alle ihre Pläne vernichtete. Erika hatte nicht daran gezweifelt, im Keffelstädtischen Palaste aufgenommen zu werden. Nun stand sie rathlos da und wußte nicht, wohin sich wenden. Auf der Straße konnte sie, ohne aufzufallen, nicht länger bleiben; doch nirgends winkte ihr eine Zuflucht. Da flog wie ein Strahl in'§ Dunkel der Gedanke an Klara von Anethan in ihre geängstigte Seele. Sie hatte sich zwar niemals viel um das Fräulein geküm­mert, aber das wußte sie gewiß, wenn Anethan's nicht ebenfalls geflohen waren, so würde das lieb­liche Mädchen ihr gastliche Aufnahme und Schutz im Elternhaufe verfchaffen.

Ohne langes Besinnen lenkte sie ihre Schritte nach der Brückenstraße hin. An dem Anethan"- fchen Haufe fand sie alle Fenster hell erleuchtet, und als sie vor dem verschlossenen Portale nach dem Klingelzuge griff, tönte ihr bereits das wirre Geschrei und der barbarische Gesang französischer Soldaten entgegen. Ein Franzose öffnete die Thüre und fragte nach ihrem Begehr. So mußte denn auch diese Hoffnung eine vergebliche gewesen fein..

Doch nein, dies war ja Herr Johann von Ane-

gangsstadium) wurde schließlich angenommen und damit das ganze Gesetz. Montag: Kleinere Vorlagen.

♦ Danzig, 4. April. Die ganze Nehrung ist überschwemmt. Scheunen und Häuser wurden weggeschwemmt und Holztraften losgeriffen. Die Gefahr für den Hafen ist noch immer nicht be­seitigt. Militärische Hülfe ist zwecklos. Tausende sind heute nach der Mündung gepilgert. (Fr. Z.)

* Braunschweig, 3. April. Die von der hiesigen Schloffer- und der Baugewerken-Jnnung eingereichten Gesuche, fortan nur den Jnnungs- meistern zu gestatten, Lehrlinge zu halten, sind von der hiesigen Kreisdirektion abgelehnt worden.

Ausland.

* Sofia, 3. April. In der Antwort des Fürsten Alexander an den Großoezier heißt es: Seine Wünsche und Bemühungen gingen dahin, Bulgarien entsprechend den von ihm gebrachten Opfern sicherzustellen, sowie die einzige gesetz­mäßige Souveränität des Sultans aufrecht zu er­halten. Er werde seine Hände nicht zur Wieder­herstellung des Zustandes leihen, welcher den In­teressen des Friedens schädlich wäre. Er halte das türkisch-bulgarische Abkommen vom 1. Febr. aufrecht und lehne ein türkisch-europäisches Arran­gement ab, wenn seine Forderung hinsichtlich der Form der Ernennung, nicht in Erwägung gezogen werde. Er erfülle eine heilige Pflicht gegen das Volk und glaube, das Jntereffe seines Souveräns zu vertreten. Er habe zahlreiche Beweise seiner Ergebenheit gegenüber feinem Souverän gegeben, um glauben zu dürfen, der Sultan werde die Weigerung, die durch des Sultans eigene Inte­ressen biftirt seien,würdigen.

♦ Belgrad, 4. April. Garaschanin hat die Bildung des neuen Kabinets übernommen.

• Konstantinopel, 4. April. Die Einbe­rufung der Konferenz ist erfolgt, nachdem die Ant­worten der Mächte auf die letzte Cirkularnote der Pfotte eingegangen waren. Dem Vernehmen nach würde sich die Thätigkeit der Konferenz auf die Unterzeichnung eine« Protokolles beschränken, zu dessen redaktioneller Feststellung die Botschafter be­reits Morgen zu einer Besprechung zusammentreten würden.

* Athen, 4. April. Die Deputtrtenkammer ist gestern zusammengetreten. Der Ministeiprä- than, welcher eben aus einem der Zimmer hervor­trat. Gott sei Lob und Dank!

Freudig erregt eilte sie auf ihn zu und bat um eine Unterredung unter vier Augen. Ein leichtes Befremden glitt über die Züge des Assessors, doch bereitwillig öffnete er die Thüre eines Kadi« nettes und hieß sie eintreten. Sobald Erika sich mit dem jungen Manne allein sah, gab sie sich zu erkennen, theilte ihm in kurzen Umrissen ihr Schicksal mit und bat um seinen Schutz. Der Affeffor war anfangs sprachlos vor Staunen. Er schien es nicht fassen zu können, daß die stolze Gräfin von Manderscheid als demüthig Bittende um Aufnahme in seinem Elternhause flehe. Innige Theilnahme schimmerte jedoch aus seinen Augen, als er ihr die Hand zum Willkommen entgegen« streckte. »

„Sie sollen sich nicht in Ihrem Vertrauen ge­täuscht haben," sprach er in bewegtem Ton. „Ich werde Alles aufbieten, was in meinen Kräften steht, um Ihr Loos zu einem glücklicheren zu ge­stalten. Unsere Familie soll fortan die Ihrige, unser Haus Ihre Heimath sein. Ich bedauere, daß wir Ihnen keine friedlichere Zuflucht bieten können. Wir selbst find im eigenen Hause nur geduldet, und wir müssen diplomatisch handeln, wenn wir Sie ohne Aussehen hier unterbringen