JM 56.
Mittwoch, den 10. März
1886,
mit der
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Allokutio» Sr. Heiligkeit des Papstes.
Am 2. d. M., dem sechsundsiebzigsten Jahrestage seit seiner Geburt und dem achten Jahrestage seit seiner Krönung, empfing Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. die Glückwünsche des heiligen Kollegiunis der Kardinale. Se. Heiligkeit war tief gerührt und beantwortete die durch den Dekan des Kollegiums, Kardinal Sacconi, zur Verlesung gebrachte Erge- benheitsadreffe mit nachstehender, bereits vor wenigen Tagen kur; erwähnter Ansprache:
Die Gefühle der Ergebenheit und die Glückwünsche, welche Uns das heilige Kollegium zum Beginne des neunten Jahres Unseres Pontifikates durch seinen Dekan zum Ausdrucke bringt, sind Unserem Herzen überaus angenehm und Wit bezeigen Allen gerne dafür den lebendigsten Dank. Zur besonderen Befriedigung gereichen Uns die Betheuerungen der innigen Vereinigung, welche das heilige Kollegium mit Uns zu haben sich rühmt, und durch welche es nicht nur die Sorgen in der Regierung der Kirche mit Uns theilt, sondern auch an Unseren Freuden und Schmerzen theilzunehmen Willens ist. Diese in den Wirrnisien unserer Zeit so nothwendige Vereinigung, welche man mit mannigfacher List und Schlauheit zu durchbrechen und zu schwächen sucht, ist ein kostbares Element der Stärke, das Unserem Herzen inmitten der Bitterkeiten, welche die Verderbtheit der Zeiten um die Bosheit der Menschen Uns verursachen, zu nicht geringem Tröste gereicht.
Im Uebrigen wissen Wir, daß es Unsere Pflicht ist, so lange Unser Leben währt, alle Unsere Kräfte zum Wohle der Kirche und zur Aufrechthaltung ihrer wohlthätigen Mission in der Welt anzuwenden. Wenn Wir Unsere besondere Sorgfalt auf die Förderung des Unterrichtes und der Jugenderziehung gelenkt, wenn Wir lebhafte Anregung gegeben gegeben haben zum Studium der christlichen Philosophie, der Geschichte und. Wissenschaften. ko haben Wir nur von Weitem den zahlreichen und leuchtenden Beispielen Unserer Vorgänger gefolgt und Uns dem der Kirche eigeirthümlichen Charakter angepaßt. In der That sind die Verdienste der Kirche auch auf diesem Gebiete in zahlreichen und dauernden Denkmalen verzeichnet und es ist nicht zu fürchten, daß dieselben von irgend Jemandem übertroffen oder Lügen gestraft werden würden. Alle Zweige des Wissens, der Kunst und Wiffenschaft haben in den römischen Päpsten entweder hervorragende Pfleger, großmüthige Mäcene oder eifrige Hüter auch in jenen Zeiten gefunden, da die Studien allgemein vernachlässigt, die weisen Grundsätze in Vergessenheit begraben waren und Unwissenheit und Barbarei auch die Ueberreste aus den Schätzen der alten Weisheit zerstörte. Die umfassendsten Wohnsitze des menschlichen Wissens, die Universitäten selbst, waren entweder von den römischen Päpsten gegründet oder in ausgiebiger Weise unterstützt und beschützt, wie dies auch die neueren Schlußfolgerungen aus einer strengen Kritik an der Hand unbestreitbarer Dokumente beweisen. Eingedenk dessen und innig überzeugt, daß die Entwickelung der Wissenschaften und die Ausbreitung guter Lehren der Kirche
— Die letzte Gräfin m Mnu-erscheid. 13
Roman von Antonie Haupt.
„O, mein Gott," flüsterten ihre Lippen, „so bin ich nun verlasien von Allen — verlaffen! Es ist ein hartes Loos, wenn man sich sagen muß: „„Du bist allein in der Welt."" Die M-inigen find tobt; ich selbst bin wie ein lose» Blatt, da« in diese« Thal hineingeweht wird, und das traurige Gefühl de« Fremvsein« und der Herzensleere hört für mich auf Erden niemals auf. Keine Heimath zu haben, ist besier, als in einer verbleiben zu müffen, in welcher verwandte und geliebte Menschen uns zurückgelasien haben." Ein Thränenstrom rinnt über ihre marmorbleiche Wange; doch als ob sie sich ihrer Schwäche schäme, trocknet sie rasch mit dem feinen Batisttuche die Zeugen ihre» Schmerzes und wirft mit energischer Bewegung die dunklen Locken in den Nacken. „Was klage ich? Habe ich es denn anders gewollt? Oder vielmehr, kann ich es ändern? Durfte auch ich feige fliehen? Muß ich nicht dem Beispiele meiner Ahnen folgen, welche unsere Stammburg stet» heldenmüthig vettheidigten? Seit Jahrhunderten haben meine erlauchten Vorfahren den Thron umstanden, hochgeehrt von Seiten der Herrscher, und die Macht und das Ansehen unseres Hause« hat von Jahrhundert zu Jahrhundert an Ausdehnung
Und dem Papstthum nur zum Vortheile und zum Ruhme gereichen können, haben Wir es daher für Unsere Pflicht gehalten, die Studien zu begünstigen und ihre Pflege anzuregen. Hierin bestärkte uns noch der Gedanke, daß sowohl die Kirche wie auch der Charakter unserer Zeit, insbesondere dem Klerus eine tüchtige, umfassende und fest- begründete Gelehrsamkeit erfordere, um den mannigfachen Angriffen, welche mit den Waffen einer falschen Wiffenschaft nicht nur gegen die Mehrheit des Glaubens, sondern auch die Fundamente desselben, gegen die Prinzipien aller sozialen und sittlichen Ordnung erhoben werden, begegnen zu können. Ueberdies war es nöthig, die alte unwahre Beschuldigung, als wäre die Kirche eine Feindin der W flenschaft, als träte sie deren Fortschritten entgegen, welche sich tagtäglich wiederholt, Lügen zu strafen.
Wir hätten gerne noch mehr gethan und würden noch mehr thun, allein die traurigen Verhältnisse, in welche Wir gebracht worden sind, gestatten Uns nicht jene unumschränkte Freiheit des Wirkens und jene reiche Fülle von Hülfsmitteln, welche unerläßlich sind, um dauerhafte Institutionen ins Leben zu rufen. Ja, Wir müffen sogar auch bei dieser Gelegenheit in Eurer Gelegenheit die herben Schwierigkeiten beklagen, welche Uns die so gestalteten Verhältniffe selbst in der Ausübung des apostolischen Amtes bereiten. Wir haben in den nunmehr verflossenen acht Jahren deren ganzes Gewicht gefühlt und können es mit jedem Jahre mehr bestätigen, wie unwürdig diese Verhältnisse des Oberhauptes der Kirche und wie unverträglich dieselben mit der Unabhängigkeit des heil. Stuhles sind. Jede sich ergebende Gelegenheit bestätigt dies in augenscheinlicher Weise: so haben ganz kürzlich vorgefallene Ereignisse gezeigt, daß auch schon nichtige Vorwände und gemeine Böswilligkeit genügen, um das Papstthum sofort und ungestaft zur Zielscheibe für alle Leidenschaften und für die Wuthausbrüche der Menge und diesen Unseren Sitz zum Gegenstände gcwaltthätiger Vorhaben und wilder Drohungen zu machen.
Wenngleich vollständig unterworfen in Allem, was die göttliche Vorsehung über Unsere demüthige Person verfügen will, können wir doch nicht «blassen, im Angesichte der katholischen Welt für unsere Autorität jene Verhältnisse zurückzuverlangen, welche deren Ansehen und Freiheit in wirksamer Weise schützen und sichern. Ach, möchte der erbarinungsreiche Gott in seiner Barmherzigkeit den so freudigen und ersehnten Umschwung der Verhältnisse baldigst herbeiführen. , _ c,
Mit dieser Hoffnung -rtheilen Wir Ihnen, Herr Kardmal, dem gesammten heiligen Kollegium, den Bischöfen unb allen übrigen Anwesenden als Unterpfand Unserer väterlichen Liebe aus innigstem Herzen dm apostolischen Segen.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. März.
• Beim Fürsten Bismarck fand gestern wieder ein größeres Diner statt, zu welchem folgende Mitglieder des Herr en Haufe« Einladungen erhalten hatten: Herzog von Ratibor, Graf Stolberg, Be- gewonnen. Diesen Glanz, diesen Ruhm soll und muß die letzte Gräfin von Manderscheid bi» zum letzten Athemzuge aufrecht erhalten — das ist heilige Pflicht!"
Dunkle Gluth ergießt sich plötzlich ihr in's Antlitz. „Wie wenn auch der Kurfürst mich verlaffen, wenn er das mir gegebene Versprechen vergeffen hätte oder durch den Feind verhindert worden, mir Vertheidigungstruppen zu senden? — Wie schrecklich!" Mehr wie zwei Wochen waren seit jenem Abende vergangen — glühende Röthe überzog von neuem ihre Stirn, als sie an diese Erinnerung ihre« Lebens kam — seit jenem Abende, an welchem ein Bürgerlicher den Versuch gewagt hatte, ihre erhabene Lebensstellung, deren Vorzüge ihr von Kindheit an fast no* 'orgfältiger eingeprägt worden, al« die Gotteoo r rung, zu sich in den Staub zu ziehen. Alles Gefühl des Verletzenden, da« dessen rascher, verwegener Schritt bei ihr erweckt, machte sich v>> '.euem geltend. Und dennoch — wie ehrerbiettg h. t es geklungen: „Gnädige Gräfin, ich bitte mir die Ehre aus, Sie zur Tafel geleiten zu dürfen." Mit demselben Wohllaut der Betonung flüsterten ihre Lippen die Worte, ivelche er gesprochen. Warum war er kein Königssohn, warum nicht wenigstens ein Graf? Wie edel und männlich schien sein Wesen, wie gewinnend wußte er zu lächeln! Doch welch
feier, Graf Arnim, v. Bernuth, Bischof Kopp von Fulda, Graf v. Radolinski, v. Rochow, Graf Frankenberg, v. Sperber, Ostermeyer, Heine, Dernburg, Adams, Rötger, Friedenthal, Fürst Isenburg, v. Kleist-Retzow, Gras Brühl, v. Arnim- Kröchlendorff, Graf Pückler, Lotichius, v. Manteuffel, Struckmann, v. d. Osten, Miquel, Meyer, Oehlschläger und v. Dechend.
* Die kirchenpolitische Kommission des Herrenhauses hat eine Subkommission eingesetzt, welche aus Adams, von Manteuffel, Dr. Miquel, Bischof Kopp und Graf zur Lippe besteht. Die nächste Sitzung der Kommission wird Ende dieser Woche, die Plenarberathung keines Falles vor dem 20. März stattfinden.
• Die Reichstagskommission für dasSozialisten- gesetz hat gestern das Gesetz mit den Windthorst'- scheu Adänderungsanträgen angenommen. Die Beschränkung des kleinen Belagerungszustandes auf Berlin wurde mit 12 gegen 8 Stimmen (konsec- vative und nationalliberale) beschlossen. Entsprechend den Windthorst'schen Anträgen wurde auch die Verlängerung des modifizirten Gesetzes auf nur 2 Jahre beschlossen.
» Der Bundesrath hat gestern den Gesetzentwurf betreffend die Heranziehung der Militärpersonen zu den Gemeindeabgaben angenommen.
* • Das Abgeordnetenhaus, dem ein Gesetzentwurf, betreff. Ausdehnung des Staatsschuldbuchs zugegangen ist, setzte heute die Berathung des Kultusetats fort. Das Kapitel: Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten, wurde unter Widerspruch des Centrums angenommen. Der „Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten" scheint auf die Nationalliberalen gekommen zu sein, denn sowohl Freikonservative wie Deutschkonservative erklärten heute, sie seien bereit, der Abschaffung dieses In- stituts zuzustimmen, sie würden bloß die Mittel für dasselbe bewilligen, weil es auf Gesetz beruht und nicht durch einen Abstrich im Budget beseitigt werden könnte. Die Nationalliberalen vernahmen in stiller Wehmuth diese Erklärungen und nicht einmal auf den Heiterkeit erregenden Geschäftsbe- richt des „Küstergerichtshofes", welchen der Ab- geordnete Bachem gab, reagirten sie. Al» es aber zur Abstimmung kam, da rafften sie mit ein furchtbarer, unergründlicher Ausdruck lag in jenem Blick, mit welchem er sie maß, ehe er ihr den Rücken wandte. Heute noch fühlte sie sich bei der Erinnerung daran erstarren. Wenn er doch niemals mehr ihren Pfad kreuzen wollte! — Pah, wie lächerlich! Welch' ein glücklicher Zufall sollte ihr diesen Bürgerlichen nochmals in den Weg spielen? Wie albern, sich mit solchen Gedanken die Laune zu verderben. Fort damit!
Nun peinigte sie wieder der Zweifel, ob der Kurfürst sie vergessen habe, und eine Unruhe, eine Beklemmung bemächtigte sich ihrer, wie sie nie bisher empfunden. Verzweiflungsvoll rang sie die Hände.
Da horch! — War da« nicht Trompetenschall? Mischt sich nicht Trommelwirbel in kriegerische Musik? Dort, dort auf jener Felskuppe, ist das nicht Waffenblitzen im Sonnenschein? Der Herr sei gepriesen! Da» sind kurfürstliche Truppen. Blau und gelb bringt ea hervor aus Walde«- schatten, hoch weht da« alte trierische Panier. Von den Wartthünnen tönt der Gruß jetzt laut und fröhlich nieder. Auf die Kniee finkt Erika, dem Herrn zu danken. Dann springt sie auf und ergreift den Klingelzug. In demüthiger Haltung erscheint der greife Kastellan.
„Bester Guntram," ruft die Gräfin, „sorgen Sie, daß reichlich Wein in die Banquet-Halle ge-