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JW 75.

Freitag, den 2. April

1886.

Dir ,FuIbmr 8*##ng' «scheint täglich, Sonn, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der delläWsche» »ochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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Fuldaer

MH

§ Existenz, Stand und Einkommen.*)

Wenn wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die Lebensstellung und die Lebensbedürfnisse aller Beamten und Angestellten unter dem Niveau der „oberen Zehntausend" eingehend betrachten, so werden wir manche Mißstände entdecken, die ganz gewiß mehr Beachtung fänden, wenn sie die Arbeiterwelt beträfen und einen integrirenden Theil der sozialen Frage bildeten.

E» ist leider Thatsache und ein Merkmal unserer Zeit, daß die meisten Leute, welche auf ein festes Eink o mm en angewiesen sind, mit dieser Einnahme nur schwerlich ihren Lebensunterhalt bestreiten und ihrer Stellung entsprechend leben können. Die weitaus größte Zahl von Beamten mit festem Gehalt, die nicht gerade erste oder besonders gut dotirte Stellen bekleiden, sehen sich gezwungen, aus Nebenverdienst zu sinnen, um aus diese Weise das ungenügende Einkommen aufzubessern. Bei der arbeitenden Klaffe, wo dieselben Erscheinun« gen in allerdings verschärftem Maßstabe obwalten, begreift man diese unter der „Lohnfrage" und das Streben der Vertreter der Arbeiter geht darauf hinaus, durch Stipulirung eines Minimal» Lohnes den tief gefühlten Uebelständen energisch zu begegnen. In den sog. „befferen Ständen" aber müssen die gleichen Mißverhältnisse ohne Aussicht auf fremde oder staatliche Hilfe ertragen werden, und jeder Einzelne sieht sich auf Selbsthilfe hin­gewiesen.

Nehmen wir verschiedene Stände, ., und wir werden überall dieselben Mißverhältnisse zwischen Einkommen und Lebensbedürsnissen wahrnehmen. Die Lehrer an den Elementarschulen sind durch­weg so gestellt, daß sie ihre liebe Noth haben, ihrer Stellung gemäß aufzutreten. An vielen Orten muß schon ein Lehrer lange lange Jahre im Amte sein, bis er es auf M. 1200 -1500 gebracht hat — in den ersten Jahren reicht das Einkommen selten über M. 75 pro Monat hinaus, und mit dem bessern Handwerker und Arbeiter, oder dem jungen Kommis kann er sich in der Regel nicht messen, ist aber trotzdem gezwungen, als „Standespersonen" aufzutreten und zu leben. Motivirt wird dieses schmale Honorar mit der Aussicht auf Nebenverdienst, auf Stunden-

*) Nachdruck nicht gestattet.

— Die letzte Sriifi« oo« Manderscheid. 32

Roman von Antonie Haupt.

„Nein, wenn Eure Gnaden doch sehen könnten, welch' schönen Burschen ich aus Ihnen gemacht habe! Das sitzt ja wie gegossen. Ich wette, daß Sie in diesem Anzuge allen Mädchen den Kopf verdrehen würden," rief sie enthusiastisch. Mit einem Male wurde ihre Miene ernst und traurig. „Sie müssen jetzt fort, gnädige Gräfin," sprach sie mit verhaltenen Thränen. „Der Philipp läßt Ihnen sagen, daß dies die beste Stunde zum Aufbruch sei. Sie möchten die Dunkelheit der Nacht zum Weiterkommen benutzen, beim Morgen« grauen aber ein sicheres Versteck suchen, denn die ganze Umgegend sei des Tages über für Sie nicht recht geheuer; unsere Manderscheider Franzosen würden Sie trotz der Verkleidung vielleicht er­kennen. Den folgenden Abend sollten Sie die Reise fortsetzen und dafür sorgen, daß Sie vor Mitternacht mit dem Schreiben in den Reu- ländischen Hof kämen, damit der Betrug nicht entdeckt werde. So — nun lassen Sie mich Ihnen den Frisirmantel umhängen und die Haube aufsetzen, und dann begleiten Sie mich so aufge­putzt an die Thüre, daß die beiden Wachen bei Ihrem Anblick glauben, Sie wollten sich zur Ruhe

geben. Nichtsdestoweniger wird diese äußerst saure Erwerbsquelle von der Behörde möglichst einge­schränkt und verhindert, indem man sich zwar bei dem Gehalte auf das Nebenverdienst, aber bei dem Nebenverdienst auf die Benachtheiligung der Lehrkraft für die Schule beruft. Und doch sieht sich der Lehrer auf Nebenstunden angewiesen, zu­mal wenn er, wozu er doch berufen ist, einen Hausstand gründen will.

Ebenso dringend ist das Bedürfniß der unteren Beamten, welche in Staatsdiensten stehen, sich zur Aufbesserung ihrer Lage ein kleines Neben­einkommen zu sichern. Aber wie peinlich sieht die vorgesetzte Behörde darauf, daß ihre Beamten nur ja nichts „nebenbei treiben" ! Jedes Neben­geschäft ist dem Beamten strikte untersagt, und doch hört man nur eine Klage, daß das Dienst­einkommen allein nicht genügt, selbst ganz be­scheidene Bedürfnisse zu befriedigen. Aber doch muß der Beamte seinen Standes-Nimbus zu erhalten suchen; er kann nicht, wie der b eis er bezahlte Arbeiter im blauen Kittel einhergehen, darf sich auch des „guten Tones" wegen, nicht in Kreisen bewegen, welche seinem Charakter als Beamter nicht angemessen sind.

In recht grellen Kontrast tritt Einkommen und äußeres Auftreten im Militärstande! Der Offizier soll die Würde seiner Stellung wahren, ohne aber durch sein Einkommen zur Erfüllung seiner Standespflichten irgend befähigt zu sein, und nicht mit Unrecht nennt man die Lage des Offiziers ein „glänzendes Elend." Jene Leute werden nicht mehr durch ihre Stellung erhalten, sondern sehen sich auf ihr Privatoermögen oder eine reiche Heirath angewiesen.

Der Beamte im Kaufmann stände leidet unter denselben mißlichen Verhältnissen. Die Stellen sind dünn gesäet, welche eine Existenz zu einer sorgenfreien gestalten und ein auskömmliches Ge­halt gewähren. Auch hier muß wieder Nebenver­dienst gesucht werden! Der Eine verschafft sich Agenturen in Cigarren, Wein oder sonstigen Konsum­artikeln, der Andere arbeitet in Lebens- und Feuer­versicherungen, Dieser spielt nebenbei Musikant oder gibt irgend welchen Unterricht, Jener schreibt für die Presse oder sündigt für ein kleines Honorar in der Politik. (Schluß folgt.)

begeben. Leben Sie wohl, meine theuere, gnädige Gräfin. Der liebe Gott wird für Sie sorgen und Ihnen Alles vergelten, was Sie an uns Ar­men gethan. Einer so guten Dame kann es nicht schlecht ergehen."

Unter Thränen umarmte Erika die treue Die­nerin und überreichte ihr ein brillantenbesetztes Medaillon mit ihrem Porträt: „Behalte dieses Bild zum Andenken, liebe Margarethe; die Um­fassung aber soll Dir als Hilfe in der Noth gute Dienste leisten." Nach diesen Worten gab sie ihr das Geleite zur Thüre. Ein letzter wehmüthiger Blick, ein „Gute Nacht", und Erika blieb allein.

So war der Augenblick gekommen, in welchem fie ihr Liebstes auf der Wett, die theure Heimath auf Nimmerwiedersehen verlassen mußte. Es kam ihr vor, als ob sie wie eine schwache Pflanze aus warmem Erdreich plötzlich herausgeriffen werde, um dann ein Spiel unbekannter Stürme, haltlos, heimathlos treiben zu müssen, ohne Freunde, ohne Liebe. Sie kniete nieder und suchte in kurzem Gebet Kraft und Beruhigung. Die Zuversicht auf Gottes schützende Allmacht, der Glaube, daß ohne seinen Willen kein H«r ihres Haupte» ge­krümmt werde, gabenM herrlichen Trost in diesen Stunden der Leiden.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Apul.

* Der Gesandte v. Schlözer ist heute früh von Rom hier nngetroffen und alsbald vom Kultusminister empfangen worden. Die« deutet darauf hin, daß die kirchenpolitischen Ver­handlungen fortgesetzt werden. Es kommt hinzu, daß nunmehr die nächste Sitzung des Herrenhauses ganz unbestimmt gelassen ist und möglicher Weise erst nach Ostern stattfindet. Verhandelt wird nach wie vor über das staatliche Einspruchsrecht und die kirchliche Anzeigepflicht. Nachträglich wird be­kannt, daß Bischof Kopp den einen seiner Anträge in der letzten Sitzung der Herrenhauskommission vorläufig zurückgezogen hat und zwar den, welcher das Messelesen und Sakramentespenden nicht nur „in Nothfällen", sondern unbedingt freigeben wollte. Die .Kreuzztg.' will glauben machen, daß nunmehr das ganze Gesetz scheitern werde.

* Offiziös schreibt die,Norddeutsche': Das von einigen Spekulanten empfundene Bedürfniß, am Ende des Monats noch eine lebhafte Bewegung an der Börse hervorzurufen, hat Veranlassung gegeben zur Verbreitung verschiedener sensationeller Nach­richten. Als eine der albernsten darunter erwäh­nen wir die des orleanistischen ,Soleil', wonach Deutschland bei den belgischen Unruhen die Hand im Spiele hätte, um auf diese Weise Anlaß zur Intervention zu haben, falls die belgische Re­gierung außer Stande sein sollte, den Aufstand zu unterdrücken. Diese Miftheiiuna ist weiter nichts als eine Börsenspekulations-Erfindung, mit der die Verbreiter recht zufrieden sein werden, da sie eine starke Baisse an der Pariser Börse herbeigeführt hat.

* Bei der gestrigen Abstimmung über das Sozialistengesetz haben vom Centrum (ohne Hospitanten) 43 Mitglieder mit nein, 35 mit ja gestimmt, 21 fehlten.

* Im Abgeordnetenhaus stand heute die zweiteBerathung der 100-Millionenvorlage auf der Tagesordnung. Anwesend waren die Minister v. Puttkamer und Lucius. Das Haus ist schwach besucht, ebenso der Tribünenraum. Freiherr v. Huene begründete seinen Antrag, welcher statistisches Material verlangt und bis zur Vorlegung des Materials die Aussetzung der zweiten Berathung des „Ansiedelungsgesetzes". Der

Mit dem Ausdruck der Entschlossenheit richtete sie sich auf und ergriff die kleine Blendlaterne, welche Margarethe ihr gebracht hatte. Dann hob sie die Gobelin» und tastete an der glatten Stein­wand entlang, bis ihre Finger eine kaum merk­liche Erhöhung berührten. Sie drückte darauf, und geräuschlos schob sich ein mächtiger Quader­stein zurück, so daß eine Oeffnung sichtbar ward. Ihre geschmeidige Gestalt glitt hindurch, und hin­ter ihr schloß sich der geheime Gang auf's Neue. Einer endlos scheinenden, schmalen Wendeltreppe folgend, gelangte die Gräfin in einen niedrigen, engen Felsengang, von dessen feuchten Wänden das Wasser auf den glatten Boden niederträufelte. Unbeirrt schritt Erika weiter und bald schon ge­wahrte sie die Stelle, an welcher der Gang sich verzweigte.

Barmherziger Gott, war das nicht ein Licht­schein? Näherten sich nicht Fußtritte und Stim­mengewirr vom kurfürstlichen Schlöffe her? — Wahrhaftig, man hatte auf der Katzenburg dm geheimen Gang entdeckt und stellte eben jetzt eine Rekognoscirung desselben an. Man mußte sie hier finden, und sie war verloren. Mechanisch hob fie die Lateme und ihre zitternden Finger bemühten stch, die Lichtluke zu schließen. Vergebms — in demselben Augenblicke erschim gegenüber eine An-