J\1 76
Sonnabend, den 3. April
1886.
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Zweites Blatt.
** Neues Lkben.
Droben vor des Klosters Pforte In des Frühlings sanfter Sonne Auf den Stab gestützt im Lehnstuhl Sitzt die bleiche junge Nonne.
Liebreich blickt, sie aufzumuntern. Die Gefährtin zu ihr nieder: Den so lange wir ersehnten. Sieh', der Lenz, da ist er wieder!
Frost und Schnee und Eis und Nässe, langen Winters rauhe Plage, Sind verschwunden; neuer Frühling Brachte wieder bess're Tage!
Und die bleiche junge Nonne Ueberschaut di« Prachtgefilde; Ihre ganze Seelenstimmung Spiegelt sich in diesem Bilde.
Schwerer Krankheit blaffe Spuren Gruben sich in ihre Wangen, Doch der Frühling ist gekommen. Und der Winter ist gegangen.
Neues Leben, neue Hoffnung, Neue Gott- und Weltgedanken, Neue Lust in allen Herzen Der Gesunden und der Kranken!
Auf die stolze Welt hinunter Schaut die bleiche junge Nonne, Auf die Welt im Sonnenglanze Und im Glück der Frühlingswonne.
Graue Giebel, blaue Dächer, In der Ferne Bergesriesen Und am Strom di« Burgruinen, Wo die Schlinggewächse sprießen.
Sind's der schönen Gotteserde
Bloße Formen und Gestalten, Die der keuschen Klosterjungfrau Matten Blick bezaubert halten?
Wo — ein Sänger, der die Antwort Anschlägt in der rechten Weise?
Krönen soll man seine Harfe, Krönen mit dem schönsten Preise!
Wer enträthselt, was dem Herzen Sie gestehe — sie verhehle?
Gottes und der Erde Zauber Streiten sich um ihre Seele.
Aus dem Thale Glockenläuten Klingt bis an die Klostersteine, Und in Andacht hingebreitet Strahlt die Welt im Sonnenscheine. D.
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| = Die letzte Srliß» dir Mierscheid. 33
? Roman von Antonie Haupt.
K/a _______
End!' h, endlich' schien man die Verfolgung aufgegeben zu haben. Das erschöpfte Mädchen stand einen Augenblick still, um nach Athem zu ringen. Weit hinter ihr lag jetzt die brennende Stadt, und es schien ihr, als ob sie auf ihrer Flucht die Richtung nach Trier nicht verloren habe. Fern am Horizont begann mit mattem Schein der Tag zu dämmern; die Zeit war also gekommen, in der fie einen Schlupfwinkel suchen mußte. Ihre Augen schweiften forschend umher, und stehe da, dort am Bergeshange stand ein einsames Haus. In der Hoffnung, hier ein Unterkommen zu gewinnen, lenkte sie elligst ihre Schritte nach ihm hin. Auf ihr energisches Hämmern an der Thüre, welches von dem wüthenden Gebell von drei oder vier großen Hunden beantwortet wurde erschien endlich der Kopf einer verdroffen aussehenden älteren Frau an einem der oberen Fenster.
„Um Gotte« Barmherzigkeit willen," rief Erika mit flehender Geberde zu ihr hinauf, „weiset einen Flüchtling nicht von Eurer Schwelle,
welcher vor der Wuth der Franzosen Zuflucht bei Euch sucht."
Nach einem kurzen prüfenden Blick verschwand der Kopf vom Fenster, und bald daraus öffnete die Frau mit bedeutend milderen Ausdruck die Thür.
„Kommt nur herein, junger Mensch," sagte sie fast gütig. „Gegen den gemeinsamen Feind muß man einander beistehen. Mein Mann ist zwar nicht daheim — er ist nach Wittlich, um zu schauen, ob er bei deni gräßlichen Feuer noch was retten könne — aber das weiß ich doch, er, der kurfüistliche Förster von Salmrohr, wäre der L.tzte, welcher einem Armen und Bedrängten die Thür verschlösse."
„Mit diesen Worten geleitete sie Erika in ein wohnliches, mit Jagdtrophäen ausgsechmücktes Gemach. „Macht es Euch bequem, junger Herr," sagte sie nach einem wohlwollenden Blick über die schlanke Gestalt. „Man sieht es Euch an, daß Ihr nicht immer in den ländlichen Kleidern gesteckt habt; dafür seid Ihr zu fein, und Eure Bewe- gungen sind gar zu zierlich. Aber das kümmert mich nicht. Ich will machen, daß ich hinauskomme und Euch (ine gute Morgensuppe bereite, Ihr bedürft einer Stärkung. Hernach könnt Ihr nebenun im Schlafzimmer Euch anf's Ohr legen, denn erschöpft seht Ihr mir ebenfalls aus."
Die Komtesse überlegte nur, was und wie viel sie der guten Frau von ihnem Schicksal mittheilen könne. Als diese ihr die versprochene Suppe brachte, erzählte Erika ihr, daß sie allerdings nicht sei, was sie scheine, daß sie aber allen Grund habe, sich vor den Franzosen zu verbergen, welche sie vielleicht bis hierher verfolgen würden, ja, daß cs um ihr Leben geschehen sei, wenn man sie hier fände.
Die Försterin nickte ein paar Mal nachdenklich mit dem Kopfe, dann erklärte sie, daß sie vielleicht Rath schaffen könne; jedenfalls aber muffe sie die Rückkehr ihres Mannes abwarten. Dann wollten sie klug mit einander reden. „Fürs erste sind die Franzosen Euch ja noch nicht auf den Fersen," tröstete sie begütigend. „Laßt es Euch schmecken und begebt Euch dann zur Ruhe. Hier- neben ist das Zimmer unseres Sohnes, der gegen die Franzosen im Felde steht. Vielleicht ist er in dieser Stunde nicht mehr am Leben." Die Frau fuhr mit der Schürze über die Augen. „Geht, junger Mann, ruhet auf seinem Lager und schlaft in Frieden. Eine Mutter wacht über Euch. Vielleicht ist der Herr denn auch ihrem Kinde gnädig.
Erika bot der Försterin die Hand und sagte treuherzig: „Gott behüte uns Alle, Mütterchen! Ich will mit Dank Euern Rath befolgen." Dann zog sie sich zurück, und die übergroße Ermüdung führte bald tiefen Schlaf auf sie herab.
Mehrere Stunden mochten verfloffen sein, als sie halb im Traume eine rauhe Stimme von Feuer, Mord und Plünderung erzählen hörte. Plötzlich fuhr sie jäh erwachend empor, sie hatte ihren eigenen Namen vernommen.
,,S' ist heidnisch!" sprach die Stimme grollend. „Soll man da nicht fuchsteufelswild werden, wenn man erleben muß, wie die Franzosen alle Häuser vom Speicher bis zum Keller nach der armen Gräfin durchsuchen. Dreitausend Franken sind auf ihren Kopf gesetzt, und da sind die Menschen wie rasend auf den Fund verpicht. Mach' Dich darauf gefaßt, Alte, daß es auch bald bei uns lebendig wird. Ich wünscht', Mutter, wir hätten die Dame hier, dann wollt' ich sie schon so verbergen, daß die emsigen Späher mit langer Nase wieder abziehen müßten."
Erika konnte sich nicht mehr länger zurückhalten; I sie stürzte hervor und vertraute den braven Leuten an, daß sie selber die verfolgte Gräfin von Mander- i scheid sei.
i Anfangs stutzte der Förster freilich beim Anblick des jungen Burschen, als er aber forschend in das edle Antlitz blickte, da schwanden alle Zweifel.
„Seien Sie getrost, gnädige Komtesse," sprach er freundlich. „Ihr guter Engel hat Sie in mein Haus geführt; hier finden Sie ein Versteck, wo kein Menschenauge Sie aufspüren soll. Kommen Ew. Gnaden sogleich mit mir. Es wird die höchste Zeit sein, Sie in Sicherheit zu bringen, denn die Bande ist bereits im Anmarsch."
Erika folgte dem Förster nach dem Hofe, welcher sich zwischen dem Hause und dem Berge aus- dehnte. Am Ende desselben, dicht an der emporstrebenden Felswand, stand eine Hundehütte, vor welcher ein riesiger Bullenbeißer die Fremde mit glühenden Augen anstarrte und knurrend die Hähne blöckte.
„Ruhig, Pluto, schäme dich!" schalt der Förster. „Kommen Ew. Gnaden ohne Furcht näher, der Pluto thut Ihnen Nichts zu Leide, er wird hingegen Ihr Hüter und Beschützer sein." Mit diesen Worten räumte er die Hütte bei Seite und mälzte an der Stelle, welche dadurch frei wurde, ein Felsstück hinweg, so daß eine kleine Höhlung im Berge sichtbar wurde. „So, nun geben Sie dem Plute das Stück Braten hier und streicheln ihn ein wenig, dann kriechen Sie auf Händen und Füßen in die Höhle hinem. Dieselbe war eigentlich nur zum Aufbewahren unseres Bischen Geldes und Silberzeuges bestimmt, wird Ihnen aber völligen Raum und vermittelbst dieser Decken auch ein Lager gewähren. Der Eingang ist etwas be- schwerlich, drinnen aber können Sie's schon einige Stunden aushalten, und wenn der Fels wieder davor liegt, kann kein Mensch etwas Ungehöriges entdecken; das Buschwerk verbirgt den Spalt vollständig. Es ist ganz überflüssig, daß ich die Hütte mit dem Plute wieder davorschiebe, aber dann dürfen Sie versichert sein, daß das Thier Sie wie ein Höllendrache bewachen und jeden Fremden zerreißen wird, der Ihrem Schlupfwinkel zu nahe kommt."
Erika folgte dankbar der Weisung. Sie ließ sich in das Innere des Berges einfchließen, hüllte sich in ihre Decken, und suchte es sich in dem engen Raum bcquem zu machen. In der qualvollen Erwartung schlichen ihr die Minuten wie ebenso viele Stunden dahin, sie glaubte eine endlose Zeit in der dunklen Höhle zu verbringen. Ihre Lippen flüsterten Gebete, aber ihr Ohr lauschte gespannt auf da» Geräusch vielleicht nahender Tritte. Kein Laut von außen drang jedoch in ihr Versteck, Alles schien todtenstill.
Plötzlich aber vernahm sie deutlich Pluto'« wüthendes und anhaltendes Gebell, und da« Herz pochte ihr in bebender Angst. Nach und nach schien sich das Thier zu beruhigen. Längere Zeit verstrich in Stille, da wiederholte sich da« Gebell mit erneuter Heftigkeit, artete schließlich in ein wahre» Wuthgeheul aus, und zugleich tönte wüster Lärm und Waffengeklirr an ihr Ohr. Das junge Mädchen machte sich auf da« Schlimmste gefaßt; doch der Lärm verzog sich wieder. Nach mehreren Stunden ward der Stein vom Eingänge weggewälzt, und die Stimme des Försters rief jubelnd:
„Die Luft ist vollständig rein! Kommen Euere Gnaden ohne Bangen bervor. Die Bande von Hallunken war zweimal hier und wird sobald nicht wiederkehren. Denken sich Euere Gnaden nur, nachdem die Kanaillen Hau«, Speicher, Keller, Hof und Garten gründlich abgesucht hatten, kehrten sie nochmals zurück, weil es ihnen eingefallen war,