JW 76. Sonnabend, den 3. April 1886.
Di« »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, 8omi- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreiä ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk 50 Pfg __ mit der
belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.» auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserat«: Di« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Vom volks wirthschaftlichen Standpunkte aus erscheint auch die ausschließliche Verwendung gedienter Militärpersonen in staatlichen und städtischen Diensten durchaus bedenklich. Während sonst junge Leute mit vielen Mühen und Kosten sich eine Existenz gründen müssen, sieht dec Militäranwärter eo ipso seine Zukunft gesichert; vor ihm muß der Civllanwärter mit selbst höheren Kenntnissen und reicheren Erfahrungen stets weichen; er sieht sich von den meisten Aem- lern in Stadt und Staat durch eine übergroße, civilversorgungsberechügte Konkurrenz ausgeschlossen. Das finden wir bei Post-, Eisenbahn- und Telegraphie, >vie auch bei Kommunalverwaltungen.
Alle diese Zustände schaffen schroffe Mißverhältnisse in den Beamtenklassen, deren Existenz immer mehr erschwert wird. Ueberall erblicken wir Disharmonien im Volksleben, leirer ohne die Aussicht, daß die Zukunft die schrillen Mißtöne auflösen und in harmonischen Akkorden ausklingen laffen wird. Die Pessimisten haben wieder Recht, wenn sie sagen: „es wird immer schlechter in der Welt."
Erstes Blatt.
8 Existenz, Stand und Einkommen.
(Schluß.)
Es ist leider allzuwahr, daß in allen Berufs- zweigen nur wenige Stellen ihren Mann zu ernäh- ren vermögen und ihn vor Sorgen schützen - es muß eine zweite Erwerbsquelle dazu gesucht werden. Nicht immer ist es die Vergnügungssucht un- serer Zeit, der Luxus, sondern der bittere Zwang, der dazu treibt, um den unabweisbaren Bedim- niffen unserer hochgeschraubten Lebensverhältnisse zu genügen.
Woher kommen diese sich noch immer mehr verschärfenden Zustände? Zunächst davon, daß heute Jedermann zu den „befferen Ständen" zählen will, daß alle Welt studirt, auf halbem Wege stehen bleibt und dann das „gebildete Proletariat" ver« mehren Hilst. Bauer, Handwerker, Arbeiter will ja Niemand aus seinem Söhnchen machen, der es „bester thun kann"; ec soll Beamter werden, oder Lehrer, oder Kaufmann, oder sonst etwas, wo er nicht körperlich zu arbeiten braucht und keine Schwielen in die Hände bekommt. So erwächst aus diesen Kreisen ein Angebot nach Beamten- stellen, welches den Bedarf bei weitem übersteigt; es wird von Tausenden eine Jagd auf vakante Stellen gemacht, die einem gegenseitigen Vernichtungskampfe gleicht. Das Angebot, der Wettbe- werb aber drückt überall das Aequivalent für die geforderten Leistungen herunter, denn was der Eine nicht thut, thut der Andere. Tausende schnappen nach einem selbst erbärmlich honorirten Posten, wie der Karpfen nach einem fetten Köder.
Auf eine offene Kommisstelle laufen ganze Säcke voll Offerte« ein, um eine Lehrerstelle melden sich oft eine große Anzahl junger Leute, darunter nicht selten, wie wir uns überzeugten, akademisch gebildete Philologen mit Zeugniß dritten Grades, die mit dieser Qualifikation an den höheren Lehranstalten, wo eine erschreckliche Ueberproduktion an Lehrkräften herrscht, nicht ankommen können. Es ist ja überall so weit gekommen, daß trotz allen Wissens, trotz vorzüglicher Zeugnisse heutzutage zur Erlangung irgend einer bezahlten Stelle die Protektion eine conditio sine qua non geworden ist. Was Wunder also, wenn aus solcher Ueberwie- gung des Angebots über die Nachfrage Behörden wie Private für sich Vortheil zu ziehen suchen durch Herabdrückung der Honorare auf ein Niveau, wo es den Lebensbedürfnissen nicht mehr i entspricht!
Auch ein anderer Umstand verschlimmert die herrschenden U.belstände noch: wir meinen die Besetzung unzähliger Stellen durch unbezahlte Hülfskräfte. In den Elementarschulen spielt das Aspirantenwesen, in den Bureaus der Behörden und staatlichen Institute das Supernumerar- \ Wesen keine geringe Rolle. Posten, die von Rechts- ' wegen honorirt sein sollten, werden so durch junge • unbesoldete Personen ausgefüllt, und dadurch ist ' für Leute, welche Salär beanspruchen müssen, kein ■ Raum mehr vorhanden. Im Kaufmannsstande j aber hat sich das Lehrlings wesen zu einem ; bedauerlichen Unwesen herausgebildet. Viele Ge- \ schäfte — zumal israelitische — schleppen sich mit : einer ganzen Kompagnie Lehrlingen durch, unter i denen sich hier und da ein bezahlter junger i Mann befindet. Ost genug aber arbeitet der i „Prinzipal" nur mit Volontären und Lehrlingen ! und gibt keinen Groschen für seine Arbeitskräfte i aus. Es fehlt uns der richtige Ausdruck zur Be- ■ zeichnung solcher „Geschäftsprinzipien", unter denen ■ der heutige Nothstand junger Kaufleute wohl er- i Kärlich ist.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. April.
: * Nachdem heute die Entscheidung über das
' Sozialistengesetz gefallen ist, verlassen viele Abgeordnete Berlin und der Reichstag wird von morgen ad kaum Mehr beschlußfähig fein. Man hofft bis zunt 12. April Alles zu erledigen, was noch erledigt werden soll, so daß dann nur noch die zu erwartende Branntweinsteuervorlage bliebe. Eine Berathung derselben vor Ostern ist ausgeschlossen. Es ist sogar fraglich, ob sie vor Ostern eingebracht werden kann. Gerüchtweise verlautet, daß sie auf Schwierigkeiten bei einzelnen Bundesregierungen stoße. — Auf dem kirchen- politisch en Gebiete werden die Verhandlungen fortgesetzt. Besondere Eile ist nicht nöthig, da das Herrenhaus die Berathung der Vorlage aller Wahrscheinlichkeit nach erst nach Ostern vornehmen wird. Der hochw. Herr Bischof Kopp ist auch bereits nach Fulda wieder abgereist. — Der Gesandte beim Vatikan, Herr v. Schlözer, ist heute vom Kaiser und vom Fürsten Bismarck empfangen worden. Wie ein sonst gut unterrichteter Korrespondent der ,Frkf. Vztg.' hört, will man den Gesandten zuiu Sündenbock für den bisherigen Mißerfolg der kirchenpolitischen Aktion machen. Man i soll an maßgebender Stelle mit seiner Berichterstat- ! tung nicht zufrieden sein.
* Im Avgeordnetenhause ward heute die WO Millionenvorlage weiter berathen. Zunächst wurden die Bestimmungen über das Rentengut behandelt. Erster Redner war der Abgeordnete Freiherr v. Huene. Mit dem Rentengut, wie es hier ; vorgeschlagen, wird man nie einen deutschen Bauern- ■ stand schaffen, wie Herr Söttler gestern meinte. ; Das wäre eine neue Schöpferkraft der National- > liberalen. Man denkt wohl bloß an Grund und ! Boden, nicht aber an die Menschen, die ihn be- : bauen sollen. Der Landwirthschasts-Minister hat J gerade diese Materie, die Dränung des Rechtsver- \ hältnisses eine sehr schwierige genannt, die sich nicht i so leicht behandeln lasse. In der Kommission haben I 4 Sitzungen genügt, um die Ordnung des Rechts- ; Verhältnisses, gewissermaßen so „aus dem Handge- i lenk" heraus zu regeln. Redner appellirt an den ! Justizminister, daß derselbe seine Stellung zu biß» \ ser Ordnung kennzeichne. Frhr. v Huene führte i dann die absolute Unfruchtbarkeit dieser Gesetzes- ' spielerei näher vor. Das Schönste war, daß man • dem Herrn Redner in der Kommission auf die von ! ihm erörterte Frage: wie denn die nach den Ost
seeprovinzen zu ziehenden Leute unter diesen Um- ständen zu einer Rente kommen sollen, antwortete, man hoffe, daß Leute mit Kapital dorthin gingen! Der nationalliberale Enneccerus hält da« Rentengut für die wesentlichste Garantie der Durch- führung des Gesetzes. Der altkonservative v. Meyer (Arnswalde) spricht gegen das Gesetz. Er rechnet vor Allem die Leistungsunfähigkeit der Rentengüter nach. Der deutschkonservative Abg. Wolff tritt für das Gesetz ein und sieht der Zukunft der 100 Millionen - Verposamentirung mit Ruhe entgegen. Jedoch ist er auch der Ansicht, daß die Bebauung des Gutes nicht in so splendider Weise geschehen darf, wie die Regierung in der Kommission angegeben. Im Uebrigen gibt er VerfaffungS-Jnter- pretationen, die sonderbarer Weise trotz ihrer absoluten Verkehrtheit das Haus ruhig anhörte. Der Abg. Dir ich l et, gegen den die heutigen gouver- nementalen Redner polemisirt hatten, nnist diese Angriffe zurück. Minister Dr. Lucius protestirte entschieden gegen diese Charakteristik der Vorlage, und namentlich auch gegen die Unterstellung, daß die Vorlage auch eine konfessionelle Tendenz habe. Die Einführung des Rentengutes halte er vom landwilthfchaftlichen Standpunkte aus für äußerst werthvoll. Adg. Dr. Enneccerus (nat.-lib.) erblickte in dem Rentengute das wirksamste und sicherste Mittel zur Durchführung der Aufgaben des Gesetz s und zur Aufhaltung der im Fortschrei- ten begriffenen Latifundienbildung. Abgg. Wolff und Frhr. v. Erffa (kons.) traten gleichfalls für das Institut der Rentengüter ein. Schließlich wurde S 2, sowie der Rest des Gesetzes nach den Kommissionsanträgen gegen die Stimmen des Centrums, der Polen und der Freisinnigen angenommen. — Morgen: Fortbildungsschulvorlage.
* Der Reichstag ist heute in die dritte Berathung der Verlängerung des Sozialistengesetzes eingetreten. Bis jetzt sprachen der Abg. Kalle (nationallib.) für und die Abgg. Kröber (Dernokr.) und Dr. Bamberger gegen das Gesetz. Die Reden waren alle drei sehr überflüssig, und selbst Bamberger hatte Mühe, die Aufmerksamkeit des Hauses, das ihn sonst gerne hört, zu erregen. Minister v. Puttkamer errinerte daran, daß Bamberger im Jahre 1878 einer der ersten Rufer im Streit für das Gesetz gewesen. Bezüglich der belgischen Verhältnisse scheine es Bamberger noch nicht zu genügen, daß Blut fließt, er müsse erst das ganze Land vernichtet sehen, bevor er die Gefahr anerkenne. Wenn die Aera der Barrikadenkämpfe vorüber sei, so sei dies das Verdienst der Regierung und daß bei uns verhältnißmäßig ruhig sei, verdankten mir dem Gesetze. Abg. v. Kardocff (Reichsp.): Die Deutschfreisinnigen seien in einer angenehmen Lage, sie könnten sich rühmen, gegen das Gesetz zu stimmen in dem beruhigenden Bewußtsein, daß es doch angenommen werde. Bebel mache es sich leicht, wenn er alle Attentate als das Werk der agents provocateurs erkläre. Angesichts der herrschenden Roth finde die Sozialdemokratie bei uns günstigen Boden und die Noth sei so groß, weil noch immer nicht das Prinzip der Goldwährung verlassen werde. Abg. Liebknecht (Soc.) bestreitet, daß die Sozialdemokraten die Ehe beseitigen wollen. Der Londoner Aufstand sei erfunden gewesen, von den Berichten aus Belgien seien Neunzehntel erlogen. Redner suchte dann den Bebel'schen Ausspruch betr. der Berechtigung des Fürstenmordes zu rechtfertigen. Bismarck sei ein Staatsmann der alten Schule, die soziale Frage verlange aber einen Staatsmann von sozialer Bildung. Schließlich wurde das Sozialistengesetz nach dem Beschlüsse der zweiten Lesung mit 169 gegen 137 Stimmen angenommen. Morgen Zucker- steuer, Wahlprüfungen.