Brömel (freis.) führte bei dieser Gelegenheit Beschwerde über die Konkurrenz, welche die preußische Staatsbahnverwaltung durch billige Tarife der Seefchifffahrt in Bezug auf den Frachtverkehr mit Rußland mache und wünsche, daß von Reichswegen eingegriffen werde. Zwischen dem Abg. Dr. Bamberger und dem Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff kam es zu einer längeren Auseinandersetzung über die militärische Bedeutung des Kanals und die Stellung des Grafen Moltke zu dieser Frage. Gegen den Nord-Ostseekanal stimmt eine Minderheit der Freisinnigen, darunter die Abgg. Dr. Bamberger, Dr. Weger-Halle, Dr. Barth, Lipke und Dr. Möller. Den letzten Gegenstand der Tagesordnung bildete die zweite Be- rathung des Gesetzentwurfs betreffend Abänderung des Viehseuchengesetzes. Die Kommiffion hat sich nicht zu einigen vermocht. Von den Abgg. Graf Behr und Gan wurde beantragt, daß der Seuche verdächtige Thiers getödtet werden sollen. Der Ansteckung verdächtige Thiere sollen nur getödtet werden, sofern es sich um wenig zahlreiche Viehbestände oder die Unterdrückung einzelner Seuchenausbrüche in den sonst seuchenfreien Gegenden handelt. Andernfalls soll Kennzeichnung der der Ansteckung verdächtigen Thiere erfolgen. Abg. Graf Adelmann und Gen. beantragten dagegen die Tödtung der der Seuche wie der Ansteckung verdächtigen Thiere ohne Ausnahme. Minister Dc. Lucius befürwortet die Regierungsvorlage event. den Antrag des Grafen Behr. Abg. Witt (bf.) bekämpfte alle Anträge sowie die ursprüngliche Vorlage. Weiterberathung morgen. Auf der Tagesordnung steht ferner die Einführung der Berufung.
* Hanau, 25. Febr. Aus Reichstagskreisen wird der ,H. Zig? aus Berlin geschrieben: Die Wahlprüfungs-Kommission beschäftigte sich in ihrer heutigen Sitzung mit einem rechtzeitig eingegangenen Protest des Abgeordneten Frohme gegen die Wahl des Bürgermeisters Hellwig für den Kreis Hanau-Gelnhausen-Orb. Dre Kommission hat die Wahl einstimmig beanstandet und wird darüber dem Hause schriftlich Bericht erstatten.
* München, 23. Febr. Der liberale .Courier für Riederbaiern' erfährt: „Gestern (20. d.) Abend ist Rath Klug im Allerhöchsten Auftrag nach Berlin abgereist. Der Zweck dieser Reise, die ziemlich unvorbereitet kommt, ift der Versuch, an der Spree mit günstigerem Erfolge eine größere Anleihe zu kontrahiren als hier, wo selbst die Intervention zweier auswärtiger Finanzgrößen (darunter eine aus Frankfurt) wegen unerfüllbarer Garantrezu- sagen zu keinem Resultat führte. Einestheils riva- lisiren die einheimischen Geld-Institute mit den auswärtigen, denn sie wollen sich ein vielleicht doch mögliches Geschäft nicht wegschnappen lasten, andern- theils ist unsern Finanzleuten die Garantie zu wenig; vom Landtag ist eben so wenig zu wollen, wie von den Agnaten. Die Stellung Klug's ist in den letzten Tagen eine äußerst precaire geworden, und
„In allem Ernst, Joseph, Du bist zur Kurfürstlichen Tafel invitirt, und ich habe die Einladung für Dich angenommen."
Es war ein komisches Gemisch von Entsetzen, Unglauben und Freude, welches sich auf den Zügen des jungen Gelehrten spiegelte.
„Mensch, bist Du toll?" rief er aus. „Wie könnte ich denn ohne Gala bei Hof erscheinen."
„Sei unbesorgt, in diesen kriegerischen Zeiten ersetzt die Uniform das kostbarste Staatskleid."
„Freund, warum hast Du mir das ange- than!" klagte Lamberti, welcher den Zusammenhang errieth.
Unter diesem Gespräch hatten sie Kestelstadt's Hof erreicht. Ein goldbetreßter, steifbezopfter Lakai geleitete die Herren in den mit üppigster Pracht ausgestatteten Salon, in welchem eine mit ausgesuchten Erfrischungen bedeckte Tafel hergerichtet war.
Graf Karl von Kestelstadt, welcher die jungen Freunde hier erwartete, war ein kräftiger, wohlgebautes Mann von höchst einnehmenden Zügen und liebenswürdigem Wesen, aus besten Augen unendliche Güte und Sanftmuth leuchtete.
„Ich habe die Ehre, mich Ihnen als neugebackenen Major vorzustellen," verbeugte sich Antonius.
„Ei, da gratulire ich von Herzen!" rief Graf Kestelstadt, ihm beide Hände entgegenstreckend.
„Und das sagst Du erst jetzt," murrte Joseph mit freudigem Erstaunen.
daher auch wohl die Aeußerung Klug's zu meinem Gewährsmanns, daß er demissioniren werde, falls er in Berlin Mißerfolg habe. Die Einsparung an Diäten, welche gewiste Hofschranzen und Bediente in einer Höhe bezogen, deren Staatswürdenträger sich nicht zu schämen brauchen, haben Herrn Klug Anfeindung und mancherlei Jntriguen zugezogen; dazu kommt der Auftrag, welcher alle auf Ersparungen abzielenden Finanzmanöver des Chefs der königl. Kabinetskaffe über den Haufen wirft, der Auftrag nämlich, mit Eintritt der männern Jahreszeit den Bau des Königsschlostes auf Herrenchiemsee wieder aufzunehmen. Die Ocdre, nach Berlin zu reisen, ist sonach im wenn auch nicht direkt zugestandenen Zusammenhang mit dem obengenannten Auftrag. Herr Klug ist in nicht geringe Verlegenheit versetzt; unbekannt in Berlin, dürfte es ihm schwer fallen, Geschäfte zu entriren, die sich in Millionen belaufen. Der Hofsekretair ist entschlosten, wenn alle Stricke reißen, in seiner Roth den Fürsten Bismarck um Rath zu bitten."
* München, 24. Febr. Die von Berlin hier eingetroffenen Nachrichten über die Reise des Rathes Klug lauten, nach der ,Franks. Ztg.', nicht ungünstig. Klug geht v n Berlin nach Hamburg, dann nach Frankfurt. In Berlin hat Klug mit einer maßgebenden Persönlichkeit conferirt.
* Freiburg i. B., 24. Febr. Die neuesten Vorgänge in der Fraktion der katholischen Volkspartei Badens hatten eine Anzahl hiesiger Herren, an deren Spitze derReichstagsabgeordnete Marbe, veranlaßt, eine Versammlung von Vertrauensmännern der Partei heute dahier zu veranstalten, über welche wir bereits Einiges mikgetheilt Haden. Der Etniadung dazu war von Geistlichen und Laien aus allen Theilen des Landes entsprochen worden, und waren die Räume des katholischen Vereinshauses ganz besetzt. Den einleitenden Vortrag über Veranlassung und Zwck der Versammlung erstattete Herr Marbe, welchem auch der Vorsitz übertragen worden war. Die einzelnen der Versammlung unterbreiteten Resolutionen wurden von den Komits-Mitgliedern, Stadlrath W. Fischer und Buchhändler Hutter, begründet. Die Resolutionen wurden mit Stimmen-Einhelligkeit angenommen. Auf Anregung des Hrn. Pfarrers Gerber von Friesenheim wurde behufs etwa nothwendig werdender Neuorganisation der Partei das Komitee der Versammlung ermächtigt, demnächst das Geeignete vorzukehren. Herr I. Lindau von Heidelberg, welcher gleichfalls das Wort ergriff, wurde mit großer Sympathie begrüßt. Die Versammlung, welche ihre Zugehörigkeit zur deutschen Centrumspartei bekundete, verlief ohne jeden Mißton, aber auch ohne jeden persönlichen Angriff auf die 10 Abgeordneten der katholischen Volkspartei. Die Resolutionen lauten:
I. Im Hinblick auf die gegenwärtige Lage der Katholiken Badens erklären die zu Freiburg im Breisgau am
„Wann hätte ich es thun sollen? Erst mußte ich die kurfürstliche Einladung an ihre Adresse gelangen lassen. Der junge Mann ist nämlich heute Abend zu Hof gebeten," wandte Antonius sich zu Keffelstadt.
„Freut mich sehr. Aber nun, meine Herren, bitte ich, eine kleine Stärkung zu nehmen, ehe wir Toilette machen. Bitte, greifen Sie zu, es dauert vielleicht lange, bis wir am Hofe zur Tafel schreiten. Der Kapellmeister Pompejo Sales, sowie der junge Anschütz sind von Koblenz mitgekommen, und wie ich unfern musikbegeisterten Landesfürsten kenne, wird er es nicht versäumen, uns vor Tffch einen Kunstgenuß zu bieten. D:e Gesellschaft wird hauptsächlich den Kaiserlichen und preußischen Offizieren zu Ehren gegeben, da Seine Durchlaucht sich diesen verpflichtet hält," plauderte Graf Keffelstadt, während die jungen Herren es sich vortrefflich schmecken ließen.
„Auch erwarten wir die Ankunft meines verehrten Herrn Vetters, des Grafen Metternich, heute Abend. Er begleitet seine Familie von Brüssel aus hierher. Ich vermuthe, er will selbst dafür sorgen, daß Alles, was auf seinen Gütern hiesiger Gegend sich fortbringen läßt, in Sicherheit geschafft wird."
Herr Statthalter und Dom-Dechant Johann Philipp von Keffelstadt, welcher bereits in voller Hof-Gala eintrat, unterbrach die Mittheilungen seines Bruders. Er war ein stattlicher Würdenträger, und schon bei seinem Anblick konnte man recht gut begreifen, daß man im Domkapitel ihn
23. Februar 1886 aus allen Theilen des Landes versammelten katholischen Geistlichen und Laien laut und öffentlich:
1) Wir beharren fest auf den Grundlagen, welche das katholische Centrum im Deutschen Reiche seit Beginn des unglückseligen Kulturkampfes entschieden und erfolgreich l vertritt und vertheidigt. Wir erkennen in diesem Beharren den richtigen Weg, um für die katholische Kirche die ihrer Verfassung entsprechende Selbstständigleit in Verwaltung ihrer Angelegenheiten wieder zu erringen.
2) Wir anerkennen das freundliche Entgegenkommen der großherzoglichen Staatsregierung gegen unsere Kirchenregierung, wodurch die Besetzung von Kirchenämtern theil- weise ermöglicht, und dem Nothstande in der Seelsorge und in der Heranbildung der Geistlichen einigermaßen begegnet wurde, soweit dies bei den bestehenden Kulturkampfgesetzen überhaupt zulässig war.
3) Bon diesen Gesetzen, welche die freie Ausübung der katholischen Religion in unserm Lande beeinträchtigen, heben wir insbesondere diejenigen vom 2. April 1872 und vom 19. Februar 1874 hervor. Wir verlangen die Aufhebung dieser Gesetze und demgemäß die Wiederzulaffung von Mitgliedern religiöser Orden zur Aushülfe in der Seelsorge und im Unterricht; wir verlangen die Wiederherstellung der Freiheit des Kirchenregiments bei der Besetzung der kirch^nobrigkeitlichen Stellen, sowie bei Ernennung der Vorsteher und Lehrer des Priesterseminars; wir verlangen die Zulassung von bischöflichen Konvikten und Seminaren; wir verlangen die Wieverherstellung der freien kirchlichen Disziplinargewalt und die Aufhebung der Ausnahmestrafgesetze, welche gegen die Ausübung kirchlicher Amtshandlungen gerichtet sind. Wir verlangen, daß die Kirchenre- gierung in ihrem friedlichen Bestreben, die der Pflege der Religion und der sittlich-religiösen Heranbildung des Volkes entgegenstehenden gesetzlichen Bestimmungen zu beseitigen, von den Vertretern des Volkes kräftig und einmüthig unterstützt werde.
II. Die in Freiburg im Breisgau am 23. Februar 1886 aus allen Theilen des Landes versammelten Katholiken erklären hiermit: die katholische Presse hat in drn schweren Zeiten des Kulturkampfes ihre Pflicht, die Wahrheit und das Recht zu vertheidigen, treulich erfüllt. Wir sprechen der Presse dafür unsere Anerkennung aus und erwarten, daß das katholische Volk sie auch fortan kräftig unterstützen werde.
Ausland.
* Paris, 25. Febr. Bei der Eröffnung der heutigen Sitzung der Deputirlenkammer gab ein Individuum von der Tribüne aus zwei Revolver- fchüffe in die Luft ab und warf einen Brief in den Saal. In die Quästur geführt, gab der Mensch an, daß er an Clemenceau geschrieben habe und daß dieser wiffe, was dies zu bedeuten habe. Der in den Saal hinabgeworfene Brief war an Clemenceau adressirt und wurde von diesem alsbald dem Präsidenten Floqaet ausgehändigt. Wie sich weiterhin herausstellte, war der Revolver, obgleich in die Luft abgeschossen, doch geladen gewesen, denn die Kugel wurde in dem Halbrund des Saales am Boden gefunden. Der Urheber der Scene hat auf Befragen erklärt, daß er die Aufmersamkeit der Regierung auf seinen Prozeß habe lenken wollen, welcher neue Einzelheiten über die (Kapitulation von Metz und die Anwesenheit deutscher Spione in der Armee enthüllen werde. Der Mensch heißt Piounier und ist 35 Jahre alt. — Die Kammer trat sodann in die Berathung des Madagascar-Vertrages ein.
* Rom, 23. Febr. In hohen kirchlichen Kreisen
zum Nachfolger des Kurfürsten ausersehen hatte. Die jungen Leute erhoben sich, um ihn zu begrüßen.
„Deine Erscheinung mahnt uns, daß es die höchste Zeit ist, uns den Händen der Haarkünstler zu überliefern," sagte Graf Karl.
„Wobei ich lebhaft bedauere, meine Herren, daß mir Ihre werthe Gesellschaft sofort wieder entzogen wird," lächelte Herr Johann Philipp verbindlich. • Man zog sich in die Toilettezimmer zurück; als man nach einer halben Stunde sich wieder begegnete, waren große Umwandlungen vorgegangen. Obgleich Antonius oie Uniform für kourfähig hielt, so war doch von seinem vorigen äußeren Menschen nur mehr der kleidsame hellblaue Waffenrock übrig geblieben; die Lederbeinkleider und Stiefel hatte er mit weißseidenen Kniehosen und Strümpfen vertauscht, während die Füße in zierlichen blauen Atlasschuhen mit juwelenblitzenden Schnallen steckten. Die gelbe Weste war einer reich mit Gold gestickten von weißem Damast gewichen; köstliche Brabanter Spitzen an Armen und Brust, mit funkelnden Edelsteinen geziert, vollendeten den Anzug, welcher ebenso elegant als geschmackvoll war. Der junge Graf sah mit seiner kräftigen, schlanken Gestalt und seinem jugendlich schönen Antlitz prächtig aus, und Freund Lamberti, der ihn mit sichtlichem Vergnügen betrachtete, konnte nicht unterlassen, auszurufen: „Alle Wetter, Du bist schön!"
(Fortsetzung folgt)