Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Februar.
** Das Herrenhaus setzte heute die Bera- thung der Kreisordnung für Westfalen fort. Die von der Kommission neu vorgeschlagene Bestimmung, daß die ehemals reichsunmittelbaren Herren Sitz und Stimmen in den Kreistagen haben sollten, wird von den Herren Graf Schulenburg-Beetzendorf, Graf Landsberg-Steinsurt, Fürst Jsenburg-Birstein, Frhr. v. Manteuffel und Graf Brühl befürwortet, von dem Minister v. Puttkamer und von den Herren Adams und Graf Ziethen-Schwerin aber bekämpft und mit 95 gegen 98 Stimmen abgelehnt. — Nachdem sodann die neu eingetretenen Mitglieder des Hauses, Fürst v. Bentheim-Tecklenburg, Riedesel, Frhr. v. Eisenbach und Bischof Kopp von Fulda, letzterer im Bischofsgewand, auf die Verfaffung vereidigt waren, wurde die Kreis- ordnung genehmigt, jedoch den Amtmännern das Recht der Wählbarkeit in die Kreistage abgesprochen. Bei der Berathung der Provinzial--rdnung wurden alle Abändecungsanträge abgelehnt, ebenso die Kommissionsvorlage und die Regierungsvorlage unverändert angenommen. — Nächste Sitzung Sonnabend 12 Uhr: Kleine Vorlagen, darunter Anträge Dernburg und v. Kleist-Retzow, betr. Polenvorlage.
* Der .Köln. Vztg/ wird vom 26. ds. aus Berlin gemeldet: Der Hr. Bischof von Fulda wird hier mit großer Aufmerksamkeit behandelt. Gestern speiste derselbe mit mehreren Diplomaten und hochgestellten Beamten des Hofes beiin Minister des Innern zu Mittag. Heute (Freitag) wurde der hochwürdigste Herr von Sr. Majestät dem Kaiser in Audienz empfangen.
** Das Abgeordnetenhaus setzte heute die erste Berathung des Gesetzentwurfs betr. die Anstellung der Jmpfärzte in der Provinz Posen fort. Abg. Dr. Graf-Elberfeld (nl.) wünschte allgemeine Regelung der Anstellung der Jmpfärzte in Preußen. Dadurch, daß diese Vorlage im Rahmen der Polenfrage erscheine, werde die objective Prüfung beeinträchtigt. Mit Rücksicht auf die präjudizliche
— Die letzte Srafia vs« Manderscheid. 4
Roman von Antonie Haupt.
Auch Joseph hatte einige kleine Veränderungen zu seinen Gunsten mit sich vocgenommen. Der Spitzen-Jabot und die kostbaren Spitzen-Manschet- ten gereichten der Uniform sehr zum Schmuck. Sein lockiges, schwarzes Haar hatte man ihm vermittelst Kamm und Pomade zu einem kunstvollen Zopf gebändigt und schneeweiß gepudert, wodurch die kohlschwarzen, großen Augen unter den regelmäßig gezeichneten dunklen Brauen eine um so bedeutendere, vollständig frappirende Wirkung ausübten. Ec selbst jedoch schien sehr wenig von der Umwandlung erbaut.
„Ich komme mir vor," versicherte er kläglich, indem er mit großer G 'chwindigkeit den Kopf hin und her bewegte, ob ich die alte, bekannte Geschichte träume, daß ich mit einer Schlafhaube auf dem Kopfe in gröfter Gesellschaft erscheinen müsse. Mein Bischen .'v tz :si in den Zopf gebunden, ich werde mich heute Ac e >d schrecklich blamiren."
Das heitere Lachen der Gesellschaft wurde durch den Eintritt des Grafen Keffelstadt unterbrochen, welcher mit den Worten: „Vortrefflich, da sind wir ja Alle zusammen," in einem strahlenden, ganz in Gold gewirkten, rothen Sammet-Anzug mit seiner Gemahlin am Arm erschien.
JV 47.
Sonnabend, den 27. Februar
1886.
Fuldaer
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— mit der
Bedeutung der Vorlage beantragte er Verweisung an eine Commission. Abg. Kantack (Pole) bekämpfte die Vorlage, die nur eine komische Bedeutung haben könne. Fürchte man denn, daß die polnischen Aerzte den deutschen Kindern polnische Lymphe eivflößten? Abg. Dirichlet (dfr.) führt aus, daß auf Seiten des Arztes die Kenntniß der Sprache und der Bevölkerung ganz unentbehrlich sei, wenn nicht durch Mißverständnisse verhängniß- volle Folgen entstehen sollen. Abg. Virchow (dfr.) ist bereit, die Befugnifle in Bezug auf die Anstellung der Jmpfärzte zu erweitern, aber für die ganze Monarchie; er wolle kein Ausnahmegesetze. Abg. v. Schorlemer-Alst faßte die Resultate der Debatte kurz zusammen und verwies zum Schluß auf das Freudengeschrei, mit dem die Organe der Wucherer und Jobber sämmtliche Polengesetze begrüßten. Die Vorlage geht an eine 2tgliedrige Commission. Es folgt Berathung des Gesetzentwurfs betr. die Errichtung und Unterhaltung von Fortbildungsschulen in Westpreußen und Posen. Abg. von Meyer-Arnswalde (cons.) vertheidigte die Vorlage gegen die Angriffe des Vorredners, der immer mehr nach links gravitire. Abg. Stablewski (Pole) findet auch diese Vorlage als verfaffungswidrig, da sie den Schulunterricht verlängere. Unterstaatssekretär Möller erwartet trotz der polnischen Agitationen einen guten Erfolg von den Fortbildungsschulen. Abg. Jäckel (freie.) begrüßte die Vorlage als Mittel zur Hebung des allgemeinen Bildungsstandes, der in Posen und Westpreußen noch zu wünschen übrig laffe. Abg. Dr. Windthorst vertheidigte den Abg. v. Meyer gegen die Ausführungen des Abg. von Haugwitz, der eine viel größere Schwenkung gemacht habe, indem er zur Gneist'schen Mittelpartei überging. Die Vorlage schaffe nur neue Lasten und neuen Zwang. Abg. v. Schenkendorff befürwortete die Vorlage. Abg. Rickert (frs.) erklärte sich zur Bewilligung der geforderten Summe bereit, aber nur durch deren einfache Einstellung in den Etat. Unterstaatssekretär v. Möller erwiderte, daß die Regierung die Vorlage nicht ihres politischen Charakters entkleiden könne. Abg. v. Meyer (cons.) erklärte schließlich, daß er bereits gestern aus der conservativen Partei ausgeschieden sei. Die Vorlage wurde schließlich an die Commission für die
Gräfin Therese war trotz ihrer reifen Jahre noch immer eine herrliche Erscheinung, und sie verstand es auch, ihre Schönheit geltend zu machen. Ihr volles Haar war zu jenen hundert weiß gepuderten Locken und Löckchen geringelt und auf« gethürmt, die damals zum modischen Kopfputz gehörten. Meergrüner, silberdurchwirkter Seidenstoff umrauschte in üppigen Falten ihre tadellose Gestalt, während ein flimmernder Brillantschmuck ihren Hals zierte. Wenn Gräfin Therese sich gern schmückte, wer hätte es ihr verdenken mögen? Zu knausern brauchte sie nicht. Mit großer Anmuth und Freundlichkeit erwiderte sie die ehrerbietigen Grüße der Herren und reichte ihnen die feine behandschuhte Rechte zum Kusse.
Der Haushofmeister in schwarzem Sammet meldete unterthänigst, daß die Wagen vorgefahren seien. Die Frau Gräfin warf einen schwarzen Spitzenschleier in spanischer Weise über Kopf und Schultern; dann begab man sich hinunter in die Vorhalle zu den prächtig je mit vier Pferden bespannten Equipagen. Die erste bestiegen Graf Karl und seine Gemahlin, und die zweite sollte Johann Philipp, den Grafen von Boos Waldeck und Doktor Lamberti zum kurfürstlichen Palast befördern.
„Mein Vater ist bereits früher zu Serenissimus befohlen," erklärte Herr Domdechant, „und meine Brüder Edmund und Clemens werden die Ankunft
Schulvorlagen verwiesen. Morgen: Secundär- bahnvorlage.
** Der Reichstag setzte die zweiteBerathung der Novelle zum Viehseuchengesetz fort. Die Abgg. Milbrand (freis.) und Scipio (n.-l.) befürworteten den von ihnen mitunterzeichneten Antrag des Grafen Adelmann, wonach sowohl dec Seuche sowie der Ansteckung verdächtige Thiere getödtet werden sollen. Im Gegensatz hierzu traten die Abgg. Robbe (Reichsp.) und v. Schalscha (Centr.) für die Kennzeichnung der Ansteckung verdächtiger Thiere nach dem Antrag Behr ein. Auch Minister Dr. Lucius befürwortete denselben. Bei der Abstimmung wurden indeß beide Anträge sowie die Regierungsvorlage abgelehnt und nur die von der Commiffion beantragten Resolutionen angenommen, welche Verschärfungen der Vorkehrungen gegen Schmuggel, sowie die Vorsichtsmaßregeln bei der Viehemfuhr und periodischen Desinfizirung der Gasthofs und Viehhändlerställe fordert. Die auf dem Liffaboner Postkongreß vereinbarten Zusatzabkommen zum Weltpostvertrage, sowie das Uebereinkommen betr. den Postauftragsdienst wurden in dritter Lesung genehmigt, ebenso der Gesetzentwurf betr. die Bürgschaft des Reiches für die Zinsen rc. einer egyptischen Staatsanleihe. Hierauf wurde in die zweite Berathung des Antrags Reichensperger auf Wiedereinführung der Berufung eingetreten. Die Bundesbevollmächtigten für Bayern und Württemberg Kastner und von Schmid motivirten den ablehnenden Standpunkt ihrer Regierungen zur Frage der Wiedereinführung der Berufung. Weiterberathung morgen.
* Der freisinnige Abg. Dr. Theod. Barth, welcher am Freitag den Minister v. Puttkamer mit dem Zurufe „Das ist der reine Komödiant" beehrte, ist auch der Erfinder des geflügelten Wortes: „Man muß dem eisernen Kanzler einen stählernen Widerstand entgegensetzen." Dr. Barth ist Redakteur der „Nation, Wochenschrift für Politik, Volkswirthschaft u. Literatur." Dr. Barth sagt in seiner „Nation" über die kirchenpolitische Vorlage und die Polen-G-setzentwürfe: „Der Feldzug des Staates Preußen gegen die Kurie ist verloren. Spätere Geschlechter werden voraussichtlich gezwungen (?) sein, die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche auf's neue zu beginnen;
der Familie Metternich hier erwarten, um sie an Hof zu begleiten."
2. Kapitel.
---Ich war ganz Ohr,
Und Harmonien sog ich ein, die aus des Todes Arm Die Seel' zurückgerufen hätten. Milton.
Clemens Wenzeslaus bewohnte nur vorübergehend und stets auf kurze Zeit den alten Palast in Trier; den übrigen Theil des Jahres brachte er entweder in der neuerbauten Residenz in Koblenz oder auf den Schlössern in Schönbornslust oder Kärlich zu. Heute Abend jedoch wurde dem alten Gebäude die Ehre, den Landesfürsten nebst einem großen Theil des Hofes, sowie den ganzen Trierischen hohen Adel in seinen Mauern zu beherbergen und noch einmal den Glanzpunkt jener Pracht und Herrlichkeit zu bilden, worin die Großen des Erzstifts sich heroorthaten.
Die Fenster de« Palastes strahlten Hellen Schein über den weithin nach der Stadtmauer zu sich ausdehnenden Park. Daß auch dieser noch von zahlreichen, sehr lustigen Gästen belebt war, das bezeugte das Lachen und Geplauder und manche« muntere Kriegslied, welches aus dem Gezweige heroorschallte und bi« in die weite, mit Teppichen belegte und mit Bäumen und Laubgewinden geschmückte Vorhalle de« Schloffes drang. Wer am vorhergehenden Abende vielleicht zufällig einen Be-