JV 73.
Mittwoch, den 31. März
1886.
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8 Großindustrie, Maschinen- «nd Hausindustrie.*)
Die letzte Thronrede bei der Eröffnung des preußischen Landtages sprach sich in einer Bedenken erregenden Weise über die Lage der G r o ß i n d u st r i e aus. Sie erkannte die Krisis, unter der jene leidet, voll und ganz an, aber sie fügte auch gleich zu, daß die Regierung hier kein Heilmittel mehr habe, daß die Großindustrie durch weise Beschränkung ihrer Produktion sich selbst helfen müsse.
Es ist leider allzuwahr, daß die Großindustrie, zumal Bergbau und Hüttenwesen, in einer Weise darniederliegt, wie es vor einigen Jahren selbst der schwärzeste PreffimiSmus nicht erwartet hätte. Seit der Glanzperiode von 1871/73 sind die Preise stetig gewichen, und nach einem kurzen Aufflackern im Jahre 1879/80 haben dieselben heute ein Niveau erreicht, wo jeder Verdienst nicht nur ausgeschlossen erscheint, sondern geradezu mit Verlust gearbeitet wird. Seit Menschengedenken — es ist nicht übertrieben — sind die Werthe aller Eisenartikel noch nie so niedrig gewesen, als heute. Der Bedarf ist sehr gering, das Vertrauen, die Kauflust fehlt überall. Die meisten Werke haben sich genöthigt gesehen, ihren Betrieb ein» zuschränken, und einen Theil ihrer Arbeiter zu entlassen; andere sind durch Verlust und die Ungunst der Konjunktur gewaltsam zum Erliegen getrieben worden. Die Folge davon war, daß viele Arbeiter mit ihren Familien in Roth iinb Elend geriethen. Fast aus allen Städten hört man bittere Klagen, daß so viele Leute b rod los seien, daß die Wohlthätigkeits- und Unterstützungsvereine nicht mehr den hohen Anforderungen und Zusprüchen genügen können.
Wenn wir bei diesen Verhältnissen noch keine Ausschreitungen und Unruhen erlebt haben, wie solche in England, Frankreich und Belgien stattfanden, so ist das ein gutes Zeugniß für den deutschen Arbeiter, der sich in der Verlegenheit auch mit dem Nothwendigsten begnügt und von Natur keinen revolutionären Geist besitzt. Dann aber fanden Entlassungen meist nur vereinzelt und selten ml demselben Orte in größerem Umfange statt, wodurch eine Konzentration der Unzufriedenheit und des Mangels vermieden und ebenso größeren Ausschreitungen vorgebeugt wurde.
*) Nachdr. nicht gestattet.
— Dir lrhte Graß« «an Mauderschri-. 30
Roman von Antonie Haupt.
„Ihr Todesurtheil sollen Sie haben," sprach der Oberst, rauh. „Nachdem ich Ihre ver- rätherischen Gesinnungen kennen gelernt habe, ist es meine Pflicht, Sie als Feindin der Republik dem Revolutionsgericht zu überweisen. Vorläufig bleiben Sie meine Gefangene."
Ec schritt in höchster Erregung im Zimmer aus und ab; plötzlich aber blieb er vor ihr stehen und sagte in milderem Tone: „Meine ganze Seele sträubt sich wider ein solches Verfahren. In Ihrer Hand liegt das Mittel, den Verdacht der Feindseligkeit glänzend zu widerlegen. Entschließen Sie sich, vertrauen Sie mir. Ich werde Ihnen das Leben so glücklich gestalten, daß Sie es nie bereuen werden, die Meine geworden zu sein. Doch, Sie sollen heute zu keinem entgiltigen Beschluß gezwungen werden. Ich gebe Ihnen 3 Tage zum Ueberlegen. Erwägen Sie meine Worte genau; nach dieser Frist komme ich, um die Entscheidung zu hören.
„Mein Entschluß ist gefaßt," sprach die Gräfin in festem Tone. „Nie werden Sie ein andere Antwort von mir erhalten, als heute."
Die Kalamität, die ganze scharfe Krisi« rührt davon her, daß Produktion und Konsum nicht im richtigen Verhältnisse stehen, daß die Produktion den Bedarf bei weitem übersteigt. Wollen die Werke ihren Betrieb ganz aufrecht halten, so sehen sie sich gezwungen, auf Aufträge eine Jagd auf Leben und Tod zu machen, bei denen die Preise keine Rolle mehr spielen. In einem verzweifelten Konkurrenzkämpfe suchen sie sich gegenseitig fast zu erdrücken und wer Sieger bleibt, hat seinen Sieg mit theuren Opfern erkauft. So lange die Produktion nicht dem that- sächlichen Bedarf besser angepaßt wird — durch eine weise Beschränkung derselben — werden diese ungesunden Verhältnisse auch fortdauern und sich schließlich zu bösen Katastrophen zuspitzen. Viele Werke im Rheinland, Westfalen, an der Mosel, an der Saar sind den verderblichen Mißverhältnissen bereits erlegen.
Allerdings sind in verschiedenen Zweigen der Eisenindustrie in jüngster Zeit Konventionen zu Stande gekommen, um bem sicheren Ruine vorzubeugen. Wenn diese Vereinbarungen zum Zweck haben, nicht die Preisfrage allein zu regeln, sondern in erster Linie die Produktion dem Bedarf gemäß einzuschränken, so haben sie einen gesunden Kern und müssen auch ihren Zweck erreichen; letzteres aber ist selten der Fall. Die Konventionen umgrenzen meist die Preisfrage und scheitern vielfach bald an den Sonderinteressen und dem Mangel an gutem Willen Einzelner, und so ist das alte Leid gleich wieder da. Wir kennen in der That keine Konvention — mit Ausnahme des Luxemburger Cartells — welche von Dauer gewesen sei. Wie mit der Eisenindustrie, so sieht es auch mit der Kohlenindustrie sehr traurig aus. Die Anzahl der Zechen ist „in der guten Zeit" so hervorgewachsen, daß das kostbare Produkt der Mutter Erde fast werthloS geworden ist und die meisten Gruben sind seit langen Jahren nur Zubußen gewöhnt. Auch hier gibt es wieder nur eine Klage: „lieberprobuition". Selbst die Förberkonvention hat bis jetzt auch hier keine Abhilfe zu schaffen vermocht. Maschinenfabriken, Loko- motivfabriken, Waggonbauanstalten, Kleineisenzeug- fabriken — sie alle leiben an bemselben Krebsschaben. Auch in bet Textilindustrie sind die guten Zeiten vorbei, und nur wenige prosperiren wirklich. Verhältnißmäßig am günstigsten ist noch
„Vielleicht doch, entgegnete der Oberst lächelnd. „Ruhiges Nachdenken wird Ihre Ansichten ändern. Auf der einen Seite die glänzende Zukunft, auf der anderen schmachbedecktes Ende; nun, ich sollte denken, die Wahl dürfte nicht schwer fallen. Einige Stunden des Alleinseins werden Sie schon zur vernünftigen Einsicht bringen. Auf Wiedersehen, schöne Erika!"
Er verbeugte sich, küßte graziös die Fingerspitzen ihrer beringten Hand und entfernte sich dann, indem er geräuschvoll die Thür hinter sich abschloß.
8. Kapitel.
Du Gnadenhort in Glück und Plage, sei Du mit mir ! Herr, den ich tief im Herzen trage, sei Du mit mir!
Gerbel.
Wenn einmal Unglück und Trübsal die Menschen heimsuchen, dann geht es gerade so, wie wenn der Sturm über eine Gegend dahinbraust und die Wetter sich entladen; es bleibt selten bei einem Schlage. Dies hatte die Gräfin von Manderscheid in vollem Maße erfahren. Selbst die lebhafteste Phantasie würde uns zu einer unvollkommenen Vorstellung der Qualen gelangen, welche Erika’« Seele zerrissen, als ihr trauter Aufenthalt zu einem Gefänzniß umzefchaffen worden.
die Lage der chemischen Industrie, welche noch nicht nach allen Richtungen hin so sehr ausge äugt und ausgefuchst ist, als andere Erwerbszw-ige.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 30. März.
* Se. Majestät der Kaiser ertheilte heute Nachmittag um 4'/z Uhr dem Hochw. H.'rrn Bischof Kopp von Fulda Audienz. — Der Hochwürdigste Herr hatte gestern auch mit dem Fürsten Bismarck eine längere Konferenz.
— In kirchenpolitischen Angelegenheiten hat gestern und heute ein lebhafter Depeschenwechsel zwischen Berlin und Nom stattgefunden. Man erwartet den Abschluß der Verhandlungen jede Stunde und mit Rücksicht darauf hat Bischof Kopp die Herrenhauskommission bewogen, sich bis heute Abenv zu vertagen.
** Das Abgeordnetenhaus führte die 2. Berathung der Secundärbahnen-Vorlage zu Ende, nahm dieselbe unverändert an und beschloß, eine Anzahl von Petitionen, welche die Anlage von Sekundärbahnen betreffen, der Regierung als Material zu überweisen. Dann wurde die erste Berathung des Gesetzentwurfs betr. die Einführung der Städteordnung für die öffentlichen Provinzen im Regierungsbezirk Wiesbaden vor- genommen. Der Gesetzentwurf betr. die Einführung der Städteordnung..für die östlichen Provinzen im Reg.-Bez. Wiesbaden wurde nach längerer Debatte, in der die Abgg. Alle, Wirth und Dr. Lieber die Vorlage bekämpften, während die Abgg. Döring und Barth, sowie Reg.-Kom. Geh Rath Halbey dafür eintraten, an eine besondere Kommission verwiesen. An dieselbe Kommiffion ging der Gesetzentwurf für Hessen-Nassau betr. die Verletzung der Dienstpflichten des Gesindes. Morgen Anträge und Petitionen.
** Im Reichstag stand heute die zweite Berathung der Verlängerung des Socialistengesetzes auf der Tagesordnung. Die Tribünen waren gut, das Haus sehr stark besucht. Als Vertreter der verbündeten Regierungen ist allein der preußische Minister des Innern v. Puttkamer am Bundesrathstisch. Präsident v. Wedell-Piesdorf gießt zuerst die bekannten Windthorst'schen Abänderungsanträge, welche eine allmähliche Abtragung des Gesetzes bezwecken, zu berathen, dann die Regierungsvorlage mit dem eventuellen Amendement Hertling, das Gesetz nur auf zwei weitere Jahre bis zum 30. September 1888 zu bewilligen. Das Haus acceptirt diesen Geschäftsgang,
Nachdem ihr Peiniger sie verlassen hatte, sank sie sterbensmatt, halb ohnmächtig, auf den Divan nieder. Das Schrecklichste, was je ein Mensch zu erleben hatte, glaubte sie über sich hereingebrochen. Alles war dahin, alle ihr noch gebliebenen Illusionen zerstört. Was noch kommen konnte, war nur Schmach, Erniedrigung und endlich ein qualvoller Tod. Das Grab war ihre einzige Hoffnung, es war die einzige Stätte, von welcher sie Schutz erwarten konnte vor der Macht der Unholde, denen sie rettungslos verfallen war. Starr wie Eis legte es sich um ihr Herz, und in todes- ähnlicher Apathie saß sie regungslos lange Zeit. Dann zuckte sie plötzlich, wie von Entsetzen erfaßt, empor, und rüttelte an der fest verschlossenen Thür, bis ihre Kräfte erlahmten.
„Das sind die Früchte meines treuen, standhaften AuSharrenS und der freiwilligen Demüthi- gunzen, die ich ertrug Einkerkerung, Schmach, und Verzweiflung!" rief sie mit bitterem Auf- lachen. „Warum habe ich den Warnungen meiner wohlmeinenden Freunde nicht gefolgt, warum wollte ich in thörichter Selbstüberhebung der Gefahr in’« Auge sehen? Warum habe ich vor wenigen Wochen noch die letzte Hand zurückgestoßen, welche mir Hilfe bot?" Inbrünstig sehnte das