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1886.

Freitag, den 26. Februar

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Deutsches Reich.

Berlin, 25. Februar.

** Das Herrenhaus berieth die Gesetzent­würfe betreffend die Einführung der Kreis- und Provinzialordnung in der Provinz Westfalen. Eine längere Debatte ries die Frage hervor, ob die ver­staatlichten Eisenbahnen zu den Kreissteuern heran- zuziehen seien. Schließlich stimmte das Haus einem bezüglichen Anträge zu. Die Weiterbera- thung findet morgen statt. Die Kommission für die kirchenpolitische Vorlage hat sich konstiluirt und tritt am Dienstag zur ersten Be- rathung zusammen. Die Kommission hat den Grafen zur Lippe zum Vorsitzenden, den Grafen zu Brühl zum Stellvertreter und den Frhrn. v. Manteuffel und Graf Pückler zu Schriflsührern gewählt. Ferner gehören der Kominission an: Der Bischof von Fulda, Dr. Kopp, Dr. Beseler, Frhr. v. Solemacher, Miguel, Adams, Fürst Hatz­feld, v. Pfuel, Dr. D-rnvmg,..Frhr. v. Jsenburg- Birstein, Udo Graf v. Stolberg, v. Rochow, v. Schöning, v. Lindemann, Oftermeyer, v. Kleist- Retzow und Oehlschläger. Um die Sitze in der Kommission soll sich, wie die .Franks. Zig.' wissen will, eine ziemlich heftige Debatte in den Fraktionen abgespielt Haden.

** Das Abgeordnetenhaus setzte die Be- rathung der Vorlage über die Anstellung und das Dienstverhältniß der Volksschullehrer in Posen und Westpreußen fort. Abg. Dr. Windthorst knüpfte an die Schlußscene der gestrigen Sitzung an. Die Art, wie der deutschkonservative Abg. v. Gerlach gestern apostrophirt worden sei, lasie fürchten, daß wir beschlossenen Thatsachen gegenüberstehen. Aber die Bedeutung, die der

vorliegende Entwurf für die Entwickelnng des ganzen Schulwesens in Preußen habe, veranlaffe ibn zum Reden. Es sei der zweite Schritt, die Grundsätze der preußischen Verfaffung betreffs der Schule über den Haufen zu werfen. Mit dem ersten Schritte, dem Schulaufsichtsge- setze, begann die Tendenz, den Staat als alleinigen Herrn der Schule hinzustellen. Ohne Veränderung der Verfaffung, schloß Dr. Windthorst diesen Theil seiner Rede, kann die Vorlage nicht Gesetz werden, und wird sie es, dann ist es ein Versassun gs b ruch. Nun wandte sick der Redner zur Kritik der Ausführungen des Cultusministers. Nichts habe Herr v. Goßler vor­gebracht, was eine solche Vorlage rechtfertige. Wenn er gesagt habe, es fehle an Schulen, so müßten neue Schulen geschaffen werden, nicht neue Gesetze. Und besonders katholische Schulen seien nothwendig. Wenn die Regierungen von Marienwerder und Bromberg denselben Eifer für die katholischen Schulen entwickelt hätten, wie für die evangelischen, so würde vieles anders sein. Er beschuldige die Schulverwaltung, daß sie sträf­lich nachlässig gewesen sei in Errichtung neuer katholischer Classen und Schulen. Wenn wir aber eine neue Schule gründen wollen, so haben wir die größten Schwierigkeiten von der ersten bis zur letzten Instanz. Seit 1872 haben wir eine funkelneue Methode, die Herr v. Goßler als Adoptivkind angenommen hat. Von Religion war in der Rede des Ministers keine Rede. Und wenn der Minister glaubt, mit seiner Methode seit 1872 Erfolge erzielr zu haben — in der Re- ligion haben wir Rückschritte gemacht. Mit einer gehörigen Anzahl Lehrer und Schulen, ein klein wenig Vertrauen zu Eltern und Geistlichen werde man Alles erreichen, was man mit dieser Vorlage erreichen wolle. Aber wir kennen in der Verwaltung nur den Corporalstock. Was hier unternommen werden soll, ist nicht Erziehung, sondern Vernichtung der Nationalität. Dies- Ge- setze werden den Widerstand in der Familie er­zeugen, mit dem Kriege gegen die Mütter wird man nicht weit kommen. Das geplante Gesetz ist eine eminent antikatholische Maßregel. Die Abgg. Gneist und Graf Schwerin haben Andeu­tungen gemacht, in der Kommiffion das Gesetz

noch mehr auf die Katholiken zuzuschneiden. Man spare sich doch die Mühe und füge einfach einen Paragraphen ein: Wo protestantische Magistrate oder Gutsherren das Patronat haben, findet das Gesetz keine Anwendung. Dr. Windthorst schloß seine von echt staatsmännischem Geiste getragene und unter lautloser Stille angehörte Rede mit der Warnung: Dies ist nur der Anfang, der im Osten gemacht wird, aber der Versuch wird nicht ausbleiben, es auf den ganzen Staat auszudehnen.

! Abg. v. Körber (freie.) suchte demgegenüber dar­zulegen, daß die katholischen Interessen in den be­treffenden Landestheilen, mehr berücksichtigt seien als die protestantischen. In Westpreußen würden die Gutsbesitzer im nationalen Interesse gern auf ihr Ernennungsrecht verzichten. Abg. Wessel (freie.) äußerte sich in gleichem Sinne, meinte aber, daß die großen Städte von dem Gesetze aus- i genommen werden könnten. Nachdem sich noch die i Abgg. Dr. von Jazdzewski und von Zackrzewski ! gegen die Vorlage ausgesprochen, wurde dieselbe ; an eine 21gliebrige Commission verwiesen. Es i folgte erste Berathung des Schulversäumnißgesetz-s. ! Abg. Szumla bekämpfte daffelbe als den Verhält« ; nissen Obersch!esiens widersprechend. Abg. Spahn ! (Centr.) wendete sich gleichfalls dagegen, während j die Abg. Gras v. Schwerin-Putzar und v. Schen- kendorf (n.-l.) diese vorgrschlagenen Bestimmungen für nothwendig erklärten. Abg. Dirichlet sprach gegen die Vorlage, durch welche die Polenfrage nun auch in Ostpreußen eingesührt werden sollte. Minister v. Goßler entgegnete, daß das Gesetz einen ganz objektiven Charakter habe und daß ! unter diesen Umständen Ostpreußen wohl nicht könne > ausgenommen werden. Nachdem noch Abg. Gerlich für die Vorlage eingetreten, wird dieselbe an die ■ Commission für die vorige Vorlage verwiefen. Bei ! der Verathung über die Anstellung der Jmpsärzte ; in Posen wird die Weiterberathung auf morgen ! vertagt.

; ** Der Reichstag genehmigte die Novelle

। zum Gerichtsverfassungsgesetz, welche eine einheit- । tiche Rechtsprechung der Cwrl- und Strafsenate i des Reichsgerichts herbeizuführen bestimmt ist, ; debattenlos in dritter Beralhung. Ferner fand i die Vorlage betreffend die Herstellung des Nord- ! Ostsee-Kanals in dritter Berathung Annahme. Abg.

Gleich darauf erschien der Herr Hofrath und Palastkellner Fritsch an dem Portai, beorderte den Herrn Lieutenant Grafen von Boos zur Au­dienz und führte beffen Leute zu den von uralten Linden umrauschten Ruhesitzen und Tischen im Parke, welcher sich bis zum Alt-Thore, den Ueber- reften des römischen Kaiserpalastes*), erstreckte; hier sollten sie auf allerhöchsten Befehl mit Speise und Trank erquickt werden. Als Antonius dem Eingang zuschritt, paradirte die Schloßwache und präsenlirte das Gewehr. In der Vorhalle wurde er von seinem älteren Bruder, dem dienstthuenden Kam cherrn Clemens von Boos, empfangen und bii Mge kunstvolle Sandsteintreppe hinauf zu dem Andienzsaale begleitet. In dem ganzen Wesen des Mannes, welcher dem jungen Grafen hier cgentrat, lag etwas einfach Erhabenes, etwas is^surchtgebietendes gepaart mit stiller Er­gebung.

Mit dcN Worten: „Seien Sie mir willkommen, mein lieber, junger Freund!" reichte der edle Fürst dem Grafen die feine Hand zum Kuffe. Voll schwärmerischer Verehrung drückte dieser

♦) Heut- irrthümlich „Römisch- Sähet" genannt.

— Ajt letzte Gräfin von Mauderscheid. 3

Roman von Sinfonie Haupt.

feine Lippen darauf; dann sagte er: „Mein gnä­digster Fürst und Herr, es gereicht mir zur un­endlichen Freude, mich Eurer Königlichen Hoheit mit Fünfhundert muthigen Männern zum Schutze des theuren Erzstiftes und zur Vertheidigung der Freiheit und der Religion zu stellen."

„Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Graf, für diesen Beweis wahren Biedersinnes und deutscher Treue," entgegnete Clemens Wenzeslaus bewegt. „Möchte Mancher im Reiche sich ein Beispiel daran nehmen! Von Ihrer persönlichen Tapfer­keit und Anhänlichkeit in der Bedrängniß habe ich mich überzeugt und ernenne Sie hiermit zum Major."

In lebhaften Worten wollte Antonius fernen Dank aussprechen, allein Sereniffimus unterbrach ihn lächelnd: „Für Ihre Leute wird vorläufig Herr Stadtfchultheiß Reuland sorgen. Das Wei- tere wollen wir mit dem preußischen Major Herrn von Neumann besprechen, welchen ich mit der Bildung und Einrichtung des Milizen-Ausschusses betraut habe. Er besitzt in diesem Fache vorzüg­liche Kenntniffe und weiß alle Pässe, welche im Nothfall zu besetzen sind, Sie werden doch Quar­tier im Palaste nehmen?"

Antonius erwiderte dankend, daß er dre gast­freundliche Einladung des Grafen von Kesselstadt bereits angenommen habe.

„So werde ich Sie heute Abend bei Hof i sehen?"

i Graf Boos verbeugte sich.

! „Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen,"

i fuhr Serenissimus fort, „bei meinem vorüber« i gehenden Aufenthalte in Trier meine Sieben und ! Getreuen hiesiger Stadt noch einmal gesellig um ! mich zu versammeln. Wer weiß, ob es je wieder ! geschehen kann," setzte er seufzend hinzu.

i „Gestatten Euere Königliche Hoheit, daß ich meinen Freund Doktor Joseph Lamberti, welcher mit mir gekommen ist, um für die heilige Sache zu kämpfen, bei Hof vorstelle?" fragte Antonius.

Der Fürst neigte zustimmend das Haupt: „Jeder von dem Grafen Boos eingeführte Gast wird mir willkommen sein."

Mit tiefer, ehrerbietiger Verbeugung verab­schiedete sich der junge Major und eilte dann die Stufen hinab in's Freie, wo er von dem Freunde erwartet wurde.

„Wie empfing Dich Serenissimus?" fragte Jo­seph, indem sie mit schnellen Schritten dem Kessel- städtischen Hof zustrebten.

Er läßt Dich grüßen und kennt keinen sehn­licheren Wunsch, als Dich heute bei Hofe zu sehen."

„Mache keine schlechten Witze. Erzähle mir ! lieber, wa« er sagte."