1886
Freitag, den 19. März
V 64
Fuldaer
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sollte man sie einmal über ihr Loos jammern hören, aber der freie Wille Hilst dem Menschen über Vieles hinweg, was er im Zwange schlecht ertragen würde. Für wiche Leute sind auch die Arbeiterschutzgefitze nicht berechnet, den Sonntagsknechten, die in religiöser Lauheit den Sonntag nicht höher schätzen als den Werktag, ist leider nicht;u rathen und zu helfen, sie fühlen sich in ihrem Schmierkittel auch Sonntags so wohl,. wie ein gewisser Vierbeinler im Moraste. Leider sehen auch die Kinder das böse Beispiel und „wie die Alten sungen, so flöten später die Jungen."
Eine andere Schattenseite unseres modernen geselligen Lebens an den Sonntagen ist die Ver> g n ü g u n g s s u ch t. Es ist leider allzu wahr, daß ein Theil unserer Arbeiter, Handwerker und Gesellen Sonntags verjubeln, was sie in der Woche verdient haben, und die Familie kann vielfach darben, während der Mann sich im Wirthshause bene thut.
Es läßt sich nicht Hinwegstreiten, daß gerade der Sonntag, der Tag des Herrn, am meisten zu Vergnügungen und Ausschweifungen aller Art be- nutzt wird, nicht aber zu dem, was er sein soll, zur Ruhe und Erholung, zur Sammlung neuer Kraft für die Mühen und Lasten der kommenden Woche. Alle möglichen Feste werden Sonntags gefeiert, die Vereinspest äußert sich gerade an Sonntagen am stärksten und mit den raffinirtesten Mit- teln werden Anläufe auf den Geldbeutel gemacht. Es gibt genug Leute, die Sonntags Morgens gleich nach der Kirche beginnen zu bummeln, und von einer Station bis zur andern wandern bis in den Nachmittag. Das heißen sie den „Frühschop. pen trinken." Dann legen sie sich auf's Ohr bis zum Spätnachmittage, und dann geht es wieder los bis in die Nacht. Wo eine Laterne winkt, wird eingekehrt, bis der Biedermann mit einem tollen Kopfe nach Hause wankt und dort den Sonntag mit Skandal beschließt. An den Sonntagen sind die Wirthshäuser oft bis in die Nacht über» füllt, und weil es eben Sonntag ist, wird des Guten viel gen offen, oft viel mehr, als der Geldbeutel, der Magen, und wohl auch der gute Anstand vertragen kann. Es ist eine Schande, daß das sauer verdiente Geld Sonntags verschleudert wird, als hätte es gar keinen Werth. Viele Leute beginnen Sonnabend Abend schon mit dem Wirths- hauslebeu und sitzen bis tief in die Nacht in dem
Hand und drückte sie mit Jnnbrunst an seine Lippen. Erika sah verlegen nach dem Major und erglühte, als zum ersten Male ein warmer Strahl aus desien Augen auf sie niedersiel. Bald darauf saß die Komtesse mit den Kindern im Wagen. Die jungen Leute verabschiedeten sich von ihr und schritten dann bei schönstem Mondschein auf Manderscheid zu. Der Major revidirte noch spät in der Nacht die Vorposten und Batterien und ließ die Verschanzungen vor dem Dorfe doppelt mit Mannschaft besetzen.
5. Kapitel.
Ich hör', wie die Trompeten blasen, Und die Kanonen schrecklich rasen; Mein Liebster stehet auch dabei; Der liebe Gott ihm gnädig sei.
Volkslied.
Seit mehreren Tagen lagen die Franzosen vor Manderscheid. Mit Mord und Schandthaten, mit Feuerbrand und Verwüstung hatten sie sich näher gewälzt, und plötzlich über Nacht waren sie hereingebrochen. Tausende von roilben Gesellen umkreisten die Gegend, und neue Schaaren drängten nach. In furchtbarer Weise hallte das Donnern ihrer Feldstücke an den Bergen und Fels- klüften wieder. Trotz des ununterbrochenen Bombardement» konnten sie sich noch keine« Erfolge«
tröstlichen Bewußtsein, sich am andern Morgen „ausschlafen" zu können. Oft auch wird es Morgen und dann kriecht man in's Bett unv schnarcht den Vormittag und wird den ganzen Tag nicht recht zum Menschen. Sonntag Abends aber ist Alles wieder frisch auf. Aber Montag? O weh! da schwirrt es und rumort es im Hirnkasten, als wenn ein ganzes Bataillon Soldaten dort herum« exerzierte mit Trommel und Pfeife. Es muß „blauer Montag" gemacht werden, und nicht selten gesellt sich auch noch ein „blauer Dienstag" dazu. Alles wegen der jämmerlichen Sonntagsfreude.
Es hieße aus einem Extrem in's anöere fallen, wollte man dem, der die Woche hindurch fleißig geschafft hat, ein anständigesSonntagsver- gn Ligen verwehren, und ich bin der L.tzte, der für einen englischen Sonntag schwärmen könnte. Als ich in London am Sonntag durch die Sira- ßen wanderte, fand ich Alles todtenstill. Die Läden, mit Ausnahme der Fleisch-, Gemüse- und Bäckerläden, waren geschloffen, die Schenken und Wirthshäuser natürlich erst recht, aber auch zu den Gal- lerieen, Museen, öffentlichen Gärten, Parkanlagen ist der Zutritt versagt, und man ist nur zum Zim- merarrest verurtheilt und kann sich die Zeit etwa mit Essen, Schlafen und Lesen vertreiben. Abend« 6 Uhr aber werden die Schenken geöffnet, und dann wird redlich nachgeholt, was man den Tag über versäumen mußte, und nie vergeffe ich die Bilder, die ich in der Nacht von Sonntag auf Montag in den Straßen Londons sah.
Alle unsere sozialen Reformen werden die Gebrechen unserer Zeit nicht mit der Wurzel ausrotten, wenn die arbeitenden Klaffen nicht lernen, genügsamer und bescheidener in ihren Lebensansprüchen zu werden, wenn man nicht sparen und sich nach der Decke strecken kann, wenn man in großem Tone bei kleinem Einkommen leben will. So lange die Vereinspest nicht abnimmt, die Festwuth gedämpft wird, — Nebel, die sich gerade an den Sonntagen breit machen — wird die angestrebte und höchst wünschenswerthe Sonntagsruhe nicht den vollen Segen bringen können, der in ihr liegt. Die Feste beschränkt, die Vereine becimirt, die Wirthshäuser vermindert und Sonntags Abends um 10 Uhr geschlossen — das würde helfen. Da klagt ihr über schlechte Zeiten, schlechte Geschäfte, schlechte Preise, und doch ist Vielen kein Vergnügen zu theuer, kein Festopfer zu hoch.
rühmen: dagegen hatten sie Gelegenheit, den Muth des kleinen Häufleins der Deutschen zu be- rounbem, welches aus den Verschanzungen sie mit schweren Geschützlabungen überschüttete und tag» lich verheerende Ausfälle wagte. Dabei wurde manche Bataillons-Kanone vernagelt und viele Franzosen getötet ober als Gefangene milgeführt. Aber auch Verwundete wurden auf das Schloß gebracht, und Gräsin Erika sah sich genötigt, neben dem Saale, den sie ihren Kranken eingeräumt, noch einen zweiten zur Aufnahme der ver- mundeten Soldaten herzustellen. Mit der größten Opferwilligkeit unterzog sie sich deren Pflege sie bebte nicht zurück vor der gräßlichsten Verstümmelung und versah ihr beschwerliches, für die stärksten Nerven kaum erträgliches Amt zur aufrichtigsten Bewunderung des Arzte«. Auch für da« geistige Wohl der Leibenden sorgte sie in liebevoller Weise; sie betete mit ihnen und sprach ihnen Trost und Ermunterung zu. Der würdige Geistliche, deffen edles Walten sie zu unterstützen strebte, sagte ihr freundlich: „Eine barmherzigere Pflegerin wie Sie, Gräfin Erika, könnte ich nicht an meine Seite wünschen."
Es war am Morgen des 22. August. Schon in der ersten Frühe hatte Trompetenschall oer-
# Sonntagsfeier. *)
Betrachten wir einmal mit offenem Blicke den Sonntag in den Familien, besonders des arbeitenden Standes, so werden wir Manches entdecken, was durchaus nicht unfern Beifall finden kann. Da wohnt z. B. ein Schuster, ein sonst braver, ehrenwerther Mann, der sich aber gar kein Gewiffen daraus macht, Sonntags zu arbeiten, wenigstens bis zum Nachmittag, wo er sich „fein" macht, um auszugehen. Um kein Aufsehen zu erregen, treibt er feine Sonntagsarbeit so geräuschlos als möglich, und kommt Jemand, so läßt er sich verläugnen, bann ist er nicht zu Haus, weil er sich geniert, am Hellen Sonntag Morgen in seiner pechduftenden Schürze zu erscheinen. Ich wohnte eine Zeitlang einem Schneider gegenüber; Sonntag Morgens sah ich denselben zur Kirche wandern, dann aber setzte sich der Meister von der Nadel mit seinen kreuzweis verschobenen Beinen auf den Tisch, das Fenster-Rouleaux wurde herabgelassen und — er ward nicht mehr gesehen, bis Nachmittags, wo er „in Lack" seine lange Ehehälfte in die Lust spazieren führte. Es gibt viele Leute, welche meinen, es wäre nicht Sonntag, wenn sie nicht „etwas Nöthiges" gethan hätten, in der Thal ist e« nur eine böse Angewohnheit, die durch Nichts entschuldigt werden kann. Verbotene Frucht reizt ja immer mehr, so auch die Sonntagsarbeit.
Ich habe Leute kennen gelernt, welche „alle Kleinigkeiten" auf den Sonntag aufsparten, alle Arbeiten im Hause für diesen Tag reservirten. „Sonntag habe ich Zeit, bann will ich das machen." Da wurden bann Nägel eingeklopft, unb bie Bilder verhangen, bet Ofen versetzt, die Betten ausgereinigt — oder geölt, tapezirt, gefällt und Hundert Dinge zusammengetüftelt, die alle ebenso gut an Werk- tagen hätten geschehen können. Aber solche „Sonntagsgeschäftchen" sind vielen Leuten geradezu zur Leidenschaft geworden, und sie finden gar nichts Verwerfliches darin.
Reich ist aber noch bin Handwerker mit seiner Sonntagsarbeit geworden, im Gegenlheil bemerkt man vielfach, daß solche Sonntagsknechte ihres Berufs es zu gar nichts bringen und vielfach einen jammervollen verächtlichen Eindruck machen. Sollten sie arbeiten, wäre es bitterer Zwang, so
*) Nachdruck nicht gestattet.
— Die letzte Gräfin non Manderscheid. 21
Roman von Antonie Haupt.
„Unter dem Schutze Ihres starken Armes fühle ich mich muthig unb gesichert, wie in Gotte- Hut," sprach sie einfach.
„Wir werden Ihr Vertrauen zu rechtfertigen suchen, Komteffe," verbeugte sich Graf Boos.
„Aber meine armen Kranken!" flüsterte die Gräsin plötzlich kleinlaut, sich hülflos im Kreise umsehend. „Wissen Sie was, Herr Doktor", wandte sie sich nach einer Weile wieder lächelnd an den Arzt, „wir transportiren sie alle auf unsere Burg in den großen BankU-Saal; dort kann ich sie pflegen. Hier mit der Grethe beginnen wir noch diesen Abend. Die Kinder tagen wir natürlich nicht im Stich, ich nehme sie gleich im Wagen mit und sende diesen sofort wieder her. Während ich Alles zum Empfang der Kranken einrichte, wird Philipp Sorge tragen, daß feine Schwester wohl gebettet in den Wagen gelangt".
Der Boten-Philipp war fein sehr weichherziger Mensch. Aber die Güte der jungen Dame Überstieg Alle», wa» er Liebe« bi« dahin erlebt. Er wollte der Gräfin seinen Dank ausdrücken, doch die Stimme versagte ihm; so ergriff er nur ihre