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JV 57.

Donnerstag, den 11. März

1886.

Fuldser

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Die Nationalliberalen und das Tchnapsmonopol.*)

Oftmals ist uns in letzter Zeit, wenn wir die enthusiastische Anpreisung des Branntweinmonopols in der nationalliberalen Presie verfolgten, das Märchen vom Schlaraffenlande eingefallen. Nament­lich über die süddeutschen Preßkämpen des National­liberalismus, die ihren norddeutschen Brüdern in der hitzigen Voreingenommenheit für alles, was von Bismarck kommt oder seinen Namen trägt, noch um ein Bedeutendes voraus sind, schien zeit- weilig eine Ekstase gekommen zu sein, wenn sie in glühenden Farben die herrlichen Früchte des uner­meßlichen Reichthum spendenden Monopols aus­malten und ihre Leser unter dem strahlenden Glorienschein de« Reichsschnapsmonopols in jene glücklichen Märchengefilde einführten, wo Milch und Honig fließen, wo die gebratenen Tauben einem nur so in den Mund fliegen, und Jeglicher mit einem kurzen „Tischchen deck' dich" alle seine Wünsche zu befriedigen vermag. So spiegelte sich in dem größten Theile der nationalliberalen Prefle viele Wochen lang die zauberhafte Fa.ta morgana der Herrschaft des Branntweinmonopols wieder, das Bild des finanziell, gesundheitlich und sittlich zur höchsten Höhe emporgeschwungenen Monopol« Schlaraffenlandes. Und wer nur mit einem er« nüchternden Worte in diese „nationalen" Träume hineinfuhr, der halte allsogleich einen „Rrichs- nörgler", „Reichsf^ind", „Verbündeten des Aus­landes" zu besehen, an dem war für „nationale" Ideen und „nationale" Begeisterung Hopfen und Malz verloren, und die nationalliberalen Prcß- schlaraffen erfanden bereits saftige Schimpfnamen für solche Politiker, die, ä la Eugen Richter, das Volk vor den unglückseligen Märchendichtern zu warnen und vor einem schrecklichen Erwachen aus dem schönen Monopoltraume zu behüten suchten. Die Monopolfeindschaft der Freisinnigen, „Ultra­montanen" und ähnlicher „Reichsfeinde" war lange Zeit das stehende Thema, welches dem „liberalen" Philister jeden Morgen zum Frühstück gereicht wurde.

Während so die aufrichtigen Gegner des Mono­pols in der widerwärtigsten Weise verhetzt und z. B. als „Wander-Schnaps-Previger" verhöhnt wurden, vollzog sich in den einsichtsvolleren und

*) Nachdruck verboten.

— Kit lkhte Srifi« vs« Mierscheid. "

Roman von Äntonie Haupt.

Erika zuckte zusammen. Was wagte dieser kühne Fremde? Sie hatte eine scharfe Entgegnung aus der Zunge — sie wollte ihm sagen, daß seine kleinbürgerliche Ansichten ihr sehr gleichgiltig seien — doch sie besann sich eines Seffern: Der Mann war gekommen als ihr Schirm und Hort, seines Armes Macht mußte sie, wenn auch wider« strebend, sich anvertrauen, sie mußte Gastfreund« sckaft an ihm üben — ihn nochmals beleidigen durfte sie um keinen Preis. Sie zwang sich zu einem Lächeln, als sie entgegnete: „Auf Ihren Muth und Ihre Hilfe baue ich mit Zuversicht, meine Herren. Nun mögen die Franzosen kommen, ich vermag ohne Zagen ihnen entgegen­zusehen."

„Sie sollen sich des Empfanges nicht rühmen, den wir ihnen hier bereiten werden!" rief Joseph fröhlich.

Jetzt erst erkannte die Gräfin in dem bleichen jungen Manne mit den frei wallenden schwarzen Locken jenen begeisterten Sänger von dem Feste des Kurfürsten. Gerne hätte sie ihm heute etwa» Anerkennendes gesagt, ihm ßersichert, wie sehr

für die Zukunft der Partei besorgten Kreisen der Führer vor und hinter dec Front allmählig ein Umschwung der Stimmung, der stch für einen aufmerksamen Beobachter schon einige Zeit in den intelligenteren und bevorzugteren Preßocganen be­merklich machte, au dem großen Chorus der „nationalen" Einpauker jedoch spurlos vorüber­ging. Am Freitag den ö. März kam endlich die verhängnißvolle Stunde, welche dem Fasse natio« nalliberaler Monopolbeqeisterung jach den Boden ausschlagen sollte. Im Namen der nationalliberalen Partei erklärte der Abg. Dr. Buhl im Reichstage den Monopolentwurf für unannehmbar zum Staunen Aller und zum Schrecken derjenigen nationalliberalen Macher, welche in Zeitungsartikeln und in Reden sich selbst so unerbittlich auf das Monopol festgenagelt hatten. Der Abgeordnete Oechelhäuser sprach sich am Samstag gleichfalls gegen das Monopol aus. Jedermann sieht klar ein, daß hier, wenn auch nicht bei den betreffen­den Rednern, so doch bei dem Gros der Partei, ein „höherer" Einfluß gewaltet hat, wenigstens insofern jetzt in der nationalliberalen Reichstags­fraktion bezüglich der Verwerfung des Monopols Einstimmigkeit herrschen soll. Man könnte verschiedenen Herrn mit Tag und Datum schwarz auf weiß nachweisen, daß sie in kurzer Zeit die übliche „Bekehrungs"-Kur durchgemacht Haden.

Aber nicht nur die Nationalliberalen, sondern auch viele monopolbegeisterte Konservative sind aus ihren himmelhoch jauchzenden Schiaraffenlands- Träumen zu peinlicher Ernüchterung erwacht, so daß ein konservatives Blatt, welches das Brannt­weinmonopol bisher als das non plus ultra staats­rettender politischer Weisheit pries, jetzt in di- klagenden Worte ausbricht: „Auch die Reichspartei und selbst ein Theil der Konservativen verhielten sich mehr als kühl und somit wird die KommiffionS- berathung vielmehr den Charakter einer Leichen­feier als lebenslustigen positiven Schaffens tragen."

Die Gründe, welche den leitenden Kreisen inner­halb und außerhalb, in, neben und über der na­tionalen Partei diese oppositionelle Stellungnahme haben rathsam erscheinen lassen, dürften unschwer errathen werden. Man will sich nicht „in den Schlund des aussichtslosen Monopols stürzen", man verzichtet gerne darauf, einem nationalliberalen Phantom zu Liebe die Sympathie großer Wähler­kreise einzubüßen, man macht seine Referenz vor sein herrlicher Gesang sie hingerissen habe; doch wie durfte sie jenen Abend berühren, den Major an jene widerwärtige Szene erinnern, welche er vielleicht vergessen hatte, ja, die ihm in der That ganz entschwunden zu sein schien? Wahrscheinlich hatte er, als er verwegen begehrte, sie zur Tafel zu geleiten, gar nicht einmal gewußt, daß er die hochgeborene Gräfin von Manderscheid vor sich habe, und heute — erkannte er sie einfach nicht wieder. Sie biß sich geärgert auf die Lippe bei diesem Gedanken, und doch mußte sie gestehen, daß es sich so sehr günstig für sie fügte; denn sie war auf seinen Schutz und er auf ihre Gast­freundschaft angewiesen.

„Ich würde mich sehr glücklich schätzen, meine Herren", sagte sie mit gewinnender Freundlichkeit, „wenn Sie den zu ihrem Empfange bereiteten Imbiß mit mir theilen wollten."

Die Offiziere verbeugten sich.

„Nun richte ich die Bitte an Sie, mir zum Rittersaale zu folgen."

Die junge Dame schritt mit Anmuth den Herren voraus durch Säle und Prunkgemächer, welche ihnen Ausrufe der Bewunderung entlockten. Am meisten fesselte sie der hohe Rüstsaal, dessen ganze Decke in schöner Ausführung das in viele Felder

dem überwältigenden Gewicht der Kundgebungen gegen das Monopol, Kundgebungen von Inte­ressenten und Fachleuten, sowie von nahezu dem gejammten urtheilsfähigen Handelsstande. Solchen laut redenden Beweisen gegenüber sieht man gerne davon ab, ob das Verdienst, diese Agitation ins Leben gerufen um forcirt zu haben, einem Eugen Richter oder sonstwem zerfällt; auch ein „nationale»" Gemülh versteht sich meisterhaft auf die Rechnung mit der Macht der Thatsachen.

Mit dieser Macht sch int auch ein Höherer, als die Nationalliberalen, diesmal wieder gerechnet zu haben. Oder sollte es lediglich einer leichten Erkrankung zuzuschreiben sein, daß Fürst Bismarck dem Reichstage bei einer so wichtigen Gelegenheit seine Anwesenheit vorenthielt, während seine im Feuer execzirte Kerntruppe wie auf Kommando sich zur Opposition schlug, also geradezu einen bis- marckseindlichen Schein erweckte? Soll das alles Zufall fein? Wir beneiden Jeden, der das anzu­nehmen geneigt ist, um feinen kindlichen Glauben.

Das Schiff des Branntweinmonopols war un­rettbar verloren, und die nationalliberalen Ratten verließen das sinkende Wrack, jedenfalls das Beste, was sie im Hinblick auf die nächsten Reichstags­wahlen thun konnten. Wir nehmen einem Theile der Partei diesen Muth des Rückzuges nicht ein­mal so übel, denn von einem Hasen verlangt man nicht das Herz eines Löwen, uno von einer Gummi­puppe nicht da« Rückgrat eines Helden. In einem bedenklichen Achte muß uns aber eine Staatskunst erscheinen, der solche ungeheure Mißerfolge be­gegnen können, welche die Volksstimmung in einer so wichtigen Frage so wenig zu taxiren verstand, und welche für eine so absolut verlorene Sache den hohen Einsatz einer solch' rücksichtslosen Agi­tation und einer solchen Verwirrung und Auf­regung der öffentlichen Meinung gewagt hat.

Nun, das Spiel ist verloren, und wenn man dem Branntweinmonopol noch ein anständiges Be- gräbniß in der Kommission vergönnen will, so ge- schicht es wohl zunächst aus dem Grunde, weil man dem Projekte nicht blos für den Moment, sondern auch für die nächste Zukunft das Lebens­licht gründlich ausblasen will. Auch will man in der Kommission die jetzt mit vermehrter Dringlich- feit auftretende Frage der Branntweinsteuer­erhöhung in Prüfung und Bearbeitung nehmen, um vielleicht auch der Grundlage einer Konsum- getheilte Mauderscheidische Wappen einnahm. Ein prachtvoller aus Waffen zusammengesetzter Kron- leuchter schwebte von der Höhe nieder, desgleichen schienen die Kandelaber auf dem schwarzen Mar- morkamin au» Waffen gebildet zu sein. Von den Wänden starrten Harnische, Rüstungen und Waffen jeder Gattung und au« jedem Zeit­alter sorgfältig und geschmackooll zwischen eroberten Fahnen und sonstigen Trophäen nach Zeitepochen geordnet. Mit Vergnügen bemerkte Erika da» Jntereffe der Männer an ihren Familienschätzen, und sie begann daher, auf besonder» werthvolle Stücke aufmerksam zu machen:

„Sehen Sie dort den weiblichen Harnisch!" rief sie stolz. Elisabeth von Manderscheid trug denselben im Jahre 1390, al« sie ihren Gemahl im Kreuzzuge nach Palästina begleitete; die KampfeS- spuren rühren von Schwertern der Sarazenen her."

„Allen Respekt vor Ihrer tapferen Ahnenfrau!" verneigte sich Joseph.

Antonius wiegte sinnend das Haupt: „Ost/ sagte er, „stehe ich voll ungläubiger Verwunderung in solch' alten Waffensälen und denke nach, tra» bas wohl für Recken gewesen sein mögen, welche, um unüberwindlich zu sein, sich mit einer Wehr und Waffenlast behingen, die unser Pygmäenge-