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— Air letzte Sriiß» m Masderscheid. 17
Roman von Antonie Haupt.
Die bevorstehenden Kriegsereignisse nur, sowie auch die Vertheidigungsmaßregeln wurden eingehender besprochen, wobei man aber jede Klippe sorgfältig vermied. Wenn auch Erika'» muntere» Lachen nicht mehr wie vordem durch den Saal klang, so plauderte sie dennoch wieder mit reizender Natürlichkeit, und die Gesellschaft ihrer Gäste schien ihr so interesiant, daß sie erst lange, nachdem ein Diener die prächtigen Kandelaber angezündet, sich von den Herren verabschiedete.
„In der That, der heutige Abend war einer der angenehmsten meines Leben»!" gestand sich Erika, als sie ihr trauliche» Zimmer betrat. Dennoch schwebte um ihre Lippen ein ernster Zug, auf ihrer Stirn eine Falte de» Nachdenken», wie tiefe Verstimmung, ja, fast wie Schuldbewußtsein lag e» in ihrer Brust. Antonius hatte heute begonnen, mit leiser Hand die Felsenmaffen der durch Erziehung gebildeten Vornrtheile zu unterminiren. Die junge Gräfin hatte die Worte be» imponiren- den Fremden im tiefsten Herzen bewahrt und fühlte sich mächtig im Innern ergriffen; er war ihr, al» ob die Höhe, auf welcher sie bi» jetzt
selbstbewußt mit sicherem Fuß gestanden, urplötzlich zu wanken beginne. Zum ersten Male im Leben drängten sich ihr Empfindungen auf, al» ob ihr Geist in Jrrthümern befangen, al» ob ihr erhabener Standpunkt, von dem sie hochmüthig auf ihre Umgebung herabgeblickt, nur ein Traum, nur eine Vorspiegelung ihrer Einbildungskraft gewesen. Auf ihre Brust legte e» sich mit erstickender Schwüle. Sie öffnete beide Fensterflügel und ließ die Luft der frischen Sommernacht hereinströmen. Wohlgerüche stiegen au» dem Garten empor, in welchem tausend Blüthen ihre Kelche geöffnet hatten und ihren Duft mit dem erquickenden Aroma des SBcrrk'’6 mischten. Zu dem glänzenden Ster- neuhi: hob Erika den Blick. Lebhaft erinnerte
sie sich . e» Abends, al» die Mutter ihr vor vielen, vielen Jahren den kindlichen Wahn benommen, 3 die schönen, strahlenden Punkte am Himmel t Lichtchen seien, welche der liebe Gott aufgesteckt habe, damit sie den Menschen durch ihr Leuchten dienen sollten. Welchen tiefen Eindruck hatte damal- die Erklärung auf sie gemacht, daß die Himmelsüchtchen Körper seien, welche sogar die Erde an Größe überträfen, und daß diese selbst auch nur so ein ganz winzige» leuchtendes Pünktchen im großen Welträume bilde. Die Mutter — sie
sah sie wieder, die friedliche, sanfte Erscheinung, welche ihre Kindheit belebte, wie sie mit mildem, zärtlichem Blick sich zu ihr beugte, sie liebkoste. Was ihr jugendliche» Gemüth an Innigkeit besaß, das hatte sich einst dem trauten Mutterherzen er« schloffen. Dann, nach dem Verlust de» einzig theuern Wesen», war eine Zeit hereingebrochen voll grenzenloser Oede und Verlassenheit; sie hatte nur mehr mit dem kalten erwägenden Verstände gelebt. Gewohnheit und Achtung fesselten sie zwar an ihre Verwandten, aber sie hatte niemals einen Bewei» von Zuneigung von ihnen empfangen. Ein Hofmeister beschäftigte sich mit ihrer Erziehung, bildete sorgfältig ihren Geist und prägte ihr gewissenhaft die Ueberzeugung von ihrer erhabenen Lebensstellung ein; Herz und Gemüth jedoch wurden traurig vernachlässigt. Aber was hatte der Mann vorhin gesagt? Liebe, reine, heilige Liebe ist der Beruf be» Weibes!
Seit bent Tode ihrer Eltern hatte Erika nie einen Menschen lieb gehabt. Wer hätte denn auch Zuneigung von ihr verlangt? Gräfin Auguste mit ihrer unerschütterlichen, gleichgilligen Ruhe, ober deren Kinder, welche ihr stet» nur eine förmliche, bedächtige Höflichkeit entgegenbrachten? Und nun gar unter ihr stehende Leute in's Herz
1886.
Montag, den 15. März
V 60.
Fuldaer
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K Staatliche «nd kirchliche Machtfrage.
Die jüngste kirchenpolitlsche Novelle zeigt wieder das bekannte Bestreben des Staate», speziell Preußens, die Konzessionen an die Kirche durch Ansprüche und Klauseln so einzuschränken, daß jene dadurch in ihrem erhofften Werthe herabsinken, und auf diese Weise die Kreise kirchlicher Freiheit im Interesse eines nach Oberherrschaft strebenden Staates ziemlich enge zu ziehen. Im ganz m Kulturkämpfe hat der Staat, oder besser die Regierung des deutschen Reiches, den Kardinalgrundsatz durchzufechten versucht: daß die Kirche dem Staat sich zu subordiniren habe, daß die Kirche dem Staate keine äquivalente Macht repräsentiren dürfe, sondern in gewissem abhängig dienstbaren Verhältnisse stehen müsse. Von dieser Idee sehen wir ein ganzes Dezennium hindurch die Reichsgewalt getragen, diese Grundanschauung diktirte auch alle jene Maßregeln und Gesetze, unter deren Druck Deutschland und besonder« Preußen vielleicht mehr geduldet und erlitten hat, als unter dem Szepter eines siegreichen Feinde». Um jenes Grundprinzip durchzuführen, wurden die Maigesetze geschaffen und Alles ängstlich beseitigt, was irgendwie der staatlichen Suprematie hinderlich im Wege zu stehen schien, Jesuiten, Bischöfe, Priester und Nonnen, weil von ihnen dem Reiche Gefahr drohen sollte. Als der Staat schließlich erkannte, daß die tiefen Wunden, welche er nicht der Kirche allein, sondern auch den vielen Millionen katho- lischer Staatbürger geschlagen, zu einer Schwächung und Verblutung des ganzen Staatskörpers führen würden, da suchte er Mittel zur Heilung, da holte er selbst die Bischöfe zurück, die früher al» „Reichsfeinde" verbannt und geächtet worden waren. Der Konfliktsminister Falk mußte weichen, sein „System" zur Unterdrückung ober gänzlichen Vernichtung jeder kirchlichen Macht und Autorität in Deutschland zeigte stch bald al» verfehlt — denn alle die Kombinationen und Konjekturen trafen nicht zu, die stch jener Minister für die Durchführung seiner großen Pläne gemacht hatte.
Er hatte auf bic Unterstützung be» Klerus gerechnet — sie blieb aus, benn her Klerus klammerte sich an Rom — selbst al» reiche Pfrünben von Staatswegen in Aussicht gestellt würben für seine wirksame Beihilfe — er hatte auf Sympathieen oder wenigstens inbifferente Haltung be« Volkes
gerechnet, — aber die Millionen Katholiken hielten sich mit eiferner Kaft an Klerus und Kirche. So stand der Staat fast allein; nur ein Häuflein verbissener Kulturkämpfer und ungläubiger Professoren hetzte noch gegen Rom. Aber die Macht der Kirche war nicht gebrochen, alle Gewaltmaßregeln hatten ihre Kraft nur gestählt — sie behauptete dem Staate gegenüber siegreich den Kampfplatz.
Der Staat mußte den Rückzug antreten. Es hätte ihn in den Augen jede» Katholiken nur ehren, es hätte fein Ansehen heben können, wenn der Staat diesen Rückzug ganz und vollständig angetreten und jenen ganzen Kriegsapparat gründlich beseitigt hätte, der sich vor den Thoren Roms al» untüchtig erwiesen und ihm nur Schwierigkeiten geschaffen hatte. E» fehlte nicht an ernsten Vorstellungen und Mahnungen nach jener Richtung hin seitens der berufenen Vertreter des katholischen Volke», die, gestützt auf das Vertrauen und bie Glaubenstreue aller Katholiken, heute noch eine imposante Macht bilben. Aber jene Männer, welche bie Flammen geschürt, welche sich allzu gerne am brennenben Rom erwärmt unb ihren Fuß auf feine Trümmer gesetzt hätten, höhnten jetzt bie Regierung mit dem: „Gang nach Canossa" und strebten, den nothwendigen Rückzug durch allerlei Quer« unb Winkelzüge zu maskiren. Die Regierung spürte wohl, baß bie Maigesetze ein Stachel im eigenen Fleisch geworben waren, aber sie scheute sich e» einzugestehen. Anstatt jenen Stachel mit einem beherzten Griff auszuziehen und so der bösen Wirkung mit einem Male die Ursache zu nehmen, versuchte sie allerlei Mittel, die Wunde äußerlich vernarben zu lassen — aber jener Stachel sitzt heute noch mit seiner Spitze im Fleische. Es war wieder die staatliche Machtftage, welche eine Politik kleinlicher Mittel diktirte, durch welche die Wunden geheilt, zugleich aber die präponderi- renbe Staatsgewalt ber Kirche gegenüber gewahrt werben sollte. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 14. März.
* 3m Abgeordnetenhaus wurde heute bie zweite Berathung be» Kultusetats beim Kapitel Volksschulwesen fortgesetzt. Der polnische Abg. Dr. v. Stablewski brachte den ablehnenden Bescheid des Minister» auf bie bekannte Posener
Schulpetition zur Sprache und verbanb bamit eine Kritik be« Systems unserer Schulverwaltung. Der beutsch-freis. Abg. Knörcke kritifirte eine Äeußerung bes Professors von Tceitschke, bie berfelbe im Kolleg über bie Volsschule gemacht. Er hatte nämlich gesagt, es wäre besser, ben Volksschulunterricht wieder ausgedienten Korporalen zu übertragen; die jetzigen seminaristisch geschulten Lehrer wüßten zu viel für ihr Amt, unb zu wenig, um als Gebildete gelten zu können. Der Abg. Lassen begründete mehrere von ihm gestellte Anträge. Der eine bezweckte, das Schullehrerseminar zu Hadersleben bis zum 1. April 1887 nach Tandem zurückzuverlegen unb alsdann bas Seminar baselbü in seiner früheren Gestalt mit einer beutschen und einer bänischen Abtheilnng wieder herzustellen; der andere anstatt de» Seminars in Hadersleben daselbst eine auf die weitere Fortbildung der Schuljugend berechnete Realschule mit dänischer Unterrichtssprache zu gründen und zu unterhalten unb bie bazu erforderlichen Mittel in den Etat pro 1887/88 einzustellen. Kultusminister v. Goßler erklärte sich gegen diese Anträge. Bezüglich ber Beschwerbe Knörcke's verwies der Kulturminister auf die akademische Lehrfreiheit und versicherte sie auf'S Neue seiner vollen Sympathie, ja Liebe. Dem Abg. v. StablewSki erwiderte der Minister, er werde sich über die Schulpetition gelegentlich der in Aussicht gestellten Interpellation erklären. Er halte nicht viel von solchen Petitionen, da sie alle von einer Bewegung ausgehen, die vom polnischen Rechtsschutzverein unb dem Redakteur des ,Kuryer Poznanski', Herrn Dr. Kantecki, geleitet würde. Nach einer längeren Debatte, in welche die Abgg. Hansen, Mithoff, Scheffer, Graf Bau« dissin unb Kantak eingriffen, wurden bie Lassen' schen Anträge an bie Buogetkommifsion verwiesen. Beim Kapitel „Kunst und Wissenschaften" befürwortete Abg. Biesenbach (Certtr.) eine größere Berücksichtigung ber bildenden Künstler. Minister Goßler entgegnete, er suche nach Möglichkeit ber Nothlage abzuhelfen, inbem er größere Kommunen zur künstlerischen Ausschmückung ihrer Rathshäuser veranlasse unb ihnen Zuschüsse gäbe. Leider werde bie beutsche Kunst zu wenig von Privatleuten unterstützt, bie es nur zu oft an Patriotismus fehlen ließen. Abg. von Meyer-ArnSwalbe sprach gegen bemalte Skulpturen und wünschte die Aufstellung der Statuen Manteuffels in der National-