JM 65. Sonnabend, den 20. März
1886.
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Zweites Blatt.
= Pie letzte Gräfin von Manderscheid. 22
Roma« von Antonie Haupt.
In entsetzlicher Weise begannen sie in den alten Vesten zu Hausen; bald hier, bald dort stürzte ein Mauerstück zusammen, und drüben am kurfürstlichen Schlosse brannte bereits einer der Thürme. Ruhig stand Erika auf der hohen Warte, sie dachte nicht zu fliehen, ihre Glieder waren wie von einem Starrkrampfe gelähmt, und ihr Bewußtsein begann sich zu verschleiern. Die Bomben, welche an ihrem Haupte vorbeiflogen, machten ihr keinen Eindruck, sie fühlte nur, daß sie sterben werde, daß Alles verloren sei. Plötzlich aber erwachte sie aus ihrer Betäubung. Kiang das nicht wie ein fröhliches deutsches Hurrah? Ein bangender Blick hinunter —
Wahrhaftig, dort stürmt er vor, ihr Held — sie erkennt ihn am wallenden Federbusch und der stolzen Haltung — eine Schaar von löwenmuthigen Kriegern folgt seinem Befehle, und aufwärts geht es, immer bergan, von unaufhörlichem Geschützes. Hagel umwettert. Ringsum fallen Tapfere, doch vorwärts dringen die Anderen unaufhaltsam. Ein donnerndes „Hurrah!" Die Bajonette der Kurfürstlichen blitzen im Morgensonnenschein, sie stechen und hauen auf den Feind. Die Kanonen schweigen, panischer Schrecken be,nächtigt sich der Franzosen, die Gewehre von sich werfend, ergreifen sie die Flucht. „Ihnen nach!" erschallt das weithin klin- gende Kommando des Majors. Erika weiß, daß die Flüchtigen tobt oder lebend in die Hände der Sieger fallen.
Gott fei Lob und Dank! Die nächste, die schrecklichste Gefahr war durch die unglaubliche Tapferkeit und Unerschrockenheit eines Helden abgewendet. Erika athmete tief auf; es war ihr, als ob sie aus einem schrecklichen Traume erwache. Sie schaute um sich her und kam nun erst zur Besinnung, daß sie sich noch immer auf dem Wartthurm befinde. Sie stieg eilig hinab und fand drunten Alles in begreiflicher Verwirrung. Man hatte sich sehr um sie geängstigt und begrüßte sie jubelnd als eine von den Tobten Auferstandene. Der Schaden, welchen die Geschosse in den Burgen angerichtet, war nicht so schlimm, als man anfänglich glaubte, wenigstens war kein Mensch v r- wundet worden, und das Feuer im kurfürstlichen Schlosse schien bereits gelöscht. Dennoch war die Roth noch immer dringend, voll banger Sorge fragte sich Jeder: Was werden die kommenden Stunden bringen? Der Angriff auf die Schanzen hinter dem Dorfe war noch nicht zurückgeschlagen: stets aus's Neue dröhnte der Donner der Geschütze, und er — der Tapferste, deffen Beispiel allein den sinkenden Muth Vieler aufzmichten vermochte, war nicht dabei. In diesen sorgenschweren Augenblicken dachte Erika dennoch voll Mitleid an die । armen Verwundeten. Sie sandte einige Diener mit Tragbahren an die Stelle, wo eben der verzweifelte Kampf stattgefunden hatte, und wandte sich dann selbst der Schloßkapelle zu; hier wollte sie bis zur Ankunft der Leidenden in heißem, inbrünstigem Gebet Trost und Stärke erflehen.
Wie still, wie friedlich war es an der heiligen Stätte! Gedämpft fiel das Licht der Sonnenstrahlen durch die prächtigen alten Glasmalereien der Fenster und spielte mit verklärendem Schein um das Bild des heiligen Antonius, welcher mit dem Jesukinde auf dem Arme freundlich auf sie niedersah. Zu diesem Bild empor hob sie den I angsterfüllten Blick. In allen ihren Sorgen und I Anliegen hatte sie stets mit wunderbarem Erfolg '
i die Hilfe des großen Heiligen erfleht, und heute i — würde er sie heuten vergebens bitten lassen? Gewiß nicht, er war ja der Namenspatron des । Mannes, von deffen Muth und Besonnenheit ihr i Schicksal abhing. Seinem mächtigen Schutz empfahl sie den jungen Helden, sich selbst und alle die Ihrigen. Eine hohe Zuversicht kam über sie, es war ihr, als ob das Jesukind ihr lächelnd zuwinke: „Gehe hin, Dir geschehe, wie Du geglaubt."
Als sie endlich getröstet die Kapelle verließ, kam ihr ein Diener mit der Meldung entgegen, daß eine Anzahl Verwundeter in die große Halle gebracht worden sei. Der Verlust der Kurfürst, lichen war glücklicherweise nicht bedeutend; das dichte Gesträuch, welches zwar ihr Vordringen erschwert, harte sie vor den feindlichen Kugeln ge- deckt. Gefallene Franzosen hatte man unzähliche gefunden, die meisten aber waren bereits tobt ober nicht mehr zum Transport geeignet. Die kur- I fürstlichen Solbaten wußten, trotz ihrer Schmerzen, nicht genug von ber ans Wunberbare grenzenben Tapferkeit ihres Majors zu erzählen. Wie ein St. Georg sei er vorangestürmt, seine kampfes- muthige kleine Schaar ermnnternb unb Tod unb Ver- berben bem dichtesten Haufen der Feinde bringend. I Obgleich er Wunder von Waffenthaten verrichtet, habe ihn selbst keine einzige Kugel gestreift, er sei unverwundbar und müsse wohl Engel zu Hütern haben.
„Jetzt ist er schon wieder den Schwerbedrängten | in den Verschanzungen zu Hilfe geeilt," berichtete ein eben eingetretener Diener; „er hat sich kaum Zeit genommen, die gefangenen Rothmäntel auf der Katzenburg hinter Schloß und Riegel zu bringen. Hört nur, wie das Schlachtgetöse sich verdoppelt!" Schaurig drang der Wagenlärm in die stille Halle, und mit bangem Herzen verrichtete Erika ihre Samariterdienste. Allmählich ließ der Kanonendonner nach, es war als ob das Getöse sich entferne.
„Hurrah, die Franzosen haben Reißaus ge- I nommen!" rief ein Bauer, der herbeigeeilt kam, um die Siegesbotschaft zu überbringen. „Sie laufen wie die Hasen, und die Kurfürstlichen setzen ihnen nach. Der Major ist zwar verwundet, aber dennoch weicht er nicht von der Spitze: „„Wie man siegt, haben wir jetzt gezeigt, nun wollen wir auch zeigen, wie man verfolgen kann,"" hat er ausgerufen und dann ging es hintendrein mit Hurrah. Ist das ein Herr! Ein leibhaftiger St. Georg! Die Franzosen waren gerade im Begriff, die Schanzen im Sturm zu nehmen, da kam er herbeigesaust mit seinen Soldaten. Das gab eine Veränderung! Hui, wie flo.en die Kartäschen den Angreifern um die Köpfe, rechts und ! links fielen sie wie die Fliegen. Bald fingen die Kolonnen an, in wilder Flucht sich zurückzuziehen, die Kurfürstlichen folgten Urnen auf den Fersen. Heidi, das ist eine lustige Jagd? Von diesen I Franzosen kommt Keiner mehr nach Hause."
Von der ganzen Erzählung hatte Erika nur wenig gehört. „Er ist verwundet, Mann?" flüsterte sie beklommen, „sagtet Ihr so, der Major ist verwundet?"
„Ja freilich, am Kopfe, aber da« hält ihn nicht zurück. Ein Hoch auf ihn! Wenn alle Deutschen wären, wie er, so hätten wir hier keine Franzosen zu sehen bekommen."
Enka stimmte nicht ein in das gemeinsame, begeisterte Hoch. Der Gedanke, daß Antonius verwundet, vielleicht sterbend verwundet sei, fuhr wie ein zweischneidiges Schwert durch ihre Brust. Diese Angst um ihn sprengte die letzten Feffeln, welche anerzogener Stolz und eine verirrte lieber» zeugung um ihr Herz geschlagen hatten. Sie I
dachte nur an das Schreckliche, das sein Tod für sie haben könnte, sie fühlte nur, wie unglücklich sie sein würde, wenn sie den herrlichen Mann, dessen Bild jetzt vom Glorienschein des Helden» muths umgeben war, nicht mehr sehen sollte. Sie hätte Alles hingeben mögen für einen Blick seiner Augen, für ein beruhigendes Wort seines Mundes. Gewaltsam suchte sie sich zu fassen. Es gelang ihr auch, äußerlich bewundernswürdige Ruhe zur Schau zu tragen. Wer die Gräfin sah, wie sie von einem Krankenbett zum andern ging, Wunden auswusch und Verbände anlegte, konnte nicht glauben, daß verzehrende Angst und quälende Erwartung sie peinigten. In unerträglicher Langsamkeit schlichen ihr die Stunden dahin. Es I ward Abend, ihre fieberhafte Spannung hatte sich auf das Höchste gesteigert, da ertönte ganz nahe fröhlicher Trompetenschall, und der Schloß. Hof füllte sich mit den heimkehrenden Siegern.
Alles um sich her vergessend, flog Erika hinaus in's Freie und spähte angstvoll mit dem Ausdruck bebender Erwartung nach dem Thore. Ein Jubel» ruf entfloh ihren Lippen. Da nahte der Mann, welcher die kleine Schaar so todesmuthig zum Siege geführt. Ein wenig bleicher als sonst stützte er sich auf den Arm seines Freundes, doch das Tuch, welches er um den Kopf trug, schmückte ihn in ihren Augen schöner, als die herrlichste Fürsten« kröne. Sie wollte zu ihm hin, zu ihrem Retter — sie wollte ihm danken aus tiefbewegter Seele, doch die Wonne, das Glück waren zu groß, ihre Glieder versagten den Dienst. Ohne zu wanken hatte da» starkmüthige Mädchen heute ein lieber» maß von schreckenerregenden, erschütternden Scenen an sich vorüberziehen lassen, in diesem Moment aber umschlang sie, wie um dort Halt zu suchen, die alte Linde, und Thränen der Freude entströmten ihren Augen.
Antonius'Blick fiel auf die bleiche Gestalt, und seine müden Züge belebten sich freundlich. Er ahnte nicht, was ihre rothen Lippen erblassen ge« macht, was ihren schönen Augen Thränen erpreßte.
„Muth, Komtesse," rief er ihr zu, „der Sieg ist unser! Es war ein ernste» Stück Arbeit, wir haben viele Braven verloren, aber die Opfer waren | des Preises werth. Die Franzosen, welche wir - nicht tödteten, haben wir gefangen genommen. Muth, Komtesse, die Franzosen kommen so bald nicht wieder!" Er trat näher und lächelte ihr ermunternd zu.
i Erika hob die Wimpern und sah mit innigem ! Ausdruck zu ihm empor: „Wie soll ich Ihnen danken," sagte sie leise.
„Danken Sie mir nicht," entgegnete Antonius. „Was ich that, war meine Pflicht, ich habe kein Verdienst daran."
„Aber, mein Gott, Sie sind verwundet," flüsterte Erika angstvoll.
„Eine kleine Kontusion, nicht der Rede werth." „So lassen Sie sich doch gleich einen ordentlichen Verband anlegen, die Wunde könnte sonst gefährlich werden," bat die Gräfin.
Der junge Held warf einen erstaunten Blick auf das erregte Mädchen. „Damit werde ich warten müssen, bis alle Gefangenen in Sicherheit find, und bis den schwerer Verletzten Hilfe zu Theil geworden ist," sagte er fest und wandte sich dann, um Befehle zu ertheilen.
Antonius hatte jedoch seiner Stärke zu viel vertraut. Der Blutverlust und die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Stunden waren zu groß. Jetzt, da der Zustand der Aufregung ihn verließ, entschwanden auch seine Kräfte, fein kühnes Auge umschleierte sich, fein Antlitz wurde bleicher, er schwankte und sank ohnmächtig nieder.
(Fortsetzung folgt.)