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Außerdem wisse man nicht, ob das Geld für die Kirche des Herrn Stöcker oder für die des Herrn Zelle bewilligt werden soll. Durch Staatsunter' stützungen, wie sie Stöcker fordere, liefere man dem Staate die Kirche aus. Abg. v. Eynern (nat.-lib.) befürwortete KommissionSberathung. Wenn der von Stöcker erwähnte Nothstand im Westen nicht existire, komme das vielleicht daher, daß dort das freie Wahlrecht der Gemeinden be­stehe. Nachdem noch Abg. Dr. Hänel (freif.) und von Schorlemer-Alst (Centr.) gegen den An­trag Stöcker gesprochen, wurde derselbe an die Budgetkommission verwiesen. Morgen Fortsetzung der Etatsberathung.

** DerReichstag nrhm heute in dritter Be- rathung den Nachtragsetat (6. Civilsenat beim Reichsgericht, Patentamt, Reichsversicherungsamt) debattelos an. Die Gesetzentwürfe, betreff, die Ent­schädigung unschuldig Verurtheilter, sowie betreff, die Wiederaufnahme des Verfahrens wurden gleich­falls in dritter Berathung angenommen, und zwar gegen einen Theil der Rechten, nachdem Abg. Dr. Hartmann die Befchlüffe der zweiten Lesung als zu weit gehend bekämpft hatte. Endlich fand auch der Gesetzentwurf, betreff, die Wiedereinführung der Berufung gegen Strafkammerurtheile mit großer Mehrheit Annahme. Aus allen Fraktionen stimm­ten einzelne Mitglieder dagegen. Hierauf wurde in die Berathung der Anträge, betreff, den Arbei­terschutz, eingetreten. Die Kommission schlägt vor, den sozialdemokratischen Organisationsentwurf ab- zulehnen und zwei Resolutionen anzunehmen, in denen die Vermehrung der Fabrikinspektoren und die obligatorische Einführung von Gewerbegerichten (bestehend zu gleichen Theilen aus Arbeitgebern und Arbeitern) gefordert wird. Abg. Kalle (nat.- lib.) sprach sich entschieden gegen den sozialdemo­kratischen Organisationsentwurf aus, befürwortete aber eine Vermehrung der Fabrikinspektoren. Nach­dem Abg. Kayser (Soz.) für den sozialdemokrati­schen Entwurf eingetreten, die von der Kommission aber beantragte Resolution, betreff, die Fabrikin­spektoren, verworfen hatte, wurde die Weiterbe- rathung auf Mittwoch vertagt. Außerdem steht der Antrag Viereck auf Aufhebung des Dynamit­gesetzes auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung.

* Dem Abgeordnetenhause ging vom Reichs­kanzler die Kanal-Vorlage zu. Die Regier­ung wird darnach ermächtigt, zum Bau eines Schifffahrtskanals von Dortmund über Henrichen- berg, Münster, Bevegern und Papenburg nach der unteren Ems einschließlich eines Seitenkanals aus der Ems von Oldersum nach dem Emdener Binnenhafen nebst entsprechender Erweiterung des letzteren 58,400,600 Mark; zweitens zur Ver­besserung der Verbindung von der mittleren Over nach der Oberspree bei Berlin durch einen unter theilweiser Benutzung des Friedrich-Wilhelm-Kanals zu bewirkenden Neubau eines Kanals von Fürsten­berg nach dem Karsdorfer See, durch Regulirung uns erheben, wie ein Mann und die Feinde mit eisernen zermalmenden Armen empfangen. Ha, wenn ich jetzt an der Grenze meine todesmuthigen, wackeren Truppen in's Feuer führen dürfte, welch' leuchtendes Beispiel wollte ich geben, welch' glän­zenden Sieg wollte ich erfechten Helsen!"

„Gebe Gott, daß wir hier nicht dazu ge­langen, unsere Kampfeskraft zu erproben," warf Joseph ein.

„Dazu sage ich Amen," rief Antonius, „ob­gleich dieses thatenlose Leben fern vom Kriegs­schauplätze mich wahrhaft unglücklich macht."

Der junge Doktor lächelte: „Trotz aller Ver­stimmung muffen wir uns vorläufig darein fügen und unserem hiesigen Aufenthalt Gerechtigkeit widerfahren lassen. Kann es eine liebenswürdigere, fürsorgendere Hausfrau geben, als unsere reizende Komtesse? In der ungezwungenen Ausübung ihrer häuslichen Thätigkeit entfaltet sie einen ent­zückenden Liebreiz, und die zarte Hochachtung, die sie uns weiht, läßt mich glauben, daß ihr Dünkel längst besserer Erkenntniß Platz gemacht hat."

„Ich möchte keinenfalls ihre Demuth einer Probe unterwerfen," versetzte Antonius spöttisch. „Die Komtesse behandelt uns mit jenem würdevollen Anstand, welchen eine Gräfin von Manderscheid dem untergebenen, sie jedoch beschirmenden Volke schuldig zu sein glaubt. Versuche es, stelle Dich auf gleiche Stufe mit ihr, und Du wirst die Folgen kennen lernen."

„Danke bestens," lachte Joseph. „Die schwierige

der Spree von da bis Fürstenwalde und durch den Bau eines Kanals von Fürstenwalde nach dem Seddin-See 12,600,000 zu verwenden. Mit dem Bau des ersten Kanals wird erst begonnen, wenn aller Grund und Boden von den Interessenten kostenfrei hergegeben worden. (Fr. Z.)

* Münster, 12. März. Dem ,Wests. Merkur' schreibt man: Dem Vernehmen nach sind die jun­gen nicht dispensirten Geistlichen in der Mark an­gewiesen worden, sich aller pfarramtlichen Funktio­nen zu enthalten und bei verschlossenen Thüren Messe zu lesen.

Ausland.

* Belgrad, 14. März. Die Genehmigung der Friedensurkunde ist mit der Unterschrift des Königs versehen heute aus Risch hier eingetroffen. Zanko- witsch, Sekretär des Delegirten Mijatowisch, reist damit morgen früh nach Bukarest ab.

* Konstantinopel, 14. März. Die Unter­zeichnung des Protokolls, in dem die Botschafter die bekannten Bestimmungen des türkisch-bulgarischen Abkommens namens der Großmächte vorläufig genehmigen sollten, hat nicht stattfinden können, da der Fürst von Bulgarien gegen die Ernennung zum Generalgouverneur mit nur fünfjähriger Frist Einspruch erhoben hat. (Von Sofia aus wird diese Nachricht bestätigt.)

* London, 15. März. Gladstone legte am Sonnabend in dem Kabinetsrathe die Umriffe seines Planes zur Lösung der irischen Frage vor. Die über den Inhalt des Planes umlaufen­den Angaben find theilweise abweichend und unver­bürgt, stimmen indeß in der Behauptung überein, daß die Errichtung eines irischen Parlaments und die Expropriirung der irischen Gutsbesitzer beab­sichtigt wird.

"'Newyork, 15. März. Der Cunarddampser „Oregon" ist gestern (Sonntag) Nachmittag in der Nähe von Fire Island in Folge eines Zu­sammenstöße» mit einem anderen Schiffe unter­gegangen. Alle Passagiere sind gerettet und be­finden sich an Bord des Norddeutschen Lloyd- dampfers „Fulda." Letzterer war am 4. März von Bremen und am Tage darauf von Southampton nach Newyork abgegangen und scheint gerade zur rechten Zeit bei Fire Island (erster Leuchtthurm, 75 Km. von Newyork) eingetroffen zu sein, um die verunglückten Passagiere zu retten.

* Suakim, 14. März. Eine gestern zur Herbei- holung von Futter ausgesandte Abtheilung von freundlich gesinnten Arabern überraschte im Haschin- thale ein feindliches Lager und erbeutete dabei 15 Kamele. Als der an Zahl überlegene Feind sich von der Ueberraschung erholt hatte, trieb er die Abtheilung in der Richtung auf Suakim zurück, von wo berittene Infanterie zur Unterstützung der Weichenden ausrückte und den Feind angriff. Dieser zog sich nach hartnäckigem Widerstande zurück und wurde bis in die Nähe von Haschin und lohnende Aufgabe der Besiegung überlasse ich Dir. Du hast die Laufgräben ja bereits sehr geschickt und kunstvoll eröffnet; ich zweifle kaum mehr an Deinem Erfolg."

„Was willst Du damit sagen?"

„Je nun, daß Du nach einem genau berech- neten, wohl erwogenen Plane handelst, daß Du unter dem Scheine von Gleichgiltigkeit und Kälte, ja sogar mit bürgerlichem Namen das Herz der stolzen Schönen besiegen und für Dich erobern willst."

„Du irrst," entgegnete Graf Boos ernst. „Nichts liegt mir heute ferner, als diese Absicht. „Doch," fügte er erröthend hinzu, „ich will auf­richtig sein und Dir zu meiner Schande bekennen, daß ein ähnlicher Entschluß mich antrieb, hier unter bürgerlichem Namen aufzutreten. Tief in meiner Manneswürde gekränkt, erschien es mir unendlich verlockend, Rache für die erlittene Ge­ringschätzung zu nehmen. Ich wollte versuchen, mit allen mir zu Gebote stehenden Künsten der Liebenswürdigkeit das stolze Herz zu erobern, um mich dann, wenn ich seiner Liebe sicher, mit höhnender Verachtung verschmähend wegzuwenden. Unter­brich mich nicht. Ich habe längst eingesehen, wie erbärmlich, wie unwürdig eine solche Rache sei. Schon im Momente des Wiedersehens sagte ich mir, daß die Gefühle, mit denen ich spielen wollte, zu erhaben und zu heilig seien, als daß ich sie entweihen dürfe. Meine Rache sollte nur darin bestehen, durch Wort und Benehmen darauf

verfolgt, wobei er eine Anzahl Todte auf dem Gefechtsfelde zurückließ. Der feindliche Verlust wird an Todten auf 30 Mann angenommen, der Ver­lust der befreundeten Araber ist gering.

* Kairo, 14. März. D-m Vernehmen nach wurde Sir Drummond Wolff von Lord Rosebery angewiesen, die Verminderung des Besetzungsheeres um sechs Regimenter, den Rückzug derbririschen Truppen nach Assuan sowie die Besetzung Wady- halfas durch ägyptische Truppen vorzuschlagen und sich hierüber mit Mukhtar Pascha ins Einvernehmen zu setzen. Dieser soll Zeit zur Erwägung dieses Vorschlages verlangt haben. Man glaubt, daß Mukhtar Pascha eine erhebliche Verstärkung der ägyptischen Armee verlangen werde, da dieselbe sonst Wadyhalfa nicht würde halten können.

* In Gebetzeyd, an der Küste des Rothen Meeres, wurde eine mächtige Petroleumquelle entdeckt.

Seligsprechung der »Jungfrau vo» Orleans"'.

Der Prozeß zur Seligsprechung von Jeanne d'Arc, der Jungfrau von Orleans, wurde am 1. Dezember eingeleitet. Der verstorbene Bischof Dupanloup von Orleans hatte viele Jahre auf die Sammlung von Urkunden und Beweisen der heroischen Tugend n der Jungfrau verwendet. Sein Nachfolger, Msgr. Coutile, eilte felbst nach Rom und bat den hl. Vater, die Einleitung der Seligsprechung zu billigen. In den dafür geltend gemachten Gründen wird gezeigt, wie die im Jahre 1412 im Dorfe Domremy geborene Jungfrau bereits als Kind durch Fleiß, Sittsamkeit und Frömmigkeit hervorragte. So oft sie konnte, be­suchte sie eine der allerhl. Jungfrau geweihte Ein­siedelei, bekränzte jeden Samstag das Bi'.dniß der­selben und zündete vor demselben eine Lampe an. Im Alter von 12 Jahren erblickte sie ein himm­lisches Licht und hatte eine Erscheinung des Erz­engels St. Michael. In jenem Theile Frankreichs herrschte eine Sage, daß aus dem dortigen Waloe eine Jungfrau kommen werde, die bestimmt sei, Frankreich zu erretten. In ihrem 16. Jahre trat sie auf, den entschwundenen Muth der durch ihre von den Engländern erlittenen Niederlagen in pa­nischen Schrecken versetzten Soldaten wieder zu be­leben. Sie wurde als ein vom Himmel gesandter Führer und Bote enthusiastisch begrüßt, der Sieg kettete sich an ihre Spuren und bald war die englische Armee geschlagen und der französische König, Karl VII., konnte sich in Rouen krönen lassen. Da ihre Mission jetzt beendet war, wollte sie in ihre Heimath zurückkehren, doch der selbst­süchtige König hielt sie wider ihren Willen an seinem Hofe fest, sie verlor nach und nach ihren Einfluß und wurde schließlich von Engländern ge­fangen genommen. Nach einem langen und schmerz­lichen Prozesse wurde sie der Zauberei schuldig erkannt und auf dem Marktplatze von Rouen le­bendig verbrannt. „Wir sind verloren, wir haben hinzuwirken, daß die Gräfin von ihren hochmüthigen Vorurtheilen befreit werde.

„Bei dieser edlen Rache," lachte Joseph, „wäre es jedoch nicht unmöglich, daß Du selbst erobert würdest. Die Komtesse ist ein bestrickendes Wesen, und bei uns jungen Leuten spielt das Herz häufig den kommandirenden Feldherrn."

„Sei unbesorgt," entgegnete Antonius finster, „gegen die Anmuth Erika's von Manderscheid bin ich gewappnet, ©in Graf Boos von Waldeck wird nie um Siebe flehen bei einem Weibe, das ihn einst tief beleidigt."

„Wenn ihm aber ohne fein Zuthun die Siebe dieser herrlichen Frau entgegengebracht wird," meinte fein Freund schelmisch.

„So wird er das Geschenk zurückweifen. — Joseph", fuhr der Graf heftig auf, als er in dessen Zügen ein ungläubiges Lächeln wahrzu­nehmen glaubte, „wenn Du jemals erleben solltest, daß ich von Erika Siebe entgegennehme, so nenne mich einen elenden Schwächling, der des edlen Namens seiner Vorfahren unwür­dig ist."

„Sie konnten beisammen nicht kommen. Das Waffer war viel zu tief,"

summte Joseph leise vor sich hin; dann murmelte er halb vernehmlich Etwas von hochadligen Sparren. Plötzlich fuhr ein greller, weiß leuch­tender Blitz, von mächtigem Donnerschlage gefolgt, aus der schwarzen Wolkenmasse nieder.

(Fortsetzung folgt.)