1886.
Sonnabend, den 13. März
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sie unsicher.
Eine beengende Pause entstand. — Hier war es Joseph, welcher sich mit einem herzhaften Ein- griff der Situation bemächtigte und gar bald wieder flott die Unterhaltung in das Fahrwaffer des guten Tones brachte, der es nicht verlangt, daß man bei demselben Stoffe verweile oder ihn gar erschöpfe. (Fortsetzung folgt.)
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„Joseph hatte seinen Zweck erreicht, Gräfin Erika lachte; über solche kleinbürgerliche Kalamitäten hatte sie niemals nachgedacht.
Der würdige Haushofmeister benutzte die Unterbrechung, um sich respektvoll zu räuspern und allerunterthänigst zu melden, es sei gerade nicht unmöglich, daß die aufgetragenen Speisen bei noch längerem Stehen etwas kalt würden.
„Verzeihung, meine Herren !" rief Erika. „Mein genealogischer Eifer hat mich die Pflichten für Ihr leibliches Wohl vergessen taffen. Hoffentlich werden Sie nach dem langen Warten meinem Menu desto größere Ehre erweisen. Von den Waffenthaten meiner Vorfahren im 30-jährigen Kriege und auch später noch in kaiserlichen Diensten, sowie von den ehrenvollen Aufträgen und Aemtern, mit welchen die Herrscher sie auszeich- neten, erzähle ich Ihnen ein anderes Mal" — das beizufügen, konnte sie jedoch nicht unter- lassen.
Ans ihren Wink rückte ein Bedienter die altväterlichen, gestickten Lehnstühle um die reichlich besetzte Tafel, und nachdem man Platz genommen, wurden auserlesene, vortrefflich bereitete Speisen mit der größten Aufmerksamkeit und Pünktlichkeit servirt.
Während des Anfangs der Tafel herrschte em etwas förmlicher Ton; die frische Natürlichkeit jedoch, welche die Gräfin als liebenswürdige Wirthin enfaltete, löste gar bald den Bann des Feierlichen, und man gab sich einer ungezwungenen Unterhaltung hin. Erika zeigte jetzt eine Heiterkeit des Gemüthes, einen naiven Humor, der Alle belebte. Joseph's Blick haftete wohlgefällig auf der Graziengestalt des Mädchens, die An- muth und Lieblichkeit ihres Wesens entzückten ihn. Sein Freund jedoch schien nicht die mindeste Notiz davon zu nehmen, obgleich Erika's Blicke oft genug zu ihm hinüberschweiften. Sogar durch den trüben Schleier ihres Vorurtheils machte die männliche Schönheit und das ritterliche Benehmen des jungen Mannes tiefen Eindruck auf sie, während die Grundsätze, welche er an den Tag legte, unwillkürlich ihre Achtung herausforderten. Dieser hohe Fremde hatte die Rede in seiner Gewalt und sprach wie ein Mann, der gewohnt war, sich in den höchsten Gesellschaftskreisen zu bewegen. Kein Gebiet de» Wissens war ihm fremd, keine Gegend der Erde schien ihm unbekannt. Und wie prächtig, wie hinreißend wußte er zu schildern! Erika's dunkeles Auge belebte sich, ihre Wangen färbten sich höher, und der ganze Ausdruck ihres Gesichtes bekundete, daß feine Worte tief in ihre Seele drangen. So hatte bis heute noch kein Mann zu ihr gesprochen.
„Wie beneide ich Sie um rhr wechselvolles, thatenreiches Leben", sagte sie mit einem tiefen Athemzuge. „Welch ein Glück, schon allein durch lebhafte Darstellung der Erlebnisse andere Menschen ergreifen und entzücken zu können! Meine Reisen beschränken sich auf das Gebiet unserer ver-
schiedenen Besitzungen: von Manderscheid nach Blankenheim, Gerolstein, Daun oder Oberkahl, und meine Gesellschaft bildet meist die Einsamkeit. In mechanisch gewordenem Treiben, in tödtlichem Einerlei, das fast zu geistiger Stumpfheit führen muß, verbrachte ich meine Tage."
„Sie irren, Komtesse", sagte Antonius ernst, „wenn Sie glauben, ein Dasein voll interessanten Wechsels, ein Leben in den Zerstreuungen der großen Welt vermöge die innere Lehre des Her. zens zn füllen. Glückseligkeit ist freilich der allgemeine Wunsch der Menschen, und diese zu erlangen, ihr größtes Bestreben. Vergnügen heißt leider die Göttin, deren B.sitz seit Anbeginn der Schöpfung das Hoffen aller Sterblichen belebt. Nun fragen Sie aber die Damen der großen Welt, welche fast alle Tage des Jahres außer ihrem Hause verleben, welche jede häusliche Tugend und Freude dem sogenannten Vergnügen zum Opfer bringen, ob sie innere Ruhe genießen, ob sie sich glücklich schätzen? Ich weiß, kein ehrliches „„Ja"" würde Ihnen zur Antwort werden. Nur im Schooße der Häuslichkeit kann eine edle Frau wahres Glück htnieden finden. Liebe, reine, heilige Liebe ist der Beruf des Weibes. Durch Liebe wird die Frau das Innere des Hauses zum Paradiese gestalten; durch Liebe weiß sie die zerstreuten Glieder der Familie unlöslich zu verknüpfen, und durch Siebe führt sie auch ihre Untergebenen mit Nachsicht und Leutseligkeit über die Dornen des Lebens."
„Sie mögen Recht haben", erwiderte die Gräfin leise und nachdenklich. „Doch nicht Allen ist es vergönnt, in diesen Himmel auf Erden einzutreten; ich habe das Glück eines Familienlebens nicht kennen gelernt. Meine Eltern starben früh, und mit meinen Verwandten stand ich leider nur in förmlichem Verkehr; dennoch kam auch mir zuweilen eine Ahnung, als ob unendliche Süßigkeit darin liegen müsse, einen kleinen Kreis „„mein eigen'"' zu nennen, welcher alles Theuere für mich umschlösse.'' . .
Verwundert blickte Antonms auf Die junge Dame; etwas wie Theilnahme regte sich auf seinen Zügen. Erika bemerkte es und warf hochmüthig den Kopf zurück. Wozu hatte sie sich hinreißen lassen? Sie die hochgeborene Gräfin von Manderscheid machte dem ersten besten fremden Manne Geständnisse, die sie bisher kaum sich selbst gemacht! Sie forderte das Mitleid von Menschen heraus, welche ihr nicht einmal ebenbürtig waren. — Pfui, wie konnte sie sich so vergessen? In Zukunft wollte sie besser auf ihrer Hut sein. Sie lachte kurz und gezwungen. „Legen Sie meinen Worten nicht allzu großen Werth bei, mein Herr", sagte sie kalt. „Ich bewege mich heute in einem Jveenkreise, der mir gänzlich fremd ist, und weiß wohl selbst kaum, was ich sage."
„So wählen wir ein Ihnen vertrauteres Thema , sprach der Major genau in demselben Ton.
Zählen Sie uns lieber die hohen Titel und die Verdienste Ihrer Ahnen auf, deren Lebensbeschreibung Sie uns noch schuldig blieben."
War das Hohn? Betroffen blickte sie zu ihm hinüber. Sein schönes Antlitz zeigte nichts davon, . es schien kalt wie von Erz. Nicht um die Welt
, hätte sie jetzt seinem Begehren willfahrt. „Ich
! fühle mich hierzu nicht in der Stimmung", sagte
wäre, so würde ich mir vom Kaiser ein Diplom erbitten, daß ich künftg „Frieden" statt „Streit" an meiner Stirne tragen dürfe. Ein lächerlicher Name nun gar, behaupte ich, raubt dem Men- chen alle Haltung, ja, er gibt seinem Charakter, einem ganzen Wesen eine schiefe Richtung. Nie- wand ist der Gefahr, mißverstanden und unrecht beurtheilt zu werden, so ausgesetzt, wie ein Mensch, den der Druck des Lächerlichen nie über eine gewisse Unbestimmtheit und Schüchternheit jinauskommen und ihn tausend Mißgriffe und kleine Tölpeleien im gesellschaftlichen Verkehr begehen läßt. „„Fräulein Gänseleuchter'"' — wie dunkel muß es da in der Witzkammer aus-
— Die letzte Srafi« so« MMerschtid. 16 Roman von Antonie Haupt.
„Große Waffenthaten scheint Diedrich II. nicht vollbracht zu haben," entgegnete Erika, „aber er wurde wegen seines friedfertigen und doch mannhaften Sinnes „„Freund des Friedens und Reformator"" genannt, letzteres verrnuthlich, weil er das Stammschloß reftaurirte. — Die geistlichen Würdenträger, welche nun folgen, sind seine Brüder. Die beiden ersten waren Domherren in Köln, der dritte Mönch in Echternach, und Ulrich dort mit dem Hermelinmantel und dem Bischofskreuz behauptete sich fünf Jahre lang auf dem erzbischöflichen Stuhle von Trier; im Jahre 1436 verzichtete er zu Gunsten Rabans von Helmstädt. Dort weiter kann ich Ihnen einen Herren vorstellen, dessen Bekanntschaft zu machen es schon der Mühe lohnt: Diedrich III., der Mann mit dem edel geformten, aber ernsten, martirten Antlitz, erhob durch Ritteisinn, Klugheit und Ausdauer unsere Dynastie auf ein Gipfel ihrer Macht. Seine Herrschaft wurde 1488 von Kaiser Friedrich III. mit Reichsunmittelbarkeit gekrönt. Als Marschall des Erzbischofs von Köln verrichtete er große Waffenthaten. Leider mußte er erleben, daß fein jüngster Sohn Wilhelm — dort sehen Sie ihn mit dem wirren, schwarzen Haar und dem wilden, unheimlichen Blick — sich, durch Verwandte aufgehetzt, gegen ihn empörte. Um wieder in Besitz der Stammburg zu gelangen, mußte er dieselbe nach allen Regeln der Kriegskunst belagern. Der friedliebende fromme Trierische Kurfürst, Johann von Baden, bahnte die Versöhnung zwischen Vater und Sohn wieder an. Er entsandte seinen Marschall, Grafen Herrmann Boos von Waldeck, dessen Einfluß es gelang, einen Vergleich zu Stande zu bringen. „Die Boos von Waldeck," fuhr Erika wie sinnend fort, „waren zu alten Zeiten schon, glaube ich, ein mächtiges Geschlecht, an Rang und Ansehen wohl dem unseren gleich. Ich weiß nicht, —" wandte sie sich plötzlich mit firirendem Blick an Antonius, „klang Ihr Name nicht ganz ähnlich?"
Keine Wimper des jungen Grafen zuckte, als er sich ernst verbeugte: „Zu dienen, gnädige Gräfin, Major Boos," sagte er ruhig.
„Die gräfliche Familie ist Ihnen doch bekannt? forschte Erika.
„Mein Freund weiß Ihnen jedenfalls alle Aufschlüsse über die Grafen Boo» von Waldeck zu erteilen, die sie begehren mögen," antwortete Antonius ausweichend. „Hauptmann Lamberti ist auf dem Schlöffe Waldeck geboren und erzogen, da fein Vater dort die Stellung eines Amtmanns bekleidet."
„In der That, gnädige Gräfin," versicherte Joseph belustigt, „ich stehe zu Befehl."
Reizte sie nun das unmotiüirte Lächeln, oder hatte etwas Anderes ihren Verdruß erregt? Sie erwiderte ziemlich ungnädig: „Ich danke Ihnen, Herr Lamberti. Meine Frage war nur eine müßige, durch die Namensverwandtschaft des Herrn Boos hervorgerufene."
„Es ist wirklich keine Übels Empfehlung, einen hochklingenden Namen vor sich her reifen zu lassen," suchte der junge Doktor abzulenken. „Man hat Unrecht, zu sagen: „„Was thut der Name zur Sache?"" Gar zu leicht erregt dieser em Vorurtheil für ober wider den Träger selbst. Zum Beispiel könnte Herr Streit als Schiedsrichter ein vortrefflicher Beamter fein, aber der Name ist ominös. Wenn ich in solcher Sage
”■ * *** •*- 1" “ *- "" - 3nf*rate: D^Msp-ltig- Zeil- oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; b-, Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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