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Dienstag, den 9. März

1886.

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— mit der

Deutsches Reich.

Berlin, 8. März.

* Der .Reichsanzeiger' meldet, daß, nachdem der ermeländische Bischofsstuhl durch mit Zu­stimmung der Regierung erfolgte Ernennung des Bischof» Krementz zum Erzischof von Köln erledigt worden war, da» Domkapitel zu Frauenburg den Generalvikar Thiel zum Bischof gewählt habe. Thiel habe durch ein päpstliches Breve vom 12. Februar die Bestätigung zur Ausübung des Bischof­amte« erhalten. Der Kaiser und König habe Thiel durch Urkunde vom 2. März die nachgesuchte landesherrliche Anerkennung als Bischof von Erme- land ertheilt.

* Die 100-Millionen-Kommission des Abgeordnetenhauses hat den Entwurf über die Kolonisation in den polnischen Landestheilen durch- berathen und unter Ablehnung aller eingegangenen Abänderungsanträge die Regierungsvorlage un­verändert angenommen.

* Ueber die in der Herrenhaus-Kommission ge- ieilten Beseler'schen Anträge zur kirchen­politischen Vorlage schreibt die .Corresp. Falkenb.': „Diese Anträge enthalten eine so koloffale Ver- s dlechterung der Vorlage der Regierung, wie wir sie im 13. Kulturkampfsjahre gar nicht für rnöglich gehalten hätten, selbst nicht bei einem li­beralen Professor. Der Antragsteller streicht ein­fach ganze fünf Artikel der Regierungs-Vorlage, die einige Erleichterungen brachten, fori; andere verstümmelt er zur größern Ehre der diskretionairen Gewalt des Minister», noch andere endlich deklarirt er in einer Weife, welche den Konzessionen der Novelle jeden praktischen Werth benehnien muß, obwohl dieser Werth schon ohnehin ein sehr geringer ist. In einem einzigen Falle erweitert Beseler die Vorlage, aber auch nur scheinbar. Die RegierungS- Vorlage hat im Art. 1 das Kultur-Examen auf­gehoben und dem entsprechend auch die an die Nichtablegung desselben geknüpften Strafen der Art. 4 und 8, aber dabei den Art. 27 vergessen. Dieses Vergessen korrigirt Beseler, und das ist seine einzige Erweiterung der Vorlage. Alle an­dern Anträge sind Beschränkungen und Verschlech­terungen."

e Die erste Lesung der kirchenpolitischen Vorlage in der Herrenhauskommission ist am Sonnabend beendigt worden. Vom hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Kopp waren, wie anscheinend offiziös verbreitet wird, mehrere Aniendements ge­stellt, welche theil» unverändert, thells modiftzirt angenommen wurden. In der veränderten Fassung wurde schließlich die ganze Vorlage angenommen. Der .Börsen-Kourier' will weiter wisien, e» habe „der Herr Bischof weder bei der Staatsregierung, noch bei seinen Mitpair«" da» nöthige Entgegen­kommen gefunden. Da« Blatt sagt ferner: „Die Amendements de« Herrn Bischofs haben in der Komnlission eine so bedeutende Abschwächung er­fahren, daß er seine derart veränderten Kinder verleugnete und gegen den ganzen Gesetzentwurf, der mit den modifizirten Kopp'scheu Anträgen an­genommen worden ist, stimmen zu muffen glaubte." Da» .Deutsche Tagebl.' meldet: „Die kirchen- poküische Kommiflion des Herrenhause» hat gestern die erste Lesung der Vorlage beendet. Vom Bischof Dr. Kopp war eine Reihe von Amendements ge- stellt worden, welche zum Theil unverändert, zum Theil mit Modifikationen angenommen wurden, gegen welche der Bischof stimmte. In der ver- änderten Fassung gelangte schließlich die ganze Vorlage zur Annahme. Am Montag soll in die zweite Berathung de« Entwurfs eingetreten werden." Dagegen schreibt die,Post': „Der Berliner,Börs.- Kourier' bringt heute Morgen eine Mittheilung

über die Ergebnisse der Verhandlungen der kirchen- politischen Kommission, deren Zuverlässigkeit sich schon aus dem Umstande ergiebt, daß die erste Lesung des betreffenden Gesetzentwurfs keineswegs, wie der B. ,B. C.' meldet, gestern beendet worden ist, sondern heute noch fortgesetzt wird. Es hat daher auch keine Abstimmung über den Gesetz­entwurf im Ganzen in der von der Kommission amendirten Fassung stattfinden können und eben­sowenig ist der Bischof Dr. Kopp in der Lags gewesen, ein Votum gegen den Entwurf abzugeben." Die .Germania', welcher wir Vorstehendes ent­nehmen, bemerkt dazu: Wir geben diese Nachrichten, wie wir sie finden. Nur möchten wir bemerken, daß die .Post' sich auch im Widerspruch mit der offiziös verbreiteten Meldung befindet, daß die Herrenhauskommission die Vorlage in veränderter Gestalt bereits angenommen habe.

* Im Abgeordnetenhaus begann heute die Berathung des Kultusetats. Erster Redner war der Abg. Schmidt (Sagan), der den Kultus­minister über die gesetzliche Regelung des Pen- sionswesens der Mittelschulen interpellirte. Kultusminister v. Goßler erklärte, es schwebten Verhandlungen über dies; Angelegenheit, doch sei e» noch nicht bestimmt, wann ein fertiger Gesetz­entwurf dem Landtage zugehen könne. Der Abg. v. Schwarzkopf trat hierauf für eine Reorganisa­tion des Kreisphysikats ein. Kultusminister v. Goßler erwidert, es sei bereits ein diesbezüg­licher Entwurf ausgearbeiter, aber man habe ihn des Geldpunktes wegen beim Landtage noch nicht eingebracht. Unter Abschaffung der K r e i s w u n d - ärzte soll für jeden landräthlichen Kreis ein KreiSphysikuS angestellt werden. Der Abg. Dr. Windthorst berührte als folgender Redner gleich­falls diese Angelegenheit, wobei er namentlich die Nothwendigkeit betonte, daß die Staats-Medizinal- beamten ihrer weiteren Ausbildung wegen sich der Privatpraxis roibmen können. Alsdann legte der Herr Redner das Verhalten des Centrums bei der Kultusdebatte dar. Dasselbe werde mit Rücksicht auf die noch schwebenden Erörterungen des Herrenhauses über die kirchenpolitische Vorlage heute jede weitere allgemeine Erörterung über kirchenpolitische Gegenstände unterlassen und einst­weilen die weitere Entwickelung abwarten. Möge es dem Herrenhause gelingen, etwas Brauchbares, Acceptables zu Stande zu bringen, Niemand wird sich darüber mehr freuen, als die Centrumsfraktion. Auf eine Anfrage des Abg. Dr. Wehr gab hier­auf der Kultusminister v. Goßler zur Antwort, es sei die Absicht der Regierung, eine Vorlage für. bessere Dotirung der Lehrer in Westpreußen, Posen und dem Regierungsbezirk Oppeln einzu­bringen; es sei nur noch die Geldfrage zu erledigen. Der Abg. Dr. Porsch brachte darauf die in der Polendebatte gemachten Aeußerungen des Kultus­ministers über die Aufhebung der katholischen Ab« theilung und über Herrn Geheimrath Krätzig zur Sprache. Der Kultusminister v. Goßler nahm eine Stellung ein, die jeden Minister in einem anderen Staate als Preußen sofort zu Falle bringen müßte. Von seiner Anschuldigung gegen den ehe- maligen Direktor der katholischen Abtheilung, Herrn Geheimrath Dr. Krätzig, wie von seinen Auslas­sungen über die Tendenzen der katholischen Ab­theilung ist nicht das Mindeste übrig geblieben. Dafür haben wir aber, sagt die .Germ.', einen Einblick in die „Kultusküche" bekommen, der höchst belehrend für alle Katholiken ist. Herr v. Goßler fand nirgends Schutz als bei Herrn v. Zedlitz; sogar Herr v. Eynern revocirte die '.mit Bezug auf Herrn Dr. Krätzig gemachte Aeußerung, daß Römlinge Papiere verschwinden lassen. Herr v. Zedlitz versuchte bk „Friebensflöte" zu blasen,

aber ber Abg. Bachem wies mit bet „historischen Stimmgabel" nach, wie das Lied des Herrn v. Zedlitz so absolut gar nicht harmonirte mit der kulturkämpferischen Vergangenheit des Herrn. Auch der Abg. Dr. Windthorst fertigte Herrn o. Zed­litz in prägnanten Sätzen ab, nachdem er kurz zuvor in trefflicher Rede gezeigt, wie schlimm man mit den Autoritäten zum Schaden der allgemeinen Ord­nung umgehe. Weiterberathung morgen.

* Der Reichstag genehmigte heute in dritter Lesung den Beschluß des Bundesraths auf Auf­nahme der Cellulosefabriken in das V.-rzeichniß derjenigen gewerblichen Anlagen, die nach § 16 der Gewerbeordnung der besonderen Genehmigung bedürfen. Beim nächsten Punkt der Tagesordnung, Fortsetzung der zweiten Berathung des Antrags Reil ensperger auf Wiedereinführung der Berufung, führte der Abg. Munckel die Auszählung des schwach besetzten Hauses herbei, die Beschluß- unfähigkeit ergab. Der Präsident beraumte die nächste Sitzung auf heute 2x/2 Uhr an.

* Karlsruhe, 8. März. Laut dem ,Bad. Beobachter' wurde Pfarrer Rudolf zu Radolfzell vom Erzbischof zum Domkapitular ernannt.

Aus Ltaöt, pror>iuj und Nachbargsbiet

Fulda, ?. Mä.z.

* Der Besitzer der in letzter Zeit mehrfach von Dieben heimgesuchten „Grillen bürg", Herr C. Heintz in Hanau, hat die fragliche Besitzung ausräumen und alle transportablen Gegenställde in die Stadt Fulda verbringen lassen. Damit dürfte allen Betäubungen der Boden entzogen fein und wird dieses Radikalmittel wohl genügen, alle weiteren Diebesgelüste schon im Keime zu ersticken.

ft In Fortsetzung unseres Berichtes über die Carnevals - Festlichkeiten erwähnen wir zunächst die auf dem Buttermatkt abgehaltene „Große Parade". Der Domplatz mußte noch in letzter Stunde wegen seines hohen Schneelagers aufge­geben werden. Die zum größeren Theile aus irregulären Mannschaften gebildete Prinzengarde machte unter klingendem Spiel zur Befriedigung der schaulustigen Menge relativ gute Bewegungen in Sektionen, Kompagnie- und Bataillons-Forma­tionen vor Sr. Närr. Hoheit und seinem gesamm- ten Hofstaate. Während de» Diners im Hotel „Kurfürst" spielte vor demselben die Regiments- Musik in bekannter Weise. Von 1 Uhr ab durch­kreuzten zahlreiche Equipagen die Straßen unserer Stadt, um ihre „hochgestellten" Insassen zum Ausgangspunkte der Corsofahrt zu bringen, welche gegen halb 4 Uhr begann. Dieselbe ähnelte zum größten Theile dem gestern schon beschriebenen Em- zuge, berührte die aus dem Programm bekannten Straßen, mit Ausnahme der Löhersgaffe, welche aus gewissen Rücksichten umgangen wurde, und lockte wiederum viele Neugierige herbei. Der Wagen des Prinzen war mit Blumensträußen gefüllt. Des Abends fand Masken-Ball in der Turnhalle statt, womit die diesjährige Carnevals-Saison ihren Abschluß fand.

R. In der „Harmonie" fand gestern Abend ein vom Dilettanten-Verein „Fidelio" arrangirtes thea­tralisches Vergnügen statt, wobei ein namhafter Ueberschuß erzielt wurde. Die komischen Vorträge, ganz besonders aber die theatralische Aufführung, hatten den reichen Beifall verdient, der ihnen ge­worden.

* Der auf Grund der neuen Kreisordnung ge­wählte Kreistag tritt am nächsten Sonnabend, den 13. März, zum ersten Male hierselbst zusammen, um Wahlprüfungen und die Wahl des neuen