Einzelbild herunterladen
 

Sonnabend, den 27. März

1886

Die .Fuldaer Reituna' erscheint tSalich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., belletristischen Wochenbeilage ,Sterne UN» Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

— mit der

Zweites Blatt.

Bei bevorstehendem

Ouartalswechsel werden besonders unsere auswärtigen Abonnenten gebeten, die Abonnements- Erneuerung im eigenen Interesse thun- lichst frühzeitig bei den Postämtern an­melden zu wollen, damit der regelmäßige Empfang des Blattes keine Unter­brechung erleidet.

Das Märchen von der Zaubttgeige.*)

Es lebte ehemals weit von hier, in dem schönen Lande, wo die Sonne ewig an einem lasurblauen Himmel stahlt, in Italien, ein junger, braver Musiker, der seine Existenz recht armselig fristete. Er spielte keine lustigen Weisen; im Gegentheil, seine Melodien waren schwermüthig, denn 1 sie entquollen wirklich dem Innersten seiner Seele, und ; nur die Unglücklichen liehen ihm ein aufmerksames Ohr ! und fanden Trost in diesen von Schwermuth erfüllten : Weisen.

Als der junge Musiker zum Manne herangereift war, heirathete er, und nach Verlauf eines Jahres schenkte ihm seine Frau ein hübsches kleines Mädchen. Doch trotzdem, daß der Musiker in seinem häuslichen Leben sehr glücklich war, blieben seine Melodien dieselben, immer schwermüthig und nur von Leiden sprechend.. ;

Das kleine Mädchen — Tea genannt — wuchs heran. ; Mit Vergnügen lauschte sie den Melodien des Vaters und ; bekundete viele Anlagen zur Musik. Als die Kleins vier i Jahre alt war, weihte sie der Vater in seine Kunst ein. i Unermüdlich in ihrem Fleiße, gelang es dem Kinde bald, den Saiten einer kleinen Geig.' eine Reihe hübscher Lieder zu entlocken.

Tea wurde älter und trat in die Schule der Leiden und Entbehrungen. Sie mußte ihrem Vater in der Er­werbung des täglichen Brodes behilflich sein. Vater, Mutter und Tochter durchstrichen die schöne Heimath, die Geige spielend und dazu singend, wobei sie jedoch sehr oft am Nothwendigsten Mangel litten. Eines Abends, erschöpft, hungrig und durstig, langten sie in einer mitten im Walde gelegenen verlassenen Hütte an, wo sie die Nacht zubringen wollten. Vater und Mutter schliefen bald ein, und auch die müden Aeuglein der kleinen Tea konnten nicht lange dem Schlummergotte widerstehen; sie schlossen sich.

Plötzlich fühlte sie sich mächtig angezogen, fortgetrieben in den finsteren und dichten Tannenwald. Ein klagender, seufzender Nachtwind niachte die dunklen Tannen Hochauf­schauern. Die Kleine schritt instinktiv rüstig fürbaß, bis sie an einen strahlend erleuchteten, von Rittern und Edel­frauen gefüllten Saal gelangte. Plötzlich und unwillkürlich ergriff sie ihre Geige und begann eine der unendlich traurigen Weisen zu spielen, die sie von ihrem Vater er­lauscht hatte. Als sie geendet, trat aus der Mitte der Anwesenden eine Dame von berückender Schönheit hervor und näherte sich ihr, in der Hand auf einem vergoldeten Plateau eine Geige tragend, welche sie dem Kinde mit folgenden Worten darbot:

„Dein schönes Spiel hat uns entzückt. Nimm diese Zaubergeige, durch welche Du die ganze Welt bezaubern wirst. Wenn Du dieses Instrument treu liebst, so wirst Du glücklich sein. Aber Dein Herz darf nie einem Sterb­lichen zu Theil werden; sonst bist Du verloren."

Instinktmäßig ergriff Tea die Geige. Eine mächtige, unwiderstehliche Gluth durchdrang ihren ganzen Körper; sie glaubte Flügel zu besitzen, und es schien ihr, als ob es bloß eines Aufschwungs bedürfe, um sich in die Nacht hinaus zum gestirnten Firniament zu erheben, Sphären­gesänge, köstliche Melodien schlugen an ihr Ohr, und von dieser Fluth ungeahnter Harmonie betäubt, sank sie zu Boden und verlor das Bewußtsein.

Als Tea am folgenden Morgen erwachte, stand bereits die goldig strahlende Sonne hoch am Himmel. Ihr zur Seite lag eine Geige, die ihr weit größer däuchte als ihre eigene, und sie begriff dann, daß sie nicht geträumt hatte. Während dieser denkwürdigen Nacht war auch mit ihr eine gar wundersame Wandlung vorgegangen: sie war groß und schön geworden. Sie drang in die Tiefe des Waldes ein, der ihr seine innersten Gedanken enhüllt hatte. Blumen und Vögel verkündeten durch ihren Duft und ihren Gesang das Evangelium der Liebe, und als sie zu spielen begann,

*) Autorisirte Uebersetzung des „Berl. Tgbl." Das Original ist von Teresina Tua in italienischer Sprache geschrieben.

da klangen die Töne, die sie dem Zaukeripstrumente entlockte, so zart und mächtig, so rein und voll, daß ihr Herz heftig schlug und fast die Brust zu sprengen drohte.

Der Vater, durch diese wundersame Musik angelockt, kam, um zu sehen, wer eine so herrliche Weise spielte, und war entzückt, als er fand, daß es seine Tochter war. Er drückte sie in leidenschaftlicher Liebe an sein Herz, em­pfindend, welchen Schatz sein Kind besaß.

Sie durchwanderte die Welt, auf der Zaubergeige spielend, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land ziehend. Sie spielte so entzückend schön, daß man sie die „Fee mit der Geige" nannte. Wohlstand und Glück zogen in das Haus des Musikers ein, der, seitdem sein Kind die Zauber­geige besaß, sein eigenes Instrument nicht mehr berührte.

Tea wuchs heran, entwickelte sich, ward gefeiert und geliebt wegen ihres herrlichen Spiels und ihrer entzücken­den Schönheit. Gar mancher junge edle Ritter bot ihr seine Hand an, sogar Fürsten warben um ihre Gunst, doch sie blieb kalt und ungerührt. Das bewegte und geräuschvolle Leben war für sie blos ein verzauberter Wald, der sich ihr in verschiedenen Formen zeigte; zahllos« wunderbare Blumen neigten sinnig ihre duftenden Häupter, und alle diese kaleidoskopartig vor ihrer Phantasie vorüber ziehen­den, stets wechselnden Gestalten interpretirte sie innig auf ihrer Zaubergeige.

Aber — wie es so häufig vorkommt — inmitten dieser Triumphe wurde ihr Herz plötzlich gefesselt. Einem jungen Manne mit Gluthaugen war es gelungen, das kalte Herz zu rühren und zu unterjochen. Seit der Zeit kannte sie keine Ruhe mehr. Vergeblich suchte sie diese Augen, die sie so sehr fürchtete und die sie doch so leidenschaftlich liebte; sie suchte überall den Theuern, der ihr nur er­schienen war, um für immer zu verschwinden.

Traurig und niedergeschlagen sah der Vater, wie sein zartes Kind gleich einer in fremde Erde verpflanzten Blume hinzuwelken begann. Er kehrte mit ihr in die Heimath zurück, hoffend, daß das milde Klima des Südens dem geliebten Kinde Heilung bringen werde. Ermüdet, athemlos und mit gebrochenem Herzen kamen sie nach mehrwöchentlichem Wandern an jener Hütte im Walde an, die für sie so verhängnißvoll geworden. Tea wollte da­selbst rasten.

Als die Nacht herangebrochen war, sah sie im Traume die Dame, welche ihr die Zaubergeige gegeben hatte, ins öde Zimmer treten. Die schöne Dame segnete die Schläferin und sprach:

„Du hast Dein Gelübde gebrochen! Du liebst! Dein Herz sehnt sich nach einem Sterblichen. Du bist Deines Schwurs entbunden."

Dann beugte sie sich über die Schläferin, küßte ihr bie gleich einer Todten bleiche Stirne, winkte zum Abschied und verschwand . . .

Aur folgenden Morgen fand der Vater seine Tochter im Tode erstarrt und neben ihr lag die Zaubergeige; sie war jedoch zerschmettert.

Auf dem kleinen Kirchhofe des Dörfchens, auf dem Abhange eines Hügels, schläft Tea den letzten Schlaf. Seit der Zeit hat Niemand den Vater wiedergesehen. Nur Nachts hört man auf dem Kirchhofe seine schwermüthigen Melodien, die aber so hohl und dumpf klingen, als ent­stiegen sie dem Grabe.

Die Postkarte.

Keine postalische Einrichtung har sich einet so allgemei­nen Zustimmung und einer so schnellen Ausdehnung zu erfreuen gehabt als die Postkarte, und man glaubt kaum, daß wir diese ebenso einfache als praktische Korrespondenz noch nicht 15 Jahre besitzen. Und doch ist es so, und Oesterreich ist es, welches uns in dieser Postkarten-Frage zuvorgekommen ist. Auf der fünften Weltpost-Konferenz in Karlsruhe im Jahre 1865 hatte der heutige Leiter un­seres Postwesens, Herr Stephan, in einer Denkschrift die Einführung solcher Postkarten empfohlen, ohne damit be­sonders Anklang zu finden. Wenigstens standen der Idee mindestens ebenso viel Bedenken entgegen, als seiner Zeit den Eisenbahnen entgegengebracht wurden und noch heutigen Tages in gewissen Kreisen dem Bau von Pferdebahnen in volkreichen Städten. Trotzdem hatte Oesterreich am 10. Oktober 1869 mit der Ausgabe von Postkarten den Anfang gemacht und wurden hier schon im ersten Quartal 2,930,000 Stück verbraucht, jedenfalls ein Beweis dafür, einem wie dringenden Bedürfniß die neue Einrichtung abgeholfen. Wenige Tage vor Ausbruch des Krieges gegen Frankreich, am 25. Juni 1870, erfolgte die Ausgabe der ersten deut­schen Postkarten in Berlin, und noch an diesem einen Tage wurden 45,468 Stück derselben verkauft, während in den ersten beiden Monaten weit über 2 Millionen zum Verkauf gelangten. Während des Krieges mit Frankreich sind mehr als 10 Millionen nur von deutschen Staatsangehörigen verbraucht worden, um hinüber und herüber Nachrichten an ihre Lieben gelangen zu laffen, und nachdem Frankreich schon am 29. September 1870 die gleiche Einrichtung ge­troffen, ist auch jenseits der Vogesen der Kartengebrauch

in's Unendliche gesteigert worden. Und heute glaubt eben Jeder, es sei niemals anders gewesen. Hat schon die vom verstorbenen Generalpostdirektor Phillipsborn eingeführte Verbilligung des Briefportos auf 10 Pfg. die alten An­schauungen über den Briefverkehr über den Haufen gewor­fen, so ist die Umwälzung auf diesem Gebiete durch die Einführung der Postkarten nicht minder bedeutend. 1872 wurden in Deutschland 307,040,000 Briefe und 7,727,833 Karten befördert; in 1873 war diese Zahl schon auf 337,567,392 Briefe und 25,955,986 Karten angewachsen, und 1879 wurden zwischen Deutschland und anderen Län­dern allein 16,614,000 Postkarten gewechselt, während in ganz Europa mehr als 350 Millionen Karten zur Ausgabe gelangten. Diese Zahl ist aber heute schon weit überholt, denn heute sind allein 41 Staaten vorhanden, welche Weltpostkarten, und 72 Staaten, welche Postkarten haben, und das Postarchiv gibt die Zahl der täglich in der Reichs­druckerei angefertigten Postkarten auf 400,000 Stück im Gewicht von 1360 Kilogramm an, was zu 300 Tagen ge­rechnet zwölfhundert Millionen Stück mit einem Gewicht von 408,000 Tausend Kilogramm ausmachen würde. That- sächlich sind in Deutschland schon 1879 allein 122,747 Tau­send Stück und 16 Millionen Stadtpostkarten verbraucht. Interessant ist übrigens, daß England die englischen Post- karten in Deutschland anfertigen läßt und im letzten Jahre 184,627,000 Stück von Deutschland bezogen hat, weit das Material hier besser ist.

Vermischtes.

* Wie im Heimathlande des Kaffeebaumes, im Somalilande, bei den Benedir, Somali und Bajundi Kaffee getrunken wird, schildert ein Artikel des .Globus' in Folgendem: Alle diese Stämme, welche das Heimath- land des Kaffeebaumes bewohnen, sind in hohem Grade auf den Genuß seiner Frucht erpicht und betrachten sie als ein ganz unentbehrliches Nahrungsmittel, aber sie bereiten weder Kaffee in unserer Weise durch einen Aufguß von kochendem Waffer auf die gebrannten Bohnen, noch stellen sie in der arabischen Weise aus dem getrockneten Fruchtfleisch den theeartigen Kisr dar. Ihre Bereitungsart ist vielmehr folgende. In einem Topfe wird zunächst Sesamöl oder Butter bis zum Sieden erhitzt, jede Familie hat dazu einen eigenen Topf, den man ausschließlich zu diesem Zwecke verwendet, damir ja nichts von dem köstlichen j Aroma verloren gehe. In das kochende Fett wirst man die Kaffeekirschen, die man zuvor zerbissen hat, damit es i besser eindringen kann; dann setzt man einen genau schlie- ! tzenden Deckel auf und läßt die Kirschen eine Zeit lang schworen. Mittlerweile haben die Gäste Platz genommen und der Inhalt des Topfes wird in eine Holzschüfsel ge- ! gossen und circulirt. Jeder Anwesende nimmt einen Lössel : voll des parfümirten Oeles und gießt ihn sich in die rechte 1 Hand, mit der Linken beginnt er dann zunächst seine I Ohren und seine Nase einzusalben, dann reibt er den Rest aus seinen Körper ein, und Einer hilft dem Anderen, die Stellen zu reiben, die er nicht selbst erreichen kann. Mitt­lerweile ist die Schüssel wieder zu der Frau zurückgelangt, welche das Kohlenfeuer mit einem Palmblatt unterhalten hat; sie übergießt nun die geschmorten Kirschen mit frischer, i geschmolzener Butter und mit Bienenhonig, oder noch ! lieber mit dem Safte des Zuckerrohres, und nun ist das 1 Gericht fertig. Jeder Gast füllt sich die rechte Hand, die als Tasse dienen muß, mit diesem Leckerbiffen, mit der linken Hand holt er aus einer anderen Schüssel den ge­kochten Dingo (Mais), der die gewöhnliche Nahrung bildet, und tunkt das Fett damit aus. Um diese Leckerei gibt der Somali alles Andere hin; auch die Frauen sind sehr begierig darauf, doch kommt meist wenig genug davon an sie. , m

sJm thierärztlichen Bureau.s Bureaudiener: „Ich möchte gern für Herrn Sekretär Müller die Ab­handlung über die Rinderpest haben." — Sekretär Schultz: „Sie Rinderpest hat Herr Sekretär Lehmann nebenan, ich habe nur die Klauenseuche und die Maulsperre."

Schuhmacher-Loreley.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin, Des Gewerbes freie Zeiten, die wollen mir nicht in den Sinn, Der ehrliche Meister sitzet und arbeitet Tag und Nacht, Doch wie er sich mühet und schwitzet nur Flickarbeit wird ihm gebracht.

Das Neue kaust ja der Kunde im Laden billiger wohl, ! Halt auch die Naht keine Stunde ist auch von Pappe die Sohl'.

Im Ausverkauf und in Auktionen, giebt's Alles für's halbe Geld,

i Doch will ich Euch damit verschonen, wie der Käufer da wird geprellt.

Des Handwerks goldene Früchte heimst ein das Kapital Das ist von dieser Geschichte die traurige Moral.

Und macht nicht die Freiheit bald pleite, die für das Ge­werbe erdacht

Wird's Handwerk bald, glaubt's nur ihr Leute, zur ewigen I Ruh« gebracht.