61. Dienstag, den 16. März 1886.
* FFi L7
Fuldaer Altung.
Die »Fuldaer Zeitung' «scheint tSglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der bÄletriMche» Wochenbeilag« »Sterne und Blume»' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Inserate: Die «inspaltige Zeil« obet beten Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
8 Staatliche und kirchliche Machtfrage.
(Schluß.)
Die staatliche Machtfrage zieht sich wie ein rother Faden durch alle kirchenpolitischen Vorlagen und Novellen. Wir sehen überall nur Stückwerk und Flickwerk, nichts Ganzes, Erschöpfendes. In jeder Konzesston zeigt sich eine Art Gespensterfurcht, die Furcht, der Kirche zu viel zu geben und ihren Einfluß so zu stärken, daß die dominirende Stellung des Reiches gefährdet werden könnte. Die „Anzeige" will Preußen nicht preisgeben, um den Klerus nicht mit Elementen vermischt zu sehen, von deren „Reichstüchtigkeit" er sich nicht überzeugen kann. Ja sogar das Recht sucht es sich zu refer- viren, auf „Unfähigkeit" zur Verwaltung eines . geistlichen Amtes zu erkennen, obwohl dieser Anspruch in die eigenste kirchliche Sphäre hineingreist. Knabenkonvikte werden unterdrückt, weil in ihnen sich Keime entwickeln könnten, welche unter stetiger geistlicher Zucht eine Art jesuitischer Biegung und Gestaltung annähmen. Die Berufung an den Minister und der staatliche Schutz in Einkommen und Pfründen soll die bischöfliche Jurisdiktion beschneiden, dergestalt, daß den kirchlichen Behörden nur eine beschränkte Freiheit in der Stellung ! ihres Amtes zuerkannt, der Regierung aber das \ letzte entscheidende Wort reseroirt bleibt. Vollends aber soll sich die weit dehnbare staatliche Oberaufsicht die Kirche in jener Abhängigkeit erhalten, welche seit Beginn des Kulturkampfes da« Leirmotiv für jeden kirchenpolitischen Schachzug bildete.
Der kirchenpolitische Grenz streit dürfte also so schnell noch kein Ende nehmen. Die kirchliche Machtfrage ist im ganzen kirchenpolitischen Streite ‘ eine lediglich auf dem Glauben und der Pflege • b;r Religion basirende, auf die Erhaltung der i göttlichen und gesellschaftlichen Weltordnung ge- ; wesen, und sie war daher stets klar gefaßt and genau präzisirt. Diese kirchliche Macht wurzelt also auf geistigem Boden und bildet da« Fundament für den Bestand der Kirche. Soll die Kirche aber den ihr von ihrem göttlichen Stifter gestellten Aufgaben gerecht werden, so bedarf sie einer freien Bewegung in der Ausübung ihres Amtes. Diesen : Anspruch der Freiheit aber betrachtet der Staat als eine Uebertretnng der Grenzlinie, welche das staalliche und kirchliche Machtgebiet scheidet. Und
— Dir letzte Grast« m Manderscheid. 18
Roman von Antoni« Haupt.
Joseph nickte beistimmend; dann sagte er ernst: „Mir drängt sich unwillkürlich die Vorstellung auf, als ob ganz Europa um den Rand einer verderbenbringenden Vulkans gelagert sei, welcher, in Frankreich zum Ausbruch kommend, mit weiter- schlitternder Gewalt die staatliche und gesellschaftliche Ordnung von mehr als einem Jahrtausend in ihren Grundfesten aufwühlt und unter vernichtendem Feuermcere begräbt."
„Der Vergleich liegt nahe," entgegnete Antonius. „Die Geschichte der Menschheit geht mit unaufhaltsamen, wenn auch oft kaum sichtbaren Schritten ihrem Ziele entgegen, zerstört jedoch plötzlich mit elementarer Gewalt die Hindernisse, welche ihr von kurzsichtiger, sich überhebender Verblendung entgegengesteüt werden. Wenn wir bis jetzt sahen, daß Jahrhunderte hindurch Begebenheiten und Veränderungen meist nur an der Oberfläche der Dinge rüttelten, so sehen wir heute eine Menge tiefgreifender Ereignisse einander drängen und die Geburt einer neuen Zeit verkünden. Auch in unserem Lande, das gebe ich zu, sind die politischen und sozialen Zustände krankhaft, un-
als nun 1870 das Jnfallibilitäts Dogma proklamirt wurde, da glaubte das deutsche Reich seine Macht von Rom her bedroht, da fürchtete man die erstarkende Kirche, ohne daß man thatsäcbliche Beweggründe für diese Furcht gehabt hat. Denn auf anderem Gebiete liegen die staatlichen, auf anderem die geistigen kirchlichen Interessen. Aber das mächtige deutsche Reich nahm den Kampf auf mit dem gefürchteten Rom, und cS entfesselten sich Leidenschaften, die man bis dahin kaum für möglich gehalten hätte, es wurde eine Lage geschaffen, die man nur als eine für Deutschland unheilvolle bezeichnen kann.
Was ist bei dem ganzen Kampfe herauSge- kommen? Für den Staat wenig Erfreuliches, während die Kirche heute ebenso ungebeugt dasteht, als jemals. Ihre Macht ist nicht gebrochen, wohl aber zeugen die Ereignisse der letzten Zeit gerade für das hohe Ansehen des PapstthumS in Deutschland. Der Staat hat aber an Macht und Ansehen durch den Kampf mit Rom nichts gewonnen, er würde aber auch an Macht nichts einbüßen, wenn er der Kirche die vollen Freiheiten, welche sie besessen, wiedergäbe, deren Wegnahme die Position der Staates aber nicht gestärkt hat.
Aber kann man sich dazu entschließen? Nein, man hält besonders in Preußen ängstlich an den maigesetzlichen Traditionen fest, man sucht sich mit kleinlichen Mitteln zu helfen, man speist eben dadurch noch immer die alte Furcht vor der Macht der Kirche und sucht ft« deßhalb urtter der Kuratel des Staates zu halten? Gerade der Umstand aber, daß der Staat bei dem Kulturkämpfe am wenigsten gewonnen hat, sollte ihn doch am ersten bestimmen, Frieden zu schließen. Aber die Furcht vor einem eingebildeten Feinde! —
Die Kirche kann und wird sich nicht unter die Omnipotenz des Staates beugen. Sie ist bis zur äußersten Grenze ihrer Zugeständnisse zu gehen bereit, und beide Mächte können heute ebenso wie in früheren Zeiten sehr gut neben einander leben, sie sollen koordinirt, nicht subordinirt sein, und nur ein einmüthiges Zusammenwirken beider kann für Völker und Nationen segensreich und gedeihlich sein.
Länder und Völker sind im Zeitenlaufe verschwunden — die Kirche ist geblieben. Harte Stürme haben an ihren Zweigen und Aesten geschüttelt,
haltbar geworden; ebenso wie in Frankreich aus dem Feudalwesen hervorgegangen, haben sie sich längst hier wie dort überlebt und stehen nur auf morschem, ausgehöhltem Boden. Seitdem ein großer Theil des Adels aufgehört hat, der eigentliche Wehrstand zu fein, seitdem er seine ländlichen Sitze verlassen und aus der Müte seiner Untergebenen, denen er früher Schutz und Schirm gewährt, sich in die Städte und an die Höfe begeben hat, um in Müßigang und Wohlleben seine Einkünfte zu verzehren, mußte er dem Volke mindestens als überflüssig und in seiner sozialen Stellung als unbillig erscheinen. Daß es murrt und drohend seine Rechte, die Rechte des Menschen fordert, wer kann es ihm verdenken? Leider ist die Freiheit zum Losungswort der unbändigsten Zügellosigkeit geworden. Wlld, unaufhaltsam, braust der Strom des Verderbens nun dahin, ohne Mitleid, ohne Wahl, Länder und Menschen rücksichtslos zerstörend. Die Throne wanken und selbst die Religion ist in Gefahr. Die wilden Horden tragen Greuel an unsere helligen Stätten und profaniren, was unsere Väter stets in Ehren hielten. An ur6 liegt es, die morschen Fundamente de« Staate« zu erneuern und eine stolze Schöpfung, die der Wiedergeburt Deutschland«,
aber ihre Wurzel nicht erschüttert. Wird auch noch der Streit um die Machtfrage, um die Grenzlinie: „hie Staat, hie Kirche" fortdauern: dem Staate wird es nicht gelingen, seinen Fuß auf ihren Nacken zu setzen, und seine Machtsphäre auf der unterjochten Kirche zu erweitern — das hat uns der Kulturkampf gelehrt.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. März.
* DasHerrenhauS hält am 20. d. M. seine nächste Sitzung ab. Der Präsident hat die Mitglieder durch besonderes Schreiben zu zahlreichem Erscheinen ausgefordert mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der zur Berathung kommenden Vorlagen. Die Tagesordnung für die erste Sitzung ist noch nicht bekannt, doch wird die kirchenpolitische Vorlage nicht vordem 23. er. zurBerathung kommen.
*• Das Abgeordnetenhaus, dem dieKanal- Vorlage zugegangen ist, setzte heute die Berathung des Cultusetats fort. Beim Kapitel Kunst und Wissenschaft wurde von mehreren Seiten eine Vermehrung von meteorologischen Stationen gefordert. Geh. Rath Wehrenpfennig anerkannte, daß dies wünschenswerth sei, aber nur für wisi nschaftliche Zwecke. Derselbe stellte auch auf Anregung de« Abg. Dr. Goldschmidt die Einstellung der Mittel zu WohnungLgeldzuschüffen an die Lehrer der technischen Hochschule zu Berlin-Charlottenburg in Aussicht. Ein Antrag des Abg. Frhr. v. Liliencron, unterstützt von b»r Mehrheit des Hause«, nm entsprechende Entschädigungen der königl. Superintendenten der sechs östlichen Provinzen, wurde an die Budgetkommission verwiesen. Abg. Stöcker (kons.) beantragte zur Theilung großer Parochien und zur Schaffung neuer Gemeinden die Mittel in den nächsten ©tat einzustellen. Abg. Zelle bestritt das Vorhandensein eines kirchlichen Nothstandes in Berlin in dem von Stöcker behaupteten Maße. W-nn die Liberalen in Berlin keine Lust hätten, Kirchen zu bauen, so sei das erklärlich, da man ihre Geistlichen daraus verbanne. Abg. Stöcker hält seine Behauptungen in Bezug auf den kirchlichen Roth- stand durchweg aufrecht. Wenn die Berliner in die Kirche gingen, so gingen sie nicht zu den Liberalen, sondern zu den Positiven. Abg. Dr. Äindthorst erklärte sich gegen den Antrag; es fehle viel weniger an Kirchen als an den Zuhörern.
zu vollziehen. Wenn wir jetzt nicht kämpfen für das Wohl der Menschheit, für die Sicherheit des geliebten Monarchen und für den Schutz de» Heiligthums, dann verdienen wir es nicht besser, sondern es geschieht uns Recht, wenn wir aufhören, Deutsche zu sein. O, daß wir hier zur Unthätigkeit verdammt sind, während ich vor Begierde brenne, meine Kräfte dem Dienste des Vaterlandes zu weihen!"
„Man darf nicht darüber nachdenken," seufzte Joseph. „Gerade in diesen Tagen sollen auf dem Kriegsschauplätze große Dinge vorgehen, und die von Ehrenbreitstein dorthin beorderten Oester- reicher und Preußen haben sich in schmählicher Weise geweigert, vorzurücken."
„Diese Deutschen haben kein Nationalgefühl!" rief Antonius blitzenden Auges. Sie betrachten das Erzstift als fremdes Gebiet, welches zu per« theidigen sich nicht der Mühe lohne. Schmach ihnen, wenn sie gestatten, daß ein Fuß breit deutscher Erde unter das Joch willkürlicher Fremdherrschaft kommt! Wo deutsche Zungen reden, wo deutsches Blut in den Adern fließt, sollte nur ein Gefühl, nur eine Begeisterung herrschen, — die Sehnsucht, das Vaterland zu retten. Unter ein- heitlicher, energischer Führung müßten wir Alle