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Dienstag, den 30. März

1886.

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Di« Fuldaer Reittow' erl Leint tSalti. Sonn- und Feiertage mitgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: I Mk. 50 Pfg-, — mit der KnListischen Wochenb.ilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.. auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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*♦ Die Arbeiteraufstände in Frankreich, England und Belgien.

Mit erschreckender Schnelligkeit folgen sich in den letzten Monaten die revolutionären Kundgebungen. Den Arbeiter-Ausständen in Valencienner und Decazeville folgten die Straßen-Kravalle in London und anderen Städten Englands. Seit mehreren Tagen sieht man nunmehr Bel gien von den unheimlichen Elementen de» Anarchismus be­droht. Immer bedenklicher lauten die aus den großen Jndustriebezirken von Lüttich kommenden Berichte. Im gefammten dortigen Kohlenbezirk reiht sich Strike an Sinke; aber die feiernden Arbeiter begnügen sich damit nicht, sondern gehen auch zu Gemaltthätigkeiten und zur Plünderung über. Der Strike begann in Seraing bei Lüttich. Die Ortschaft zählt 25,000 Einwohner und be­schäftigt in Kohlengruben und der großen Maschinen­fabrik von Cockerill 259 Dampfmaschinen mit 6000 Pferdek rüsten und etwa 8700 Arbeiter. Die Ursache des Strikes, der dem Aufruhr voraus- ging, war eine auf den Jahrestag der Pariser Kommune nach Lüttich einberufenen Versammlung, zu der die Arbeiter einen Urlaub haben wollten, der ihnen verweigert wurde. Diejenigen, die den­noch ausblieben, wurden sofort entlaßen und setzten nun einen Gesammtstrike in Scene. Ein „Marsch auf Lüttich" mißlang. Die Maschinenfabrik wurde mililairisch besetzt. In der Zeche „Concorde" in Jemeppe verließen die Arbeiter unter dem Ruse: „ES lebe die Republik!" .die Grube, vereinigten sich mit denen der Zeche ^Magnet" und zogen nach den anderen Gruden der Umgebung, überall die Kameraden aufwiegelnd. Drei Bataillone Infanterie und eine Abtheilung Ulanen waren denöthigt, die iveit auseinander gelegenen Eta­blissements zu besetzen. In Jemeppe wurden viele Läden geplündert, die Fenster der Wohnungen der Ingenieure und Kaufleute eingeworfen, des­gleichen in Tilleur. An beiden Orten gaben die Truppen Feuer, das die Aufständischen mit Revol- verschüssen beantworteten. Der Eisenbahnzug von Jemeppe nach Lüttich wurde auf der Brücke von Seraing angegriffen. In die Fenster der Waggons erster Klasse wurden Schüffe gefeuert und Steine geworfen. Die Paffagiere erwiederten das Feuer. Der Lokomotivführer machte dem Gefecht ein Ende, indem er schleunigst davondampfte. Aufruhr

= Die letzte Srafi» m Manderscheid. 29

Roman von Äntenie Haupt.

Mit Schmerz mußte Erika täglich sehen, wie die Chasseurs ihre Pferde aus den Blumenbeeten über vorgehaltene Stangen springen ließen. Wenn die Thiere ihre Künste zur Zusriedenheit der Herren ausgeführt hatten, so wurden sie mit gan­zen Händen voll Zucker belohnt. Bei der Tafel, welche die Gräfin sowohl Mittags wie Abends mit den Offizieren theilte, um das Benehmen der unwillkommenen Gäste zu zügeln und uni ihre freundlicken Gesinnungen zu erhalten, spielten die großen Hunde eine Hauptrolle; ungestraft durften sie sich auf die prächtigsten Polstermöbel legen und der größte Theil der Leckerbiffen wanderte in deren Schlund hinab.

Die Gräfin machte gute Miene zum bösen Spiel und vergaß keinen Augenblick, daß je höf­licher und zuvorkommender sie sei, um so weniger sie von dem Feinde zu leiden habe.

Der Einzige, welcher selbst nie die Formen der Höflichkeit verletzte und stets eine nicht zu leug- nende Bildung und Nobleffe zur Schau trug, war der kommandirende Offizier. Er bemühte sich stet« artig und ritterlich zu sein, und bot alle

und Brandstiftung herrschen besonders bei Chaleroi. Der letzte Freitag war ein Tag des Schreckens für jene Gegen o und ein Tag solcher Greuelthaten, wie sie in jüngster Zeit nur in der Pariser Kommune ihres Gleichen suchen. Ungefähr 1200 bewaffnete Arbeiter verwüsteten in Jumet, Fleurutz, Chatelineau u. s. w. viele Fabriken, plün- betten in Charleroi die Geschäftshäuser, eine Glas­hütte in Lodckinsart und eine in Mondrou, was für diese beiden Etablissements allein einen Schaden von wenigstens einer Million ausmacht; dann zog die Bande, bereits halb betrunken und durch Zuzug beständig verstärkt, nach Jumet, wo ebenfalls die Glashütten zerstört wurden, und dann zu Bandour, dem größten Glasindustriellen Belgiens. Auch dort zerstörten die Rasenden zuerst die kostbaren Wanne­öfen, deren jeder 500,000 Fcks. gekostet hat und so viel leistet, wie zehn andere Oefen. Dann zer­trümmerten sie noch, was erreichbar mar, und legten Feuer in die Fabrik und das Schloß des Besitzers, der mit seinem Personal geflohen war. Nachdem alle Möbel und Hausgeräthe aus einen Haufen geworfen worden waren, holte man die Wagen und die Pferde des Herrn Bandoux au» dem Stalle, band die Pferde mit Ketten fest und zündete den Haufen in Brand. Er war schreck­lich anzusehen, wie die armen Thiere sich geber­deten, um den Todesqualen zu entfliehen, jedoch vergebens! Jetzt wurde der Wein aus den Kellern hervorgeholt und unter Jubel und Lärmen ver- theilt; es waren circa 3000 Flaschen, wie es hieß, Mittlerweile war auch das Schloß in Brand ge­steckt worden, bald stasd e§ in Hellen Flammy', und oben auf der ersten Etage tanzten die Rasen­den und fangen die Carmagnole, und unter ihnen, hinter ihnen, von allen Seiten em Flammenmeer: Nichts konnte die Wüthendeu retten, sie ver­brannten in dem von ihnen selbst ange­zündeten Feuer! Die Zahl derselben ist noch nichtsestgeftellt, doch ist sie nicht gering. Gottes Gericht hat diese Vandalen rasch ereilt. Das Militär kam säst überall zu spät oder erwies sich als zu schwach. In dem ganzen Bezirk haben wenigstens 10,000 Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Alle Fabriken und Scklöffer in Gilly. Marchienne, Roux. Lodelinfart, Ransart, Couillet, Fleurus, Chateset, Marcinelle wurden eiugeäschert. Bis zum 27. Abends waren 18 Schlösser ängezündet. Die Telegraphen- und Telephonleitung wurde überall seine Liebenswürdigkeit auf, Erika's Gunst zu er­werben. Seine anfangs zarten, nach und nach immer deutlicher werdenden Huldigungen waren ihr jedoch unangenehmer, als alle Anmaßungen und Rücksichtslosigkeiten, denen sie ausgesetzt war; eine energische Zurückweisung wagte sie nicht aus Furcht, ihre bedrohliche Lage zu verschlimmern. Der alleinige Trost in diesen Tagen war ihr der Gedanke, daß es unmöglich mehr lange dauern könne, bi» die Chaffeurs weiterziehen und von anderen Truppen ersetzt würden.

Die Erfüllung ihrer Hoffnung schob sich aber von Tag zu Tag hinaus; vom Abmarsch ver­lautete nichts, und Erika's Lage ward immer un- erträglicher. In allen Räumen hatten die Ein­dringlinge es sich bequem gemacht, der ehemaligen Schloßherrin blieb nur mehr ihr geliebtes Erker­zimmer und das daranstoßende Schlafgemach zur ungestörten freien Verfügung.

Der Oberst hatte sich heute beim Diner er­laubt, einen vertraulichen Ton anzuschlagen, und sie hatte ihn zum ersten Male unsreundlich zu- rückgewiefen. Hebet den unliebsamen, ihr viel­leicht verhängnißvoll werdenden Austritt brütete sie nach, al» e» an der Thüre klopfte und auf ihr „Herein" Oberst Martell selbst in voller

abgeschnitten. In Roux wurde das Kloster So leilmont ein Raub der Flammen. Zu beachten ist, daß gerade in den dortigen Bezirken, durch die lang dauernde Herrschaft eme» glaubenslosen Liberalis­mus der Boden für die untergrabenden Bestre­bungen der internationalen Sozial-Revo- lution sehr gut vorbereitet ist. Die anarchistischen Lehren haben willige Ausnahme bei einer Bevöl­kerung gefunden, welche nunmehr durch die schlechte Geschäftslage auch noch in Roth versetzt ist.

Die Schuld für diese Zustände liegt zwar auf beiden Seiten. Do bctif man dabei nicht ver- geffen, daß der liberale Kapitalismus hier nur erntet, was er seit Jahrzehnten in beiden Ländern gesät hat. Um die Arbeiter, um ihr Wohl und Wehe, um die Frage, ob sie leben können und wie sie leben, hat man sich gar nicht gekümmert, nur die wilde Jagd auf Dividenden war der einzige Zweck des Bergwerks-Betriebs, dagegen hat man sich alle Mühe gegeben, die Arbeiter systematisch um Religion und Glauben zu bringen, sie gegen all.r Kirchliche aufzuhetzen, und den hellsten Beifall de» liberalen Kapitalismus und feiner Preffe aber fand es, wenn das verführte Volk gegen die „Pfaffen" tobte. Die Verwilderung der Massen, die man auf solche Weise herange- zogen, wendet sich nun, offenbar durch schwerste Mißstände im Bergbetrieb, in der Gesetzgebung u. s. w. gesteigert, in wilder Empörung gegen den einzigen Gott, welchen die moderne Welt­anschauung noch kennt, das Kapital. Was in Brüssel, Lüttich und Chaleroi vorgeht, läßt sich nicht mit dem Geheul über Anarchismus uns die „rothe Internationale" aus der Welt schaffen. Der Hunger fragt nicht danach, ob die Flinte schießt, und der Säbel haut und die Furcht vor dem Gesängnlß schreckt ihn noch w-niger. Die übrigen Länder Europa's haben keine Ursache, auf die drei Staaten, welche im Augenblick da» Erperimentirfeld der „Magenfrage" bilden, mit Pharisäermitleid herabzublicken; in England, Frank­reich und Belgien tritt die Sache nur deshalb frühzeitiger und mit mehr Eklat hervor, weil dort sehr freie politische Einrichtungen dies ermöglichen, welche möglicherweise das V.ntil für die Gefahr sind. In allen Ländern Europas hat man Ursache, aus die Züchen der Zeit zu achten; sie sind es w-rth! Der österreichische Centrumssührer Fürst Lichtenstein berührte die brennende soziale Frage

Gala-Uniform erschien. Er lächelte, und sein feu­riges Auge traf sie so mächtig, daß sie das ihrige senken mußte.

„Der Oberst ist wirklich ein sehr schöner Mann," mußte sich Erika unwillkürlich gestehen.

„Ah, ma belle petite comtesse,“ sagte er näher tretend in zärtlichem Ton, „Sie haben mich heute lief gekränkt, mir einen solchen Schmerz bereitet, daß es mir unmöglich ist, länger unter dem Drucke dieser peinlichen Empsindungen zu leben. Mit unwiderstehlicher Macht trieb es mich zu Ihnen, um Aufklärung meiner Zweifel zu verlangen."

Erika bebte, doch sie vermochte in stolzer Hal­tung ruhig und eisig kalt zu erscheinen. „Wie hätte ich denken können," sagte sie mit gezwunge­nem Lächeln, >,daß ein flüchtig hingeworfenes Wort Sie derart verletzen könne. Wollen Sie, daß ich um Verzeihung bitte?"

„Da« sei ferne von mir," entgegnete Martell und nahm an ihrer Seite Matz. „Ich ahne ja, weshalb Sie meine Huldigung wie eine Beleidi­gung aufnahmen. Sie zweifelten an meiner Auf­richtigkeit, hielten die Zeichen wahrer Liebe für Spielereien tändelnder Laune! War es nicht so, Geliebte?"