M 48.
Montag, den 1. März
1886.
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Berlin, 28. Februar.
* Ihre Majestät die Kaiserin und Königin empfing vorgestern mit Er. Majestät dem Kaiser und König den Bischof von Fulda und gestern den Herzog von Croy.
•• Das Herrenhaus berieth heute den An« tragDernburg und Gen., betreff. Unterstützung der Regierung in ihren Maßnahmen zum sogenannten Schutze des Deutschthums in den Ostprovinzen. Ministerpräfident v. Bismarck hat sich in Folge Unwohlseins entschuldigen laffen. Die Tribünen waren überfüllt. Der Referent Gras Udo zu Stollberg-Wernigerode empfahl in kurzen Worten die Annahme des Antrags. Dr. Dernburg trat als Antragsteller für die Maßnahmen der Regierung ein. Die polnischen Agitationen haben einen ernsten Hintergrund und es sei nöthig für die Regierung, zu wissen, daß sie in ihren Maßnahmen der Unterstützung der Gesetzgebung sicher fei. Fürst Ferdinand Radziwill vertrat dem entgegen feinen Antrag mit Rücksicht auf die Mißstimmung, welche der Antrag Dernburg in der polnischen Bevölkerung machen müsse, über den Antrag zur Tagesordnung überzugehen. Polen habe in Folge einer verhängnißvollen Politik seine politische Selbstständigkeit emgebüßt, aber aus dem darauf folgenden Läuterungsprozeß habe sich bei diesem Volke ein christliche« und echt..konservatives Prinzip gebildet, das Niemanden Veranlassung geben könnte, mit Mißtrauen auf dieses Volk zu sehen. Für die geplanten Maßregeln der Regierung fehle jede vernünftige Ursache, v. Bethmann- Hollweg konstatirte ein stetes Fortschreiten des PolenthumS, dem im Interesse des Deutschthums entgegengetreten werden müsse. Nothwendig fei eine Vermehrung der Kirchen, auch würden Simultanschulen nützlich wirken, obgleich er sonst prinzipiell gegen solche sei. v. Zoltowsky bestritt das Vorhandensein einer national-polnischen Agitation. Die Unterdrückung der Polen scheine das mit Rußland vereinbarte Aequivalent für die Russificirung der Ostseeprovinzen zu fein. v. Kleist-Retzow ver- theidigte den Antrag Dernburg und forderte Verbesserung der Seelsorge, mit der man allein das Volk gewinnen und dauernd sich erhalten könne.
— Air letzte Sriifin m Manderscheid. 6
Roman von Antonie Haupt.
Antonius wollte eben lächelnd etwas entgegnen, als seine Aufmerksamkeit von anderer Seite in Anspruch genommen wurde. Voll ungestümer Freude kam Herr Pietro Pompejo Sales, der immer noch jugendlich lebhafte Kapellmeister, auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Es ergötzte Antonius ungemein, sich mit dem Italiener zu unterhalten, der das Deutsche mit jener melodischen eigenartigen Betonung sprach und seine Worte meist mit jenen unnachahmlich graziösen Handbewegungen begleitete, welche sein Volk kennzeichnen. Unbestritten gehörte Sales zu den ausgezeichnetsten Tonsetzern seiner Zeit, namentlich in Kirchenmusik, worin er mit der italienischen Lieblichkeit der Melodie deutsche Kraft und Fülle der Harmonie zu verbinden wußte. Es ist zu bedauern, daß von seinen vielen Oratorien, Opern und Messen nur sehr wenige Gemeingut des größern musikalischen Publikums geworden sind, da er dem Kurfürsten das Versprechen abgelegt hatte, nur für ihn und seine Kapelle zu schreiben und keines seiner Werke auswärts zur Aufführung zu bringen.
Graf Boos hatte kaum einige Worte mit dem bewährten Altmeister der Gesangeskunst gewech elt, als der kecke, geniale Andreas Anschütz sich zu
Nun ergriff der hochw. Herr Bischof Kopp von Fulda das Wort zu folgender Rede, die wir des besonderen Interesses wegen nach dem Worlaut der ,Germ.' hier unverkürzt folgen lassen:
Die ersten Tage, an denen ich die Ehre habe, den Be- rathungen des Hohen Hauses beizuwohnen, stellen mich sofort vor eine Frage, die nicht an sich aber doch für mich einige Schwierigkeiten in sich hat. Der Antrag, der von dem Herrn Borredner vertheidigt worden ist, erzielt d.e Sicherung des gesammten Vaterlandes. Diesem Anträge an sich betrachtet kann ich wohl ohne Bedenken zustimmen. Die Liebe, das Interesse und der Sinn für die Würde und Größe des Vaterlandes muß jedem Landeskinde innewohnen, und ich glaube. Sie haben ein Recht, dieses ganz besonders von denen zu verlangen, welche traft ihres Amtes berufen sind, die sittlichen Tugenden im Volke zu wecken und zu pflegen. Nun ist aber auch die Vaterlandsliebe eine solche Tugend; beruht sie auch auf natürlichen Grundlagen und ist sie auf natürliche Verhältniffe aufgeknüpft, so wird sie doch genährt und gepflegt von der Religion, und deshalb haben Sie das Recht, von uns zu verlangen, daß wir jede Gelegenheit, für das Vaterland Bekenntniß abzulegen, freudig ergreifen, und als eine süße Pflicht betrachten. Und wenn es sich darum allein handelt, werde ich keinen Anstand nehmen, dieser Pflicht in jeder Beziehung zu genügen, und ich freue mich, aus der Rede des Fürsten Radziwill wenigstens Anklänge daran gefunden zu haben, und ich glaube, auch darauf Hinweisen zu können, daß alle meine kirchlichen Freunde von denselben Gesinnungen durchdrungen sind. (Beifall.) Das Ziel aber, welches ich angedeutet, und welches der Antrag erstrebt, muß aus verschiedenem Wege erstrebt werden. Nun hat der Redner des Gegenantrages die Befürchtung ausgesprochen, daß mit diesen Maßnahmen nur der Culturkamps fortgesetzt und erweitert werden solle, und ich muß anerkennen, daß mich dieser Anklang etwas traurig gestimmt hat. Ich beklage nichts mehr als die ovFoffeneu, dreizehn Jahre, ich beklage sie für meine Kirche aber auch für das gesammte Vaterland, ich beklag« sie nicht der Opfer wegen, die ich selbst gebracht habe, sondern der Schäden wegen, die für uns All- daraus entstanden sind; und in den nächsten Tagen hoffe ich beide Hände des Hohen Hauses entgegen- nehme» zu können, um diese Schäden abzustellen. Aber die Befürchtung habe ich nicht, daß mit diesen Maßregeln ein neuer Kulturkampf inscenirt oder der alte erweitert werden solle. Er liegt sehr nahe, dieser Schein. Allein ich habe zu der königlichen Staatsregierung das feste Vertrauen, daß sie den Schutz des Vaterlandes mit her Verpflichtung zum Schutze der Konfessionen in Einklang zu bringen weiß, trotz dem Rathe, den, wenn ich recht gehört, mein Herr Vorredner gegeben hat, wenn er rief, jene Provinzen etwas mehr zu protestantisiren Ich werde mich freuen, wenn er mich anders belehrt. Ich stimme auch nicht allen Maßregeln zu, welche Herr von Bethmann- Hollweg vorgeschlagen, aber ich will nicht auf die einzelnen eingehen, weil sich sonst vielleicht noch Gelegenheit dazu finden wird. Aber einen Gesichtspunkt möchte ich noch geltend machen, und der bezieht sich dann auf meinen ihnen gesellte. Letzterer hatte zugleich mit dem jungen Grafen die Mainzer Universität besucht und war nun zu Coblenz im Justizfach angestellt, wodurch er auch Freund und College von Joseph Lamberti geworden war. Gemeinsame Erinnerungen an heitere Stunden wurden nun hervorgezogen und besprochen, und gar bald hatten sich die vier Herren in eine anregende Unterhaltung vertieft.
„Sieh da, Graf Sternberg-Manderscheid und Gemahlin!" rief Anschütz plötzlich mit einem Blicke auf den Eingang. „Ich glaubte die Herrschaften längst über alle Berge. Der Herr Graf, dessen Stammbaum, nebenbei gesagt, nach dem ehrwürdigen Vater Tanner von einem der heiligen drei Könige abgeleitet wird, scheint unfern Waffen wenig zuzutrauen, da er ohne Weiteres auf gut Glück feine ausgedehnten hiesigen Besitzungen ihrem Schicksal überlassen und mit der Familie nach seinen übrigens noch beträchtlicheren Gütern in Böhmen — — Ah!" unterbrach er jäh seinen Reoefluß, „mich dünkt, eine Götterfürstin hat dem gräflichen Paare das Geleite hierher gegeben!"
Die junge Dame, welche dem Virtuosen den begeisterten Ausruf entlockte, war wirklich von seltener, wahrhaft überraschender Schönheit; ihr feiner Kopf mit dem ebenholzschwarzen, leichtgepuderten Lockengewoge, dem herrlichen Antlitz von dunkler, warmer Färbung, ans welchem unergründliche,
Entschluß. Die Wege, welch- zur Erreichung dieses Zieles von der Regierung eingeschlagen werden, werden nicht immer die Wege der milden Schonung und Versöhnlichkeit sein können. Nun bitte ich aber, sich zu erinnern, welche Darstellung das Buch, das wir affe für heilig halten, von dem Amte eines Dien«s der Religion giebt. Der Prophet will nur die Füße schön finden, welche sich auf dem Weg des Friedens befinden und welche den Frieden verkünden und verlangt von diesen Dienern, daß sie das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Nun weiß ich sehr wohl, daß die Regierung in der Verfolgung ihrer staatlichen Zwecke nicht immer sich an diesen Grundregeln halten kann; aber ich bitte zu bedenken, daß nicht allein der Prophet, sondern das Volk, Sie selbst, meine hochverehrten Herren, uns«e Füße nur schön finden, wenn Sie uns auf dem Wege des Friedens erblicken und darum bitte ich um Nachsicht, wenn ich es ablehne zu dem Antrag heute schon meinerseits eine Stellung zu nehmen. Damit ich aber nicht mißverstanden werde, erlaube ich mir noch eine kurze Bemerkung. Ich habe die feste Zuversicht, daß aus dem Zusammenwirken so erleuchteter Faktoren, des Gerechtigkeitssinnes der Regierung, des ritterlichen Sinnes dieses Hauses und der Weisheit des anderen Hauses keine Resultate sich ergeben, denen zuzustimmen mir verwehrt sein wirb. (Bravo.)
Nachdem v. Winter für den Antrag Dernburg eingetreten war und Frhr. v. Solemacher int Namen einiger katholischer Freunde erklärt hatte, sich der Abstimmung enthalten zu wollen, wurde der Antrag des Fürsten Radziwill gegen die Stimmen der Polen, des Freiherrn v. Landsberg und des Herrn Hausmann abgelehnt, der Antrag Dernburg mit 108 gegen 13 Stimmen angenommen. Mit „Nein" stimmen außer den Polen u. A. Graf Hompesch, Freiherr v. Landsberg, Graf Schulen- burg-Beetzendorf. Bischof Kopp und Graf Brühl enthalten sich der Abstimmung. Schluß 43/< Uhr. Nächste Sitzung unbestimmt.
•* Das Abgeordnetenhaus nahm heute die erste Berathung des Gesetzentwurfs betreffend die Erweiterung und Vervollständigung des Staats« eisenbahngefetzes und die Betheiligung des Staats bei mehreren Privateisenbahnunternehmungen vor. Die Vorlage wurde an die Budgetkommission verwiesen. Aus der Debatte ist eine Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Dr. Wehr als Vertreter des Ostens und den Abgg. Berger und von Schorlemer-Alst als Vertreter des Westens der Monarchie zu erwähnen. Dr. Wehr beschwerte sich über Zurücksetzung des Ostens sowohl in Bezug auf Zutheilung von Sekundärbahnen, als in Bezug auf die Eisenbahn
schwarze Augen sprühten und leuchteten, übte einen förmlich hinreißenden Zauber aus. Ein silbergesticktes Gewand von kirschrothem Sammt umschloß knapp ihre edlen Formen und ließ, unter der bril» lantenumgürteten feinen Taille geöffnet, das ganz in Silber gewirkte Unterkleid hervortreten. Prächtige Spitzen begrenzten die halblangen Aermel, während köstliche Diamanten sich schimmernd um ihren weißen Hals legten und sich bandeauartig durch die Locken schlangen. Mit königlicher Anmuth schritt sie durch die staunende Menge, und man konnte auf ihrer prachtvoll modellirten, stolz erhobenen Stirn, sowie auf ihren reizend geschnittenen rothen Lippen ein hohes Selbstbewußtsein lesen.
„Ich muß gestehen", rief Antonius bewundernd, „dies ist die herrlichste Frauenerscheinung, welche mir je vor Augen gekommen!"
„In der Tyat, sehr niedlich", bemerkte Joseph zerstreut, dessen Augen und Gedanken sich offenbar mit sonst Jemand beschäftigt hatten.
„Niedlich? O Du hölzerner Philister!" ereiferte sich Gras Boos. „Sage lieber auffallend schön, blendend schön! Wer mag das wunderbare Geschöpf nur sein?"
„Ich kann es Ihnen verrathen", lächelte An« i schütz.
f „So spannen Sie mich nicht lange auf die Folter."