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Dienstag, den 23. März

1886.

Di« ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg-, auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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* Die Offiziösen.

Unsere Offiziösen sind fleißige Leute — nicht die Oberoffiziösen von der .Norddeutschen', denn diese verstehen es, das genannte Blatt mit einer so aus­gesuchten Langweiligkeit zu redigiren, daß wir alle unsere Gegner leicht in Schlaf wiegen könnten, wenn diese verpflichtet würden, das Pindter'sche Organ von A bis Z durchzulesen — wohl aber die Ossi- ' ziösen vom Preßbureau; diese gleichen den Thieren, von denen Schiller im Taucher sagt, sie regten 100 Gelenke zugleich. Eugen Richter hat in der ,Freis. Z.' ein scharfes Auge auf die Preßbureau» । Artikel, jeden Augenblick findet man die Notiz: „Der neueste Artikel aus dem Preßbureau ist überschrieben . .., und fängt an ..., schließt..." Oft gleichzeitig, bisweilen auch später, finden wir Morgens am Redaktionstischr das betreffende Ela­borat der Soldschreiber in den Reptilen unserer Umgegend und weiterer Kreise; besonders eifrig ist im Abdrucken solcher Wische die .Roerztg.' in Düren, welche auch von der ,Freis. Ztg.' bereits in die „Ehrenliste" der Reptile ausgenommen ist, aber andere „Kreisblätter" thun auch mehr oder weniger darin.

Jedoch nicht bloß Leitartikel, sondern auch „Rundschauen" werden geliefert, die verschiedene Couleur haben, je nach Bedürf niß. Das eine • Blatt ist rein gouvernemental, es nimmt für das gespendete Geld Alles, was ihm vorgesetzt wird; mit diesem wird kurzer Prozeß gemacht, es muß einfach die drolligst gefärbten Berichte chae Augen- , zwinkern aufnehmen; andere Organe wollen ,,un» parteiisch" sein, namentlich diejenigen, welche sich zur Aufgabe gesetzt haben, in katholischen Gegenden die Welfenfondsgelder einzusäckeln und trotzdem nicht rein antikatholisch zu werden. Diesen wird eine eigene Kost vorgesetzt. Unter der Maske der Parteilosigkeit werden nur Nachrichten geliefert, aber gründlich sortirt ; es wird nur ge­bracht, was der Regierung gefällt, was ihr miß­fällt, wird meist ohne Federlesen unterdrückt. Wenn etwas vorkommt, was die Katholiken zum Miß­trauen veranlaßt, so wird es entweder verschwiegen oder geht das nicht, so macht man die Darstellung so lammfromm und unschuldig, daß der gutmüthige Leser keinen Unrath wittern soll. O rgane dieser Art existiren in schwerer Menge, und wo

— Dir letzte Gräfin von Manderscheid. 24

Roman von Antonie Haupt.

6. Kapitel.

Weiß nicht, ob auf dieser Erden, Die des herben Jammers voll, Nach viel Trübsal und Beschwerden Ich Dich wiedersehen soll.

Volkslied.

Es vergingen mehrere Wochen, die Kaiserlichen waren endlich bis Wittich vorgerückt, aber noch immer hatte die Manderscheidische Besatzung keinen Marschbefehl erhalten. Antonius war wieder vollkommen hergestellt, die schwerer Verwundeten hatte man, trotz Erikas Einspruch, zugleich mit den Gefangenen nach Koblenz tranSportirt. Der Komteffe opferwilliges Walten war auf diese Weise ganz außer Thätigkeit gesetzt; der Uebergang war so plötzlich gekommen, baß sie Mühe hatte, sich in der Ruhe zurecht zu finden. Jetzt erhielt sie Muße, über die letzten Ereigniffe und ihren eigenen Seelenzustand nachzudenken, und sie that dies auch, als sie eines Abends nach dem gemeinsamen Abendbrod noch spät allein in ihrem Lieblings» zimmer saß.

Sie schrack zusammen, als plötzlich mit allen Zeichen außergewöhnlicher Bewegung der Major bei ihr eintrat. Zwischen den Beiden hatte die

sie existiren, da hat man sie im Laufe der Zeit auch als solche zur Genüge erkannt und gewürdigt.

Eine dritte Sorte offiziöser Reptilien mit und ohne Subvention ist die der „Eklektiker"; diese behalten sich eine gewisse Freiheit in Auf­nahme und Nichtaufnahme vor; ihnen dient haupt­sächlich die .Neue Reichscorr.' des Herrn Schwein­burg in Berlin, welche augenscheinlich maffenhaftes Material liefert, was den Vortheil hat, daß die Redakteure längst nicht so viele Federn verbrauchen, wie auf den Bureaux der unabhängigen Zeitungen. Auch diese Blätter sind in katholischen Gegen­den „neutral", „frei von jeder Parteifarbe", und treten nicht gerne offen gegen d en Katho­lizismus auf.

Die vierte Sorte bilden nach einer von der ,Aach. Vztg.' aufgestellten Uebersicht, diejenigen Blätter, welche finanziell unabhängig stehen, aber offiziösen Einflüsterungen mehr oder minder zu­gänglich sind. In erster Linie steht die .Nord­deutsche', bei der man vielfach nicht weiß, was offiziös sein soll, und was der Phantasie der übrigens nicht sehr tüchtigen Redakteure seinen Ursprung verdankt- In der Regel sind die Artikel auf der ersten Seite um so offiziöser, je kürzer sie sind. Den markanten Stil eines sehr hoch­stehenden Mitarbeiters erkennt man sofort heraus, wenn von diesem ein literarischer Erguß ange­kommen ist. Offiziöse niederer Gattung sind zunächst die .Kreuzzeitung', welche besonders mit dem Ministerium des Innern Fühlung zu haben scheint. Auch die .Post' wird ost zu offiziösen. Auslassun­gen benutzt; auch vom .Deutschen Tageblatt' weiß man nicht recht, ob es bezahltes o:er unbezahltes Reptil ist, der Reptil-Charakter haftet ihm offen» bar an. Die für bestimmte Kreise reptilistisch arbeitenden Organe, wie .Neue Börsen-Zeitung.', ,Staatsbürger-Zeitung', ,Berliner Lokal-Anzeiger, u. s. w. übergehen wir. Ein hauptvffiziöses Blatt ist die ,Köln. Ztg.', die sowohl für innere, als auch vorzugsweise für auswärtige Politik zum Regierungsorgan benutzt wird. Zur Zeit hat sie die Aufgabe, den Franzosen unter dem bekannten offiziösen Zeichen (Quadrat mit Punkt darin) klar zu machen, daß sie revanchelustig sind.

An die eigentlichen Offiziösen könnte man die „neutralen Geschäftsblätter als fünfte Sorte anreihen, die selbst keine offiziellen Wische erhalten,

Förmlichkeit des Anmeldens, sowie jede andere seit jenen Schreckensstunden aufgehört, vor welchen „jede Form wie Dunst dahinflog." Dennoch staunte Erika über seinen Besuch bei so vorge­rückter Stunde.

„Ich komme, um Ihnen mitzutheilen, daß wir schon morgen in der Frühe Ihr gastliches Schloß verlaffen müffen," sagte er, und seine tiefe Stimme bebte leise.

Die Komtesse deutete stumm auf den Divan an ihrer Seite, zu sprechen vermochte sie nicht.

Nachdem der junge Mann ihrer Einladung Folge geleistet hatte, fuhr er fort: „Die plötzliche Abberufung kommt von General Melas, welcher thatkrästiger als Blankenstein jetzt die Armee kommandirt, In bett nächsten Tagen wird ein Angriff auf Trier gemacht werden. Doch nicht davon wollte ich Ihnen sprechen," — er sah ihr voll und innig in's Auge — „ich wollte Ihnen danken, Komteffe, für all' die Güte und Aufopfe­rung. welche ich nie, nie —"

„Ich bitte, reden Sie nicht davon," unterbrach Erika ihn heftig. „Sie thun mir weh und be­schämen mich. Mit welchen Worten soll ich Ihnen denn meine glühende Dankbarkeit aus­drücken? O, wüßte ich ein Mittel, Ihren Dienst zu vergelten," rief sie begeistert, „jedes Opfer I

aber, um die behördlichen Unterstützungen, nament­lich durch Inserate, zu behalten, in ganz ober halb gauvernementalem Sinne schreiben. Diese Art politischer Nachtfalter taucht mehr und mehr auf, groß und klein, aber durchweg geistlos ge­leitet, was bei dem Zwange, den sich solche Blätter auferlegen müffen, kein Wunder ist.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. März.

♦ Laut Meldung der ,Post' von heute Abend gelangt die kirchenpolitische Vorlage am Freita g zur Berathung im Herrenhause. Die Vertheilung des Kommissionsberichts erfolgt morgen sDiens- t a g]. Heute sMonlag^ wird noch strengstes amt­liches Geheimniß darüber bewahrt."

* Hinsichtlich der Beschlüsse der kirchenpolitischen Kommission des Herrenhauses wird die Geheim­haltung noch immer fortgesetzt: Der Bericht ist zwar fertig, aber auch heute noch nicht zur Ver­theilung gekommen. Die Richtigkeit dessen, was wir gestern über die Beschlüsse mitgetheilt haben, so meldet die .Franks. Ztg.' heute, wird uns be­stätigt. Der .Germania' wird aus Rom telegra» phirt, die Herrenhaus-Beschlüsse seien nicht derart, daß Rom zustimmen könne. Die nächsten Tage werden es zeigen, was wir davon zu erwarten haben.

* Fürst Jsenburg-Birstein soll nach einer Meldung der .Franks. Ztg.' nicht in Rom gewesen sein. Und die .Post' berichtet heute Abend: „Der Fürst von Jsenburg-Birstein, den das .Düsseldorfer Volksblatt' im Auftrage der Minderheit der kirchen- politischen Kommiffion des Herrenhauses nach Rom hatte reifen lassen, war vorgestern im Herrenhause anwesend." Aus der Anwesenheit des Fürsten bei der Feststellung des Kommissionsberichtes könnte noch nicht geschlossen werden, daß er nicht in Rom gewesen.

* Die ,Voss. Ztg.' schreibt: „Das Abgeord­netenhaus hat die Vermehrung der Lotterie - loose beschlossen, aber die Resolution hat eine so seltsame Fassung erhalten, daß man daraus nicht etwa die Verdoppelung der Zahl der Loose (also die Vermehrung von 95,000 auf 190,000 Stück) sondern die Verdreifachung desselben herauslesen muß, wenn man nichr gerade den

würde ich für Sie bringen! 'Hätten Sie einen Wunsch, eine Bitte, deren Erfüllung in meiner Macht läge!"

„Eine„ Bitte habe ich," sagte Antonius rasch.

„Sprechen Sie, sprechen Sie," drängte Enka erregt.

„Verlassen Sie Ihr Stammschloß," bat Anto­nius, „setzen Sie sich nicht zum zweiten Male den Schrecknissen des Krieges aus. Thun Sie es mir zu Siebe, Komtesse. Gestatten Sie, daß ich Sie nach Koblenz geleiten lasse, dort wird Seine

Durchlaucht Sorge dafür tragen, daß Sie sicher zu den Ihrigen gelangen."

Erika erbleichte. Sie hatte Anderes zu hören erwartet. „Mein Stammschloß verlassen," hauchte sie tonlos, „verlangen Sie dieß nicht von mir; es ist die einzige Bitte, welche ich Ihnen nicht er­füllen kann."

Antonius dachte daran, daß es nicht die erste Bitte sei, welche die Gräfin ihm verweigere, und die weichen Linien um feinen Mund wurden hart, übte der alte Standeshochmuth also noch immer seine Herrschaft über sie aus.

„Es thut mir leid um Ihretwillen, sagte er sich erhebend, „daß ich so von Ihnen Abschied nehmen muß. Wahrlich Komtesse, ich lasse Sie mit schwe­rem Herzen an dieser Stätte zurück. Leben Sie