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1886.

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* Ei» Zukunftstranm.

Das protestantische .Schlüchterner Kreisblatt' brachte dieser Tage einen Artikel so seltener Art, daß wir uns ein wenig mit demselben beschäftigen wollen. Der fragliche Artikel gibt eine „Zukunfts­vision — der Nuntius in Berlin" und schildert zunächst die Ankunft des Nuntius als eine Besiege­lung des Friedens zwischen der weltlichen Herr­schaft und demPriesterthuni. Dann heißt es weiter:

Das Deutsche Reich ist eben keine bloße Missionsanstalt zur Ausbreitung des reinen Protestantismus, sondern ein großer herrlicher Bau, in welchem eine ganze Völkerfami- lie wohnen und glücklich sein und jeder Zweig derselben in Frieden und Freiheit seines Glaubens leben soll. Das „evangelische" Kaiserthum ist von diesem Standpunkt aus eine Unwahrheit und wer den Gedanken erfand, hat den deutschen Kaiser einfach auf die weltgeschichtliche Rolle etwa des Schwedenkönigs Gustav Adolf herabgedrückt. Wohl hatte das evangelische Preußen seine historische Mission. Aber sie war erfüllt an jenem großen Tage, wo deutsche Kanonen in Versailles der Welt die Geburt des mächtigen deutschen Kaiserthums verkündeten: le roi est mort, vive l’empereur! Wir haben eine höhere Auffassung von dem Beruf des hohenzollern'schen Kaiserthums. Wir sehen darin die machtvollste Organisation, welche von der historischen Vorsehung geschaffen und die Aufgabe erhalten hat, dem deutschen Volke und durch sein Vorbild der Welt die höch­sten idealen Güter des Daseins zu sichern: wahre Freiheit, wahren Fortschritt, dauernden Frieden! Blicken wir von diesem Standpunkte aus auf den Nuntius in Berlin zurück, so wird uns sein Erscheinen noch in einem andern Lichte willkommen sein. Es ist etwas wie ein Flügelschlag der Weltgeschichte, der uns dabei anweht. Der Weisheit un- -eres Reichskanzlers kann es niemals entgangen fein, daß der sogenannte Kulturkampf für die augenblickliche äußere Festigung des Reiches so wenig wie für die Erfüllung sei­ner dauernden weltgeschichtlichen Aufgabe ein Gewinn war. Sein Adlerblick hat es längst erkannt, daß das geistliche und weltliche Schwert heute keine Gegensätze mehr sind, daß Kaiser und Papst, Kirche und Reich durch keine un­versöhnlichen Interessen mehr getrennt werden, bei richti­gem Verständniß nicht Feinde, sondern Bundesgenossen sind. Welche Perspektive eröffnet der Gedanke, daß in Zukunft jemals die Geschicke dieser Welt durch Kaiser und Papst gemeinsam gelenkt werden könnten! Gewiß hat der Papst Recht, wenn er in seinem bekannten Bismarck-Briefe sagt, daß der römische Stuhl der Welt unzählige Wohl- thaten erweisen könnte, sobald Kirche und Staat Hand in Hand gehen und Beide innerhalb ihres Gebietes mit vol­ler Freiheit gegenseitiger Achtung und Unterstützung han­deln könnten. Was hindert uns, dies Ziel zu erreichen? Allerdings sind Vorurtheile ohne Zahl, Schwierigkeiten abgrundstief und berghoch zu überwinden. Wir antworten: Schwierig, aber nicht unmöglich! Denn kein unversöhn­liches Jntereffe liegt zwischen ihnen, kein Abgrund, der nicht eine Brücke trüge. Schon daß die Möglichkeit eines ehrlichen Friedens ernstlich erwogen wird, ist ein Gewinn. Das Bedürfniß dazu wird offenbar auf beiden Seiten er-

— Die letzte Graß« m Manderscheid. 19

Roman von Antonie Haupt.

„Ah, es scheint Ernst zu werden!" rief An­tonius unmuthig. „Ich glaube, wir erreichen Manderscheid nicht mehr vor Anbruch des Un­wetters."

„Wenn wir uns beeilen," meinte Doktor Lam­berti, „so gelangen wir vielleicht bis zu jener einsamen Behausung, welche ich rechts abseits vom Wege sah. Das Häuschen wird wohl die uns beschriebene Wohnung des Boten-Vhilipp sein, jenes Mannes, der uns den Weg von Trier nach Manderscheid zeigte."

Rasch auf einander folgende Windstöße ver­kündeten heulend die Nähe des Gewitters. Wie Nacht kam es herangezogen, und dunkel legte es sich tief und fchwer über die Landschaft. Blitz auf Blitz durchzuckte die Luft, und mit knattern­dem Getöse grollte unablässig der Donner. Be­flügelten Fußes eilten die jungen Leute vorwärt», doch schon nach wenigen Minuten öffneten sich die Schleusen des Himmels und wolkenbruchartig strömte der Regen. Es war rasch so finster ge­worden, daß man kaum die nächsten Gegenstände unterscheiden konnte.

könnt. Vielleicht war der Frieden niemals näher, niemals möglicher als in diesem Augenblicke, wo der erhabene, vor- nrtheiläfreie Geist Leo's XIII. dem mächtigen Geiste Bis- marck's begegnet. Wunderbare Welt! Wunderbare Zeit! Der verhaßte Todfeind Roms appellirt an die Weisheit des heiligen Stuhles in der Karolinenfrage! Canoffa! ruft der liberale Kulturkämpfer. Canossa! der protestantische Heißsporn. Aber nicht im Büßerhemde Heinrich's IV., son­dern im Schmuck des höchsten katholischen Ordens vom heiligen Erlöser kehrt Fürst Bismarck aus Canossa zurück! Wer Ohren hat zu hören, der höre! Wer die Weltge­schichte nur durch die Bildungsbrille der .Gartenlaube' oder vom Standpunkte eines evangelischen Predigtamts- Kandidaten kennt, der male meinetwegen schwarze Kreuze in seinen Kalender! .Wer aber die Zeichen der Zeit mit vorurtheilsfreiem Blick zu würdigen versteht, der wahre Patriot und treue Diener rufen dem päpstlichen Nuntius zu: „Sei willkommen in Berlin als Bote des Friedens und einer neuen Zeit!"

Eine Stimme aus dem Centrum hätte die wahre Aufgabe des Kaiserthums der Hohenzollern nicht besser darstellen können, als es hier das protestan­tische .Schlüchterner Kreisblatt' gethan. In der That sollte das Deutsche Reich ein mächtiger Schutz sein für die verschiedenen deutschen Stämme, für die deutsche Bülkerfamilie, aber nicht minder ein mächtiger Schutz für die verschiedenen Konfessionen. In diesem Sinne hat das Centruin von jeher die Stellung und Aufgabe des Deutschen Reiches und des Hohenzoller'fchen Kaiserthum aufgefaßt. Niemals haben die parlamentarischen oder kirch­lichen Vertreter der deutschen Katholiken mehr verlangt, als mit ihren andersgläubigen Volks- und Starmnesge-wsftr in der-gleicherr Religions­freiheit leben und an der Größe des Reiches Mit­wirken zu können. Und wenn dieser Reich dann noch mit der Kirche in der Erfüllung seiner hohen Aufgaben zusammengeht, wie es das Centrum ebenfalls stets anzuregen suchte, bann und nur bann, sagt die ,Pf. Z' mit Recht, wird es die großen Gefahren siegreich überstehen, welche die innere Lage fast mehr noch wie die äußere für das deutsche Volk in sich birgt.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. März.

* Das Abgeordnetenhaus erledigtem seiner heutigen Sitzung bis jetzt im Kultusetat die Po­sitionen für das Medizinalwesen und die allge­meinen Fonds. Beim Kapitel Medizinalwesen brachte wiederum der Abgeordnete Dr. Frhr. v. Heereman die Angelegenheit der kranken- pflegenden Orden der katholischen Kirche zur

„Viktoria, Land!" jauchzte Joseph, als ein grell aufleuchtender Blitzstrahl das schutzverheißende Ob­dach unvermuthet zeigte. Hastig ging es quer­feldein, hinweg über Dornen unv Zäune, und gar bald fetzte man den eisernen Thürklöppel in Be­wegung. Das Krachen des Donners, das Tosen des Sturmes ließen jedoch die Hammerschläge nicht zur Geltung kommen; die Thür blieb ver- schloffen, obgleich ein matter Lichtschein, welcher durch die Ritzen der geschlossenen Holzläden drang, von dem Dasein eines Bewohners Kunde gab.

„Man hört uns nicht. Versuchen wir es selbst uns Eingang zu verschaffen." Ein energischer Druck mit vereinten Kräften, und auf flog die obere Hälfte der Thür; eine kleine Turnübung und Beide befanden sich in dunklem Vorraume, offenbar in der Küche. Als Anzeichen, daß das Abendbrod vor Kurzem bereitet wurde, leuchtete auf der Feuerstätte im Hintergründe ein Rest verglimmender Kohlen. Links führten einige Stufen augenscheinlich zum Eingänge der Stube, deren Licht man von außen wahrgenommen hatte. In der oberen Thür schien ein kleine», mit durch­sichtiger Gardine verhangene» Fenster Einblick in das Gemach zu gestatten. Der junge Rechtsge«

Sprache. Nicht der Schwestern wegen, dieser Engel der Barmherzigkeit, müsse er auf sie zu sprechen kommen, sondern wegen des Bedürfnisses der Ka­tholiken im Lande, um deren Klagen wegen des den Schwestern entgegenstehenden Gesetzes vorzu­bringen. Redner verbreitete sich dann in wirklich zu Herzen gehenden Worten über diesen Gegenstand. Wird das Gesetz endlich einmal besettigl «erben ? Nach dem Herrn v. Heereman sprach der national- liberale Abgeordnete Dr. Grat sein Bedauern über den langsamen Fortgang der Medizinalreform aus; es seien die nöthigen Mittel dazu trotz des vor­jährigen Versprechens des Kultusministers nicht eingesetzt. Der Abg. Cremer (christlich-sozial) befürwortete alsdann eine Revision der Verord­nung, nach welcher in den Apotheken gewisse ho­möopathische Arzneien nicht ohne ärztliches Rezept verabreicht werden dürfen. Der Abgeordnete Dr. Virchow, der Erfinder des Wortes „Kultur­kampf", erklärte heute kurz und bündig, daß die Liberalen der Kulturkampfssahne des Reichskanzlers nicht mehr folgten und überhaupt nicht verant­wortlich fein wollten für die Exzesse des Kultur­kampfs. ■ Unter diesen Umständen wünschten Die Liberalen dem Centrum das Beste, möge es eine Formel des Friedens finden. Im Weiteren sprach Redner ebenfalls sein Bedauern über die Ver­zögerung der Medizinalreform aus. Schließlich empfahl Redner der Regierung, die Versuche de» Pariser Gelehrten Pasteur über die Schutzimpfung gegen die Hundswuth zu verfolgen. Kultusminister v. Goßler vermochte nur, die segensreiche Thätig- keit der Krankenschwestern anzuerkennen; bezüglich des Ordensgesetzes und dessen Handhabung konnte der Minister offenbar den Ausführungen des Frhrn. v. Heereman nichts entgegenstellen, denn er schwieg sich darüber aus, suchte dagegen die Entwickelung der Ordensthätigkeit der krankenpflegenden Orden in den Vordergrund zu stellen. In Bezug auf die Medizinalreform hat der Minister gute Hoffnung. Den Pasteur'schen Jmpfoersuchen werde volle Auf­merksamkeit zugewendet. Der Abg. Dr. Porsch wies alsdann an einem Spezialfall aus Schlesien nach, töie die Polizeiaufsicht übet die Kranken­schwestern gehandhabt wird und deduzirte mit Recht, daß die Abänderung einer Gesetzgebung dringend nothwendig sei, die „eine entsetzliche Spezies von Bureaukratie ist." Nach einigen Bemerkungen der Abgeordneten Dr. Graf und Dr. Langerhanö ging

lehrte eilte die Stufen hinan; nach dem ersten Blick in das Innere zog er schleunigst die Hand zurück, welche bereits die Klinke erfaßt hatte, und winkte dem Freunde möglichst geräuschlos näher zu kommen. Staunend überflog Antonius' Auge die Szene, welche sich hier darbot. Da lag auf dürftigem Bett, jedoch in reinen, weißen Hüllen eine Leidensgestalt, und über sie beugte sich — sah er denn recht? — War das wirklich die Gräfin von Manderscheid, welche sich so mitleidig über das arme Weib neigte, ihm die Kissen zu­recht rückte, einen kühlenden Trunk darbot und ihm tröstlich und liebevoll zurebete? Welche Her­zensgüte leuchtete aus ihren Augen und prägte sich auf ihren Zügen aus! Die innere Bewegung verlieh ihr in diesem Moment einen unsagbaren Reiz. Das war der Zauder, welcher stets dem echten Weibe in der Ausübung reiner, milder Pflichterfüllung eigen ist.

„Unsere gnädige Gräfin geht den Weg der Barmherzigkeit," flüsterte Joseph. „Sieh' nur, Antonius, im Verkehr mit den Armen und Kranken hat sie die Maske der Konvenienz ab­gelegt und zeigt sich nun in ungekünstelter Natür­lichkeit."

Graf Boos antwortete nicht, doch seine Aug-n